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Funktion und Umbau der Universitäten oder alter Wein in neuen Schläuchen
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Maintainer: Michael Doerffel, Version 1, 22.03.2002  Druckversion
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Intro

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Bundesweit werden, wenn auch mit regionalen Unterschieden, die Hochschulen nach "neoliberalen" Kriterien umgebaut und die StudentInnen mit einer "Phraseologie des Grauens" (z.B. "Ergebnissteuerung", "Drittmittelfinanzierung", "konsekutive Studiengänge", "marktadäquate Weiterbildungsangebote" etc., etc.) traktiert. Im Zuge dieser Entwicklung und der drohenden Privatisierung von (finanziell lukrativen) Teilen des Bildungssystems durch das GATS (General Agreement on Trade in Services = Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen) regen sich langsam selbst in der BRD Anfänge des studentischen Protests. Diese sollten als Chance begriffen werden. Vereinzelt und unorganisiert, wird es nicht möglich sein, mühsam erkämpfte studentische Freiräume zu verteidigen und eine weitere Verschärfung der Bedingungen (z.B. Zugangsbeschränkungen, Senkung des Zeitlimits, Erhöhung der Leistungsanforderungen) zu verhindern. Allerdings beschränken sich leider viele Protestierende darauf, ihre Forderungen nach mehr Geld, durch die Anbiederung an den "Standort" zu legitimieren, oder das (idealisierte) bisherige Bildungssystem zu verteidigen. Dabei wird vor allem der "Einflußverlust der demokratisch gewählten Parlamente und Regierungen" beklagt. Geflissentlich wird außer Acht gelassen, dass es ja gerade die Parlamente und Regierungen sind, die Verträge wie das GATS und die Umbaumaßnahmen vorantreiben. Außerdem stellen auch die jetzigen Unis keinen Ort der Emanzipation dar, sondern bereiten die Studierenden durch Leistungsdruck und Selektion auf den Arbeitsmarkt vor. Wir werden uns daher bemühen, in diesem Text kurz die Funktion der Unis im Kapitalismus aufzuzeigen, bevor einige Tendenzen und Auswirkungen der aktuellen Veränderungen dargestellt werden. Außerdem werden wir versuchen, Alternativen zum jetzigen Unibetrieb zu entwickeln. Es ist uns natürlich klar, dass alle im Text angesprochenen Punkte ausführlicher erörtert werden könnten und sich auch noch viele zusätzliche finden ließen (u.a.. die Reproduktion anderer Herrschaftsverhältnisse) - aber dafür gibt es schließlich den AK ... ;-)

Funktion der Unis im Kapitalismus

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Das Bildungssystem ist ein integraler Bestandteil der herrschenden Verhältnisse. Das Bildungssystem zu kritisieren, muss auch heißen, gesellschaftliche Verhältnisse in Gänze zu kritisieren! Die Universität ist - trotz oder gerade wegen der "Freiheit von Forschung und Lehre" - eine Institution, die Menschen in der Lehre mittels Konkurrenz und Leistungsdruck für den Arbeitsmarkt normiert. Gleichzeitig wird in der Forschung der Verwertung des Wissens (Patentrecht) Priorität gegenüber ihrer Hauptstütze, dem kommunikative Informationsaustausch, eingeräumt. Diejenigen, die die Selektion in der Schule am besten überstanden haben, werden hier weiter zur Elite geformt. Die Anerkennung der Pflicht, im gesellschaftlichen System zu funktionieren, wird an den Schulen mittels Zwang verinnerlicht. Dieser Prozeß setzt sich an den Universitäten auf (scheinbar) freiwilliger Basis fort. Zwang erfolgt dort durch den drohenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt und den zeitlichen Rahmen, der vorgegeben wird, diese Konkurrenz so früh wie möglich zu "genießen". Wie diese Zeit- und Zielvorgaben umgesetzt werden, bleibt im Ermessen der Studierenden, die jedoch ständig daran erinnert werden, Leistung auch zu bringen und freie Zeit nicht selbstbestimmt zu nutzen. Dabei "helfen" u.a. Studien- und Prüfungsordnungen, Zwangsexmatrikulationen, drohende BAföG-Streichungen und in naher Zukunft wohl auch bundesweit Studiengebühren, zumindest für die als "faul" diskriminierten Langzeitstudierenden.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Der Aufwand für permanenten Zwang wäre schließlich auch zu groß. Das gesellschaftliche System und zuvorderst der Arbeitsmarkt braucht Menschen, die freiwillig funktionieren. Wie wenig ein universitäres Studium mit freier und selbstbestimmter Bildung zu tun hat, zeigt sich auch daran, dass die StudentInnen, als mit Abstand größte Gruppe der Universität, keine nennenswerten Mitbestimmungsrechte haben. Der gewährte Freiraum endet dort, wo die Grundlagen der Institution Universität und ihrer Funktion getroffen würden. Die künstliche Trennung in "Lehrende" und "Lernende", die Lehrinhalte, die Art ihrer Vermittlung etc. sollen als gegeben und notwendig anerkannt werden. Mit der Schaffung der Akzeptanz von Autorität und vorgeblichen "Notwendigkeiten", wird die Universität ihrer Rolle als Bindeglied zwischen Schule und Arbeitswelt gerecht. Dafür winkt braven Studierenden, die ihre Leistungs- und Anpassungswilligkeit beweisen, die Zugehörigkeit zur Elite; sie können es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen. Diese (Aus)Bildung dient also nicht der Selbstentfaltung, sondern orientiert sich an wirtschaftlichen Interessen. Durch konstruierte Lehrpläne, ohne Bezug zu individuellen Interessen von Menschen, durch Lehrinhalte, die in einem festgelegten Zeitrahmen absolviert werden müssen, wird weder die selbstbestimmte Entwicklung und Entfaltung des Individuums noch Kreativität und Kritikfähigkeit gefördert.

Aspekte des "neoliberalen" Hochschulumbaus

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Auch wenn die Funktion der Universitäten im großen und ganzen gleich geblieben ist, so geht der Wandel in den kapitalistischen Staaten nicht spurlos an den Hochschulen vorüber. Wie angekündigt, hier nun einige... Aspekte des "neoliberalen" Hochschulumbaus

Privatisierung des öffentlichen Raums Universität

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Einhergehend mit der Ideologie des freien Marktes, der angeblich die effektivsten Lösungen produziert und Chancengleichheit für alle bietet, wird selbst der theoretische Anspruch der Universität als öffentlicher Raum nach und nach aufgegeben. Zu nennen ist hierbei vor allem das auch von der EU ratifizierte GATS, welches vorsieht, dass früher oder später privaten Unternehmen Zugang zu allen nicht rein staatsmonopolistisch geführten Dienstleistungssektoren gewährt werden muss. Eine der Auswirkungen dieses "neoliberalen" Trends sind Pläne zur Umsetzung von "Hochschulautonomie" und "Globalhaushalten", welche den Unis die Umwandlung in private Rechtsformen ermöglicht. Weitere sind die verstärkte Einwerbung von Drittmitteln, privatwirtschaftliche Betätigung, eigene Auswahl von Studierenden und Studienschwerpunktsetzung. Durch die chronische Unterfinanzierung wird ihnen dann auch nichts anderes übrig bleiben. In Zusammenhang damit ist auch die Ausbreitung von (kommerzieller) Werbung an den Unis zu sehen, die zudem ein Klima des Konsumterrors schafft, welche die StudentInnen immer auch an ihre Rolle als KonsumentInnen (und die dafür "notwendigerweise" zu erbringende Leistung) erinnert.

Studiengebühren und (Aus)bildung als Ware

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Schrittweise werden in verschiedenen Varianten (neuerdings Studienkonten und Bildungsgutscheine) Studiengebühren eingeführt. Zur besseren Legitimation trifft es zuerst die als "faul" diskriminierten Langzeitstudierenden, aber prinzipiell ermöglicht die sechste Novelle des HRG (Hochschulrahmengesetzes) den Bundesländern, Gebühren schon ab dem ersten Semester zu erheben. Studiengebühren bedeuten nicht nur eine Verschärfung der (sozialen) Selektion und des Leistungsdrucks und damit auch eine weitere Einschränkung des individuellen Gestaltungsspielraums, sondern auch die Transformation der (Aus)bildung in eine Ware. Für ihre bessere Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, sollen die StudentInnen zahlen – oder anders ausgedrückt: in ihr persönliches Humankapital investieren. Dazu passt auch die Forderung zur Verkürzung der Studienzeiten und der Trend zur Schaffung kostenpflichtiger Weiterbildungsangebote. In möglichst kurzer Zeit soll sich das nötige Wissen für den Arbeitsmarkt angeeignet und später immer wieder auf eigene Kosten aktualisiert werden.

Verschärfung von Ausgrenzung, Selektion und Repression

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Die mit dem "Neoliberalismus" einhergehende Verschärfung des Konkurrenzkampfes spiegelt sich auch an den Unis wieder. Ein Beispiel dafür ist die Einführung konsekutiver und modularisierter Studiengänge (Bachelor/ Master), die unter dem Vorwand der "internationalen Vergleichbarkeit von Studienabschlüssen" eine Verschulung des Studiums (Bachelor) forciert - eine "wissenschaftliche Ausbildung" steht dann nur noch denen zu, die genügend Leistung für einen Master-Abschluss bringen. Zu der zunehmende Verregulierung passt aber auch die Umwandlung von Studienausweisen in Chipkarten. Diese eröffnen neue Möglichkeiten, Seminarbesuche zu kontrollieren und den Zugang zu universitären Bereichen zu beschränken. Waren die Bildungsmöglichkeiten schon immer durch unterschiedliche Finanzlage und Schulabschluß eingeschränkt, so stehen inzwischen auch die Mittel zur Verfügung "störende Elemente" (Obdachlose und andere Marginalisierte) vom Universitätsgelände fernzuhalten. Dazu sind Videoüberwachung und Einsatz von Sicherheitsdiensten nützliche Instrumente und haben dementsprechend Hochkonjunktur. Die Unis sollen ja schließlich "sauber und sicher" sein. Elitebildung und Ausgrenzung sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

Alternativen ...?

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Alternativen ...? Eine Uni unserer Vorstellung müsste ein Ort sein, an dem Menschen (unabhängig von Alter, Vorkenntnissen und sonstigen Ausgrenzungsmechanismen) zusammenkommen können, um sich gemeinsam und gleichberechtigt nach ihren eigenen Interessen zu bilden, ohne einem Verwertungszwang zu unterliegen. Dies ist zwar unter den strukturellen Sachzwängen des Kapitalismus bestenfalls ansatzweise zu verwirklichen, aber wir wollen auch nicht auf einen Zustand "nach der Revolution" warten. Ein Anfang könnte z.B. die Organisation alternativer Seminare sein. Diese stellen nicht nur ein "Experimentierfeld" für Selbstorganisation dar, sondern bieten auch die Chance, sich bereits im hier und jetzt möglichst gleichberechtigt mit selbstgewählten Themen zu befassen. Die Alternativen sollten Ausgangspunkt sein, die eigenen Spielräume zu erweitern, gleichzeitig müssen wir aufpassen, nicht nur als Innovationspotential in die Annalen des Kapitalismus einzugehen. verfasst von sy.bi.le. (syndikat bildung leipzig) Kontakt: faul@fau.org Sammlung bildungskritischer Texte unter: www.bildungskritik.de Infos zu der Idee eines alternativen Seminarverzeichnises in Leipzig unter: www.ag-seminare.forumfreiheit.de/




Quelle: http://www.opentheory.org/bildungskritik/text.phtml
(Last Software Update: 22.03.2002, 09:20)