Home   Was ist ot ?   Regeln   Mitglieder   Maintainer   Impressum   FAQ/Hilfe   Browser
 

Die Freigabe des Embryos ist nicht allein eine Frage der Ethik
E-Mail:
Passw.:
 english italiano
Maintainer: Birgit Niemann, Version 1, 03.01.2002  Druckversion
Projekt-Typ: halboffen Tipp: Wer eingeloggt ist, kann
eigene Kommentare korrigieren.
Einloggen können sich Mitglieder
Status: Aktiv

Die Freigabe des Embryos ist nicht allein eine Frage der Ethik

[Alle Kommentare ausblenden] (1) In allen Medien wiederholt sich die Formel vom schwierigen ethisches Problem, dass die juristische Freigabe der menschlichen embryonalen Stammzelle für die medizinische Forschung darstellen soll. Diese Art gesellschaftlicher Reflektion greift nicht nur zu kurz, sondern ist vor allem trügerische Selbstbefriedigung der Gesellschaft, die den irreversiblen Dammbruch der neuartigen Verwertung des biologischen Menschen in demokratischer Meinungsvielfalt rethorisch begleitet.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Die menschliche Stammzelle entstammt nicht nur einem menschlichen Embryo, sie kann auch die einzellige Stamm-Mutter eines vielzelligen Menschen werden. Sie ist neben der Eizelle die einzige Zelle die weiß, wie aus einem menschlichen Genom ein lebensfähiger Säugling entwickelt wird. Die Wissenschaft wird der Stammzelle all ihr Wissen entreissen, um daraus Zellkulturen und Organe zu produzieren, wodurch die medizinische Praxis der Ausschlachtung hirntoter Leichenspender zwecks Gewinnung biologischer Ersatzteile ersetzt werden soll. Der Wissenschaft, tönt es aus allen Röhren, geht es nicht um reproduktives Klonen, womit auch ganze Menschen erzeugt werden können. Es geht ihr allein darum, mit Hilfe der Stammzelle das menschliche Genom so gut zu beherrschen, dass zum Wohle der Kranken jeder einzelne Zelltyp erzeugt werden kann. Zweifellos wird das der Wissenschaft gelingen. Hat sie es geschafft, beherrscht sie das ganze menschliche Genom.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Wächst die Stammzelle erst im Kulturmedium, kann der Einfluss aller bekannten Wachstums- und Differenzierungsfaktoren auf ihre Entwicklung leicht untersucht werden. Und jeden Tag werden neue Faktoren bekannt. Mit genetischer, proteinchemischer und immuntechnischer Analytik kann man im hohen Durchsatz der Chip-Technik feststellen, was dabei in und mit ihr passiert. Mit dem Methodenrepertoire der Gentechnik müssen in der Stammzelle Gene ausgeschaltet, aktiviert und eingebaut werden, um deren Funktionen und Zusammenspiel zu erkunden. Die Herstellung von Mutanten ist ein üblicher und notwendiger Schritt bei der Erforschung lebender Wesen, der auch an der menschlichen Stammzelle nicht vorbeigehen wird. Zwischendurch, bis die ersten Erfolge sich einstellen, werden Stammzellen aller möglichen Differenzierungsphasen in kranke Körper implantiert. Wenn der Patient und der forschende Mediziner Glück haben, weiss so ein kranker Körper von selbst, wie er die implantierten Stammzellen in Funktion nehmen kann. Vom ersten Tage ihrer Freigabe an, werden die Embryonen-verbrauchende Forschung und der davon lebende Markt expandieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Die Freigabe der Stammzelle soll kontrolliert und eingeschränkt erfolgen, sagt der nationale Ethikrat des Kanzlers. Wie aber sieht diese Einschränkung aus? Das deutsche Embryonenschutzgesetz ist das restriktivste seiner Art in der Welt. Embryonen kann es jedoch nicht mehr länger schützen. Wenn man sie hier nicht herstellen darf, wird bei Kollegen im Ausland gearbeitet und die Ergebnisse werden importiert. Doch kann sich jeder Embryo zum Menschen entwickeln und erlaubt den Zugriff auf das funktionsfähige menschliche Genom. Im November ging die Meldung durch die Presse, dass der Firma Advanced Cell Technology die Klonierung und die Parthenogenese am Menschen gelang. Selbst in England werden rasch Gesetze erfunden, die das Einpflanzen solcher Klone in eine Menschenfrau zwecks Erzeugung eines Baby's untersagen. Wer aber will kontrollieren, ob unter den zahlreichen künstlich geschwängerten Frauen, nicht auch so manche einen Klon austragen wird? Das nächste Problem wird die Anwendung der Gentechnik auf das etwicklungsfähige menschliche Genom. Sind die ersten Stammzell-Rekombinanten erst fertig, muss es neue Gesetze geben, die deren Einpflanzung in eine Frau verhindern sollen. Doch alle Gesetze, die die Arbeit mit der Stammzelle einschränken, haben eines gemeinsam: Weil sie Entwicklungen nicht vorraussehend abdecken können, sind sie immer umgehbar. Bereits im Stadium ihrer Enstehung setzen sie nicht Recht, sondern können Rechtsetzung nur noch simulieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Die Stammzelle soll freigegeben werden, damit die freie Wissenschaft ihre Grenzen ausloten kann, hört man Liberale immer wieder sagen. Welche Grenzen sind hier wohl gemeint? Die Stammzelle selbst wird keine Grenzen setzen. Alles was sie leistet, kann auch nachgemacht werden. Die Überwindung technischer Probleme ist allein eine Frage des eingesetzten Kapitals und der Zeit. Die Grenzen der Wissenschaft aber sind doch längst bekannt. Im Dritten Reich, dessen Geist die rationale Wissenschaft von allen Schranken befreite, hat es sich herausgestellt: Die Wissenschaft kennt von allein keine Grenzen, auch nicht bei der Vernutzung von Menschen.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Warum sollte die Wissenschaft denn ganze Menschen herstellen wollen, wo es doch längst mehr als genug davon gibt? Ganz einfach. Weil ein Markt dafür vorhanden ist. In einer Zeit, in der psychische und körperliche Zivilisationskrankheiten beschleunigt zunehmen, neue und alte Seuchen grassieren, Krankheiten ökonomisch immer unlebbarer werden und das Selbstmanagement die Vorraussetzung für erfolgreiche Jobsuche ist, wird folgendes deutlich: Der sozial-ökonomische Druck, der den Einzelnen zwingt, die bisher allein geistige Selbstkonditionierung auch auf seine Gene auszuweiten, wird steigen. Sind die biotechnischen, ökonomischen und juristischen Möglichkeiten dafür vorhanden, wird der individuelle Mensch sie nutzen.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Durch ein Verwertungsverbot des Embryos, gleich welcher Quelle, schützt die Gesellschaft daher nicht allein die "Würde des Menschen" im Embryo, sondern monopolisiert das Recht auf die biologische Reproduktion für ihre menschlichen Rechtssubjekte, indem sie andere gesellschaftliche Rechtssubjekte, wie Firmen und Wissenschaftseinrichtungen, davon ausschließt. Die juristische Monopolisierung der Zeugung war in der Geschichte des Menschen bisher noch nie erforderlich, weil nur individuelle Menschen diese Tätigkeit überhaupt beherrschten. Genau dies aber ändert sich jetzt. Mit der Freigabe der embryonalen Stammzelle für die wissenschafts-ökonomische Verwertung gibt die soziale Gesellschaft die Verfügungsgewalt des Menschen über seine biologische Reproduktion an das Life-Science-Kapital ab. Mit diesem Schritt liefert sie gleichzeitig das funktionsfähige menschliche Genom dessen technischen Möglichkeiten aus. Das aber ist die letzte selbstbestimmte Reproduktionstätigkeit, die wir Menschen zu verlieren haben. Infolgedessen ändert sich nicht nur das "Menschenbild", sondern es lassen sich die angeborenen Potentiale wirklicher Menschen fremdbestimmt verändern. Noch nicht heute und auch noch nicht morgen, denn gewaltige wissenschaftliche Arbeit muss noch finanziert werden und wird immer schneller geleistet. Soziale Akzeptanz kann den Prozess nur weiter beschleunigen.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Ein expansionsfähiger Markt, die Freiheit der modernen Biowissenschaften, Gesetze, die Rechtsetzung nur noch simulieren und Menschen, die biologischen Ersatzteilen und ihrer eigenen Optimierung hinterherlaufen. Das ist der Wunschpunsch, aus dem sich Aldous Huxley's "Schöne neue Welt" von der Utopie zur Wirklichkeit entfalten kann.




Quelle: http://www.opentheory.org/embryo/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)