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Noch einmal: Fragend voran...
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Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 20.06.2005  Druckversion
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Willst du ein Schiff bauen, so rufe nicht die Menschen zusammen,
um Pläne zu machen, Arbeit zu verteilen,
Werkzeuge zu holen und Holz zu schlagen,
sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen endlosen Meer.
(Saint-Exupéry)
Es gibt viele Gründe, sich auf die Suche nach neuen Wegen des gesellschaftlichen Lebens und Wirtschaftens zu machen. Sogar in den hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern geht es immer mehr Menschen immer schlechter – von den Milliarden verelendenden Menschen in an-deren Weltteilen und der fortschreitenden Naturzerstörung gar nicht zu reden. Und immer noch werden uns die Lügen aufgetischt, dass nur noch mehr Wachstum, noch mehr Ausbeutung, noch mehr Investitionen von Kapital irgendwie irgendwann wenigstens den weiteren Absturz ins Elend aufhalten könnte. Es wird so getan, als würden wir alle immer ärmer, als müssten wir alle die Gürtel enger schnallen – während gleichzeitig Rabattausverkäufe und enorme Marketingkampag-nen sich bemühen, eine Fülle von Gütern noch irgendwie loszuschlagen. Der Papier- bzw. Bit-geldreichtum und seine Ungleichverteilung soll hier gar nicht mal bemüht werden – es geht um jene Mittel, die unsere Bedürfnisse befriedigen, die wir zum Leben wirklich brauchen. Uns wird der unmittelbare Zugang zu diesen Gütern verwehrt, weil die jetzigen Machtverhältnisse darauf beruhen, dass nicht etwa für die Bedürfnisse produziert wird, sondern um den Kapitalgebern genügend Profite abzusichern. Alle Wirtschaft muss durch den Flaschenhals der Profiterzeugung. Das heißt konkret, dass jene Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, die sich nicht auf dem Markt als zahlungskräftig nachweisen. Aber es ist noch schlimmer. Da das wirtschaftliche Leben für die Kapitalgeber nicht mehr genügend Profit erwirtschaftet, werden immer mehr Lebensbereiche in den Würgegriff der kapitalistischen Wirtschaft gepresst. Sogar in der Enzyklopädie WIKIPEDIA wird die Wirtschaft definiert als „Entgeltwirtschaft“ auf Grundlage von Knappheit und Wertzu-schreibung. Diese Definition will uns einreden, das Haushalten (was dem ursprünglichen Begriff von Wirtschaft entspricht) könne nur entsprechend den Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaft erfolgen. Diese Einengung des Denkens will behaupten „There Is No Alternative!“ (TINA). Diese Ideologie des allgemeinen Mangels (siehe dazu S....), dem wir nur durch kapitalistisches Wirt-schaften entkommen könnten, zementiert gegenwärtig die Herrschaft. Sogar auf den „Montagsdemos“ gegen die räuberischen Sozialreformen wie Hartz IV wird üblicherweise nicht etwa diese Herrschaft kritisiert, sondern angerufen, doch bitteschön etwas humaner vorzugehen. Es ist nicht gerade ein Wunder, dass zu diesen traurigen Veranstaltungen nicht mehr Menschen kommen. Abwehr und Protest sind notwendig, vor allem, wenn die Lage sich so verschärft, dass die das Leben für immer mehr Menschen immer unerträglicher wird. Aber was soll aus der Wut werden? Reicht es aus, die Menschen wieder 40 Stunden wöchentlich an die Fließbänder zu schicken, damit sie sich ihr Häusle finanzieren können und ansonsten darauf hoffen, ungestört weiter auf Kosten des Rests der Welt die Ressourcen verbrauchen und auch ihre eigene Umwelt zerstören zu können? Reicht es aus, die Goldenen Zeiten des westlichen Wirtschaftswunders von einer anderen Regierung zurück zu verlangen? Schon 1968 ging Jean-Paul Sartre davon aus, dass nicht nur Not und Verelendung zur Ablehnung der gegenwärtigen Wirtschafts- und Lebensweise führt, sondern Menschen „wollen nicht ihre Existenz aus dem Gegenstand beziehen, den sie produzieren, oder aus der Funktion, die sie erfüllen; sie wollen selbst über die Art der Produkte und deren Verwendung und ihre Rolle in der Gesellschaft entscheiden.“ (Sartre 1968: 55). Es ist notwendig, diese Seite der Kritik wieder zu stärken.
Ein weiterer gewichtiger Grund für das Verlangen nach einem Neuaufbruch liegt darin, dass die jetzigen Wirtschafts- und Herrschaftsformen es verhindern, dass wir neu entstandene Möglichkeiten der Versorgung der Menschheit, der „Allianz“ mit unserer Umwelt und ganz allgemein einem schönen Leben für alle nutzen. Trotz aller Ausbeutung, entgegen Missbrauch und inmitten aller zerstörerischen Wachstumslogik sind in den letzten Jahrzehnten auch neue Potenzen ent-standen. Der Fortschritt kommt nicht automatisch und es kann auch sein, dass die letzten Jahr-zehnte nur ein fürchterlicher Rutsch in den endgültigen Abgrund waren. Aber noch haben wir die Möglichkeit, Mittel zum Überleben und sogar zu einem guten Leben, einem besseren Leben in die Hände zu nehmen und aufzubrechen in neue Lebens- und Wirtschaftsformen.
Das Problem dabei besteht darin, dass viele Menschen sich nicht trauen, auf diesen Weg zu begeben, weil sie nicht daran glauben, dass eine andere als die kapitalistische Wirtschaft ihre Bedürfnisse befriedigen kann. Gerade der allgemeine Mangel in den realsozialistischen Ländern vertrieb viele Hoffnungen auf erfolgreiches nichtkapitalistisches Wirtschaften. Es ist nicht falsch, sondern verantwortungsvoll, bereits vor einer Revolution auch daran zu denken, wie wir danach die „Brötchen“ auf den Tisch bekommen. Jedoch zeigt mittlerweile auch das kapitalistische System deutlich, dass es keinesfalls eine Veranstaltung zu Gunsten des guten Lebens aller Menschen ist. Vom realen Sozialismus in der DDR aus konnten wir uns in die kapitalistische BRD-Wirklichkeit einklinken (andere Länder des Ostens werden in ihrer Hoffnung auf den Kapitalismus eher enttäuscht). Aber bei dem notwendigen nächsten Übergang zur nachkapitalistischen Wirtschaft müssen wir uns auf die Suche nach etwas Neuem, noch nie Dagewesenem begeben. Und es wird grundsätzlich nicht möglich sein, die Überlegenheit einer anderen Wirtschafts- und Lebensweise vorher zu beweisen, dies wird nur auf dem Weg „fragend voran“ gemeinsam zu realisieren sein. Außerdem kann es gar nicht sein, dass irgend jemand bereits vorher quasi ein „perfektes Modell“ zur Diskussion stellt, dass dann entsprechend dieser Blaupause zu verwirklichen wäre. Zumindest dann nicht, wenn Herrschaftsfreiheit und individuelle Entscheidungs- und Entfaltungsfähigkeit sowie kooperative Selbstorganisierung als Grundprinzipien einer neuen Lebens- und Wirtschaftsweise vorausgesetzt werden.
Trotzdem brauchen wir auch nicht ganz kopflos herumprobieren oder losstürmen. Es ist uns möglich, „fragend voran“ zu kommen, in wechselseitigem Austausch von theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen, von Kritik am Gegenwärtigen und Visionen eines anderen Lebens, orientiert an individueller Selbstentfaltung und herrschaftsfreier kooperativer Selbstorganisierung. Dieses Heft ist ein Schritt auf diesem Weg, entstanden aus mehreren Anstößen wie dem Engagement für eine inhaltliche Bereicherung des Sozialforums in Deutschland 2005, dem Bedürfnis, Erfahrungen zusammen zu tragen und nicht zuletzt auch der Begeisterung für neue technische Möglichkeiten, die es anzueignen und inhaltlich entsprechend menschlich-ökologischen Bedürfnissen umzuwidmen gilt. Es versteht sich als Zwischenergebnis, das in seiner sehr kurzfristigen Entstehung bewusst Anleihen beim Prinzip der Herstellung Freier Software genommen hat. Aus einem Buchprojekt der Projektwerkstatt Saasen heraus wurde die Idee geboren, einzelne Schwerpunkte als Einzelhefte herauszugeben. Das ermöglicht eine Dezentralisie-rung vor allem der inhaltlichen Arbeit. Entsprechend dem Prinzip der Freiwilligkeit und der individuellen Selbstentfaltung, das darauf gestützt ist, dass verschiedene Menschen das Bedürfnis haben, neben vielen anderen Dingen auch Texte herzustellen, verständigen sich die Interessierten untereinander, was sie wie erarbeiten und gestalten wollen (kollektive Selbstorganisierung). Das Ergebnis ist nicht besser als der Prozess der Beteiligten es ermöglicht. Wir nutzen dazu verschiedene Formen der internetbasierten Kooperation. Alle Interessierten können sich selbsttätig einbringen, entweder über ein WIKI (http://coforum.de/index.php4? HeftProjekt ) oder OpenTheory (http://www.opentheory.org/heftprojekt/ ) oder auch über Emails. Diese Organisationsform schließt NichttechniknutzerInnen nicht ganz aus, wir haben auch den Text eines Gefangenen verwendet. Zwar bildet sich eine Art vermittelnder Verantwortlichkeit heraus, aber diese Vermittlung soll herrschaftsförmige Hierarchie ausschließen. Wir begeben uns mit diesem Projekt auch auf diesem neuen Wege „fragend voran“ und hoffen, dass unsere Erfahrungen uns alle voran-ringen werden.

Wir beginnen dabei inhaltlich mit dem wohl drängendsten Problem: der Erwerbslosigkeit. Dabei wird sofort ein Standpunkt, den wohl alle Beteiligten teilen, abgesteckt: Uns geht es nicht um eine Rettung der kapitalistischen Normalität, sondern um den Übergang zu einem ganz anderen Leben. Wie wir dann sehen, verhindern die gesellschaftlichen Eigentums- und Machtverhältnisse, die sich quasi wie „Naturgesetze“ hinter unserem Rücken durchsetzen, die wirklich eigenständige und selbstbestimmte Lebensgestaltung. Entgegen dem neoliberalen Glauben an die Unveränderlichkeit dieser gesellschaftlichen Gesetze wird begründet, inwieweit freiheitlich utopische Orientierungen dabei helfen können, das Gegebene geistig und praktisch zu überschreiten.

Im nächsten Teil wird die Kritik und die Orientierung auf das Neue in verschiedenster Weise konkretisiert: Innerhalb von Umrissen einer konkreten, nicht herrschaftsförmigen Utopie öffnet sich ein Fächer von grundsätzlichen und praktischen Alternativen, die bereits in Angriff genommen werden. Die Auswahl dieser alternativen Ansätze ist einerseits zufällig, sie ergibt sich vor-wiegend aus der Beteiligung der TextautorInnen an diesem Projekt (es gibt keine VordenkerInnen, die auswählen, wer etwas schreiben soll); andererseits ist uns die Orientierung auf eine radikale Herrschaftskritik, die Verbindung von individueller Selbstentfaltung und kooperativer Selbstorganisierung jenseits der Herrschaft der Ökonomie oder gar ihrer wertförmigen Variante besonders wichtig. Auf diese Weise wird auch klar, dass es uns inhaltlich um das Nachdenken über und die Entwicklung von emanzipativen, herrschaftsfreien und ökologisch verträglichen Weisen der menschlichen Bedürfnisbefriedigung geht, was abstrakte Definitionen für „Wirtschaft“ oder „Produktionsweise“ durch konkrete inhaltliche Vorstellungen ersetzt.

Literatur:
Sartre, Jean-Paul (1968): Der neue Gedanke vom Mai 1968. In: Mai ´68 und die Folgen. Reden, Interviews, Aufsätze 1. Reinbek: Rowohlt 1974. S. 48-56.

HIER jetzt bitte die Kommentare, die sich direkt der Verbesserung dieses Textes vornehmen.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Hier könnten Kommentare von Leuten kommen, die auch mal gaaanz lange selber schreiben wollen. Besser aber wäre, sie gründen eigene Projekte.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Und hier ist schließlich ein Extraplatz für alle, die einfach nur mal was rauslassen wollen...




Quelle: http://www.opentheory.org/frangend_voran_2/text.phtml
(Last Software Update: 20.06.2005, 21:14)