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Kapitalismuskritik reloaded
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Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 15.06.2005  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) "Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht umgekehrt" "Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter." (Franz Müntefering)

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Es ist schon erstaunlich, wie laut die Hunde diesmal bellen, weil sie sich getroffen fühlen. Welcher Finanzinvestor oder auch welcher kleine Aktieninhaber hat wohl schon einmal einen Gedanken an die Menschen verschwendet, deren vernichtete Arbeitsplätze ihre Kurse in die Höhe heben? Gibt es da überhaupt einen einzigen, der dies ehrlich von sich behaupten könnte? Und was würde sogar das mitleidigstes Gedenken daran ändern, dass Aktienkurse nun einmal vor allem dort steigen, wo Produktionsmethoden eingesetzt werden, die produktiver sind, also lebendige Arbeitskraft einsparen?

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Wie Recht Müntefering mit seiner Befürchtung hat, dass die jetzige Wirtschaft nicht mehr für die (arbeitenden, sondern nur die investierenden) Menschen da ist, beweisen seine Widerredner ganz deutlich. Hans-Werner Sinn etwa gibt zu bedenken: „Herrn Münteferings moralische Entrüstung über ökonomische Gesetze könnte sich genauso gut gegen das Gesetz der Schwerkraft richten.“ (Sinn 2005) Der Fehler Münteferings besteht also nur darin, die Investoren mit Heuschreckenschwärmen zu vergleichen – die angesprochene Tatsache, dass die Wirtschaft nicht für die Menschen da ist, wird durch Sinn sogar noch bekräftigt: Es sind ökonomische Gesetze, die das so festlegen. Basta!

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Mit eiserner, ökonomischer Gesetzmäßigkeit haben wir also weiterhin damit zu rechnen, dass große Unternehmen tausende Arbeitskräfte entlassen, dass kleinere und mittlere Unternehmen es nicht mehr schaffen, neue Märkte zu eröffnen, weil die Kaufkraft und auch die zahlungskräftige Bedürftigkeit nicht immer weiter gesteigert werden kann und dass die vielen verzweifelten Ein-Mann-Existenzgründungen nur zur Vertuschung der Überflüssigkeit eines immer größer werdenden Teils der Menschen dienen. Es sind ökonomische Gesetze, die nicht mehr nur die Abermillionen in den Slums der sog. Dritten Welt, sondern mittlerweile auch ca. 8 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, wie sogar die BILD-Zeitung zählt, zur nutzlosen Überbevölkerung stempeln.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Wie Recht der Herr Wissenschaftler Sinn hat. Als hätte er Marx verstanden, ist sicher auch ihm klar, dass nur dort investiert wird, wo entweder die eingesetzte Arbeitskraft von Menschen mehr Wert abwirft, als man ihm zahlen muss oder dort, wo man etwas plündern kann, was gar nichts kostet. Mittlerweile wirft die Ausbeutung der Arbeitskräfte nur noch dort etwas ab, wo die Löhne minimal sind und da die Transportkosten nicht der Rede wert sind, schuften die jungen Frauen in den Sweatshops der Welt für unsre modischen Wegwerffummel, die Kinder in China für den bunten Plastikmist in den MacDonalds-Tüten und dass der Ressourcenraub für die Produktion unserer Handys im Kongo zu Elend und Leid führt (Kührt 2004), geht uns schon lange nichts mehr an. Aber es geht noch besser. Warum bezahlen, wenn man bisher kostenlose Dinge einfach nehmen, einen Preis draufkleben und dann lustig weiter verkaufen kann? So tausendfach geschehen mit dem Grund und Boden der Menschen, die versehentlich auf dem Land lebten, auf dem unsere Konzerne große Staudammbauten zu ihren Gunsten errichten; so geschehen mit dem Wasser im trockenen Afrika, dem eine Weltfirma Zucker und braune Farbe beimengt und dies dann teuer als Getränk weiter verscheuert. Und so geschieht es mit dem Wissen und der Weltkultur, die sich in Form von Patenten sicher auch noch privatisieren und damit kapitalisieren lassen. (wenn die Gegenbewegung nicht noch wesentlich stärker wird). Andere einst öffentliche Güter, wie die kommunale Infrastruktur und ähnliches gehören schon lange zu den normalen Profiterwirtschaftungszweigen. Der Gesundheitssektor nun auch fast überall auf der Welt. Endlich wirken die ökonomischen Gesetze tatsächlich überall und niemand soll sich ihnen entgegen stellen dürfen.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Dies hat Marx wirklich noch nicht geahnt: Er nahm an, dass bei der Aneignung des Werts, den die Arbeitkräfte über ihre dringendsten Reproduktionskosten hinaus erwirtschaften, immer wieder ein neuer Kreislauf angeregt wird. Immer mehr Wert wird wieder in Arbeitskräfte investiert und erwirtschaft immer mehr Mehrwert in Form von Profit. Aber so läuft das nicht mehr. Die eben geschilderte zweite Alternative, die Plünderungswirtschaft, bringt mittlerweile mehr ein als die Aneignung des Mehrprodukts der Arbeitskräfte. Das Problem ist: Die Arbeitskräfte könnten zwar immer mehr produzieren, aber: inzwischen ist das Hauptproblem der fehlende Markt. Jeder Existenzgründer weiß das. An Produktideen mangelt es wohl nicht. Aber wer will und kann den ganzen Mist denn noch massenweise kaufen? (Bei den Chinesen, auf die viele hoffen, müsste erst einmal ein Wirtschaftswunder die meisten Menschen in gutbezahlte Arbeit bringen. Aber angesichts der deutlichen Kluft zwischen der neuen Elite und dem Massenelend vor allem auf den Dörfern ist davon nichts zu sehen und angesichts unserer Kenntnisse über die Minimallöhne und die hohe – arbeitsparende - Produktivität auch nicht viel zu erwarten.) Warum wohl beträgt der Anteil der Marketingkosten oft schon viel mehr als die ganze Produktentwicklung? Das Zeug muss mit aller Gewalt in die Märkte gepresst werden – aber alles Stopfen hat seine Grenzen.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Nicht zu verleugnen ist, dass es durchaus Ansätze zu neuen „langen Wellen“ (Nebelung 2003) der Kapitalismusentwicklung gibt. Auf Nanotechnologien wird gehofft und im Bereich der Biotechnologien ein wichtiges neues Feld für profitable Investitionen gesehen. Profit geht dabei aber nur zu machen, wenn es genügend kaufkräftige Kunden gibt. Angesichts des Verfalls der Einkommen der vielen nicht profitabel einsetzbaren Menschen ist damit aber nur zu rechnen, wenn sie ausweglos gezwungen werden, diese neuen und auch frühere Produkte zu konsumieren. Im Gesundheitswesen funktioniert diese Erpressung ausgezeichnet. Der Bereich der Ernährung ist auch auf einem guten Weg dahin; das privatisierte und als Zuckertrank verkaufte Wasser ist nur eins der wirtschaftlich erfolgreichen Beispiele. Die Wirtschaft in diesen Bereichen wird noch eine Weile weiter florieren, und wehe dem, der die Profiteure dieser ökonomischen Gesetze „Heuschrecken“ nennt und auf die Opfer dieser Wirtschaft aufmerksam macht. Der Kapitalismus wird also nicht einfach zusammen brechen, sondern er wird weiter funktionieren. Funktionieren im Sinne der Gesetzmäßigkeiten einer Ökonomie, die von vornherein nicht so strukturiert ist, dass sie allen Menschen dient, sondern als Profiterwirtschaftungsmaschinerie höchstens notgedrungen auch manchmal Bedarfe erfüllt aber ansonsten besser läuft, wenn Profite ohne den Umweg der wirkliche Bedürfnisbefriedigung zu machen sind.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Tatsächlich, die Wissenschaft hat Recht: Die kapitalistische Wirtschaft läuft nach Gesetzen, die die Interessen der meisten Menschen auf dieser Erde ignorieren. Was soll uns das nun sagen? Dass wir nichts dagegen machen können? Das Gravitationsgesetz gilt immer (wie Herr Sinn betont), wenn seine Bedingungen gegeben sind (was Herr Sinn verschweigt). Die Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft gelten immer, wenn ihre Bedingungen, das heißt die gesellschaftlichen Macht-, Eigentums-, Produktions- und Lebensweise, vorhanden sind. Also stellen wir sie doch in Frage! Gerade die menschenfeindliche Gesetzmäßigkeit der herrschenden kapitalistischen Produktionsweise führt auch gesetzmäßig dazu, dass wir als bedürftige, fühlende und denkende Menschen außen vor bleiben, ob wir es nun eher oder später bemerken. Ein Stein muss dem Gravitationsgesetz folgen. Wir Menschen können die Bedingungen der Verhältnisse, in denen wir leben, aber sehr wohl hinterfragen, kritisieren und letztlich auch verändern. Wir können darauf auch verzichten, sogar diese Freiheit ist uns gegeben. Also entscheiden wir uns...

Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Kührt, Peter (2004): Mein Handy und der Krieg im Kongo: In: Internet http://www.lehrer-online.de/url/handy-kongo .
Nebelung, Katja (2003): Lange Wellen – Zur weiteren Entwicklung des Kapitalismus. In: Internet http://www.zw-jena.de/arbeit/globalisierung.html.
Sinn, Hans-Werner (2005). Zitat in der Thüringer Landeszeitung vom 15.April 2005.




Quelle: http://www.opentheory.org/kapitalismuskritik/v0001.phtml
(Last Software Update: 15.06.2005, 12:49)