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Warum vorauseilender Gehorsam auch im zwischenmenschlichen Bereich mehr schadet als nutzt
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Maintainer: James Root, Version 1, 20.04.2004  Druckversion
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Warum vorauseilender Gehorsam auch im zwischenmenschlichen Bereich mehr schadet als nutzt

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Spätestens seit 9/11 ist vorauseilender Gehorsam als weitverbreitete Medienkrankheit in der Diskussion. Dabei handelt es sich, wie wir noch sehen werden, keinesfalls um ein verbales Konstrukt einiger "Spinner", "Fanatiker" oder was auch immer die gutbezahlten Angestellten der großen Nachrichtenhäuser als Titulierung für Ihre unabhängigen Kollegen übrig haben.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Wenn wir von "vorauseilendem Gehorsam" sprechen, so müssen wir uns zunächst der Bedeutung der beiden Worte, "vorauseilend" und "Gehorsam" klar werden. Gehorsam bedeutet Autoritätshörigkeit, d.h. ich verinnerliche den Willen einer bestimmten natürlichen oder juristischen Person ungeachtet der Tatsache, ob er meinen eigenen Interessen entspricht oder diesen zuwiderläuft. Im Kindesalter ist dies ein völlig normaler Vorgang, da wir uns hier - normalerweise aufgrund mangelnden Wissens um die Hintergründe der jeweiligen Situation - darauf verlassen, daß die uns erteilten Befehle im Interesse unseres Wohlergehens sind. Im Laufe unserer Adoleszenz, d.h. unseres Erwachsenwerdens, beginnen wir dann, die (scheinbar feststehenden) Regeln zu hinterfragen. Wir wollen wissen, warum wir nach dem Verfalldatum schauen müssen, wenn wir etwas aus dem Küchenschrank holen. Wir wollen wissen, warum wir Hausaufgaben machen müssen. Wir wollen wissen, warum wir all die Dinge lernen sollten, die man uns in der Schule beizubringen versucht. Wir wollen wissen, warum wir darauf achten müssen, nur die Toilette mit dem richtigen Symbol auf der Tür aufzusuchen. Es sind Fragen wie diese, die für die Transformation vom kindlichen zum erwachsenen Bewußtsein unerläßlich sind. [1] Letztlich stellt das beharrliche Fragen nach dem, was hinter den Dingen steckt, die Grundlage der wissenschaftlichen Forschung an sich dar. Ohne die Möglichkeit, solche Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, gäbe es z.B. keine Medizin, und wir müßten uns etwa nach der Infektion mit einem simplen Grippevirus auf unseren unweigerlichen Tod einstellen. Nur indem wir den Sinn dessen verstehen, was wir tun, können wir selbstverantwortlich handeln und leben. Indem ich eine Entscheidung damit begründe, daß jemand anderes sich genauso entschieden hat, stehle ich mich aus der Verantwortung für meine Handlung. Eine solche Argumentationsweise entspricht nicht der eines aufgeklärten Individuums, sondern etwa der einer Ameise, deren Interaktion mit ihren Artgenossen auf dem Austausch eines begrenzten Satzes verschiedener Hormone besteht. Ein bekanntes Beispiel aus dem Fernsehen hierfür liegt in der Serie "Raumschiff Enterprise" vor, wo es unter all den außerirdischen Zivilisationen auch eine Spezies namens "Borg" gibt - eine Ansammlung fast aller Entscheidungsfreiheit beraubter Maschinenwesen, die nur im Sinne eines irrationalen Eroberungsauftrags handeln können. Ein Borg könnte - die benötigte Technik vorausgesetzt - die gesamte Biosphäre eines Planeten vernichten, ohne sich überhaupt der Destruktivität seiner Tat bewußt zu sein - weil ihm das Wissen fehlt, um seine Handlungen selbst zu bewerten. Jeder Diktator vom Planeten Erde hätte wohl seine helle Freude daran (gehabt), das Oberhaupt dieser Spezies zu sein.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Wir können also sofort zwei Nachteile von Gehorsam feststellen: 1. Gehorsam behindert nicht nur die geistige Entwicklung des Individuums, sondern die technologische Entwicklung einer ganzen Zivilisation. 2. Gehorsam führt zum Verlust von Moral, da wir nicht nach unseren eigenen Wertmaßstäben handeln, sondern unser Handeln nach unhinterfragt übernommenen Vorstellungen eines ordentlichen Lebens ausrichten.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Weiterhin birgt blinder Gehorsam in der Schule, am Arbeitsplatz, im Verein - allgemein: in der Gemeinschaft mit anderen Menschen - die Gefahr, daß sich auch objektiv falsche Vorgehensweisen immer weiter ausbreiten. Ein Beispiel:

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Die Geschäftsführung eines Betriebs verbietet allen Angestellten per Arbeitsvertrag, ihre Fahrzeuge auf dem Firmengelände zu parken, obwohl dieser Platz für das Tagesgeschäft der Firma nicht benötigt wird. Weil die gehorsamen Angestellten nicht auf die Idee kommen, nach dem (vermeintlichen) Sinn dieses Verbots zu fragen, parken sie ihre Autos und Fahrräder auf öffentlichem Territorium. Das geht etwa bei fünf Angestellten noch gut, aber spätestens ab zehn Angestellten sind diese dazu gezwungen, allmorgentlich die Umgebung der Firma nach Parkmöglichkeiten abzugrasen. Um nicht zu spät an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, beginnen sie schließlich, auch im Parkverbot zu parken (und die damit einhergehenden rechtlichen Konsequenzen zu tragen) oder sich im Falle eines gleichzeitigen Interesses an einem nahegelegenen Parkplatz in die Haare zu geraten. Und so breiten sich unter den Angestellten sinnlose Feindseligkeiten aus und das Betriebsklima beginnt, darunter zu leiden. Die Geschäftsleitung - ebenfalls nicht daran gewohnt, nach dem Warum zu fragen - beklagt indes die rückläufige Produktivität ihrer Angestellten und flucht über "faules Kommunistenpack", während ihre zwei bis drei Autos auf dem 20 mal 20 Meter großen gepflasterten Innenhof alleine dastehen.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Kommen wir nun zu der Bedeutung des Wortes "vorauseilend". Kein denkendes Wesen wird einem anderen denkenden Wesen vorauseilen, wenn es nicht zumindest glaubt, das andere denkende Wesen bedürfte einer gewissen Führung, um sich nicht selbst zu schaden. Wenn wir etwa einem blinden Menschen begegnen, dann greifen wir auch nicht blindlings nach seiner Hand, sondern fragen schon alleine aus Gründen wie Höflichkeit oder Menschenwürde, ob die betreffende Person überhaupt unsere Hilfe benötigt. Nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen - etwa, wenn wir der Vormund eines an Alzheimer erkrankten Menschen sind - können wir auch trotz einer Ablehnung unseres Hilfsangebots eingreifen. Indem ich einem anderen Menschen vorauseile, handle ich also im Glauben, dieser Mensch sei aufgrund von irgendwie gearteten Einschränkungen nicht voll handlungsfähig und benötigt daher meine Hilfe.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Weiter oben habe ich deutlich gemacht, daß Gehorsam gegenüber einer bestimmten Autorität bei mir die Überzeugung voraussetzt, daß ich mich auf diese Autorität verlassen kann, d.h. ich muß der Meinung sein, daß die Befehle, die mir diese Autorität erteilt, ungeachtet ihres konkreten Inhalts meinem Wohle dienen. Spätestens hier müsste den aufmerksamen Leserinnen und Lesern der Widerspruch klar werden, in dem ich mich verfange, wenn ich vorauseilenden Gehorsam praktizieren will: Ich erkenne durch meinen Gehorsam zum einen stillschweigend an, daß mir diese Autorität geistig voraus ist, verleugne diese Sichtweise aber gleichzeitig durch meinen Versuch, schon im Voraus zu erahnen, was mein Vordenker von mir erwarten könnte. Anders ausgedrückt: Durch meinen Gehorsam schlüpfe ich in die Rolle eines Führungsbedürftigen, während ich gleichzeitig meinem Führenden voraus sein will - guten Morgen, Schizophrenie und gute Nacht, Entwicklung!

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Einer gesunden und für beide Seiten förderlichen Beziehung zwischen zwei Menschen steht diese stereotype Form der Loyalität ebenfalls im Wege. Das Aufeinander-Eingehen und das Kennenlernen des anderen Wesens, das die Grundlage einer intimen, dauerhaften und im positiven Sinne fruchtbaren Beziehung zwischen zwei Menschen bildet, kann nicht stattfinden, wenn sich eine Hälfte kritiklos und unreflektiert der anderen fügt. Dann handelt es sich nämlich nicht mehr um ein Verhältnis von Mensch zu Mensch, sondern um ein Verhältnis von Vorgesetztem zu Untergebenem, und was nach außen hin als "Liebe" präsentiert wird, ist nicht mehr als ein entwürdigendes Machtspiel. Daß solche Paare - egal, ob hetero oder homo - keine förderliche Umgebung für die Entwicklung eines Kindes darstellen, sei hier nur am Rande vermerkt.

Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (9) [1] Branden, N.: Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls, München 1995, S. 193 ff.




Quelle: http://www.opentheory.org/informgesellschaft/text.phtml
(Last Software Update: 20.04.2004, 16:32)