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| Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 17.06.2007 |
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[Vgl. dazu auch die thesenartige Zusammenfassung von Ernst Lohoffs »Der Wert des Wissens« (Lohoff 2007): »Universalgüter. Informationsgüter als genuin gesellschaftliche Güter«]
(2) In diesem Text geht es um eine aneignungstheoretische Untersuchung der gesellschaftlichen Produktion und Nutzung von Universalgütern. Vor die Diskussion der Frage, wie der Kampf um die Warenform bei Universalgütern ausgetragen wird, stelle ich eine phänographische Vorklärung[1] der in diesem Kontext verwendeten Begriffe. Dabei knüpfe ich an den Artikel von Ernst Lohoff »Der Wert des Wissens. Grundlagen einer Politischen Ökonomie des Informationskapitalismus« (Lohoff 2007, in diesem Heft) an.
(2.1) 21.06.2007, 10:21, Hans-Gert Gräbe: Werden Allgemein- oder Universalgüter angeeignet (im Sinn des hier gebrauchten engen Warenbegriffs) oder schlicht nur genutzt?
(2.1.2) 27.06.2007, 09:51, Hans-Gert Gräbe: Das habe ich nicht gemeint. Ein klassisches Gut muss ich kaufen (also mir aneignen in der hier gebrauchten Semantik), bevor ich es nutzen kann (z.B., um daraus mehr Geld zu machen). Wie ist das hier? Die Straße, auf der ich gehe, muss ich mir ja ganz offensichtlich nicht aneignen. Wenn ich durch den Warnow-Tunnel in Rostock fahre, dann muss ich zwar Maut bezahlen, aber deswegen eigne ich mir trotzdem nichts an, sondern beteilige mich nur an den Betriebskosten (im umfassenden Sinne, einschließlich eines - möglicherweise unverschämt hohen, so ist diese Gesellschaft nun einmal - Profits des Betreibers). Und freue mich, dass es einen Dummen gibt, der dieses Geschäftsrisiko auf sich genommen hat mit der (in diesem Fall sehr realen) Gefahr der Pleite.
(2.1.2.1) Aneignung, 02.07.2007, 16:29, Stefan Meretz: Ah ok. Da würde ich unterscheiden zwischen der Nutzung und der Herstellung. An Nutzer/in kann ich mir ein Universalgut (und Allgemeingut) nicht aneignen im gängigen Verständnis eines Eigentums- oder Besitzübergangs, denn es findet ja kein Tausch (Geld gegen Gut) statt. Auf der Seite der Herstellung findet eine "Aneignung durch Begründung von Eigenbesitz" statt, d.h. sie müssen über die "Sache die tatsächliche Herrschaft mit dem Willen auszuüben, sie als eigene zu besitzen" (Wikipedia). Angeeignet und privatisiert wird das Ergebnis allgemeiner Arbeit.
(2.1.2.2) 07.07.2007, 19:41, Hans-Gert Gräbe: Verstehe deine Antwort nicht. Mach es doch mal konkret: Der Betreiber des Warnow-Tunnels (Allgemeingut in deiner Terminologie, nehme ich mal an) muss den Tunnel ja nicht nur herstellen, sondern auch betreiben. Er muss also Kapital vorschießen als fixes Kapital (Tunnel bauen) und Zirkulationskapital (Tunnel betreiben). Dazu geht er selbst viele Geschäftsbeziehungen ein (Baufirmen, TÜV, Energielieferungen usw. usw.), die alle von ihm Geld wollen, was ja letztlich bedeutet (?), dass der Tunnel eine Wertsubstanz im klassischen marxistisch-ökonomischen Verständnis hat. Wenn ich durch den Tunnel fahre und Maut bezahle, dann fließt Geld, also auch eine Wertübertragung? Was ist daran (aus Sicht des "Verkäufers") anders als bei einem Ratenkauf? Hat ein Produkt, das nicht verkauft wird, einen Wert? Was ist, wenn das Produkt "halb" verkauft wurde (weil der Kreditschuldner seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen ist und ich die Rückfallklausel gezogen habe - dann habe ich ja mein Produkt wieder "am Hals")? Und nun erklär mir das mal am Beispiel des Allgemeinguts "Warnowtunnel". Ist die Maut nicht auch eine Form von "Raten" (einziger Unterschied: nicht nur ein Geschäftspartner und kein Vertrag) mit genau derselben Konsequenz, dass ich den Tunnel nur zu 3/4 "verkaufen" konnte und leider nach 3 Jahren pleite bin. Und was ist bei Universalgütern anders, als dass es leider funktional schwierig ist, Kassenhäuschen aufzustellen?
(2.1.2.2.1) META: Richtig kommentieren, 08.07.2007, 10:10, Stefan Meretz: Könntest du bitte Antworten/Fragen auf einen Kommentar bitte direkt an den Kommentar hängen? Also auf "Kommentieren" an dem zu kommentierenden Kommentar klicken und nicht darüber? So wie du es jetzt machst, ist die Mail nicht lesbar (da der inhaltlich kommentierte Absatz nicht mitgeliefert wird, sondern der dadrüber), und auf der Webseite kann man das auf- und zuklappen der Kommentarebenen nicht mehr sinnvoll verwenden. Danke.
(3) Die Schwierigkeit beim Zugang zu diesem Thema liegt in der Überschneidung von vier Dimensionen bei der Produktion und Nutzung von Gütern, die häufig miteinander vermengt werden: die stoffliche Beschaffenheit, die Nutzungsweise, die gesellschaftliche Form und die Eigentumsform. Diese Dimensionen sollen im Folgenden einzeln dargestellt werden, um anschließend den Begriff des »Universalguts« näher zu spezifizieren und vom verwandten Begriff des »Allgemeinguts« abzugrenzen.
(4) Die Dimension der stofflichen Beschaffenheit fasst den Unterschied von stofflichen und nicht stofflichen Gütern. Stoffliche Güter besitzen eine physische Gestalt, ihre Gebrauchsfähigkeit drückt sich darin aus. Sie können folglich auch verbraucht oder vernichtet werden, was das Ende der gebrauchsfähigen physischen Gestalt zur Folge hat. Nicht stoffliche Güter besitzen keine physische Gestalt, sie brauchen gleichwohl einen physischen Träger bzw. bei Dienstleistungen einen Erbringer, um existieren zu können. Nicht stoffliche Güter können nicht verbraucht und nur dann vernichtet werden, wenn alle physischen Träger vernichtet sind. Dienstleistungen existieren ohnehin nur temporär im Akt der Erbringung, hier fallen Produktion und Konsumtion zusammen. Beispiele: Der Computer ist ein stoffliches Gut, ebenso die DVD; der Film auf dem stofflichen Träger DVD ist hingegen nicht stofflicher Beschaffenheit. Die Beratung per Hotline, um einen Fehler beim Abspielen des Films zu beheben, ist eine Dienstleistung.
(4.1) 21.06.2007, 10:23, Hans-Gert Gräbe: Der Verhältnischarakter innerhalb der menschlichen Gattung jenseits einer Verdinglichung ist im Use Case "Beratung" deutlich zu sehen. Legst du hier nicht ein dingliches Schema (im Sinne von (6)) an etwas an, was dieses längst abgeworfen hat?
(4.1.2) 27.06.2007, 09:52, Hans-Gert Gräbe: Im SW-Engineering unterscheidet man zwischen Produktdimension (= die projekthafte Dimension der Erstellung einer konkreten SW-Lösung) und Prozessdimension (= die dazu orthogonale Dimension, dass Projekte alle irgendwelche Dinge gemeinsam haben und demzufolge das "Fahren von Projekten" selbst Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein kann; Stichworte: CMM, ISO 15504, ISO 9000 etc.). Nun ist ein Topic unseres Lehrstuhls das "Service Engineering", wo versucht wird, die Begrifflichkeiten etc. aus dem SW-Engineering in diesen Bereich zu übertragen. Insbesondere geht es darum, zu verstehen, was ein "Dienstleistungsprodukt" ist. Da gibt es ganz prächtige Begriffskonstruktionen (wenn an der Stelle überhaupt nachgedacht wird), die du aber nur einmal anpusten musst und sie fallen um. Das Problem ist, dass hier noch deutlicher wird als im SW-Engineering, dass es kein "Produkt" (jenseits des Moments der Unterschrift unter das Pflichtenheft, also eines Vertragsschlusses) gibt, sondern die Erbringung der Dienstleistung selbst prozesshaft ist. Gegenstand des "Engineering" ist aber die Ausgestaltung dieser Prozessdimension sowohl für die konkrete Dienstleistung (als Teil des "Produkts") als auch für die einbettende Infrastruktur (die Potenz der Firma, diese Services zu erbringen; als Teil des "Prozesses"). Und wenn die Jungs das Wort "Prozess" oder "Produkt" in den Mund nehmen, dann frage ich nur regelmäßig, was sie denn damit meinen und erkläre ihnen dann genüsslich, dass sie sich gedanklich gerade auf der anderen Seite befinden. Was nicht besonders schwer ist, weil es realweltlich dort eben keine Grenze gibt.
(4.1.2.1) 02.07.2007, 16:38, Stefan Meretz: Verstehe. Dienstleistungen erwähne ich im Artikel nur einmal der Vollständigkeit halber, klammere sie aber im Weiteren aus. Über die Werthaltigkeit von Dienstleistungen gibt es eine ganz eigene Diskursgeschichte. Klar scheint mir jedenfalls, dass Dienstleistungen nicht aufgrund ihrer Nicht-Stofflichkeit und Identität von Produktion und Konsumtion grundsätzlich für wertunproduktiv erklärt werden dürfen. Dein "Dienstleistungsprodukt" scheint mir Ergebnis schlicht der Tatsache möglichst alles in eine im Zweifel vollziehbare Vertragsform zu gießen. Ich kenne die Debatte aus der "Kundensicht" beim Thema "Service Level Agreements", hier aus dem Wunsch des Kunden, die auftragsnehmende Firma ggf. zu knechten, wenn sie Kenngrößen nicht erreicht etc.
(4.1.2.2) 07.07.2007, 19:44, Hans-Gert Gräbe: "zu knechten, wenn sie die Kenngrößen nicht erreicht". Ich sage es anders: "..., wenn sie der übernommenen Verantwortung nicht gerecht wird." Das ist doch aber Teil eines sehr ausgefeilten Systems zu klären, wer hat welchen Anteil Schuld an einem misslungenen gemeinschaftlichen Vorhaben in einem arbeitsteiligen Kontext. Denn dort bilden gegenseitige Erwartungen, Versprechungen und Realitäten einen sehr subtilen Mix, der die gestrige Planung mit der morgigen Realität verbindet. Ist diese Frage also nicht in jeder arbeitsteilig organisierten Gesellschaft zu klären? Wie wird gesellschaftlich sonst deutlich, wer seinen Versprechungen wie nahe kommt? Können wir auf ein solches Moment verzichten? Bei einem klassischen Gut ist der "Zusammenstoß" ein punktueller, statischer und findet im Moment des Verkaufsakts statt. Aber bei Dienstleistungen? Wie agil sind die Fragen im Bereich "Dienstleistungen"? Drücken vertraglich vereinbarte Regelungen genau meine Erwartung aus? Stimmen die gestern vereinbarten vertraglichen Regelungen heute noch mit den Erwartungen überein oder haben sich dieselben inzwischen bei beiden Vertrag schließenden Seiten geändert? Haben sich im Dienstleistungsbereich hier nicht praktisch schon ganz andere Interaktionsformen herausgebildet? Was kann man daraus für "Universalgüter" lernen? Ist nicht selbst die Praxis dieser Gesellschaft schon viel weiter als du hier theoretisch einfängst?
(4.2) 02.07.2007, 22:00, Wolf Göhring: "Nicht stoffliche Güter können nicht verbraucht und nur dann vernichtet werden, wenn alle physischen Träger vernichtet sind."
Dann verstehe ich nicht, wieso man jene fast 6000 jahre alten schriftzeichen auf einigen tonscherben aus dem gebiet der unteren donau noch nicht entziffert hat. Es ist doch noch alles da: Traeger und das nicht stoffliche gut.
(4.2.1) 03.07.2007, 15:34, Stefan Meretz: Ertappt, das ist ein Sonderfall, den ich ausgeblendet habe. Hier sind die gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen gewissermaßen "zerrissen", d.h. es gibt keine Verbindung mehr zu einzelnen "Zeicheninseln", so dass ihre Interpretation nicht mehr möglich ist. Das sollte heute nicht mehr passieren, aber wer weiss (vgl. Stanislaw Lem: Memoiren, gefunden in einer Badewanne).
(5) Bei der Dimension der Nutzungsweise geht es um den praktischen Vollzug der Nutzung des Guts und die Konsequenzen. Hierbei sind zwei Aspekte zu unterscheiden: Ausschließbarkeit und Rivalität. Güter sind in der Nutzung dann ausschließbar (exklusiv), wenn der Zugriff auf die Güter unterbunden werden kann. Sie ist nicht ausschließbar (inklusiv), wenn der Zugriff potenziell allen möglich ist. Güter sind in der Nutzung rivalisierend (auch kurz: rival), wenn die Nutzung durch die einen die Nutzung für andere einschränkt oder verhindert. Sie sind nicht rival(isierend), wenn ihre Nutzung keine Nutzungseinschränkung für andere zur Folge hat. Beispiele: Das Brötchen ist im Konsum ausschließbar und rival. Ich kann solange vom Verzehr ausgeschlossen werden, bis ich es kaufe. Und wenn ich es verzehre, kann das niemand anderes mehr tun. Die Nutzung des ohmschen Gesetzes ist hingegen weder rival, noch kann ich davon ausgeschlossen werden. Bezahl-Fernsehen erscheint ohne Decoder nur als Rauschen auf dem Bildschirm, seine Nutzung ist also ausschließbar, jedoch nicht rival -- empfange ich das Programm, so beeinträchtigt das den Empfang durch andere nicht. Eine öffentliche Straße hingegen ist grundsätzlich für alle da, ihre Nutzung ist jedoch rival -- eine Tatsache, die sich im Stau besonders anschaulich Geltung verschafft.
(6) Die Dimension der gesellschaftlichen Form befasst sich mit dem Unterschied von Waren und Nicht-Waren und der Art der sozialen Beziehungen, die diese konstituieren. Waren sind Güter, die nicht für den eigenen Verbrauch, sondern für den Tausch zum Zwecke des Verkaufs hergestellt wurden.[2] Nicht-Waren sind solche Güter, die nicht getauscht, sondern nur weitergegeben, genommen oder selbst genutzt werden. Beispiele: Ein Brötchen ist eine Ware, wenn es nicht für den Eigenverbrauch, sondern für den Verkauf, also den Tausch gegen die allgemeine Ware »Geld« hergestellt wird. Backe ich mir selbst oder meinen Freunden Brötchen, dann sind sie keine Ware. Die damit verbunden sozialen Beziehungen sind sehr unterschiedlich. Im Fall der Ware stellt sich eine soziale Beziehung nur vermittelt über die Warendinge her, wodurch »das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen ... die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt« (Marx 1890, S. 86). Dies nannte Marx bekanntlich »den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden« (ebd., S. 87). Demgegenüber lassen sich die unfetischistischen sozialen Beziehungen im Falle von Nicht-Waren nicht begrifflich uniformieren, sind sie doch so vielfältig wie das Leben selbst.
(6.1) Etymologisches, 18.06.2007, 09:58, Franz Nahrada: Ware kommt von "Bewahren", also drückt noch der Name die polemische Stellung gegen den Verbrauch aus und auch zugleich die gesellschaftliche Anstrengung, die dafür erbracht werden muss. "Bewahren" heisst Lagern, Einfrieren, Abschliessen, Verteidigen. Die Ware ist also eine gesellschaftliche Formbestimmung die eine Trennung des Gegenstandes vom Bedürfnis ins Werk setzt, die keineswegs natürlich ist, wenn sie als selbständige Bestimmung auftritt. Bewahren muß man so manches - die Ware bewahrt Wert.
(6.2) 21.06.2007, 10:23, Hans-Gert Gräbe: Verhältnis - Singular oder Plural? Jedenfalls geht es (jedenfalls Marx an der ziterten Stelle) um Verhältnisse innerhalb der menschlichen Gattung, die sich in den Dingen nur spiegeln. Bei Leibniz spiegeln sich in jedem Ding immer alle Verhältnisse, wie Annette Schlemm noch mal schön herausgearbeitet hat. Werden bei Nichtwaren die Verhältnisse selbst wieder sichtbar(er)?
(6.2.1) Spiegeleien, 25.06.2007, 13:18, Stefan Meretz: Ja, in dem Sinne, dass nicht mehr alles über ein Prinzip reguliert wird ("Es muss sich rechnen"). -- IMHO ist es aber mit Bezug auf Marx nicht richtig davon zu sprechen, dass sich die "Verhältnisse in den Dingen nur spiegeln". Das ist schon Leibniz und entfernt jede kritische Absicht bei Marx. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es geht darum, dass die Dinge mit den Menschen umzuspringen, sobald sie als Waren produziert werden -- bildhaft formuliert. Die Dinge als Waren spiegeln sich also in den Verhältnissen, die sie konstituieren.
(6.2.2) 27.06.2007, 09:55, Hans-Gert Gräbe: Ein interessanter Gedanke, denn du wirst sicher nicht abstreiten, dass sich umgekehrt auch die Verhältnisse in den Dingen spiegeln. Damit treten natürlich Mehrfachspiegelungsphänomene auf und die Frage ist, welchen der vielen Spiegel wir uns genauer anschauen. Da gehen unsere Präferenzen offensichtlich auseinander, denn ich versuche mich - praxisphilosophisch wie Marx auch - an einer Analyse der Praxen und schaue lieber auf die Dinge, in denen sich die Verhältnisse spiegeln. Und sehe dann die deutlich anderen Spiegelungseigenschaften der Universalgüter, ohne das bisher Bedeutsame aus dem Auge zu verlieren: "Es muss sich auch rechnen" (mindestens noch eine Zeit lang). Wobei "sich rechnen" ein dinglicher Spiegel von Verhältnissen innerhalb der menschlichen Gattung ist, zu denen ich letztlich analytisch vorstoßen und deren Verhältnis zu anderen Verhältnissen (die offensichtlich bei Universalgütern an Bedeutung gewinnen, vielleicht sogar dominant werden) verstehen möchte.
(6.2.2.1) 02.07.2007, 16:42, Stefan Meretz: Da sind wir gar nicht so weit auseinander, wobei in der Tat meine Präferenz auf der sozialen Seite liegt verbunden mit der Frage, welche Verhältnisse wir wie konstituieren wollen, um eben auch jenen Fetischismus (die Dinge sind nicht nur passive Spiegel, sondern tanzen mit uns und konstituieren unsere Form der Sozialität) loszuwerden.
(6.2.2.1.1) Wer wen?, 02.07.2007, 23:57, Wolf Göhring: Meretz: "die Dinge sind nicht nur passive Spiegel, sondern tanzen mit uns und konstituieren unsere Form der Sozialität"
Marx: "Die waren koennen nicht selbst zu markte gehn und nicht sich selbst austauschen. ... Die waren sind dinge und daher widerstandslos gegen den menschen." (Kap I, MEW 23, s.99)
Ausser dass sich mein fahrrad mal auf glatter strasse verselbstaendigte oder mich meine jolle bei aufkommendem sturm ins wasser schmiss, haben mit mir noch keine dinge getanzt.
Und solange RFID-chips noch nicht jedermanns sache sind, die, am ohrlaeppchen getragen, persoenliche kenndaten ueber den markplatz tragen und selbst auf entsprechende suchanfragen reagieren, solange konstituieren dinge noch nicht die form unserer sozialitaet, zumindest nicht meine.
Der knackpunkt unserer kontroverse ist, dass du immer wieder die redeweise verwendest, dinge wuerden soziale verhaeltnisse konstituieren. Das liegt mir so fern, wie es nur geht!
(6.2.2.1.1.1) Re: Wer wen?, 03.07.2007, 15:50, Stefan Meretz: "Der knackpunkt unserer kontroverse ist, dass du immer wieder die redeweise verwendest, dinge wuerden soziale verhaeltnisse konstituieren. Das liegt mir so fern, wie es nur geht!" -- Du kannst mir glauben: Das geht mir genauso! Doch kann ich nicht umhin, diese IMHO zentrale Beobachtung von Marx, den er Fetischismus genannt hat, ernst zu nehmen: "Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützliche Weise verändert. Die Form des Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne." (MEW 23, S. 85) "Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist." (MEW 23, S. 86f) Den Produzenten "erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen." (MEW 23, S. 87) Aber was dich vielleicht stört, ist, dass die Aussage im Aktiv formuliert ist: Die Dinge tun etwas mit uns. Ja, das ist eine bildhafte Beschreibung: in Wirklichkeit tun wir es, wir beziehen uns auf andere durch Sachen, die uns in ihrer Logik dazu bringen, sie zu bewegen. Es ist also noch schrecklicher: Die Bewegung der Sachen ist nur der Schein - wir vollziehen den Fetischismus selbst und können innerhalb der Form nicht heraus.
(7) Bei der Dimension der Eigentumsform geht es um die rechtliche Gestalt der Güter. Das Privateigentum ordnet eine Sache einer natürlichen oder juristischen Person zu. Gemeineigentum (früher auch: Allmende) ist heute in der Regel staatliches Eigentum und als solches frei zugänglich (öffentliche Güter). Sonderfälle sind nicht frei zugängliche staatlich verwaltete Privatgüter. Freie Güter schließlich sind nicht eigentümliche Güter ohne juristisch verankerte Zugangsbeschränkung. Beispiele: Die private Bäckerei befindet sich im Privateigentum, was allerdings praktisch keinen Unterschied zu einer Staatsbäckerei macht, denn die Kaufbrötchen sind Waren hier wie dort. Zu den freien Gütern zählt die sprichwörtliche »Luft zum Atmen« -- unabhängig von ihrer Verträglichkeit.
(7.1) 21.06.2007, 10:25, Hans-Gert Gräbe: Was ist hier der Verhältnischarakter innerhalb der menschlichen Gattung? Ist es nicht der Umstand, dass der "Eigentümer" die Verantwortung für die Reproduktion dieser Güter übernommen hat? Siehe (Ruben-98), der insbesondere die Rolle des Fernhandels dabei bis weit vor die kapitalistische Produktionsweise zurückverfolgt.
(7.1.1) 25.06.2007, 13:26, Stefan Meretz: Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich verstehe. Mir scheint auch, dass die Frage wegführt vom Thema. Versuch: Wenn Menschen produzieren, tun sie dies immer in gesellschaftlichen Verhältnissen. Der "Verhältnischarakter" ist also immer schon "da". Die Frage ist nur, welche Form er annimmt, und hier hat Marx mit der Erkenntnis, dass Güter als Waren produziert die sozialen Verhältnisse formen, einen fundamentalen Beitrag geleistet.
(7.1.1.1) 27.06.2007, 09:56, Hans-Gert Gräbe: Keineswegs. Wenn "Eigentum" (der Begriff als "Ding", nicht als Teil einer wie auch immer gearteten Theorie - darum geht es ja Marx in der Fetischdiskussion) Verhältnisse kodiert, welche sind das? "Verhältnischarakter" und "immer schon da" hilft mir da nicht weiter: Ich frage ja nicht "ob", sondern "welche" und (zunächst) nicht, "wo kommen sie her", sondern "wie reproduzieren sie sich genau".
(7.1.1.1.1) 02.07.2007, 16:50, Stefan Meretz: Keineswegs - was? Also "Eigentum" ist schon eine abgeleitete Form der eigentlich konstitutiven Vergesellschaftung über die Wertform. Das wird oft (m.E. auch von Sabine Nuss) nicht ins richtige Verhältnis gerückt. Ich betone das, weil daraus folgt, dass mit der Änderung der abgeleiteten Form, der Rechtsform, sich einiges, aber nichts wesentliches ändern, solange die basale Form der Vergesellschaftung über Wert & Co unangetastet bleiben. Du kennst das von mir. -- Gleichwohl kodiert Rechtsform selbstverständlich auch die Sozialform. Du fragst nun, welche das sind? Wie soll ich da antworten? Alle, die wir kennen? Lies "Copyright & Copyriot"?
(7.2) 21.06.2007, 10:26, Hans-Gert Gräbe: "Luft zum Atmen" muss (noch) nicht durch Anstrengung der menschlichen Gattung reproduziert werden, ist als Beispiel hier also fehl am Platze.
(7.2.1) Freies Gut, 25.06.2007, 13:30, Stefan Meretz: Da habe ich mich an der bürgerlichen Theorie orientiert: http://de.wikipedia.org/wiki/Ökonomisches_Gut -- bin ich reingefallen?
(7.2.2) 29.06.2007, 20:03, Hans-Gert Gräbe: Meinst du folgendes Zitat: "Ein Gut ist frei, wenn es im betreffenden Gebiet zur betrachteten Zeit in so großer Menge vorhanden ist, dass jeder Mensch so viele Einheiten des Guts konsumieren kann, wie er will ... Beispiele dafür sind Luft zum Atmen, Sand in der Wüste oder Salzwasser im Meer."? Ist das wirklich derselbe Güterbegriff, den du hier verwendest (du scheinst davon auszugehen)? Was ist die "Dimension der Eigentumsform" eines solchen Guts? Wird es angeeignet? Verweis auf meine Frage (2.1)
(8) Hier ist nicht der Ort, alle möglichen Kombinationen durchzugehen. Hier soll begründet werden, dass Informations-, Wissens- und Kulturgüter mit dem üblicherweise verwendeten Begriff des Allgemeinguts nicht ausreichend erfasst sind. Sie besitzen Eigenschaften, die sie von anderen Allgemeingütern derart abheben, dass der eigenständige Begriff des »Universalguts« -- wie von Ernst Lohoff vorgeschlagen -- gerechtfertigt ist.
(9) Allgemeingüter und Universalgüter unterscheiden sich vor allem hinsichtlich der stofflichen Dimension in Kombination mit ihrer Nutzungsweise. Allgemeingüter können sowohl stofflicher wie nicht stofflicher Natur sein. Sie sind entweder rivalisierend im Gebrauch (etwa: Wasser) oder nicht rivalisierend (etwa: Deich), jedoch stets nicht exklusiv in der Nutzung. Allgemeingüter können nicht Waren sein. Werden sie zu Waren, hören sie sofort auf Allgemeingüter zu sein. Öffentliche Güter sind staatlich erzeugte und unterhaltene Allgemeingüter. Sie können steuerfinanziert oder mit einer Gebühr belegt sein. Schließlich können Allgemeingüter freie Güter sein (etwa Luft). Universalgüter sind nicht stofflicher Natur, nicht exklusiv und nicht rivalisierend im Gebrauch. Sie können dennoch zum Bezahlgut werden. Dies ist dann möglich, wenn der Zugriff auf das eigentlich nicht exklusive Universalgut eingeschränkt oder verhindert wird -- etwa durch Drohung mit rechtlichen Sanktionen oder dem Universalgut äußerlich hinzugefügte technische Zugangsbeschränkungen. Das ist das weitere Thema dieses Textes.
(10) Wird der Gebrauch von stofflichen Allgemeingütern exklusiviert, dann werden daraus Privatgüter, also Güter im Privateigentum, die Waren sein können. Wird der Gebrauch von Universalgütern exklusiviert, dann bleibt deren Universalgut-Charakter zwar erhalten, sie verwandeln sich jedoch in privatisierte Universalgüter (vgl. Lohoff 2007). Während also das Adjektiv »allgemein« bei Allgemeingütern auf die nicht eingeschränkte Nutzung abzielt, beschreibt das Adjektiv »universell« bei Universalgütern die genuinen Eigenschaften des Gutes. Ihre Universalität ist auch nicht durch eine gesellschaftliche, rechtliche oder technische Form aufhebbar, allein der Zugang kann eingeschränkt werden. Ein privatisiertes Universalgut besitzt paradox anmutende Eigenschaften: Es kann nicht getauscht werden, da kein »Händewechsel« stattfindet, denn nach der Hingabe des Gutes bleibt es unverändert in der Verfügung des ursprünglichen Besitzers; die Verbreitung kann gleichwohl an monetäre Transaktionen gebunden werden, das Gut kann sich also in ein Bezahlgut verwandeln. Ein privatisiertes Universalgut besitzt mithin auch keinen Warencharakter, ist also streng genommen gar keine Ware, dennoch kann es »Warenform« annehmen.[3] Diese Paradoxien -- als gäbe es in der Warengesellschaft nicht schon genug -- sind bestens dafür angetan, den wirklichen Gesamtzusammenhang zu verschleiern, weil sie zu einseitigen und damit falschen Schlüssen verführen (ausführlicher dazu vgl. Lohoff ebd.).
(10.1) Händewechsel, 18.06.2007, 10:04, Franz Nahrada: Dieser Punkt ist äußerst wichtig. Von der Formanalyse her ist einsichtig, dass es sich nicht um einen Verkauf handelt, sondern um eine eigentliche vorbürgerliche Form der Übertragung: das Lehen. Proprietäre Software wird bekanntlich nur geliehen, lizensiert. Neu ist, dass die vorbürgerliche Form in einem bürgerlichen Rechtsrahmen mit Rechten und Pflichten des Verleihers daherkommt bzw. diese mühsam ausdementiert werden müssen (Verleiher haftet nicht für diese und jene Anwendbarkeit, Gebrauchswerthaftigkeit etc.)
(10.1.1) Re: Händewechsel, 18.06.2007, 23:33, Stefan Meretz: Guter Punkt, aber wichtig ist hierbei, dass keine (temporäre) Übertragung der Sache stattfindet, sondern man könnte sagen, dass die Nutzungserlaubnis "übertragen" wird, was ja auch real simuliert wird, wenn man im Karton ein "Zertifikat" findet. Wikipedia schreibt dazu: "Man versteht unter Lehen (ausleihen, Lehnrecht, lat. Feudum, Feodum, Beneficium) das ausgedehnteste Nutzungsrecht an einer fremden Sache, das sich auf eine Verleihung seitens des Eigentümers gründet, die zugleich zwischen diesem und dem Berechtigten das Verhältnis wechselseitiger Treue hervorruft." -- Wenn das nicht die Beziehung zwischen Owner (Lehnsherr) und User (Vasall) einer proprietären Software kennzeichnet, zumindest nach Wünschen der "Lehnsherrn"...
(11) Nach dieser phänographischen Vorklärung[4] nun zu den Aneignungskonflikten rund um die Universalgüter Wissen, Software[5] und Kultur. Die paradoxen Eigenschaften von privatisierten Universalgütern bringen Ambivalenzen in Produktion und Distribution hervor, die sowohl auf die immanenten Grenzen der Verwertungslogik verweisen wie auf alternative Handlungsmöglichkeiten jenseits der kapitalistischen Formen. Anders als die Propagandisten der Verwertung behaupten, bieten privatisierte Universalgüter keinen neuen Schub der Wertproduktion, denn aufgrund ihres waren- und wertlosen Charakters sind sie nur in der Lage »Informationsrenten«, also eine Umverteilung anderswo produzierter Wertmassen, zu generieren. Da der Kampf um die bloß äußerliche »Warenform« auf rechtlicher und technischer Ebene ausgetragen wird, eröffnet sich hier auch ein Zugang zur Frage alternativer Handlungsformen, die auf eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung jenseits von Tausch, Markt, Wert und Staat verweisen.
(11.1) 21.06.2007, 10:27, Hans-Gert Gräbe: Du betrachtest (hier) ausschließlich die Verteilungsperspektive. Ist das "gesellschaftliche Verhältnis" auch für die Universal- oder Allgemeingüter (primär) ein Verteilungsverhältnis?
(11.1.2) 27.06.2007, 09:58, Hans-Gert Gräbe: Musst du mir genauer erklären. Bei "... nun zu den Aneignungskonflikten ..." sehe ich (hier = in (11) und folgende) keine Produktionsperspektive, ja nicht einmal Distribution in einem theoretisch einigermaßen umfassenden Sinne. Mal abgesehen davon, dass ich das Wort "Distribution" in dem Zusammenhang nicht verstehe - wird hier was verteilt oder nimmt sich jeder, was er braucht? Letzteres natürlich mit allen Zielkonflikten, die dabei auftreten und die auch eine Freie Gesellschaft behandeln muss. In dieser Gesellschaft kriegts halt im Streitfall der, der am meisten zahlt. Ist hier nicht die Gesellschaft mit dem Kapitalismus längst durch die "Stirnerbresche" aus dem "Hegelhaus" raus? Verweis auf http://leipzig.softwiki.de/index.php/WAK.2007-06-21.
(12) Welchen Verlauf der Kampf um die Warenform bei Universalgütern nehmen wird, ist offen. Um hier eingriffsfähig zu werden, ist es notwendig, die Widersprüche im Feld sowohl hinsichtlich ihrer Allgemeingültigkeit wie ihrer Besonderheit zu begreifen. Das ist kein einfaches Unterfangen, da neben der bürgerlichen Ideologie als notwendige und auch formadäquate Widerspiegelung der immanenten Handlungsanforderungen an das Warensubjekt auch kritische Ansätze eben jene Ideologie unbewusst aufgreifen und theoretisch reproduzieren. Wie stets spielen dabei zentrale Leitbegriffe eine wichtige denk- und damit handlungsleitende Rolle. In diesem Aufsatz soll es dabei um den Begriff der Knappheit gehen. An ihm will ich exemplarisch zeigen, wie der Rückgriff auf bürgerliche Denk-Kategorien entgegen der Intention der Urheber auf Kosten des kritischen Gehalts ihrer Ansätze geht. Dabei steht die Auseinandersetzung mit den alternativen Denkangeboten am Anfang. Der Standpunkt meiner Kritik bleibt zunächst noch im Hintergrund und wird erst im zweiten Schritt expliziert.
(13) Die Demontage des Knappheitsbegriffs macht es möglich, den wenig geräuschvollen, aber eminent brisanten Kampf um die Warenform bei Universalgütern am Beispiel digitaler Universalgüter wie Software, Kultur- und Wissensprodukten darzustellen. Besonderes Augenmerk richte ich dabei auf das Digital Restrictions Management. Dies eröffnet -- so ist zu hoffen -- eine klarere Perspektive auf alternative Ansätze wie die weiter wachsenden freien Bewegungen im Bereich von Software, Kultur und Wissen.
(13.1) 21.06.2007, 10:27, Hans-Gert Gräbe: Ich fände es spannender, den Begriffswald mal auf einem größeren realen Projekt der Szene wie Eclipse oder Apache durchzudeklinieren, statt auf diesem Gegenstand, von dem Andy Müller-Maguhn schon vor Jahren gesagt hat "Das geht nicht, die haben es nur noch nicht begriffen." Die dauernden Prozesse der Neufassung der Eigentumsordnung, wie es Sabine Nuss fein herauspräpariert hat, sind unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg von DRM und vollziehen sich (m.E.) gerade bei den erfolgreichen Projekten der "Szene".
(14) Der Begriff »Knappheit« ist eine Erfindung der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre. Sie geht so: Man nehme einen Alltagsbegriff, in diesem Fall das Wort »knapp« -- laut Wörterbuch bedeutet es »eng anschließend, kärglich, eben zureichend, nicht in vollem Maße«, irgendwie »zu wenig von etwas«. Dann setze man die Bedürfnisse der Menschen auf »unendlich« -- wollen wir nicht immer mehr von etwas? Drittens halte man fest, dass Güter nun einmal »endlich« sind -- es gibt von etwas immer nur abzähl- oder messbar viel. Nun rühre man um: Ein Endliches bezogen auf ein Unendliches ergibt unweigerlich »Knappheit«. Ist doch nicht schwer! Noch einmal bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia (2007a) rückversichert: »Volkswirtschaftlich ist ein Gut genau dann knapp, wenn bei einem Preis des Gutes von Null mehr nachgefragt werden würde als zur Verfügung steht. Knappheit ist damit als Ursache des Wirtschaftens zu betrachten.« Nun, mit dem Preis als weiterer Größe im Bunde, folgt zwingend, dass bei einer Nachfrage über das Maß der Verfügbarkeit hinaus es einen Preis größer Null geben muss, so dass »Wirtschaften« stattfinden kann, damit die Bedürfnisse befriedigt werden können -- wenigstens ansatzweise angesichts ihrer postulierten Unendlichkeit[6]. Da alle Zutaten angeblich zu allen Zeiten gültig und somit naturale Größen sind, findet »Wirtschaften« immer statt -- gestern, heute und auf ewig.
(15) Was geschieht nun, wenn es von einem Gut angesichts einer »Nachfrage« genug gibt? Ist dann alles bestens? Weit gefehlt, denn es findet ja nun kein »Wirtschaften« mehr statt, das gerade das produzieren soll, was wir über das Maß des Verfügbaren hinaus brauchen sollen, damit »Wirtschaften« stattfindet[7]. Damit jener Stillstand etwa angesichts von erreichter Bedürfnisbefriedigung nicht eintritt, damit also Bedürfnisbefriedigung nicht eintritt, auch nicht sektoral oder temporal trotz unter Umständen vorhandener Möglichkeiten, sprich: vorhandener Güter, müssen diese Güter »künstlich knapp« gemacht werden, am besten präventiv. »Künstliche Knappheit« ist somit sehr schlicht definiert als Situation, in der »der Produzent eines Produktes das Angebot unterhalb der Nachfrage hält« (Wikipedia 2007b). Das schließt ungesagt ein, dass Produkte als Angebot und Nachfrage zirkulieren, also Warenform annehmen.
(16) Soweit die Begriffe »Knappheit« und »künstliche Knappheit«. Wie können wir sie dekonstruieren? Es gibt mehrere Ansätze. In der Regel operieren Kritiken der Knappheit mit dem Begriff der Knappheit selbst. Die zugrunde liegende gesellschaftliche Regulationsform von Ware, Geld und Markt wird damit zunächst akzeptiert. Das ist auch vertretbar, wenn klar bleibt, dass sich die Kritik nur innerhalb der Logik der Warenform bewegt. Genau das geschieht jedoch häufig nicht.
(17) Bei der Untersuchung solcher Knappheitskritiken stellen sich zwei Probleme. Einerseits führt der unkritische, affirmative Gebrauch des Knappheitsbegriffes dazu, dass Bestandteile der bürgerlichen Vorstellungen in die eigene Argumentation Eingang finden. Andererseits blenden die Knappheitskritiken zumeist die Differenz von Waren und privatisierten Universalgütern in Warenform aus. Im Folgenden geht es zunächst um den folgenreichen Import, allein der Knappheitsbegriff als Leitkategorie kritischer Argumentationen wird infrage gestellt. Erst anschließend an die Kritik des gängigen Knappheitsbegriffs, die anhand nicht universeller »normaler Güter« entwickelt wird, behandle ich die zusätzliche Problematik der Güterform selbst. Diese Vorgehensweise werde ich am Beispiel zweier kritischer Ansätze durchführen, die sich explizit dem Thema der Knappheit widmen.
(18) Zum ersten Beispiel. Das Wiki »Freie Gesellschaft«[8] liefert folgende Definition von Knappheit (FG-Wiki 2007a): »Natürliche Knappheit liegt vor, wenn Güter nicht in ausreichendem Maße vorhanden oder produzierbar sind, aufgrund ,natürlicher' Faktoren wie der Abhängigkeit von endlichen Ressourcen oder nutzbarem Raum. Unterproduktion liegt vor, wenn Güter zwar in ausreichendem Maße hergestellt werden könnten, aber sich nicht genügend Menschen finden um dies tatsächlich zu tun. Künstliche Knappheit ist eine von Menschen hergestellte Verknappung an sich nicht knapper Dinge (etwa durch Kopierverbote und Kopierschutzmechanismen bei Software).« Im ersten Durchgang lesen sich die drei Bestimmungen vernünftig und kritisch. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sich erhebliche Schwächen.
(19) Die Natürlichkeit der ersten Knappheitsform wird mit dem Bezug auf »endliche Ressourcen oder nutzbarem Raum«[9] begründet. Gleichzeitig wird die Natürlichkeit wieder dadurch aufgehoben, dass von Gütern die Rede ist, die nicht »in ausreichendem Maße« -- hier kommt implizit der Bedürfnisbezug ins Spiel -- »vorhanden oder produzierbar« sind. Augenfällig tritt der Widerspruch im Falle des Produzierens zutage. Produzieren bedeutet gerade nicht bloßes Vorfinden eines »Naturgegebenen«, sondern verweist auf den »Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur«, den Marx als »ewige Naturnotwendigkeit« (Marx 1890, S. 57) gesellschaftlicher Vermittlung festhielt[10]. Das »Natürliche« besteht also hier in der Tatsache, dass Menschen ihre Lebensbedingungen herstellen und nicht darin, dass sie der Natur schon Vorhandenes entnehmen -- wie der Verweis auf die endlichen Ressourcen nahelegt. Die Differenz zwischen Produzieren und bloßer Naturentnahme scheint auch in der Definition selber auf, werden doch jene »endlichen Ressourcen« nur unter Vorbehalt -- nämlich durch Kennzeichnung mit Anführungsstrichen -- als »natürlich« gekennzeichnet. Aber nicht erst die Klassifizierung der Produktion als Naturgegebenheit ist problematisch; schon die Interpretation des bloß Vorhandenen als scheinbar eindeutige Naturgegebenheit lässt sich näher besehen nicht halten.
(20) Auch das bloß Vorhandene ist nämlich kein »natürliches Gut« im Sinne eines bloß da-seienden von der menschlichen Produktion unberührten Dings. Die Produktion hat -- ob intentional oder nicht -- das »natürlich Vorhandene« in einer Weise umgestaltet, dass jener notwendige Stoffwechsel teilweise bedrohlich eingeschränkt oder lokal sogar gänzlich unmöglich geworden ist. Natur im Sinne einer gegenüber allem menschlichen Zutun präexistenten Rohform ist so gut wie gar nicht mehr vorhanden. Natur ist längst global produzierte Stoffwechsel- und also Lebensbedingung für jenes Produzieren. Damit produzieren Menschen nicht nur ihre Lebensbedingungen, sondern sie produzieren darüber hinaus gleichzeitig auch die Bedingungen für die Produktion der Lebensbedingungen. Dabei ist die Ausgestaltung des menschlich-naturnotwendigen Stoffwechsels keine überhistorische, formneutrale Angelegenheit, vielmehr handelt es sich bei den heute vorherrschenden destruktiven Formen der Reichtumsproduktion um die notwendige Verlaufsform der Verwertungslogik, die »zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« (ebd., S. 530).
(20.1) 21.06.2007, 10:32, Hans-Gert Gräbe: Wieso Reichtums"produktion", wenn du die ganze Zeit ausschließlich über die Verteilungsaspekte gesprochen hast? Hier schiebst du unzulässig was rein, was nicht ausargumentiert ist. Schließlich bringt dieser "Reichtum" auch eine Menge von Annehmlichkeiten mit sich, selbst für Hartz-4-Bezieher. Und selbst Hartz-4 ist ja, gegenüber etwa brasilianischen Bedinungen, auch schon eine solche Annehmlichkeit, wenigstens als gesellschaftliches Verhältnis innerhalb des Teils der menschlichen Gattung, der unter die Jurisdiktion dieser "freiesten aller dGOen" fällt. Ich höre hier schon den Aufschrei - sorry, aber auch der provozierte Aufschrei gehört zu den Verhältnissen.
(20.1.3) 07.07.2007, 19:57, Hans-Gert Gräbe: Ah ja, ich hatte auch schon einen anderen Reichtumsbegriff bei dir gelesen ( http://www.opentheory.org/info_kap_2 (40) und insbesondere (41)). Du identifizierst hier also "Reichtum" und eine seiner Formen? Gehört der Warnowtunnel zum "Reichtum"? In welchem Sinne ist er "Ware", da er doch so unverrückbar in der Landschaft steht, einmalig ist, und keiner ihn kaufen will (da er - derzeit - nicht mal als spekulatives Objekt taugt; man kann nur durchfahren und am Kassenhäuschen bezahlen)?
(21) Werden Lebensbedingungen der Menschen grundsätzlich als produziert begriffen, so ist durchaus eine gesellschaftliche Form vor- und herstellbar, die nicht destruktiv ist, sondern die Bedingungen für den Stoffwechsel und den Menschen im Prozess selbst erhält, also gute Voraussetzungen für die Produktion guter Lebensbedingungen sicherstellt. Will man diese Frage aufwerfen, dann kann man die Bedürfnisse jedoch nicht nur beiläufig und implizit ansprechen, sondern muss sie ins Zentrum rücken. Sobald man dies tut und »Produzieren« im umfassende Sinne als Herstellung der menschlich-gesellschaftlichen Lebensbedingungen im Verhältnis zu den historisch-spezifischen Bedürfnissen begreift, anstatt es an eine separate Sphäre namens Ökonomie als vor sich hinfunktionierende quasi-kybernetische »Maschine« zu delegieren, wird ein Begriff wie »natürliche Knappheit« obsolet[11]. Denn genau besehen setzt ein solcher Begriff die Sphärenspaltung -- wertbasierte bedürfnisentfremdete Ökonomie hier, wertabgespaltene bedürfnisbasierte Sphäre dort -- bereits voraus, indem er »Produktion« als das Eigentliche und »Bedürfnisse« als das Nachträgliche trennt, die erst in der Zirkulation im Tausch »Ware gegen Geld« zusammenkommen.
(21.1) 21.06.2007, 10:33, Hans-Gert Gräbe: "als produziert begriffen" - wieso kommt das bei dir so eigenartig subjektlos daher?
(22) Sind nicht aber tatsächlich Ressourcen »natürlich endlich«? Ist das Öl nicht »natürlich knapp«? Ist es nicht so, dass nicht jeder am Ufer eines Sees wohnen kann, weil dieses nun einmal eine endliche Länge hat? Solche und andere Fragen lassen sich nur vor dem Hintergrund einer bereits unterstellten Spaltung von Produktion und Zirkulation formulieren, sie sind -- wie Marx sie an anderer Stelle genannt hat -- »objektive Gedankenformen« (ebd., S. 90), ideologische Formen. Danach geht es scheinbar auf dem Markt darum, welche »Bedürfnisse« befriedigt werden können, für die »die Produktion« nur die Mittel bereitstellt. »Bedürfnisse« werden dabei partialisiert, denn sie müssen die Form des kaufkräftigen Bedarfs annehmen und nur in dieser Form und unter Absehung jeglicher Entstehungsbedingungen kann das jeweilige partielle »Bedürfnis« an die Befriedigungsmittel gelangen. Hier hat sich das Verhältnis von Bedürfnissen und Produktion verkehrt: Produktion ist nicht eine Form der Herstellung aller Lebensbedingungen zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Bedürfnisse sind dazu da, als partialisierter, geldförmiger Bedarf auf bereits Produziertes zu treffen, bei dem nicht nur über die Darreichungsform der durch Kauf zu erwerbenden Ware, sondern über extrem viele andere Bedürfnisse mitentschieden wird. Jeder Kauf ist nicht nur eine Entscheidung für ein Produkt. Ob der Käufer will oder nicht rechtfertigt der Kaufakt implizit gleichzeitig den Ressourcenverbrauch und die produktionsbegleitenden Zerstörungen, die letztlich auch von den Menschen ertragen werden müssen und -- global unterschiedlich verteilt -- die Reproduktionsbedingungen unterminieren. Auch wenn sich diese Konkurrenz der Bedürfnisse hinter unserem Rücken vollzieht, sind ihre absurden Resultate wohl bekannt und werden allseits beklagt.
(23) Die drei vorher genannten Fragen spiegeln genau die beschriebene Denkform wider und isolieren Bedürfnis und Produkt voneinander. Das Produkt ist bereits »da« und nun frage ich: Werden die Ressourcen reichen, wenn wir so weitermachen? Stoffwechsel bedeutet Umsatz von kohlenstoffbasierten Energieträgern: Wird »Peak-Oil« nicht demnächst schon überschritten? Die Menschen wollen nun einmal am Wasser wohnen: Sind die entsprechenden Grundstücke nicht längst vergeben? Es erscheint undenkbar, ja geradezu irrwitzig, Bedürfnisse und Produkte wieder in ein bewusstes gesamtgesellschaftliches Verhältnis zu setzen. Das würde bedeuten, gesellschaftlich danach zu fragen, für welche Bedürfnisse wir mit welchem Aufwand welche »Produktion« betreiben wollen, wie wir mit Begrenzungen umgehen, wie viel menschliche Energie wir für die Reparatur der Verheerungen kapitalistischer Produktion aufbringen wollen, welche Bedürfnisse wir heute, morgen oder erst übermorgen befriedigen wollen, unter Abwägung der Möglichkeiten der Herstellung der Befriedigungsmittel. Unter Bedingungen, unter denen solche Fragen als Verhältnis von Bedürfnissen und Möglichkeiten zu ihrer Befriedigung gesellschaftlich thematisierbar und umsetzbar wären, unter denen das Verhältnis wieder auf die Füße des Bedürfnisses gestellt wäre, gäbe es keine »Knappheit«. Denn Knappheit ist eine notwendige soziale Form der Warenproduktion, die ex post die zerrissene Beziehung der von den Bedürfnissen entkoppelten Produktion wieder mit nun ausschließlich geldbewährten Bedarfen auf dem Markt vermitteln muss. Dazu gleich mehr.
(23.1) 21.06.2007, 10:36, Hans-Gert Gräbe: Das ist ein klares Plädoyer dafür, die Perspektiven Produktion und Konsumtion als künstliche Trennung in diesem gesellschaftlichen Verhältnis zugunsten einer Produzenten-Koproduzenten-Perspektive aufzugeben, was sie ja bei B2B auf der sachlogischen Seite längst ist (SCM, CRM, ISO 9000 etc. etc.). Kommst du bzw. Lohoff nicht nur bis zur Produktions-Koproduktions-Perspektive? Ist da für dich überhaupt ein Unterschied?
(23.1.1) 26.06.2007, 18:53, Stefan Meretz: Mir geht es nicht um eine "Produzenten-Koproduzenten-Perspektive", weil das Normalität ist und keinen Deut die Verwertungslogik und damit Trennung von Bedürfnissen und Produktion überschreitet. Mir scheint, dass genau das für dich gar kein Problem darstellt.
(23.2) 21.06.2007, 10:37, Hans-Gert Gräbe: Was ist der Zusammenhang zwischen Knappheit und dem "gesellschaftlichen Verhältnis"? Ist Knappheit in der hier thematisierten Form nicht eine spezielle Ausdrucksform von Konflikten, die aus der "Taktung" der "Produktion der Bedingungen für die Produktion der Lebensbedingungen" (du in (20)) herrühren? Und werden diese Kommunikationsprozesse nicht auch in einer Marktwirtschaft dauernd geführt? Wieso also Konjunktiv "würde"? Ist nicht gerade die Geldform ein erstes solches Kommunikationsmedium? Infantil natürlich in einem entwicklungslogischen Sinne - wird Zeit, dass das "gesellschaftliche Verhältnis" in die Pubertät kommt ....
(23.2.1) 26.06.2007, 18:59, Stefan Meretz: Deine Verharmlosung von Knappheit als Kommunikationsproblem und der Geldform als Kommunikationsmedium teile ich nicht. Daher auch der Konjunktiv: Eine bedürfnisgesteuerte Produktion jenseits der Knappheit als sozialer Form ist unter Verwertungsbedingungen nicht machbar.
(24) Die adjektivische Kennzeichnung als »natürliche Knappheit« legt sein Gegenstück zwanglos nahe: Wenn Knappheit »natürlich« sein kann, dann wohl auch »künstlich«, und zwar, wenn es sich um eine »Verknappung an sich nicht knapper Dinge« (FG-Wiki 2007a) handelt. Es gibt also anscheinend »an sich« (natürlicherweise) reichliche (nicht knappe) und knappe (nicht reichliche) Dinge. Während bei der natürlichen Knappheit zuerst der Widerspruch zum Herstellungsakt ins Auge sprang, der eine behauptete genuine Natürlichkeit dementierte, so ist es hier gleichsam spiegelverkehrt die Abwesenheit der Produktion: Herstellung taucht hier nur auf als von Menschen hergestellte Verknappung, also als das Gegenteil von Herstellung, als Einschränkung von bereits Hergestelltem. Knappheit erscheint hier als Problem der Allokation, der Verteilung. Das ist wahr und falsch zugleich.
(25) Wahr ist, dass es unzählige Beispiele gibt, in denen der Zugriff auf vorhandene Güter durch Einsatz von Rechtsform, Gewalt und Arbeitskraft unterbunden wird. Die Wikipedia-Definition nennt als Beispiel Software; genauso gut ließen sich auch die Million Paar Turnschuhe anführen, die im November 2006 im Hamburger Hafen entdeckt und schließlich verbrannt wurden, weil die Herstellerfirma keinen Lizenzvertrag mit dem Markeninhaber abgeschlossen hatte und die deshalb medial als »Fälschung« bezeichnet wurden. Unwahr ist jedoch, dass es sich um einen Ausnahmetatbestand handelt, der nur an einem Teil aller vorhandenen Güter exekutiert wird, wie es das Adjektiv »künstlich« nahelegt. Vernichtungsaktionen kommen nicht nur häufig vor, prinzipiell ist jede Knappheit künstlich, da Knappheit mitnichten ein ontologisches Faktum oder eine Begleiterscheinung von »Produktion« schlechthin ist und von der Nutzenseite der Güter her keinesfalls erforderlich wäre, sondern Eigenschaft der Warenproduktion als historisch-spezifischer Form der Produktion. Gleichzeitig ist damit insofern aber auch jede Knappheit natürlich, als Knappheit eine notwendige Wareneigenschaft ist, also der Natur der Warenproduktion entspricht, in der Bedürfnisse und Produkte erst ex post vermittelt werden. Knappheit ist kein den Waren äußerlich aufgeprägter Zusatz, kein bloßes Allokationsproblem, sondern genuiner Bestandteil der Produktion von Gütern als Waren.
(26) An dieser Stelle sei die zweite, bisher ausgeblendete Problemdimension ins Spiel gebracht, denn privatisierte Universalgüter stellen eine gewichtige »Anomalie« (Lohoff 2007) dar. Privatisierte Universalgüter sind äußerlich in Warenform gebrachte Güter, die gleichwohl ihren Universalcharakter nicht verlieren. Obgleich Bezahlgüter in Warenform sind es im engeren Sinne keine Waren. Diese Abspaltung der Form von der Substanz bildet den Kern der Anomalie, die privatisierte Universalgüter auszeichnet. Hier kann man mit einiger Berechtigung davon sprechen, dass den Gütern die Knappheit künstlich aufgeprägt wurde. Hier muss additiv hergestellt werden, was die Produktion nicht erbringt, weil Universalgüter keine Waren sein können. Diese äußerliche, additive Form sorgt zwar für Verkaufbarkeit, nicht jedoch für Werthaltigkeit: Universalgüter, ob in privatisierter oder freier Form, sind und bleiben ohne Wertsubstanz. Das bedeutet für ihren Verkauf, dass angeeignete Geldsummen anderswo produzierte Wertsubstanz umleiten. Die Konsequenzen dieser Form der »Informationsrenten-Ökonomie« können hier nicht diskutiert werden.
(26.1) Begriff "Universalgüter", 18.06.2007, 01:31, Maike Arft-Jacobi: Mir scheint, als würde so argumentiert: es gibt eine Art Güter, die von ihrem "So-sein" her die Warenform sprengen - als wären sie selbst nicht Gesellschaftsdinge, Verhältnisse. Eine Naturalisierung (10: "genuine Eigenschaften"), die beim Begriff der "Knappheit" kritisiert wird. Wenn man sie nicht naturalisiert: Vielleicht haben "Universalgüter" seit jeher schon eine wesentliche Funktion im Kapitalismus, und es sind eben neue "Universalgüter" dazu gekommen? Man könnte "Universalgut"/"konventionelles Gut" dann auffassen als dem Kapitalismus innewohnenden Gegensatz analog zu "Kapital/Arbeit". Was wäre aber dann heute anders als früher?
Die Eigenschaften, die "Universalgütern" als Unterscheidungskriterien zu "konventionellen Gütern" zugesprochen werden, erscheinen mir fragwürdig: nicht stoffliche Natur - daran, dass es "Nichtstoffliches" im Raum/Zeit-Kontinuum "gibt", muss man erst mal glauben; Beschränkungen entstehen durch Bindung an Trägermedien und Anwendung(szeit)en; dass "Universalgüter, einmal in die Welt gesetzt, die Menschheit für immer bereichern" (49) stimmt so nicht - Software, die nicht ständig aktualisiert wird, wird unbrauchbar / Musikdaten müssen entsprechend der akustischen Medien umcodiert werden / Wissen muss umcodiert werden entsprechend der aktuellen Sprache / Reproduktionskosten sind quantitativ geringer, aber nicht nichtvorhanden. Was bleibt als Wesentliches? Ist der Ansatz, danach phänomenologisch zu suchen, angemessen?
(26.1.1) So-sein / genuine Eigenschaften / Naturalisierung, 18.06.2007, 09:54, Stefan Meretz: Dieser Text beschäftigt sich nicht mit der Herleitung des Begriffes "Universalgut", deswegen kommt einiges zu kurz. Der Begriff Universalgut bezieht sich nicht primär auf seine (nicht)gegenständliche Form, sondern auf seine soziale Form. Gleichwohl liegt dem eine spezifische (nicht-stoffliche) Gestalt zugrunde. Man kann zwar sagen, dass alle Universalgüter nicht-stofflicher Art sind, aber nicht, dass alle nicht-stofflichen Güter Universalgüter sind. Entscheidend ist, dass Universalgüter durch allgemeine Arbeit entstehen.
(26.1.1.1.1) Re: So-sein / genuine Eigenschaften / Naturalisierung, 19.06.2007, 22:42, Stefan Meretz: Nein, ein Allgemeingut, denn sie ist stofflich, und ihre Nutzung ist rivalisierend. Vgl. dieses Bild zum Unterschied von Allgemeingut und Universalgut.
(26.1.1.2) 29.06.2007, 20:06, Hans-Gert Gräbe: Maike, genau diese Naturalisierung ist nach meiner Auffassung im Begriff "Universalgut" bzw. überhaupt im Begriff "Gut" kodiert. Deinen Ansatz kann man m.E. nur im Begriff der "infrastrukturellen Einbettung marktwirtschaftlicher Aktivitäten" adäquat fassen, siehe mein mawi-paper http://www.opentheory.org/mtb-mawi.
(26.1.2) Funktion von Universalgütern im Kapitalismus, 18.06.2007, 10:08, Stefan Meretz: Ja, Universalgüter haben seit jeher eine Funktion im Kapitalismus, und schon Marx spürt dem ahnungsvoll in den "Grundrissen" nach. Aber "wesentlich" wird diese Funktion erst mit der dritten industriellen Revolution, also -- sehr verkürzt gesagt -- mit der Trennung der algorithmischen Prozesslogik von der physischen Maschinengestalt (analoge Maschine => algorithmische Universalmaschine + Software + universelle Prozessmaschine) und der Anforderung, die nunmehr abgetrennte und nicht mehr gegenständliche Prozesslogik eigenständig zu entwickeln. -- Hm, das ist wohl arg kurz. Guck mal hier
(26.1.2.1) Re: Funktion von Universalgütern im Kapitalismus, 19.06.2007, 13:36, Wolf Göhring: Ich zitier:
"So treffen sich im begriff der turingmaschine und des algorithmus die rationalisierung des oekonomisch-sozialen lebens mit der formalisierung des denkens. Mit der formalisierung ist man bestrebt, die widerspruchsfreie gewissheit von gedankensystemen unabhaengig von den taeuschungen und tuecken des menschlichen verstandes zu gewinnen, freilich mit der konsequenz, sich damit von jeglichem bezug zur wirklichkeit zu loesen, den zusammenhang des zeichens mit dem bezeichneten aufzutrennen. Unter dem kapitalverhaeltnis haben sich mit der abstrakten verwertungslogik menschliche arbeitstaetigkeiten in 'sachliche verhaeltnisse der personen und gesellschaftliche verhaeltnisse der sachen' (Marx) verwandelt. Die sachlogik der verwertung ermoeglicht und erheischt die immer lueckenlosere anwendung der prinzipien der mechanisierung, um unabhaengig vom koennen und eigensinn der lebendigen arbeit effiziente rationalitaet der produktion zu erreichen, diesmal freilich mit der konsequenz, die vorgeschriebenen taetigkeiten jeglichen sinns zu berauben, den produzenten von seinem produkt und von sich selbst zu entfremden." (Peter Broedner: Der ueberlistete Odysseus. Ueber das zerruettete verhaeltnis von menschen und maschinen. S. 48)
Broedner hat sein ganzes buch dem scheitern der eigenstaendigen entwicklung der prozesslogik gewidmet. Von wegen "algorithmische universalmaschine" oder "universelle prozessmaschine". Der maschinenbauer Broedner verweist auf den zusammenhang zwischen Hilberts axiomatisierungsprogramm, tayloristischer arbeitszergliederung und dem konzept der Turingmaschine. Er verweist auf die theoretischen grenzen, die die theoreme von Post und Goedel lieferten, sowie auf die praktischen grenzen in der schnoeden materiellen produktion in den werkhallen des mittelstaendischen maschinenbaus, in denen es kraeftig nach oel und andern schmierstoffen riecht - eine prozesslogik der praktischen art.
(26.1.2.1.1.1) Re: Funktion von Universalgütern im Kapitalismus, 20.06.2007, 07:22, Franz Nahrada: Schließe mich der Frage an. Tatsächlich ist nicht jede Arbeit durch einen Algorithmus beschreibbar (was nicht heißt das der Algorithmus die einzige geistige Form des Allgemeingutes wäre, es gibt Modelle, Muster etc!!!!) , doch die relativen Fortschritte in der Überwindung von Mühsal und Plackerei durch die Mechanisierung und weitergehend durch die Automatisierung von Produktionsprozessen zu verkennen ist ein starkes Stück. Es wären hier schon Argumente gefragt.
(26.1.2.1.1.1.1) Re: Funktion von Universalgütern im Kapitalismus, 20.06.2007, 08:54, Stefan Meretz: Eine der Illusionen bestand und besteht gerade darin, jede Arbeit einschließlich der Kreativität zu algorithmisieren (ich habe das anderswo mal "Algorithmisierung der Algorithmisierung" genannt). Erinnert sich noch jemand an die CIM-Ruinen? (CIM: computer integrated manufacturing) Das war sowas. -- Also ich meine "Algorithmisierung" nicht affirmativ, sondern beschreibe erstmal nur den Prozess. Die innere Entwicklungsschranke ist die Unmöglichkeit der Unterordnung der menschlichen Kreativität unter das Kapital, oder anders formuliert: Der Widerspruch zwischen Selbstentfaltung und (Selbst-) Verwertung. Hier ist nichts zu "Algorithmisieren".
(26.1.2.2) 29.06.2007, 20:07, Hans-Gert Gräbe: Siehe auch (Fuchs-Kittowski 2002): Unter der Überschrift "Wider die Doktrin der Identifizierung von Automat und Mensch" schreibt er retrospektiv: "Es war damals wie heute die Frage: Welche Stellung hat der Mensch im hochkomplexen Informationstechnologischen System? Unsere Antwort auf die Frage war immer: Der Mensch ist die einzig kreative Produktivkraft, er muß Subjekt der Entwicklung sein und bleiben. Daher ist das Konzept der Vollautomatisierung, nach dem der Mensch schrittweise aus dem Prozeß eliminiert werden soll, verfehlt!" - Eine weitere explizite Replik gegen eine "Anforderung, die nunmehr abgetrennte und gegenständliche Prozesslogik eigenständig zu entwickeln." http://www.informatik.uni-leipzig.de/~graebe/Texte/Fuchs-02.pdf Stefan und Franz, sind wir uns wenigstens darüber einig, dass es eine Perversion ist, über die auch Wolf mit Verweis auf Broedner schreibt? Wenn ja, wo genau in einer Theorie dieser Gesellschaft ist ihre theoretische Beschreibung anzusiedeln? Ist sie nicht bereits im Begriff "Universalgut" kodiert?
(26.1.2.2.1) Universalgut ist keine Perversion, 30.06.2007, 14:09, Franz Nahrada: Es ist eine Unterschiedlichkeit in der Tonart, die uns hier trennt. Die moralische Forderung aufzustellen dass "der Mensch" (ein ziemliches Abstraktum by the way) die einzig kreative Produktivkraft bleiben MUSS, klingt schon wie eine halbe Kapitulation vor dem Gespenst der Technokalypse. (Von dem wir immer noch gute Gründe haben anzunehmen dass es ein blosses Gespenst ist, im Gegensatz zur Diktatur des Werts, der tatsächlich die lebendigen Potenzen aus dem Produktionsprozess eliminiert. Dort und nur dort wäre in der Theorie der Gesellschaft auch die theoretische Berschreibung der Perversität anzusiedeln.)# Im Begriff des Universalgutes ist keineswegs die Vollautomatisierung kodifiziert, es referenziert schlicht auf das was früher mal unter dem Namen "Wissenschaft als unmittelbare Produktivkraft" bekannt war, was damals aber eher ideologischen Rechtfertigungszwecken diente und keineswegs eine so konzise Realität (Inklusive der unmittelbar gesellschaftlichen Natur des Denkraumes Internet) beschrieb wie dies heutzutage der Fall ist. Universalgüter zeichnen sich dadurch aus, dass sie immerzu und immer wieder in lebendigen Produktionsprozessen verwendet werden können, meinetwegen in Form der Halbautomatisierung.
Um jemanden zu zitieren der das schon vor einem Jahrzehnt unnachahmlich formuliert hat:
(26.1.2.2.1.1) Arbeit und Automation (U.S.), 30.06.2007, 14:24, Franz Nahrada: Die Geschichte menschlicher Arbeit ist von "Automatisierung" geprägt, in dem sehr weitgreifenden Sinne, daß man einmal gelungene Arbeitsvorbereitungen wieder nutzt. Das meint nicht nur das Rüsten von Werkzeug und Maschinen, sondern im kulturellen Verständnis gedankliche und "gestellige" Anstrengungen aller Art. Automaten sind dann die konzeptionellen Strukturen, die bisher erlangte bewährte Arbeitsvorbereitung allgemein verfügbar machen, die tradierbar,und weiterentwickelbar sind. Diese Auffassung ist ebenso einfach wie trafähig für die Einordnung schlichter Gegenstände, für konventionelle Planung bis bis zum Einsatz von Rechnern.
Nun kann man sagen, daß für unsere Wirtschaft weitgehend der Handel mit Kopien (Massenprodukten) des Automaten-Ausstoßes das primitive Leitbild ist. Man kann weiter prognostizieren,daß sich Automatisierung sehr langfristig gesamtgesellschaftlich komplett "amortisiert"; d.h. Die Kopien werden immer weniger wert und ihr Handel immer aggressiver. Das kennen wir,gegen den stetigen Wertverlust setzt man künstliche Differenzierungen, die i.ü. dem Sinn einer "Informationsgesellschaft" unter die Gürtellinie gehen. Aber wir müssen noch einen Faktor berücksichtigen: der Handel und der Wettbewerb mit "Kopien" und solchen Überdifferenzierungen führt zu einem geringeren Ausnutzungsgrad und zu Pseudo-Differenzierungen: kein vermeintlicher Nutznießer kann Produkte von (selbst funktionaler) solcher Komplexität mehr rational im Handlungssystem integrieren; und der erste Wettbewerber,der Features nur noch fürs Image einkonstruiert setzt die anderen unter Druck und so entsteht neben der äußerlichen Überdifferenzierung eine inhaltliche Entdifferenzierung. <
Die "Abwälzungskette" der Wirtschaft tritt in Aktion und wir tauschen letztlich nur noch die Images aus. Trittbrettfahrer tun ihr übriges, daraus entsteht dann eine scheinbare Alternative zum Kopienmarkt - nämlich ein ebenso morbider Dienstleistungsmarkt, auf dem einer nur noch von der (völlig qualifikationsunabhängigen) "Dummheit" bzw.Uninformiertheit der jeweils anderen lebt.
In diesem Teufelskreis gefangen ignorieren wir den voluminösen objektiven Bedarf an konzeptioneller Arbeit, der durch die Gestaltung der automatisierten Gesellschaft entsteht und ignorieren dabei gleich mit: den anreizbaren Bedarf an Entwicklungen, insbesondere systemisch inhaltlicher Qualitäten unserer Gebrauchsnutzentragenden Gegenstände und Strukturen. Man findet im trivialen Alltag in jedem Winkel ein Vielfaches an Entwicklungsbedarf im Vergleich zum stattgehabten. Und dies hat entschieden mehr mit Informationstechnik zu tun, als Multimedia Konsum oder Datenschieberei: Die abstrakte Anwendung - nicht der Verkauf von "SW-Aufklebern" und die damit verbundenen Dienstleistungen - verweist auf den Bedarf, die Modelle unserer Welt zu kultivieren; das haben wir schon immer getan, wo tatsächlich gearbeitet wird, und hier besteht von Beginn der kommerziellen Datenverarbeitung an, geradezu peinliches und absurdes Defizit.
Also: was uns die die Informationstechnik brächte, ist nicht prinzipiell neue Arbeit, es ist allerdings die Perfektionierung und Renovierung aller Arbeit, und eben dadurch, daß datentechnische Modelle diese Arbeit sehr viel sinnvoller und notwendig detaillierter und beständiger zu verrichten gestattet. Wenn wir nur halbsoviel in die Fähigkeit operational-logischen und modellbezogenen Arbeitens an unseren wirtschaftlichen Kontexten investierten wie in symptomorientierte Onlinedienste, dann hätten wir einen florierenden Markt der konzeptionellen (sprich Kopf-)Arbeit." (US) (Der "Markt", den Uli da beschreibt ist freilich einer in dem nicht die Wertgröße der Arbeitsprodukte entscheidet, sondern der bewußt gesellschaftlich antizipierte Nutzen)
(26.1.2.2.2) Verdrehungen, 02.07.2007, 22:49, Stefan Meretz: Die Frage, die Fuchs-Kittowski meint (hochmoralisch, wie sonst) stellen und gleich beantworten zu müssen, ist eine aus den Siebzigern, vielleicht noch Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Da scheint der Kollege stehen geblieben zu sein, und da gehört auch das Broedner-Zitat hin. Das Kapital hat die ganzen CI-Konzepte (computer integrated manufacturing etc.) längst abgehakt bzw. in einer Weise aktualisiert, dass von den alten Totalersetzungsphantasien nichts mehr übrig ist. Heute ist doch die Frage, wie der Mensch sich als ganze Person total der Verwertungslogik unterordnet, sie verinnerlicht und produktiv entäußern kann. Was damals vorlag war eine theoretische "Verdrehung" im Kopf der CIM-Protagonisten, worüber ich mich heute nicht mehr echauffieren kann. -- Ansonsten stimme ich hier Franz zu. Mit Universalgut hat das nicht zu tun, im Gegenteil: Universalgüter und die allgemeine Arbeit, die sie schafft, sind geradezu die Antipoden der bis ins kleinste runterformalisierten Totalautomaten.
(26.1.3) Universalgut vs. konventionelles Gut = Kapital vs. Arbeit, 18.06.2007, 10:20, Stefan Meretz: Der Gegensatz von Kapital und Arbeit ist in der Tat dem Kapitalismus immanent. Meiner Meinung ist er jedoch nicht Quelle einer möglichen Überschreitung der kapitalistischen Form, weil sich seine widersprüchliche Bewegung allein auf dem Boden dieser Form vollzieht. Der Gedanke, ob nun Universalgut vs. Konventionalgut für einen ähnlichen Gegensatz stehen können, ist interessant. In dem Aufsatz beantworte ich das so: Universalgüter entstehen durch allgemeine Arbeit, die wertunproduktiv ist. Damit kann der Kapitalismus nicht umgehen, obwohl er gleichzeitig immer mehr Universalgüter als universelle Produktionsvoraussetzung für die (wertproduktive) Herstellung konventioneller Güter braucht. Dieser Gegensatz ist krisentheoretisch interessant, enthält aber "an sich" keine überschreitende Potenz. Erst wenn eine Produktionsweise auftritt, die auf der Herstellung von Universalgütern basiert (und das kann nur eine "wertfreie" sein), dann wird auch der Kapitalismus praktisch in Frage gestellt. Diese neue PW kommt jedoch nicht von alleine, sondern muss geschaffen werden. -- Auch sehr kurz gesagt.
(26.1.3.1) 29.06.2007, 20:09, Hans-Gert Gräbe: Warum meinst du einerseits, die Überschreitung der kapitalistischen Form nicht in Termini derselben erklären zu können (was mir plausibel ist), andererseits aber mit dem Begriff "wertunproduktiv" weiterzukommen. Er bezieht sich ja auch - wenigstens in deiner Lesart - zwar negatorisch, aber nur auf eine Begrifflichkeit dieser Gesellschaft? Auch das Adjektiv "wertfrei" einer anderen Gesellschaft ist ja nur ein negativer Bezug auf diese hier, oder?
(26.1.3.1.1) 02.07.2007, 22:28, Stefan Meretz: Mit dem etwas gestelzten Begriff "wertunproduktiv" kommt man nicht weiter, er enthält selbst nichts Überschreitendes -- habe ich aber auch geschrieben. Und "wertfrei" ist in der Tat nur ein Hilfsbegriff, der bloß negativ sagt, was nicht mehr sein soll, aber insofern noch völlig auf diese Gesellschaftsform bezogen ist. Was Aufhebung heissen kann, ist nicht mit einem Wort zu sagen, weil nicht nur das aus meiner Sicht zentrale gesellschaftliche Vermittlungsscharnier "Wert", sondern sehr viele weitere Formen und gegenständliche Inkarnationen (dein Spiegel in den Dingen!) des Kapitalismus zur Disposition stehen (was auch erst mal nur negativ formuliert ist).
(26.1.3.2) Re: Universalgut vs. konventionelles Gut = Kapital vs. Arbeit, 30.06.2007, 14:35, Franz Nahrada: Stefan Du kanst Dir denken dass ich das genau entgegengesetzt formulieren würde. Bei mir würde sich das so lesen: Die Arbeit ist sozusagen autonom geworden, weil durch die zunehmende Kommunizierbarkeit allgemeiner Arbeit oder die Zugänglichkeit der Universalgüter die despotische Vergesellschaftung durchs Kapital nicht mehr ohne Alternative ist, sondern die gesellschaftliche Dimension den unmittelbaren Produzenten viel leichter zugänglich ist. Die lange Ehe zwischen Kapital und Arbeit kann endlich geschieden werden. Aber für die Sache ist dieser Unterschied nahezu irrelevant.
(26.1.3.2.1) Re: Universalgut vs. konventionelles Gut = Kapital vs. Arbeit, 02.07.2007, 22:31, Stefan Meretz: Den Gegensatz sehe ich gar nicht so, sondern es ist gewissermaßen die andere Seite der gleichen Medaille. "Wer aber zahlt mir den Unterhalt nach der Scheidung", fragen sich jedoch natürlich viele (in Begriffen des Geldes), und das ist die Crux.
(26.1.3.2.1.1) Re: Universalgut vs. konventionelles Gut = Kapital vs. Arbeit, 03.07.2007, 11:00, Franz Nahrada: Stimme Dir zu. Die Frage ist blöd, weil der Ehemann bankrott ist und die kaputte Ehe darauf beruht, dass die Ehefrau systematisch abhängig gehalten wird. Es ist also ein Emanzipationsakt notwendig, in dem das "An Sich auf eigenen Füssen stehen können" auch zum Für Sich wird.
Soll heißen: alle Potentiale der autonomen Eigenarbeit haben sich in hohem Reifegrad herausgebildet, dezentrale und/oder distribuierte Produktion zur vollständigen Versorgung (in diesem Sinn meinetwegen "Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft" a la Fresin) ist weitgehend keine Utopie mehr. Linke wie die Krisis Gruppe die mit dem Begriff der Arbeit deren Abhängigkeit vom Kapital festschreiben wollen erfüllen - naja sagen wir mal: keine weitertreibende Funktion. Natürlich geht es nicht nur um Wiederaneignung, sondern auch um Selbstfindung, um Innovation, dafür ist das Scheidungsbild (auch ein Universalgut von U.S.) glaub ich recht passend....
(26.1.4) Nicht-Stoffliches in Raum und Zeit, 18.06.2007, 10:28, Stefan Meretz: Nicht-Stoffliches in Raum und Zeit als Solches gibt es nicht, aber das ist doch klar, oder? Auch die Pythagoras-Formel muss getragen werden, von irgendwem oder irgendwas. Aber die Tatsache, dass ein stofflicher Träger existieren muss, aber durch das Getragene keineswegs vorgegeben ist, welcher das sein muss, ist bedeutend. Es war eine Revolution, die Handwerkzeuge und das operative Wissen des Handwerkers "in" der Werkzeugmaschine zu vergegenständlichen. Und es war eine ebensolche Revolution, sowohl Sachlogik wie auch Zeitlogik (Werkzeuglogik und Wissen) wieder aus der Maschine "raus" zu holen und auf universelle Maschinen zu übertragen, wo sie nun eigenständig weiterentwickelt werden konnten. Natürlich gibt es dort auch immer wieder Beschränkungen. Diese sind jedoch gegenüber dem Sprung, der durch die Trennungen möglich wurde, marginal.
(26.1.5) Reproduktionskosten von Universalgütern, 18.06.2007, 10:53, Stefan Meretz: Du sprichst hiermit einen Punkt an, den Marx in Bezug auf die Produktion "moralischen Verschleiß" im Unterschied zum "technischen Verschleiß" genannt hat. Nun geht es bei deinen Beispielen nicht (nur) um die Produktion,aber dennoch kann man das Problem von hier aus ganz gut durchdenken: Weder Software, noch Musikdaten noch Wissen verschleißen "technisch", folglich gibt es auch keine technischen Reproduktionskosten. Was technisch verschleißt sind die Träger (gleich, ob digitale oder analoge), aber das ist hier nicht angesprochen. Es gibt jedoch so etwas wie "moralischen Verschleiß" von Software, Musik, Wissen, der jedoch unter unseren Bedingungen getrieben wird vom Verwertungszwang, der einen Weiterentwicklungszwang erzeugt. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der dieser nicht existiert, dann könnten wir uns entscheiden, eine Weiterentwicklung zu beenden oder ebenso, eine Weiterentwicklung zu betreiben. Grundlage wären dann nicht mehr Verwertung und Profit, sondern -- vielfach vermittelt, etwa der Naturverbrauch abgewogen etc. -- unsere Bedürfnisse. Bei gestoppter Entwicklung würde Software auch im sozialen Sinne keinesfalls veralten. Allgemeiner gesagt: Das Veralten ist keine Spezifik des Gutes, sondern eine der sozialen Form. Das unterscheidet Universalgüter fundamental von konventionellen Gütern.
(26.1.6) Ansatz phänomenologisch?, 18.06.2007, 11:02, Stefan Meretz: Der Ansatz ist nicht phänomenologisch, sondern begrifflich -- zumindest ist das die Absicht. Der Artikel "Kampf um die Warenform" wendet eher an, was schon vorher begründet wurde, nämlich bei Lohoff 2007 (in Thesenform hier zusammengefasst). Kernthese ist: Universalgüter konstituieren eine besondere soziale Form, die im Kapitalismus sehr widersprüchliche Konsequenzen hat. Kernthese ist nicht: Universalgüter sind nicht-stofflicher Natur und deswegen anders als andere Güter (das stimmt schon phänomenologisch nicht).
(27) Neben der natürlichen vs. künstlichen Knappheit führen die Autorinnen und Autoren eine weitere Knappheitskategorie im FG-Wiki ein -- ist doch nicht der gesamte Argumentationsraum der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre abgedeckt. So wurde für den Fall des »Nachfrageüberhangs« (Nachfrage größer als Angebot) aufgrund fehlender Produktion der Begriff »Unterproduktion« gewählt. Denn ganz offensichtlich sei es doch so, dass bestimmte Dinge nicht hergestellt werden: »Es ist ... zumeist mangelnde Rentabilität -- und nicht Knappheit, d.h. Mangel an benötigten Ressourcen --, die dazu führt, dass Dinge nicht produziert werden, obwohl Bedarf für sie da wäre.«[12] (FG-Wiki 2007b) Die Unterproduktion aufgrund zu geringen Profits fällt hier deswegen in eine eigene Knappheitskategorie, weil der ursächliche Zusammenhang aller drei Aspekte nicht gesehen wird. Der Grund dafür ist der theoretische Nachvollzug der in der bürgerlichen Gesellschaft vorhandenen Trennung von Produktion und Bedürfnisbefriedigung. Die Behauptung, die Knappheitsform »Unterproduktion« würde auftreten, wenn der Profit nicht stimmt, unterstellt, dass bei ausreichendem Profit eigentlich keine Knappheit aufträte. Das ergibt auch Sinn, wenn hier nun die »künstliche Knappheit« einspringt, die dann »an sich nicht knappe Dinge« verknappt. Das jedoch mystifiziert die Knappheit zu einem der Ware generell äußerlichen Phänomen, wie sie bei privatisierten Universalgütern doch so offensichtlich zu beobachten ist: Die separierte Produktion ist zwar im Kapitalismus profitgetrieben, sie erscheint aber als eine an sich neutrale Angelegenheit. Erst in der Zirkulation scheint dem Produkt die Knappheit oktroyiert zu werden, erst hier scheint das Produkt Ware zu werden, und erst hier scheint der Profit zu entstehen. Diese Implikationen reproduzieren -- ich unterstelle: ungewollt -- jenen »Verteilungsmarxismus«, der doch eigentlich zu überwinden sei, denn anderenorts bezieht sich das FG-Wiki explizit positiv auf die Wertkritik (vgl. FG-Wiki 2007b).
(27.1) Produktion im Kapitalismus vs. Produktion in einer Freien Gesellschaft, 18.06.2007, 22:19, Christian Siefkes: Indem du hier einen anderen Artikel zitierst (den Kapitalismus-Artikel), unterstellst du, es dort ginge um Unterproduktion als spezifisch kapitalistisches Problem. Aber in den Knappheits-Artikeln ging es uns ja nicht nur um den Kapitalismus, sondern auch und v.a. darum, wie die Produktion außerhalb des K. (in einer "Freien Gesellschaft") organisiert werden kann. Un da ist es halt nun mal so, dass "natürliche Grenzen" (oder "natürliche Knappheit" - aus den jeweiligen Charakterisierungen geht ja durchaus hervor, dass wir mit diesen Begriffen dasselbe meinen) und Unterproduktion (ich möchte/brauche etwas, kann es aber nicht selber herstellen, und konnte bislang auch sonst niemand dazu bewegen es herzustellen) nach wie vor Probleme sein werden, auch wenn Rentabilität und rein "künstliche Knappheit" (a la Kopierschutz) dann keine Rolle mehr spielen würden.
(27.1.1) Re: Produktion im Kapitalismus vs. Produktion in einer Freien Gesellschaft, 19.06.2007, 22:52, Stefan Meretz: Wenn du im Knappheitsartikel auch die Freie Gesellschaft behandeln willst, in der es keine Knappheit als soziale Form (so wie ich das darlege) gibt, dann vermischt du hier Unvereinbares. Am besten, du nimmst einen neuen Anlauf und trennst Knappheit im Kapitalismus und meinetwegen Unterproduktion (unglücklicher Begriff, weil der von den Bedürfnissen abstrahiert) in der Freien Gesellschaft. Es geht um die soziale Form, um das Verhältnis von Bedürfnissen und Produktion, und unterscheiden sich fundamental.
(27.1.1.1) Re: Produktion im Kapitalismus vs. Produktion in einer Freien Gesellschaft, 20.06.2007, 06:59, Franz Nahrada: Das Absurde ist, dass die kapitalistische Produktionsweise nahezu jedem Bedürfnis, wenn es ein zahlungsfähiges ist, Befriedigung verspricht. Realiter negiert sie die nicht zahlungsfähigen Bedürfnisse. Es kann gesagt werden, dass es noch nie eine Produktionsweise gegeben hat die derartig viele Bedürfnisse negiert hat. Zum Teil auch deswegen, weil jeder Bezug zwischen dem System der Bedürfnisse und dem System der Arbeiten gekappt ist und nur das einzelne zahlungsfähige Bedürfnis zählt. Dadurch entstehen Disproportionalitäten die auch in einer anderen Gesellschaft nicht aufhebbar sind. "Teilchenbeschleuniger und Luxusyacht" sind Ikonen einer Produktionsweise, die zwar enorme Güter produzieren kann, aber auf die Masse der Bedürfnisse eben keine Rücksicht nimmt.
Der Begriff der Knappheit ist eine ebenso absurde ökonomische Kategorie wie die des Wachstums, weil er die prinzipielle Unfähigkeit des ökonomischen Systems zur Produktion eines ausreichenden Reichtums auf der einen Seite zur gesellschaftlichen Natureigenschaft erklärt, ebenso wie auf der anderen Seite den schrankenlosen Anspruch auf Vermehrung und Ausdehnung der Produktion.
Michel Bouwens hat vorgeschlagen, die Kritik des Kapitalismus in zwei Grundsätzen zusammenzufassen, und ich finde das Konzept sehr überlegenswert:
Auf der einen Seite erzeugt diese Produktionsweise die Illusion der Machbarkeit unendlicher Produktion und der Verfügbarkeit unendlicher Ressourcen, wo doch bekanntermassen die materielen Ressourcen endlich (und das heisst noch lange nicht knapp!) sind.
Auf der anderen Seite limitiert diese Produktionsweise das einzige Gut, das tatsächlich in unendlicher Menge vorhanden ist, nämlich die Kreativität und Imaginativität des menschlichen Geistes, und beschränkt damit die wichtigste Reichtumsquelle
(27.1.1.1.1) Re: Produktion im Kapitalismus vs. Produktion in einer Freien Gesellschaft, 20.06.2007, 08:56, Stefan Meretz: Ich finde die zwei Grundsätze zwar sehr allgemein, aber ganz geeignet - sozusagen "bündnisfähig". Wenn man das allerdings ausargumentiert, werden die jeweiligen Begründungen sehr unterschiedlich sein.
(28) Zum zweiten Beispiel. Sabine Nuss (Nuss 2006) verwendet die Begriffe natürliche und künstliche Knappheit in ähnlicher Weise wie die Autorinnen und Autoren des FG-Wiki. Allerdings erkennt und formuliert sie wesentlich schärfer den Zusammenhang von Eigentums- und Warenform[13] kapitalistischer Produktion: »Der spezifisch kapitalistische Aneignungsprozess hat ... zur Voraussetzung, dass Produkte, sofern sie Warenform annehmen sollen, ,knapp' sein müssen, das heißt, dass sie nur der zahlungsfähigen Nachfrage zugänglich sein dürfen.« (ebd., S. 205) Nuss konstatiert, dass »künstliche Verknappung ... bei allen Gütern erfolgen muss, wenn sie für den Warentausch produziert werden. Bürgerliches Eigentum ist die Erzeugung künstlicher Knappheit.« (ebd.). Doch damit hypostasiert sie den Begriff des »Künstlichen«, als ob erst eine generell zusätzlich zur Produktion durchzuführende Aktion -- die »Verknappung« eben -- aus Gütern Waren macht, als ob die Güter in der Produktion bloße Güter sind und nicht bereits als Waren erzeugt würden. Bei Nuss ist diese eigentümliche Trennung von Produktion und Zirkulation insofern verständlich, als sie sich theoretisch an Michael Heinrich orientiert und diese Interpretation des Verhältnisses von Zirkulation und Produktion dessen Ansatz insgesamt durchzieht.[14] Diese theoretische Nähe hat aber ihren Preis. Indem Nuss die Knappheitsproduktion generell zu einem der eigentlichen Produktion nachgeschalteten Prozess erklärt, missversteht sie ein spezielles Merkmal der Produktion privatisierter Universalgüter als allgemeine Wareneigenschaft. In Wirklichkeit handelt es sich aber gerade dabei um eine warengesellschaftliche Anomalie. Diese tritt gerade dort auf, wo die Warenform Nicht-Waren oktroyiert wird.
(28.1) Was heißt da "nachgeschaltet"?, 18.06.2007, 22:56, Christian Siefkes: Die geplante Zirkulation als Ware ist ja im Kapitalismus immer Voraussetzung für die Produktion von Waren. Eine Ware wird nur dann produziert, wenn der Produzent damit rechnet, sie profitabel absetzen zu können, was normalerweise Knappheit voraussetzt (was schon allen in hinreichendem Maße zur Verfügung steht, kann man schwerlich verkaufen). Das gilt für deine Universalgüter genau wie für alle anderen Waren: wenn Microsoft nicht davon ausgehen würde, mit Windows einen Profit zu machen, würde es Windows gar nicht erst produzieren. Insofern ist die mutmaßliche Knappheit bei der kapitalistischen Produktion von Universalgütern genauso notwendige Voraussetzung für die Produktion wie bei allen anderen Waren.
(28.1.2) 21.06.2007, 10:39, Hans-Gert Gräbe: Mehr noch: Die Produktion ist - in einem arbeitsteilig organisierten Kontext - auch Folge der Zirkulation, weil ich mich natürlich in meiner eigenen Arbeit auf die Zuarbeiten der anderen verlassen muss. Das ist überhaupt nicht an die spezielle spätkapitalistische Form gebunden, sondern muss in jeder arbeitsteiligen, also in jeder zukünftigen Gesellschaft organisiert werden. (Ruben-98): Wie kann Marx über der Perspektive des Verkaufens die Perspektive des Kaufens übersehen?
(28.1.2.1) 26.06.2007, 19:07, Stefan Meretz: Die Zirkulation ist eine spezifische Form der Warenproduktion, muss also keinesfalls in "jeder arbeitsteiligen, also in jeder zukünftigen Gesellschaft organisiert werden". Diese wiederkehrende Ontologisierung historisch-spezifischer gesellschaftlicher Verhältnisse verstellt dir systematisch den Blick: Eine Erscheinung zur Seinsweise erklärt, und schon ist sie raus aus dem Diskurs und der Kritik - mit der Folge der (gedanklichen) Perpetuierung des immer Gleichen.
(28.3) 21.06.2007, 10:41, Hans-Gert Gräbe: Worin also besteht die "warengesellschaftliche Anomalie"? Welche impliziten Annahmen stecken da drin, denn es kann ja keine Anomalie sein, dass sich autonome kooperative Produzenten arbeitsteilig organisieren und dabei Formen "produzieren", in denen dieses inhärent konfliktäre Feld prozessiert wird. (Auch) das ist ja die Warenform. Dass sich in diesem "Ding" (auch) die Machtverhältnisse der Gesellschaft spiegeln, ist eine Binsenweisheit, hilft allerdings bei der Analyse der kooperativen Potenzen der Warenform nicht weiter (wenn ihr diese überhaupt analysieren wollt und nicht nur über Utopien reden).
(29) So wie Knappheit als Akt der Verknappung erscheint und somit »künstlich« ist, so erscheint die Endlichkeit bestimmter Güter bei Nuss als »natürlich«: »Natürlich gibt es Produkte, die ,von Natur aus' endlich sind, wie beispielsweise fossile Energieträger. Hier handelt es sich aber um eine natürliche Knappheit (also eine Knappheit auf der stofflichen Ebene), nicht um eine gesellschaftlich erzeugte (also um eine Knappheit auf der Ebene der gesellschaftlichen Formbestimmung).« (ebd., S. 206, Herv. im Original). Aus der Problematik der in naher Zukunft erreichten Schranken der Förderbarkeit bestimmter Ressourcen, die Ergebnis der spezifischen Produktionsweise sind und mithin auf der »Ebene der gesellschaftlichen Formbestimmung« zu verhandeln wären, schließt Nuss auf eine »natürliche Knappheit«. Aber mit einer schlichten »Verwechslung von Wesen und Erscheinung« kann das Problem nicht abgetan werden. Fragen wir also: Sind nicht wirklich die »Produkte ... endlich«? Die Produkte? Oder die Grundstoffe, die zu Produkten verarbeitet werden? Welche Produkte eigentlich, für welches Bedürfnis? Auch hier wird wieder so getan, als gäbe es »die Produktion« unter Abstraktion jeglicher Bedürfnisse. Der gesellschaftliche Schein der Trennung von Produktion und Bedürfnis wird hier als »natürliche Knappheit« mystifiziert: Dort ist Produktion, und so wie sie dort läuft, ist sie endlich, also knapp, zuerst das Öl -- das sieht doch jede/r! Von einer genauen »Formbestimmung« wird genau dort abgesehen, wo sie erforderlich wäre.
(29.1) 21.06.2007, 10:42, Hans-Gert Gräbe: Geht es hier um die Produktion der Lebensbedingungen oder die Produktion der Bedingungen der Produktion der Lebensbedingungen (deine Unterscheidung (20)) oder ist das (hier? oder überhaupt?) unwesentlich? Falls nein: Gibt es so was wie die Produktion der Bedingungen der Produktion der Bedingungen der Produktion der Lebensbedingungen? Usw.
(30) Aber auch auf der bloß »stofflichen Ebene« wird es nicht besser. Die Aussage, dass »Produkte ... endlich sind« ist zwar richtig, aber so allgemein wie nichtssagend. Es gilt für buchstäblich alle Stoffe -- über kurz oder lang. Die Frage ist jedoch, in welcher Weise die Menschheit ihren endlichen Aufenthalt auf der Erde angesichts der Endlichkeit ihrer stofflichen Beschaffenheit gesellschaftlich herstellt, in welcher Weise sie also gesellschaftlich das Verhältnis von Bedürfnissen und Produzierbarem organisiert. So gesehen ist alles »knapp«, womit sich jedoch vollends der Erkenntnisgehalt des Begriffs verflüchtigt.
(31) Unbesehen dieses Defizits -- letztlich, weil sie den Begriff Knappheit nicht antasten möchte -- kritisiert Nuss jedoch zurecht die unter den Kritiker/innen des »geistigen Eigentums« (wozu auch das FG-Wiki Projekt gehört) verbreitete schlichte Dichotomie von »stofflich = natürlich knapp« und »unstofflich = nicht knapp«: »Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt mit der Annahme einer natürlichen Knappheit der Güter eine Denkform, welche Voraussetzung der bürgerlichen Eigentumstheorie ist und welche auch die Kritiker des geistigen Eigentums teilen, indem sie auf die Nicht-Knappheit des Immateriellen als Gegensatz zur Knappheit des Materiellen verweisen.« (ebd., S. 208) Zwar schränkt sie die Bindung des »Stofflichen« an die Knappheit ein und dekonstruiert diese als im Wesentlichen »gesellschaftliche Formbestimmung«, jedoch hält sie an der Dichotomie »natürlich knapp« vs. »künstlich knapp« letztlich fest. Das hindert sie daran, den Kern der Dichotomie stofflich/knapp vs. unstofflich/unknapp freizulegen: Als Waren hergestellte Güter sind knapp, unabhängig von ihrer stofflichen Beschaffenheit; bei den in die Warenhülle gepressten privatisierten Universalgütern ist jedoch die Knappheitsproduktion an Produktmodifikation (Kopierschutz) und juristische Zusatzmaßnahmen gebunden -- insofern sprechen die Kritiker/innen des »geistigen Eigentums« mit ihrer falschen Gegenüberstellung von »künstlicher« und »natürlicher Knappheit« also durchaus einen realen Unterschied an.
(32) Für eine begriffskritische Wendung des Problems »Knappheit« ist mehr theoretische Substanz erforderlich. Ernst Lohoff hat in einem früheren Aufsatz »Zur Dialektik von Mangel und Überfluss« (1998) bereits Grundsätzliches beigesteuert. Lohoff bringt die Paradoxie der »Identität von Mangel und Reichtum« (ebd., S. 58) folgendermaßen auf den Punkt: »Knappheit wird naturalisiert, indem sie konsequent zunächst mit Mangel, also unzureichender menschlicher Bedürfnisbefriedigung, durcheinandergeworfen wird und dieser wiederum mit der Endlichkeit aller Ressourcen. (...) ,Knappheit' resultiert weder aus der quantitativen Begrenztheit aller von Natur vorhandenen oder von Menschen erzeugten Dinge noch aus einem vorausgesetzten prinzipiellen Mangel an Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung; die ökonomische Setzung Knappheit erzeugt vielmehr ihrerseits erst systematisch jenen Mangel, der ihr Urgrund sein soll.« (ebd., S. 59) Die initiale »Setzung« als »Schaffung von absolutem Mangel« durch »ursprüngliche Expropriation« (ebd., S. 66) erfolgt im Prozess der historischen Durchsetzung des Kapitalverhältnisses und des Privateigentums: »Privateigentum fällt mit der Konstitution von Mangel zusammen, weil es für einen grundsätzlich exkludierenden Bezug auf alles steht, was zum gesellschaftlichen Reichtum zählen kann.« (ebd., S. 67f.)
(33) Um den Austausch von »Knappem« als universelles gesellschaftliches Prinzip zu etablieren, musste dafür gesorgt werden, dass »auch die Arbeitskraft zum ,knappen Gut' mutiert« (ebd., S. 73). Das war nur möglich, indem die Lebenszeit der Menschen aufgespalten wird in eine für einen fremden, abstrakten Zweck von der »eigentlichen Lebenszeit ,ab(ge)spart(e)'» (ebd.) und zu opfernde Zeit und einen Rest, der der Reproduktion der Opferzeit dient. Diese Mutation vom Menschen zum Arbeiter war Teil der »Urverbrechen der Warengesellschaft«, der »gewaltsame(n) Zerstörung aller knappheitsfreien Formen von Reichtumserzeugung« (ebd., S. 65f.). Denn: »Wären die (re)produktiven Tätigkeiten für diejenigen, die sie ausüben, unmittelbare Lebensäußerung und Lebensbedürfnis, so könnten sich die Erzeugnisse niemals als Ensemble knapper Güter vergegenständlichen.« (ebd., S. 73)
(33.1) 21.06.2007, 10:43, Hans-Gert Gräbe: Ist nicht selbst für eine "ungespaltene" Persönlichkeit Lebenszeit genuin knapp? Selbst für Robinson auf der Insel, wenn er "alles unter Kontrolle" haben möchte, also die Sache mit der Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen ernst nimmt. Da wird die Verzichtsperspektive evident. Ist aber nicht jede Entscheidung, eigene Zeit für dieses aufzuwenden, zugleich eine Entscheidung gegen jenes? Den letzten Satz verstehe ich in diesem Kontext schlicht gar nicht. Für mich folgt aus meiner Argumentation hier das glatte Gegenteil: Da die (re)produktiven Tätigkeiten für diejenigen, die sie ausübern, unmittelbare Lebensäußerung und Lebensbedürfnis sind, tragen die produzierten Dinge einen Teil dieses inneren Konflikts (zwischen meinen Bedürfnissen heute und morgen) und können sich gar nicht anders denn als Ensemble knapper Güter vergegenständlichen.
(34) Der Terror des absoluten Mangels sowohl an Subsistenzmitteln wie opferfreier Lebenszeit, war auf Dauer für die Reproduktion des warengesellschaftlichen Systems als Ganzem dysfunktional, denn ähnlich wie bei der bloß formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital in Formen der absoluten Mehrwertsteigerung durch Ausweitung des Arbeitstages, Kinderarbeit etc. waren die Grenzen bald erreicht. Die Systemkonstitution der Warengesellschaft war erst in dem Maße abgeschlossen, wie der Mangel nicht mehr nur äußerliches Prinzip, sondern integraler Bestandteil der Reproduktion der Verwertungslogik wurde. Folglich: »An die Stelle des absoluten tritt der sich selber perpetuierende relative Mangel. An die Stelle äußerlicher Gewalt tritt