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Geschlechtslos gut! (Das heute übliche Deutsch teilt die Welt in zwei Arten von Menschen ein: Frauen und Männer. Es geht auch anders! Eine Sprachkritik)
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Maintainer: Benja Fallenstein, Version 2, 01.08.2001  Druckversion
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I utterly refuse to mangle English by inventing a pronoun for "he/she." "He" is the generic pronoun, damn it. (Le Guin, 1979)

I dislike the so-called generic pronouns he/him/his which exclude women from discourse ... they/them/their should be restored ... and let the pedants and pundits squeak and gibber in the streets." (Le Guin 1987)

Einleitung

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Unsere Gesellschaft teilt die Welt in zwei Arten von Menschen ein: in "Frauen" und "Männer". Etwas anderes gibt es nicht, darf es nicht geben, kann es nicht geben. Dabei gibt es durchaus Menschen, die sich in keine dieser beiden Gruppen einordnen.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Hirschauer (1996: 44) beschreibt die Situation mit folgender Anekdote: Eine Kulturanthropologin habe ihm von einer Gesellschaft erzählt, deren Mitglieder bei Anderen "Hunden gleich" immer als erstes das Geschlecht wahrnähmen und dies noch wüssten, wenn sie alles andere über die Begegnung vergessen hätten. Auch in schriftlicher Kommunikation "schiene eine Norm zu herrschen, die aus der Geschlechtszugehörigkeit ganz selbstverständlich eine öffentliche Angelegenheit macht". Das Geschlecht werde bei der Geburt medizinisch und amtlich registriert, und die Gesellschaftsmitglieder würden sich ihr Leben lang "recht verlässlich" daran halten. "In den letzten Jahren," schreibt Hirschauer, "hat sich in verschiedenen Disziplinen ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Beschreibung jener Kulturanthropologin die Beschreibung einer modernen Industriegesellschaft ist, unserer eigenen."

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Dabei problematisiert er das Konzept, nach dem er seinen Text benannt hat: "Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit", also das gesellschaftliche Herstellen von zwei Geschlechtern, von "Frau" und "Mann", die wir doch so oft als einfach vorgegeben hinnehmen. In diesem Text also soll es um Menschen gehen, die sich weder dem einen noch dem anderen dieser beiden Geschlechter zurechnen, und darum, wie die deutsche Sprache mit ihnen umgeht.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Kurz, nachdem es aus dem Mutterleib gekommen ist, wird das Geschlecht eines neugeborenen Kindes "festgestellt" und auf der Geburtsurkunde festgehalten. Zum einen wird hier eine Geschlechtsidentität vorausgesetzt, vom biologischen Geschlecht her abgeleitet. Zum anderen wird, wenn das biologische Geschlecht nach den Einteilungen nicht "eindeutig" ist-- das bedeutet: nicht eindeutig in eine Schublade geschoben werden kann-- dann werden die Geschlechtsteile zwangsumoperiert, um in eine der Kategorien zu passen. Ungefähr 60 Prozent der Intersexuellen hat nach Recherchen der AGGPG (Arbeitsgruppe gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie Psychologie und Genetik) Suizidversuche begangen; ungefähr 20 Prozent waren erfolgreich (Reiter 1998). Menschen, deren Körper weder weiblich noch männlich ist, heißen Hermaphroditen, Zwitter oder intersexuell.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Aber auch Menschen, die die Medizin ohne Operation als "Mädchen" oder "Jungen" bezeichnet, verstehen sich nicht unbedingt so. Transgender (im engeren Sinne) sind Menschen, die, obwohl vielleicht mit einem weiblichen oder männlichen Körper geboren, sich nicht als "Frau" oder "Mann", als "Mädchen" oder "Junge" verstehen. (Transgender im weiteren Sinne ist ein Oberbegriff, der z.B. Transvestiten, Menschen die zeitweise "das" andere Geschlecht leben, und Transsexuelle, Menschen, die sich "dem" anderen Geschlecht zuordnen, mit einschließt.) Feinberg (1996, 1998), selbst Transgender, diskutiert den Begriff näher.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Wie sprechen wir im Deutschen über Intersexuelle und Transgender? Welche sprachlichen Mittel stehen uns zur Verfügung? Ist Leslie Feinberg nun "eine Transgender-Aktivistin" oder "ein Transgender-Aktivist"? "Er" oder "sie"? Feinberg selbst (1998: 1) schreibt: "I am a human being who would rather not be addressed as Ms. or Mr., ma'am or sir. I prefer to use gender-neutral pronouns like sie (pronounced like "see") and hir (pronounced like "here") to describe myself." (Ich bin ein Mensch das lieber nicht als "Frau" oder "Herr", als "mein Herr" oder "meine Dame" angesprochen werden möchte. Ich bevorzuge geschlechtsneutrale Pronomen wie engl. sie (ausgesprochen wie engl. "see") und engl. hir (ausgesprochen wie engl. "here"), um mich selbst zu beschreiben.)

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Entsprechungen zu solchen neugebildeten Pronomen sind in der deutschen Diskussion meines Wissens nach nicht üblich. Eher werden Kombinationen ("sie/er ist eine TransgenderaktivistIn") benutzt, die sich wiederum aus dem binären Geschlechtersystem heraus definieren. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Nicht nur ist es schwieriger, über Intersexuelle und Transgender zu sprechen. Wichtiger ist, dass unsere Perspektive durch die Mechanismen unserer Sprache geprägt wird. Das im Deutschen Menschen nur "sie" oder "er" sein können, fördert unser Denken in diesen Kategorien und sorgt dafür, dass es für Menschen, die in diese Kategorien nicht passen, schwieriger ist, sich selbst zu definieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Dieser Text will Auswege aufzeigen.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Wichtig: Dieser Text ist offensichtlich alles andere als fertig. Er ist hier nach dem "release early, release often" (veröffentliche früh, veröffentliche oft)-Prinzip zugänglich gemacht, mit dem ich in der Freien Software gute Erfahrungen gemacht habe. Über Kommentare in allen Stadien der Textentwicklung würde ich mich also freuen!

Vorschläge

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Dieser Abschnitt soll später relativ weit am Ende des Textes stehen-- aber ich glaube, um diesen Text auch unfertig interessanter zu machen, ist es sinnvoll, jetzt daran zu arbeiten.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Ich schlage vor, als geschlechtsneutrales Pronomen für Menschen das Pronomen "es" zu benutzen, d.h. nicht als Pronomen für "Menschen, die weder Frauen noch Männer sind", sondern als Pronomen für alle Geschlechter, Frauen und Männer eingeschlossen. (Ein solches Pronomen könnten wir auch beim Sprechen über Frauen und Männer gut gebrauchen.) Es ist in unserer Sprache bereits fest verankert, ähnlich we das geschlechtsneutrale Singular-"they" im Englischen, und hat deshalb bessere Chancen, sich durchzusetzen, als eine Neubildung. Auch haben wir die grammatischen Formen für Adjektive u.ä. automatisch bereit ("ein nettes Mensch").

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Pusch (1984) schlägt die selbe Lösung vor-- in die Literatur eingegangen als "der verrückte Pusch-Vorschlag" (Pusch 1990)--, allerdings als Lösung für ein anderes Problem: den leidigen Einwand gegen die feministische Sprachkritik, dass "Wir suchen ein/e IngenieurIn, die/der Erfahrung mit..." zu kompliziert, zu schwer auszusprechen ist. Eine solche Anzeige würde also lauten: "Wir suchen ein Ingenieur, das...".

[Alle Kommentare ausblenden] (14) An dem Beispiel mit dem Ingenieur wird auch schon das Hauptproblem dieses Vorschlages deutlich. Wenn es "das Ingenieur" heisst, wie sind denn dann die (immer noch existierenden) weiblichen und männlichen Formen? "Die Ingenieurin", "der Ingenieur"? In diesem Fall liegt "das Ingenieur" sehr nahe an "der Ingenieur", was durchaus die Auswirkung haben könnte, dass wir und bei "dem Ingenieur" speziell einen Mann vorstellen, was ja gerade überwunden werden soll (sowohl von Puschs Standpunkt als auch von dem dieses Textes).

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Für Pusch ist es ein Teil ihres Vorschlags, das feminine Suffix "-in" abzuschaffen, so dass es "das, die, der Ingenieur" heißt. Daraus ergibt sich das Problem, dass etwa bei "Bäcker" die Mehrzahl nicht von der weiblichen Form unterschieden werden kann: "Die Bäcker". Pusch löst dieses Problem, indem sie ein "s" an die Pluralform anhängt: "ein Bäcker, zwei Bäckers". Nun ist natürlich die Frage, ob die so weitreichenden Änderungen Akzeptanz finden können, insbesondere auch in der Frauenbewegung, denn das "-in" hat sich schließlich zu einem Symbol und einem Signal für "Frauen sind wirklich mitgemeint" entwickelt (auch wenn mit der Neutrum-Form, also "das Ingenieur, das Bäcker", ja ebenfalls eine nicht-maskuline Form gegeben wäre).

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Mir scheint, das eine dem bisherigen Aufbau der Sprache angemessene Lösung wäre, ein Suffix an männliche Formen anzuhängen, und sie somit mit den weiblichen Formen auf eine Stufe zu stellen: "Das Bäcker, die Bäckerin, der Bäckerling" oder so ähnlich. [Hier soll mal eine Auflistung verschiedener möglicher, männlicher und sächlicher, Endungen hinkommen-- nach Weinrich (1993) und Hellinger (1990).] Allerdings glaube ich auch bei dieser Variante nicht, dass sie durchsetzungsfähig ist. Problematisch wäre vor allem, dass Männer das Gefühl entwickeln müssten, dass sie bei "Bäcker" zwar mitgemeint sind, ihr Geschlecht aber nur in (z.B.) "Bäckerling" explizit ist, so wie Frauen ihr Geschlecht nur in "Bäckerin" ausdrücklich gemacht finden.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Aus diesen Gründen halte ich es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die beste Lösung, die eine Chance hat, "das Ingenieur", "die Ingenieurin" und "der Ingenieur" zu sagen. Möglichst oft sollten Partizipien verwendet werden, also z.B. "das Teilnehmende" statt "das Teilnehmer", da diese die "-in"-Endung nicht haben und nach dem grammatischen Geschlecht konjugiert werden können ("eine Teilnehmende", "ein Teilnehmender", "ein Teilnehmendes"). Auf diese Weise zu verfahren ist (aus meinem Blickwinkel) immer noch besser, als bei dem bisherigen System zu bleiben, dass keinen Platz hat für Intersexuelle und Transgender.

Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Bornstein, Kate: Gender Outlaw: on Men, Women and the Rest of Us. New York, 1995 [erste Ausgabe: New York, 1994].
Häberlin, Susanna, Rachel Schmid und Eva Lia Wyss: Übung macht die Meisterin. Ratschläge für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch. München 1992.
Feinberg, Leslie: Stone Butch Blues. A Novel. Ithaca, NY, 1993.
Feinberg, Leslie: Transgender Warriors. Making history from Joan of Arc to Dennis Rodman. Boston, MA, 1996.
Feinberg, Leslie: Trans Liberation: Beyond Pink or Blue. Boston, MA, 1998.
Hellinger, Marlis: Kontrastive feministische Linguistik. Mechanismen sprachlicher Diskriminierung im Englischen und im Deutschen. Ismaning, 1990.
Hirschauer, Stefan: "Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit", in: Haase, A. u.a. (Hg.): Auf und Nieder. Aspekte männlicher Sexualität und Gesundheit. Tübingen, 1996.
Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben: die Inszenierunng der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt a.M. und New York, 1992.
Le Guin, Ursula K.: "Is Gender Necessary?" In: The Languages of the Night: Essays on Fantasy and Science Fiction. New York, 1978. Zitiert nach Livia (2001).
Le Guin, Ursula K.: "Is Gender Necessary? Redux." In: Dancing at the Edge of the World. Thoughts on Words, Women, Places. New York, 1987. Zitiert nach Livia (2001).
Livia, Anna: Pronoun Envy. Literary Uses of Linguistic Gender. New York, 2001.
Müller, Sigrid, und Claudia Fuchs: Handbuch zur nichtsexistischen Sprachverwendung in öffentlichen Texten. Frankfurt a.M., 1993.
Piercy, Marge: Woman on the Edge of Time. 1976.
Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt a.M., 1984.
Pusch, Luise F.: Alle Menschen werden Schwestern. Feministische Sprachkritik. Frankfurt a.M., 1990.
Reiter, Birgit-Michel: "it’s easier to make a hole than to build a pole". Genitale Korrekturen an intersexuellen Menschen. In: kassiber 34, Februar 1998.
Queen, Carol, und Lawrence Schimel (Hg.): PoMoSexuals: Challenging Assumptions about Gender and Sexuality. San Francisco, CA, 1997.
Volcano, Del LaGrace: Sublime Mutations. Tübingen 2000.
Walker, Barbara G.: The Women's Encyclopedia of Myths and Secrets. New York, 1983.
Weinrich, Harald: Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim u.a., 1993.




Quelle: http://www.opentheory.org/geschlechtslos-gut/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)