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Browser Robert Kurz: "Antiökonomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des 'Marxismus'" |
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| Maintainer: Ulrich Leicht, Version 1, 11.05.2001 |
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(1) Das Elend einer radikalen Kritik des warenproduzierenden Systems, d.h. der "auf dem Wert beruhenden Produktionsweise" (Marx) scheint es zu sein, daß sie keine
historische Praxis (nicht zu verwechseln mit praktizistischer Handwerkelei) darstellen, keinen Anfang machen, keinen Übergang finden, sich dem Normal- und
Massenbewußtsein nicht erklären kann und deswegen zu einem esoterischen Dasein verdammt bleibt, das in den gesellschaftlich abgelegenen Gefilden der rein
theoretischen Reflexion oder gar der philosophischen Spekulation angesiedelt ist und womöglich in ein merkwürdiges Sektenwesen ausläuft. Ob und wie eine
emanzipatorische Vergesellschaftung ohne die fetischistischen Formen von Ware und Geld möglich sein kann, bleibt ein Buch mit sieben Siegeln.
(1.1) Re: 1. Der Politizismus und die Frage der emanzipatorischen Keimform, 28.04.2003, 18:07, Kruno Stubican: Es geht wohl tatsächlich darum, eine radikale Kritik des warenproduzierenden Systems dem Normalbewusstsein zugänglich zu machen. Mein Freundeskreis ist weit gestreut, vom narzistischen Yuppie über den akademischen Sozialpädagogen bishin zum Sozialhilfeempfänger und Junkie. Wenn ich nun versuche, den Fetisch Geld zur Diskussion zu stellen oder Arbeit als eine Verhaltensstörung tituliere, enden die Gespräche meist aprupt. Die Leute fühlen sich angekratzt und in Frage gestellt, der ganze Scheissdreck, der sie stabilisiert, gerät ins schaukeln und wanken. Es ist für die meisten Leute unerträglich, sich selbst und das, was sie tun, in Frage zu stellen. Meiner Meinung nach aber geht es um genau das. Wie also kann das Normalbewusstsein erreicht werden? Zunächst einmal: Kaum jemand in meinem Bekanntenkreis ist in der Lage, so Begriffe wie warenproduzierendes System, Wertkritik, Kapitalismus, soziale Apartheid, Fetisch und so weiter in den Mund zu nehmen. Allein der Begriff \\\"soziale Apartheid\\\" verursacht bei den meissten Magendrücken, Unwohlsein und in Folge Distanziertheit bishin zu: Lass mich in Ruhe mit deinem Scheiss. Der Yuppie geht dabei sofort zum Angriff über und proklamiert die Selbstverantwortung der Individuen, gemässigtere Personen fragen vorsichtig nach, ob ich denn ein Kommunist sei, um mir dann zu erzählen, dass der Kommunismus sich historisch erübrigt hat, lediglich meine Mutter, die jetzt bald siebzig Jahre alt ist und aus einer Partisanenfamilie/2.Weltkrieg/Kroatien stammt, kann damit was anfangen. Wie also die Leute erreichen? Mit Bilderbüchern? Mit Comics oder Cartoons? Im Juni und Juli, wenn ich Zeit und Musse habe, werde ich mir ein paar Texte aus der Krisis.org zu Herzen nehmen und sie in Cartoons übersetzen - Bilderbücher mit wenig Text, dafür aber Humor usw. Vielleicht tut sich hier ein möglicher Weg unter vielen auf, es sollte in jedem Fall alles ausprobiert werden. Ich kann nicht versprechen, ob ich etwas vernünftiges zu Stande kriege - in jedem Fall möchte ich den Text \\\"Der Knall der Moderne\\\" und \\\"Kanonen und Kapitalismus\\\" in ein Cartoon-Bilderbuch als eine Art Geschichtsbuch in Bildern übersetzen. Wie gesagt: Die meissten, die ich kenne, haben ein echtes Problem, irgendetwas in Frage zu stellen, da sie in Gesprächen oder Diskussionen mit dem Kopf dabei sind und nicht mit dem Herzen. Und in den Köpfen der Leute ist unendlich viel narzistische, individualistische und sozialdarwinistische Scheisse am Spuken, es ist wirklich grausam. Kruno
(1.1.1) Re: 1. Der Politizismus und die Frage der emanzipatorischen Keimform, 08.01.2005, 13:46, Maike Arft-Jacobi: Das mit dem Cartoon finde ich eine gute Idee. Bitte schreibe es hier hin, falls du inzwischen etwas "zu Stande gebracht" hast. Ich würde gern bei seiner Verbreitung (z.B. als herunterladbares PDF) helfen. Bei all dem interessiert mich die Frage: Welche Bedeutung hat es für gesellschaftliche Entwicklungen und Umschwünge, was die Menschen denken? Vielleicht scheitert der Aufklärungsgedanke im persönlichen Umfeld häufig an einer gewissen Anmaßung, die ihm innewohnt und die die "aufzuklärenden" Menschen spüren? Nach meiner Erfahrung denken die Menschen so, wie es psychisch und materiell "überlebenstechnisch" nützlich für sie ist. M.E. denken Menschen deshalb grundsätzlich nicht "falsch". Der Bedarf, das eigene Denken in Frage zu stellen, entsteht, sobald es Anlässe gibt, die "überlebenstechnische" Nützlichkeit des eigenen Denkens zu bezweifeln. Solche Anlässe entstehen wesentlich aus vier Gründen: 1. Eine Person verändert sich so, dass sie ihr Denken anpasst (sie wird z.B. älter und entdeckt den Sinn einer öffentlichen Gesundheitsversorgung). 2. Einer Person gelingt die Einpassung ins "System" nicht und sie wird daher genötigt, die Einflüsterungen des "Systems" zu hinterfragen (dies scheint bei vielen SystemkritikerInnen der Fall zu sein). 3. Die Umwelt verändert sich und nötigt zu einer Anpassung des Denkens (bis vor einiger Zeit war es für Jugendliche z.B. kaum nötig, die Bedeutung von Gewerkschaften zu verstehen, weil ihnen Jahresurlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wie selbstverständlich zustanden). 4. Eine Person erfährt von Alternativen, die sie vorher nicht kannte. Im Vergleich mit den Alternativen entdeckt sie, dass ihr bisheriges Denken "überlebenstechnisch" nicht "optimal" ist. Jeder dieser Punkte kann eine Person dazu veranlassen, ihr Denken von heute auf morgen zu ändern. Es gilt außerdem zu bedenken, dass Denken inkonsistent ist. Menschen durchdenken die Dinge meist nur insoweit wie es ihnen nützt. Das halte ich für legitim. Darüber hinaus sind Denken und Handeln häufig inkonstent. Wie übersetzt sich das Denken von Individuen in soziale Verhältnisse? Wie funktioniert das genau?
(1.1.1.1) Re: 1. Der Politizismus und die Frage der emanzipatorischen Keimform, 09.01.2005, 20:48, Kruno Stubican: Durch Geld. Das Denken von Individuen übersetzt sich durch Geld in soziale Verhältnisse. Das ist doch wohl mittlerweile eine globalisierte Tatsache. Das eigene Bankkonto ist der Weg und ist das Ziel (inklusive Altersversorgung (Was kostet eine Pflegekraft?). BHV - Für meine Zukunft sehe ich blau...(sagt der postmoderne Krisenästhet mit blaugetönter Brille aus der nervigen Fernsehwerbung).# Es geht möglicherweise nicht so sehr darum, die Dinge zu durchdenken. Ein jeder weiss, was Sache ist: Arbeiten, Kapitalismus, Geld. Ein jeder hat Angst. Der erste um sein Geld, der zweite um seine Arbeit und der dritte um seine nackte Existenz. Vielleicht könnte man auch sagen: Durch Geld und durch Angst übersetzt sich das Denken von Individuen in soziale Verhältnisse.
(1.2) Re: 1. Der Politizismus und die Frage der emanzipatorischen Keimform, 29.12.2004, 20:01, marco hendel: Es ist schon verwunderlich, dass es trotz der immer katastrophaleren und stellenweise fast schon grotesken politischen und ökonomischen weltweiten Situation kaum ein Fünkchen Widerstand, kein Licht am Ende des Tunnels, keine ernsthafte emanzipatorische Bewegung geschafft hat, sich zu formieren geschweige denn, die Menschen in irgendeiner Weise zu erreichen. Doch noch merkwürdiger erscheinen mir die absurden Begründungen, die so manche linke Theoretiker dafür parat haben. Am liebsten wird natürlich der Zusammenbruch des Staatskapitalismus im Osten dafür herangezogen. Das hat sicherlich auch seinen Teil zur gegenwärtigen Misere beigetragen. Doch warum geht niemand darauf ein, dass ein Großteil der Menschen scheinbar kein Interresse an irgendeiner radikalen \"Kapitalismuskritik\" hat. Doch woran mag das liegen? Ist denn noch niemand auf die Idee gekommen, dass viele heilfroh sind, sich im alltäglichen TV-Programm mit dem absurdesten Müll berieseln zu lassen? Ob Zahnarzthelferin oder Sozialhilfeempfänger, sie alle können gar nicht mehr ohne \"GZSZ\", ohne ausufernde Shoppingtouren(bei Sozialhilfeempfängern eher ein Wunschtraum), ohne den neuesten wie auch immer gearteten mega-trendigen, ober-hippen Lifestyle-Kram. Besonders Jugendliche wurden auf diese Weise bereits vollends im Sinne der kapitalistischen Logik domestiziert, bzw. sie haben sich freiwillig zur Domestiziation gemeldet, und zur Belohnung dürfen sie sich dann die neuesten \"Jamba\"-Klingeltöne für ihr \"Handy\" \"downloaden\". Und was macht die \"Linke\"? Sie hat nichts besseres zu tun, als sich selbst in den Dienst dieser dekadenten, hedonistischen Ellenbogengesellschaft zu stellen.Wenn mir heute ein \"Linker\" über den Weg läuft, erkenne ich das ja nicht. Es ist bisher niemand auf die gekommen, dass sich eine radikale antikapitalistische Bewegung auch äußerlich vom bourgeoisen Auftreten der bürgerlichen Gesellschaft abheben sollte. Ich sehe keine Barette mit roten Sternen, kein einheitlich millitantes Auftreten, ja selbst rote Fahnen sind selten geworden.(Das lächerliche Auftreten sogenannter \"Autonomer\" mit ihren Kapuzen zähle ich nicht hierzu) Solange sich hier nichts ändert, wird es keine antikapitalistische Bewegung geben.
(1.2.1) Re: 1. Der Politizismus und die Frage der emanzipatorischen Keimform, 08.01.2005, 13:52, Maike Arft-Jacobi: Ich möchte darauf hinweisen, dass der Eindruck, es passiere nichts, teilweise durch die Berichterstattung der Medien hervorgerufen wird. Weltweit finden Kämpfe statt, über die aber in deutscher Sprache nicht berichtet wird. Als Beispiel verweise ich auf eine sehr unvollständige Liste über Arbeitskämpfe im Gesundheitswesen http://www.ungesundleben.de/streiks.html.
(2) Daran ist der minoritäre Marxismus, der sich bisher überhaupt "irgendwie" als wertkritisch verstanden oder die Wertkritik mehr oder weniger vage hat anklingen
lassen, keineswegs unschuldig. Denn diese Sorte marxistischer Kritik des "Warenfetischismus", die sich auf den jüngeren Lukacs von "Geschichte und
Klassenbewußtsein", auf die Kritische Theorie von Adorno und Horkheimer oder teilweise auch auf die französischen Situationisten um Guy Debord zurückführt, hat
entweder bewußt auf eine Zuspitzung und Konkretisierung der Kritik am Fetischismus der modernen politischen Ökonomie vornehm verzichtet oder in ihrer
praktischen Wendung eher existentialistische Züge anklingen lassen, wenn sie nicht gar (wie Lukacs) auf eine verschämte Apologie des realsozialistischen
warenproduzierenden Systems eingeschwenkt ist. Der neuere Linkskommunismus wiederum mit seinen teils maoistischen, teils aus dem italienischen "Operaismus"
stammenden Ingredienzen ist über eine bestenfalls platonische Kritik der "Ware-Geld-Beziehungen" ohne philosophiekritisch und anti-ökonomisch fundierte Kritik
der Wertform nie hinausgekommen und bei ganz kruden Vorstellungen stehen geblieben, die in der Praxis nicht viel mehr als eine hedonistische Maskierung der alten
Arbeiterbewegungs-Ideologie waren.
(3) Diese Randströmungen des heute historisch gewordenen Marxismus, die in der Reformulierung der Neuen Linken sogar eine Zeitlang dominierten und schillernde
Amalgamierungen eingingen, haben (wie in der "Krisis" schon mehrfach angesprochen) eines gemeinsam: sie weigern sich standhaft, die logische Formel "negatio est determinatio" anzuerkennen; d.h. sie schweigen wie das Grab über die konkrete Aufhebung der fetischistischen, vom Wert gesetzten Formbestimmtheit kapitalistischer Reproduktion. Diese Ignoranz, die ja zunächst einmal selber eine theoretische ist, speist sich daraus, dass die Frage der Aufhebung auseinandergerissen wird in die reine Negation einerseits ("hiermit erklären und unterschreiben wir, daß wir gegen den Kapitalismus/Imperialismus sind und ihn
stürzen wollen") und in einen inhaltlich völlig leeren, erst postkapitalistisch (nach dem "Sturz" der kapitalistischen Macht) in Gang zu setzenden Praxis-Pragmatismus der "befreiten Gesellschaft" andererseits.
(4) Man könne alsdann, wenn die Schwierigkeit der Machtfrage überwunden sei, ganz leicht und geradezu nach dem Muster von Reklamesprüchen ("dann geht alles wie
von selbst") die vom Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkräfte zum Wohle aller regulieren. Die beiden Fossile des Linksradikalismus und des grünen
Ex-Fundamentalismus in der BRD, Rainer Trampert und Thomas Ebermann, sollen sich auf Veranstaltungen angeblich sogar anheischig machen, das Programm
dafür in einer Viertelstunde schreiben zu können, aber das sei angesichts des ungebrochen herrschenden Kapitalismus gar nicht das Problem.
(5) So wird eine wirkliche Aufhebungsbewegung nicht denken können. Zwischen Kapitalismus und Nicht-Kapitalismus liegt keineswegs bloß die Frage der Macht bzw.
"Verfügungsgewalt". Die Aufhebung der warenförmigen Reproduktion ist keine mehr oder weniger technisch-organisatorische Angelegenheit nach der (politischen
und juristischen) "Enteignung" der Kapitalisten, sondern die Aufhebung aller vom Wert bzw. der geschlechtlichen "Wert-Abspaltung" (R. Scholz) strukturierten
sozialen Beziehungen und Bewußtseinsformen. Und das geht weder leicht und reibungslos (weil das Massenbewußtsein ebenso wie das theoretische Bewußtsein in
einem jahrhundertelangen Prozeß warenförmig konditioniert worden sind) noch als eine erst postkapitalistische Umpolung. Vielmehr ist schon die Bewegung
radikaler Kritik und sozialer Emanzipation vom kapitalistischen Istzustand aus überhaupt nur denkbar durch den bestimmten Ansatz eines begreifbaren
"Anderswollens", weil sonst gar keine Negation und gar keine gesellschaftliche Vermittlung möglich wären; und dieser Ansatz kann keineswegs in der Form einer
moralischen oder metaphorischen Unbestimmtheit bis zu irgendeinem "Tag X" verharren, ohne mit konkreten Bestimmungen in die Theoriebildung einzugehen.
(6) Das gilt umso mehr, wenn die postkapitalistische Reproduktion nicht hinter die Höhe der kapitalistischen Vergesellschaftung einfach zurückfallen, sondern diese eben aufheben soll. Unter diesem Gesichtspunkt ist es erst recht unmöglich, die Negation und die positive Aufhebung auseinander zureißen. Wenn die Potenzen, die der Kapitalismus selbst hervorgebracht hat, in der kapitalistischen Form nur noch destruktiv erscheinen und wirken, muß angegeben werden können, wie diese Potenzen denn als aufgehobene anders wirken und durch Institutionen direkter gesellschaftlicher Kommunikation jenseits der bürgerlichen, warenförmigen Vergesellschaftung reguliert werden sollen. Das ist bereits Voraussetzung, damit eine Aufhebungsbewegung überhaupt in Gang kommen kann.
(7) Hierher gehört auch alles, was in der bürgerlichen Ökonomie als das Problem einer "Allokation der Ressourcen" erscheint. Wie soll das Zusammenwirken von
Millionen von Menschen in der Funktionsteilung ihrer Reproduktion, wie der Fluß der Ressourcen vom Stahlwerk bis zur Kohlenschaufel konkret aussehen, wenn all
dies nicht mehr die "unsichtbare Hand" der fetischistischen Wertform bewerkstelligen kann? Diese Probleme der sogenannten Planung werden keineswegs in einer
Viertelstunde von Geistesgrößen wie Trampert/Ebermann gelöst werden
(7.1) Wo liegt das Problem?, 03.07.2003, 23:55, Andreas Vogel: Wir haben eine ausgebaute Infrastruktur, die den Fluß der Ressourcen von der Rohstoffgewinnung über Produktion und Endverbraucher bis hin zur Wiederverwertung oder Entsorgung gewährleistet. Wenn ich unter der "unsichtbaren Hand der fetischistischen Wertform" einfach ausgedrückt "Geld" verstehen soll, dann meine ich, dass sich nicht viel ändern muß: Auf der Bestellung an den Lieferanten entfallen die Spalten "Einzel- und Gesamtpreis", sowie die Summenzeilen. Im Gegenzug entfällt die Rechnung, denn der Lieferschein enthält schon alle benötigten Informationen. Habe ich etwas übersehen?
(7.1.1) Re: Wo liegt das Problem?, 04.07.2003, 11:27, Wolf Göhring: Vielleicht koennte es ja geschehen, dass, wenn man schon im finanzwesen remedur schafft, sprich die geldspalte einfach nicht mehr mit zahlen fuellt, dass man sich dann auch sonst ganz anders verhaelt: Die rohstoffgewinner, die produzierer, die wiederverwerter und die entsorger lassen dieses tun und endverbrauchen nur noch. Wo ist dann die schoene infrastruktur? Oder, wie wuerden alle diese leute diese infrastruktur zusammenhalten?
(7.1.1.1) Re: Wo liegt das Problem?, 04.07.2003, 14:35, Andreas Vogel: Dann könnten sie nicht lange endverbrauchen. Das dürfte den Beteiligten aber klar sein. Wie? Indem sie weiterarbeiten oder einen personellen oder maschinellen Ersatz finden. Vermutlich läuft deine Frage aber darauf hinaus, was die Leute motivieren soll, die Infrastruktur zusammen zu halten. Eigennutz! Wenn ich Auto fahren will, dann habe ich ein Interesse daran, dass die Autoindustrie, die Zulieferfirmen und Rohstofflieferanten weiter bestehen. Habe ich als einziger dieses Interesse, dann werde ich diese Infrastruktur sicher nicht alleine aufrechterhalten können (durch weit entwickelte Automation vielleicht doch). Wahrscheinlich haben andere Menschen ähnliche Interessen wie ich selbst. Durch arbeitsteilige Kooperation und unter Ausnutzung von Automatisierungsmöglichkeiten kann eine kleine Gruppe für eine größere Gruppe ohne bedeutenden Mehrauswand produzieren. Die Herstellung der ersten Maschine ist mit Forschungs- und Entwicklungsaufwand verbunden. Dieser entfällt bei der Herstellung jeder weiteren Kopie dieser Maschine.
(7.1.1.1.1) Re: Wo liegt das Problem?, 19.04.2004, 01:19, Maike Arft-Jacobi: Eigennutz? Und eine inhärente Harmonisierungsautomatik der Gesellschaft sorgt dann dafür, dass die individuellen Eigennutze einander zum Wohle aller ergänzen?
Und wenn es zu Konflikten kommt, z.B. weil die Ressourcen dieses Planeten begrenzt sind, verhalten sich alle halt lieb und alles wird gut?
Es gibt Krankheiten, die haben bloß sieben Leute auf der Welt. Forschungsarbeiten, um diese Menschen zu heilen, wären dann ein Akt der Uneigennützigkeit, auf die diese Menschen kein Recht hätten?
(7.1.1.1.2) Re: Wo liegt das Problem?, 23.04.2004, 15:14, Franz Tabei: " ...eine kleine Gruppe für eine größere Gruppe ohne bedeutenden Mehrauswand produzieren...." diese formulierung könnte, basierend auf heute üblichen vorstellungen, mißverstanden werden. ich verstehe es so: die "kleinere gruppe" muß nichts statisches sein. sie kann sich flexibel, nach vorstellungen und bedürfnissen der mitglieder der größeren gruppe aus menschen eben dieser größeren gruppe in unterschiedlicher weise zusammensetzen.
(8) Selbst wenn aber die Planungsfrage neu formuliert und jenseits der Formen von Ware und Geld in groben Zügen theoretisch und analytisch gelöst wäre, um
überhaupt praktische postkapitalistische Erfahrungen machen zu können, so stellt sich doch immer gleichzeitig auch die Frage des Übergangs, der praktischen
Transformationsbewegung, des berühmten "Herankommens" an eine nicht-wertförmige Reproduktion, bevor diese sich auf ihrem eigenen Boden entwickeln kann.
Wo und wie ist anzusetzen innerhalb der vorgefundenen und zunächst die gesamte Reproduktion beherrschenden kapitalistischen Vergesellschaftungsform, um in
diese sozusagen von innen eine Bresche zu schlagen und aus ihr herauszukommen, erste Schritte zu tun, einen formulierbaren Anfang der sozialen Emanzipation zu
setzen?
(9) Der Mainstream des alten Arbeiterbewegungs-Marxismus hat dieses Problem schlicht umgangen und durch ein anderes ersetzt: nämlich durch eine politizistische und
etatistische Orientierung an der vorgeschalteten "Machtfrage" (vgl. dazu den Artikel "Krise und Befreiung - Befreiung in der Krise" von Ernst Lohoff in "Krisis" Nr.
18). Mit anderen Worten: Er organisierte sich nicht reproduktiv und lebensweltlich antikapitalistisch, sondern bloß politisch, als historische abstrakte
"Willenskundgebung" ohne reale reproduktive Verankerung, und damit als "politische Partei" (und parallel dazu gewerkschaftlich für den Kampf um
systemimmanente Gratifikationen). Alles wurde dem Ziel der politischen Machtergreifung untergeordnet, um dann folgerichtig "von oben", durch zentrale etatistische
Eingriffe, die kapitalistische Reproduktion gewissermaßen sozialistisch-planwirtschaftlich "umstülpen" zu wollen. Die politische Macht erscheint hier als der
archimedische Punkt und ein alternativer Staatsapparat ("Arbeiterstaat") als der zentrale Hebel der Umwälzung.
(10) Keineswegs zufällig verschwindet dabei die Frage einer nicht mehr an den Wert gebundenen Reproduktion und des "Herankommens" an diese völlig. Der Kampf um
systemimmanente Gratifikationen, der per definitionem die bürgerliche Verkehrsform nicht verläßt, wird für das "Herankommen" an die politische und insofern
ebenfalls systemimmanente Machtfrage genommen (als "Einübung" in diese); und das ist auch durchaus folgerichtig, denn die Machtfrage als positive, als Frage der
Errichtung einer alternativen Staatsgewalt, verbleibt ja ebenfalls in der (politischen) Sphäre bürgerlicher Vergesellschaftung.
(11) Der Wert wird auf diese Weise nicht geknackt, sondern zum neutralen, ontologischen Gegenstand. Weg und Ziel, Reform und Revolution, gewerkschaftlicher
Verteilungskampf und politisches Programm können so bloß deswegen zu einer Einheit zusammengeschlossen werden, weil sie als "Kampf ums Teewasser und um
die Macht im Staat" (Bertolt Brecht) mit Haut und Haar in der basalen bürgerlichen Reproduktionsform von Waren- und Geldbeziehungen eingeschlossen bleiben.
Die Wertkritik im unaufgehobenen Kontext des Arbeiterbewegungs-Marxismus, die auf ihre Konkretisierung verzichtete, mußte zwangsläufig direkt oder indirekt in
diesem politizistischen Fahrwasser mitschwimmen und eben deshalb als Wertkritik esoterisch und unvermittelt bleiben.
(12) Tatsächlich ist die altmarxistische Vorgehensweise in beiden Fällen, ob esoterisch wertkritisch und verschämt politizistisch oder offen wertontologisch und etatistisch,
so ziemlich dieselbe: nämlich eine "uneigentliche", d.h. der Antikapitalismus erscheint nicht (zunächst einmal auch nur der theoretisch herausgearbeiteten Möglichkeit
nach) als formulierbare, ansatzweise darstellbare sozialökonomische Reproduktions- und Daseinsform jenseits des Kapitalismus, die um ihr Existenzrecht kämpft und
sich gegen die herrschende Vergesellschaftungsform behauptet, sondern als bloß indirekte Mobilisierung der abstrakten Negation, die nicht an und für sich schon
nicht-wertförmig ist, sondern auf ein zunächst äußerliches abstraktes Ziel, einen transzendenten vermeintlichen Umschlagspunkt hinarbeitet.
(13) Die soziale Emanzipation bleibt so immer ein bloßes Versprechen für eine imaginäre Zukunft. Erst müsse das politische Tal der Tränen durchquert werden, bevor das
gelobte Land des "Sozialismus" in Augenschein genommen und praktisch besetzt werden könne. De facto war dies in Wahrheit das Programm der wertförmig
immanenten sozialen Reform in den Metropolen und der "nachholenden Modernisierung" an der kapitalistischen Peripherie; diese beiden Optionen sind inzwischen
weitgehend zusammengebrochen. Die Vorstellung einer politisch zentrierten und deswegen abstrakten Umwälzung im politischen Himmel statt auf der
sozialökonomischen Erde war identisch mit der Befangenheit in der Fetischform des bürgerlichen Vergesellschaftungsmodus.
(14) Das Problem, das hier aufscheint, ist das der "Keimform". Der historische Materialismus hat analytisch bewiesen und anerkannt, daß die bürgerlich-warenförmige,
kapitalistische Vergesellschaftung als Keimform im Schoße der feudalen Gesellschaft entstanden ist. Sie begann nicht mit der politischen Revolution (etwa der großen
französischen), sondern weit früher, um sich nach einer bereits langen Entwicklung erst allmählich als selbstbewußte Kraft hinsichtlich der politischen Machtfrage
geltend zu machen. Die sozialökonomischen Keimformen des Kapitalismus entwickelten sich, während noch lange Zeit "darüber" und "daneben" die feudale Macht
bestand. Als in den bürgerlichen Revolutionen "die feudale Hülle gesprengt" wurde, war die bürgerliche, warenförmige Gesellschaftlichkeit schon praktisch da; nicht
bloß indirekt als politische und negatorische Kraft, sondern direkt und positiv als reale sozialökonomische Reproduktionsform. Die politische Bewegung ging der
neuen Reproduktionsform nicht als abstrakte und symbolische Willenskundgebung voraus, sondern war im Gegenteil ihre sekundäre Konsequenz und ihre
notwendige Erscheinungsform.
(15) Es ist von großer Bedeutung, sich diesen historischen Sachverhalt vor Augen zu führen. Denn der historische Materialismus "kippt" sozusagen, sobald es um die
Bestimmung der sogenannten sozialistischen Revolution geht. Einerseits wird blind die bürgerliche politische Bewegungsform mit allen ihren Erscheinungen
übernommen (vom Revolutionsbegriff bis zur politischen Partei), was auf den Charakter des alten Marxismus als lediglich zweiten Durchgang der bürgerlichen
Aufklärung und der warenförmigen Vergesellschaftung verweist. Andererseits aber kann sich dieser Impuls gerade deswegen nicht auf eine bereits existente
nicht-bürgerliche, nicht-warenförmige Reproduktionsform stützen. Die Lebenslüge des Arbeiterbewegungs-Marxismus verrät sich durch diesen Mangel einer real
existierenden Keimform. Der an sich bürgerlichen Bewegungsform der politischen Aktion konnte keine nicht-bürgerliche, nicht-warenförmige soziale Existenzform
entsprechen.
(16) Aus der Not wurde eine Tugend gemacht, aus dem bürgerlichen Charakter der politischen Fixiertheit ein besonderer sozialistischer Charakter der Transformation.
Angeblich sollte es das spezifische Merkmal der sozialistischen im Unterschied zur bürgerlichen Umwälzung sein, daß sie keine reale Keimform haben könne. Die zu
transformierenden Potentiale der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung sollen aufgrund ihres "totalen", gesamtgesellschaftlichen Charakters nicht im Maßstab
einer sozialen und kommunikativen Keimform jenseits der Wertvergesellschaftung darstellbar und mobilisierbar sein, sondern nur im Maßstab der unmittelbar
gesamtgesellschaftlichen Organisation.
(17) Also: "alles oder nichts", totale Unmittelbarkeit der Umwälzung oder totale Unmittelbarkeit der herrschenden Wertform, keine vermittelnde sozialökonomische
Bewegung dazwischen. Stattdessen bloß die politische, also positiv staatsbezogene Bewegung eines dem Kapitalverhältnis inhärenten Widerspruchs, die ihrem
Wesen nach im Bannkreis der kapitalistischen Kategorien (Wert, Ware, Geld, Kapital, Lohn, Staat, Demokratie) verbleiben mußte. Praktisch wurde daraus
hinsichtlich der Zielbestimmung eine bürokratische Vision, die nur im Kontext des sozialdemokratischen und "kommunistischen" Staatsfetischismus Plausibilität
gewinnen konnte, nämlich als sozialistische Untertanen-Idee vom "guten" Staat, vom "Arbeiterstaat", oder, um es polemisch zu formulieren, vom eschatologischen
"Dritten Reich" der "blauen Ameisen" im Zeichen gigantomanisch verstandener Produktivkräfte.
(18) Diese in vieler Hinsicht mehr kathedersozialistisch-lassalleanische als Marxsche Idee (aber auch Marx und namentlich Engels selber waren keineswegs völlig frei
davon) erstickte unter tatkräftiger Mithilfe der sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsapparate, deren Typologie schon immer habituell ein Gruselkabinett
proletarischer Eisenbahner-Uniformiertheit, preußischer Stechschritt-Mentalität und überhaupt einer Autoritäts- und Staatsgläubigkeit von "Armeen der Arbeit"
darstellte, alle Ansätze einer "antiökonomischen", selbstbestimmten Reproduktion gegen die Zwänge des totalitären warenproduzierenden Systems. Alles
Einschlägige, in welcher unausgegorenen Form auch immer, erschien als Konkurrenz zur politischen "Machtergreifungs"-Strategie und zum ameisenstaatlichen totalen
Planwirtschafts-Ansatz "von oben" (auf weiterhin warenförmiger Grundlage).
(19) Es wäre freilich ungerecht, dieses Verdikt einseitig über die politischen und gewerkschaftlichen Apparate der Arbeiterbewegung auszusprechen, so groß ihr Anteil an
der Verdunkelung und am Zertrampeln der unsicheren, unausgereiften und schwachen "Keimform"-Ansätze auch war. Denn umgekehrt brachten die alte
Genossenschaftsbewegung seit dem 19. Jahrhundert ebenso wie die sogenannte Alternativbewegung der Neuen Linken seit den späten 70er Jahren wie aus dem
Lehrbuch des Marxismus tatsächlich all das hervor, was ihnen die Politikaster und Staatsplanungs-Fetischisten immer schon vorgeworfen hatten: massive
Kleinbürgerlichkeit und Klitschenmentalität, Abwendung von jeder gesamtgesellschaftlichen Perspektive, technologische Rückständigkeit und Selbstausbeutung,
Verblödung des Landlebens; schließlich Rückkehr in den Schoß der bürgerlichen Gesellschaft qua Bankrott oder qua kapitalistische "Professionalisierung".
(20) Was zurückblieb, waren im Fall der älteren Arbeiterbewegungs-Genossenschaften stinknormale kapitalistische Konzerne wie Co-op oder Neue Heimat, die sich
bekanntlich durch besondere Anfälligkeit für Korruptionsskandale blamierten. Die Reste der jüngeren Alternativbewegung dagegen besetzten hauptsächlich
Marktnischen im Kasinokapitalismus durch handwerkliche Luxusproduktion für eine betuchte Honoratiorenkundschaft, durch Edel- und Ethno-Gastronomie, Kultur-
und Sozialarbeitsklitschen (kommerziell oder am Staatstropf) usw. Hier hat sich ein klassisches Mittelstands- und neues Spießbürgerpotential übelster Sorte
zusammengebraut, das entweder den keynesianischen Umverteilungsgeldern hochkonkurrent nachjammert oder gar längst wieder "stolz" auf sein "selbsterarbeitetes"
und selbsterrafftes Kleineigentum ist, protestantischen Arbeitsmasochismus pflegt und politisch zwischen kommunaler SPD-Mafia und grünen Realos angesiedelt ist.
Daraus kann auch noch bei weitergehender Krise ein Zulauf für den rechtsradikalen oder "linken" Sozialnationalismus kommen. Zwar gibt es unter den Resten der
Alternativbewegung auch Menschen, die sich ihren emanzipatorischen Anspruch und die radikale Gesellschaftskritik nicht abgeschminkt haben, aber sie finden dafür
in ihrem eigenen Milieu keinen sozialen Boden mehr.
(21) Es kann also nicht darum gehen, gegen den gescheiterten und sowieso niemals emanzipatorischen Staatssozialismus ungebrochen und unvermittelt die Ideen der
Genossenschaftsbewegung des 19. Jahrhunderts oder der Alternativbewegung der frühen 80er Jahre wieder auszugraben. Ganz im Gegenteil gilt es, die falsche
Polarität von staatsökonomischem Politizismus und kleinbürgerlichem Klitschen- und Schrebergarten-Sozialismus kritisch aufzuheben. Die Frage ist, ob es gelingen
kann, die radikale Wertkritik theoretisch und praktisch an die sozialökonomische Keimform einer Transformation heranzuführen, die einen Weg aus den
fetischistischen Strukturen heraus findet. Eine solche Problemstellung ist nicht nur theoretischen und praktischen Schwierigkeiten (zumal in einer Situation der
kasinokapitalistischen Windstille und der offenbar völligen Paralyse spontaner Bewegungen), sondern auch dem Trägheitsmoment des alten linken Scheinradikalismus
und seiner noch immer vor sich hingrummelnden Überreste ausgesetzt.
(22) Denn die gesamte bisherige Kritik diverser Linksradikalismen am Mainstream der alten Arbeiterbewegung umgeht ihrerseits systematisch das Problem der Keimform
einer Vergesellschaftung jenseits der Warenproduktion. Wie ihre staatssozialistischen Gegner ignorieren die Altlinksradikalen die Frage der basalen
Formbestimmtheit völlig, um entweder auf eine unausgewiesene bürgerlich-aufklärerische Subjekt-Emphase "der Klasse" bzw. des "Klassenkampfs" auszuweichen
oder den bürgerlichen Revolutions-Politizismus eines bemoosten Jakobinertums bloß in einer besonders martialischen Form zu präsentieren. Der explizit antistaatliche
Linksradikalismus etwa anarchistischer Provenienz (auch darauf wurde in der "Krisis" schon mehrfach hingewiesen) bleibt erst recht an den unaufgehobenen
Vermittlungsformen des warenproduzierenden Systems und damit am anderen Pol bürgerlicher Subjektivität kleben, wobei der an Proudhon anknüpfende
Argumentationsstrang sogar offen für (tendenziell antisemitische) Formulierungen einer verkürzten Kritik des zinstragenden Kapitals ist.
(23) Selbst die Ansätze der Pariser Kommune von 1870 und der im spanischen Bürgerkrieg untergegangenen Anarchisten haben keine ausgewiesene Idee
nicht-warenförmiger Reproduktion hinterlassen, obwohl es immer noch eine Aufgabe ist, diese Geschichte kritisch zu rekonstruieren, um eine neue, über die
Warenform hinausgehende Emanzipationsbewegung historisch reflektiert auszurüsten. Am allerwenigsten sind dazu offenbar die restlichen "orthodoxen"
Nachlaßverwalter der Kritischen Theorie in der Lage, die im Zustand einer vermittlungsunfähigen Paralyse verharren wollen, um das Problem im Schwebezustand
esoterischer Reflexion zu belassen und jeden anzupinkeln, der darüber hinausgehen will.
(24) Wenn wir uns von den Gespenstern der Vergangenheit nicht schrecken lassen, müssen wir versuchen, sozialökonomische Bestimmungen einer Keimform jenseits der
Warenproduktion auf der Höhe des heutigen Vergesellschaftungsgrades herauszuarbeiten, ohne einem kruden Praktizismus zu verfallen. Es geht also keineswegs um
unmittelbare Handlungsanweisungen (die ja auch nur im Kontext einer sozialen Bewegung entwickelt werden könnten), sondern um selber theoretische und
analytische Vorüberlegungen für eine Konkretisierung der Wertkritik. Die Frage der Keimform einer nicht mehr über Waren- und Geldbeziehungen vermittelten
Reproduktion ist historisch, analytisch und theoretisch einzukreisen.
(25) Dabei können wir durchaus von einer bekannten marxistischen Problemstellung ausgehen, nämlich von der Frage der Produktivkräfte und ihrer Beziehung zu den
Produktionsverhältnissen. Es ist jedoch keineswegs notwendig, eine deterministische Abfolge von "immer fortschrittlicheren" Gesellschaftsformationen anzunehmen,
deren Krönung schließlich der "Sozialismus" sein soll. In gewisser Weise kann man sagen, daß die Produktivkräfte immer entwickelt werden, weil der menschliche
Geist nie stillsteht; nur kann diese Entwicklung natürlich in ganz verschiedene Richtungen gehen (und sich z.B. auch von der Produktion im kruden ökonomischen
oder dinglichen Sinne abwenden, wenn wir die gesellschaftliche Reproduktion und ihre "Kräfte" in einem umfassenden und daher auch kulturellen Sinne verstehen).
Über die Richtung des Entwicklungsprozesses wird in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen entschieden. Insoweit könnte man sagen, daß im Spätmittelalter nach
der Pestzeit keineswegs entschieden oder gar determiniert war, daß als nächstes der Kapitalismus "dran" zu sein hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch ganz andere
Entwicklungsrichtungen möglich, die nicht unbedingt zum Kapitalismus (aber auch sicher nicht unmittelbar in die Emanzipation von fetischistischen Verkehrsformen)
führen mußten. Das ist eine historische Frage, die zu untersuchen lohnend wäre, weil sie ein Kontrastmittel gegen den starren historischen Determinismus nicht zuletzt
altmarxistischer Provenienz liefern kann. Bei einer anderen Richtung und Form der Entwicklung hätte sich natürlich auch die Frage der sozialen Emanzipation anders
gestellt.
(26) Nachdem sich aber nun einmal der Kapitalismus mit seiner spezifischen Form der Produktivkraftentwicklung spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
durchgesetzt hatte, konnte von diesem Zeitpunkt an die Frage der sozialen Emanzipation und der Aufhebung einer blinden, unbewußten Gesellschaftlichkeit auch nur
noch in der Form einer Aufhebung des spezifisch kapitalistischen Fetischismus und seines Modus der Vergesellschaftung formuliert werden. Da aber andererseits die
vom Kapitalismus installierten warenfetischistischen Produktions- und Bewußtseinsformen in seiner langen Durchsetzungsgeschichte beherrschend geworden waren
und auch das Denken der Gesellschaftskritik bestimmten (der Arbeiterbewegungs-Marxismus legt davon unübersehbar Zeugnis ab), mußte diese Formulierung der
Emanzipation zunächst im Schoß der Geschichte verborgen bleiben und eine lange Inkubationszeit durchlaufen. Für eine ganze Epoche konnte nur noch die
historische Ungleichzeitigkeit innerhalb der Hülle des modernen warenproduzierenden Systems abgearbeitet, also die Frage der Emanzipation nur in jenem
verkürzten, formations-immanenten Sinne gestellt werden, der als bürgerliche Emanzipation der Arbeiterklasse zu Staatsbürgerlichkeit und Sozialreform bzw. als
bürgerliche Emanzipation einer "nachholenden Modernisierung" bei den historischen Nachzügler-Gesellschaften der kapitalistischen Peripherie in Erscheinung trat.
(27) Diese Konstellation, deren Erbschaft uns heute belastet, ist keineswegs einer ontologischen Prädetermination geschuldet, sondern sie ist selber das Resultat einer
ursprünglich offenen, umkämpften Geschichte. Nachdem aber das warenproduzierende System gewaltsam durchgesetzt und zur allgemeinen Bewußtseinsform
geworden war, trat das ein, was Marx generalisierend für gesellschaftliche Prozesse gesagt hat: Ist ein System einmal historisch installiert, dann kann es nicht mehr
rückgängig gemacht werden; es muß sozusagen seinen Lebenszyklus durchlaufen, bis es sich erschöpft hat und an seine inneren Grenzen stößt. Diese Grenzen sind
erreicht, wenn die Produktivkraftentwicklung an einen Punkt führt, an dem die Produktivkräfte mit den Produktionsverhältnissen unverträglich werden. Dann bricht
die versteinerte Hülle der objektivierten gesellschaftlichen Formen in katastrophischen Eruptionen gewaltsam auf und kann durchbrochen werden, um zu neuen,
höheren Formen der Vergesellschaftung überzugehen, die mit den neuen Produktivkräften vereinbar sind.
(28) An diesem Schema des "historischen Materialismus" ist zu kritisieren, daß es vorschnell überhistorisch verallgemeinert, was wahrscheinlich so nur für die spezifisch
kapitalistische Geschichte gültig ist. Da wir es aber immer noch mit dieser zu tun haben, kann das Marxsche Schema auch nicht einfach verworfen werden. Denn es
ist keineswegs "objektivistisch", wie es selbst linke Kritiker immer wieder unterstellt haben, sondern rechnet nur mit den tatsächlichen Objektivierungen des
Fetischismus, die gleichzeitig als grundsätzlich überwindbar erkannt werden. Wenn diese Überwindung selber noch ein Moment von historischer Bedingtheit aufweist,
so ist dies das notwendige Moment einer Bewegung von Kapitalismus zu Nicht-Kapitalismus, von Fetischismus zu Nicht-Fetischismus. Eine unbedingte Aufhebung
der Bedingtheit wäre ein Widerspruch in sich. Der Arbeiterbewegungs-Marxismus blieb nicht deswegen im Bannkreis der bürgerlichen Gesellschaft, weil er das
Moment der Bedingtheit anerkannte, sondern weil sein Bewegungsschritt nicht über die Fetischform des Werts hinausführen konnte.
(29) Das Marxsche Schema von der Rolle der Produktivkräfte wurde vom historischen Marxismus daher nur hinsichtlich der Binnengeschichte des warenproduzierenden
Systems mobilisiert, nicht jedoch bezüglich der Aufhebung dieses Systems selbst. Denn der Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen führt
zwar erst am Ende der systemischen Entwicklungsgeschichte zur absoluten Systemkrise und an die Schwelle der Aufhebung; aber er war gleichzeitig auch von
Anfang an der innere Motor der kapitalistischen Entwicklung selbst, die zu relativen Krisen ("Durchsetzungskrisen") führte und obsolet gewordene historische
Binnenformationen des warenproduzierenden Systems aufhob, ohne dessen basale Form selber antasten zu können. Nur in dieser "schwachen" Version konnte der
Marxismus den Marx'schen Begriff der Transformation verstehen, weil er in der unausgeschöpften Entwicklungsgeschichte der Moderne gefangen war. Deshalb trat
der Sozialismus das Erbe des Liberalismus an, wie dieser das Erbe des Absolutismus angetreten hatte: protestantisch-calvinistische Reformation und absolutistische
Zentralisierung, Französische und Amerikanische Revolution, Russische Oktoberrevolution und antikoloniale nationale Befreiungsbewegungen bilden eine einzige
Kette der Durchsetzungsgeschichte warenförmiger Vergesellschaftung, in der jedes Moment der Emanzipation von einem jeweils früheren Zustand immer gleichzeitig
eine neue Stufe der Repression und Entmündigung darstellte.
(30) Als Paradigmen der sozialen Emanzipation sind der Staatssozialismus des Ostens und der Befreiungsnationalismus des Südens heute so gründlich desavouiert, daß
nur noch historische Idioten an den daraus hervorgegangenen "schwachen" Transformationsbegriffen festhalten können. Wenn wir den Untergang dieser Paradigmen
ihrer historischen Einordnung gemäß nicht als "Sieg" des westlichen Kapitalismus (miß)verstehen, sondern als Beginn einer absoluten Krise des warenproduzierenden
Systems dechiffrieren, an deren Ende jene historische Entwicklungskette der Wertform reißt, dann wird damit auch die "starke" Version des Marx'schen
Transformations-Schemas fällig. Auf der Ebene der Produktivkräfte ist es zweifellos die Mikroelektronik als universelle Rationalisierungs- und
Kommunikationstechnologie, die an die Schwelle einer höheren, nicht mehr systemimmanenten Art der Transformation geführt hat. In demselben Maße, wie die
mikroelektronische Revolution zur Produktivkraft der Krise für das warenproduzierende System wird, kann sie auch zur Produktivkraft der sozialen Emanzipation
von den fetischistischen Formen des Werts werden.
(31) Damit ist schon ein erster entscheidender Unterschied zur Alternativbewegung der 70er und 80er Jahre gesetzt. Denn die damaligen Vorstellungen einer "anderen
Produktions- und Lebensweise" waren durchwegs mit einer reaktionären "Kritik der Produktivkräfte" verbunden. Mikroelektronik, Computer und Potentiale der
Automatisierung in der industriellen Produktion wurden verteufelt. Diese Produktivkraftkritik konnte und wollte die Frage der sozialen Emanzipation nicht an die
Aufhebung der "abstrakten Arbeit" binden, sondern umgekehrt an deren Rückführung auf ein historisch tieferes Niveau. Damit blieb die Alternativbewegung aber
auch dem System der "Arbeitsplätze" verhaftet; sie ergriff die Partei der (vermeintlich alternativ und sozial befriedigend auszugestaltenden) "Arbeit" gegen die vom
Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkräfte. Auf diese Weise wurde sie sogar kompatibel mit konservativen und kulturpessimistischen Ideologien, die schon seit
dem späten 18. Jahrhundert etwa in Gestalt der literarischen, politischen und sozialökonomischen Romantik das Rad der Geschichte zurückzudrehen versuchten. In
den meisten Fällen wurde dabei nur innerhalb der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte irgendein früherer Entwicklungsstand phantasmatisch verklärt und in eine
"schwarze", reaktionäre Utopie verwandelt. Die Alternativbewegung war mit dem politischen und kulturellen Konservatismus zwar nicht identisch; aber indem sie die
Frage der sozialen Emanzipation nach rückwärts gewandt gegen die Produktivkräfte lösen wollte, wurde sie zum Einfallstor auch für politisch konservative Ideen in
den "neuen sozialen Bewegungen". In der Partei der Grünen ist von der Debatte der frühen 80er Jahre fast nur noch das koalitionspolitische Liebäugeln eines
"wertkonservativen" Klüngels mit der Regierungspartei CDU übriggeblieben.
(32) Im Gegensatz dazu wird eine neue radikale Emanzipationsbewegung in diesem Punkt zu Marx zurückkehren, also im Sinne der "starken" Transformation die Partei
der mikroelektronischen Produktivkräfte gegen die Produktionsverhältnisse des Kapitals nehmen. Aber das kann keine unreflektierte, bloß äußerlich mit der Kritik
an der Wertform aufgeladene Verlängerung des alten Marxismus und seiner Fetischisierung der Produktivkräfte sein. Dies betrifft sowohl den Begriff der
Produktivkräfte selbst als auch die Frage ihrer Bedeutung für eine transformatorische Keimform nicht-warenförmiger sozialer Beziehungen. Und in dieser Hinsicht ist
dann auch wieder über Marx selbst hinauszugehen. Es muß sich also um eine "aufhebende" Rückkehr zum "starken" Marx'schen Begriff der Transformation handeln,
nicht um eine platte Wiederholung.
(33) Gerade dieses Problem wollen und können die übriggebliebenen Vertreter des "orthodoxen" Marxismus und der Kritischen Theorie nicht begreifen. Sie bilden sich
ein, die Produktivkraftkritik der Alternativbewegung mit einer bloßen Wiederholung marxistischer Essentials über das Verhältnis von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen abwatschen zu können. Dabei übersehen sie ein entscheidendes Moment, das schon immer eine Schwachstelle des Marxismus ausgemacht
hatte: die Tatsache nämlich, daß die Kritik an Naturwissenschaft, Technik und Industrialismus nicht bloß reaktionär und irrational ist, sondern auch keineswegs zu
Unrecht den destruktiven und repressiven Charakter der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung moniert (vgl. dazu den Artikel "Weltgesellschaft ohne Geld" von
Norbert Trenkle in "Krisis" Nr. 18). Der Marxismus wollte die naturwissenschaftliche und technologische Seite der Modernisierung gänzlich von der Repression
freisprechen und diese allein dem kapitalistischen Privateigentum und Profitstreben anlasten (das er ebenfalls nur soziologisch verkürzt begreifen konnte).
Naturwissenschaft, Technik und Industrie sollten also gänzlich unverändert in den "Sozialismus" übernommen werden.
(34) Dies entspricht aber gerade der "schwachen" Version einer bloß binnenhistorischen Transformation, in der dem Marxismus/Sozialismus ähnlich wie seinem noch
schwächeren keynesianischen Vetter für eine bestimmte Epoche unfreiwillig die Aufgabe zufiel, die damals fortgeschrittensten (fordistischen) Produktivkräfte für einen
neuen Entwicklungsschub des warenproduzierenden Systems zu repräsentieren. Die destruktive und repressive Seite des kapitalistischen Gebrauchswerts in
Produktion und Konsumtion konnte daher ebensowenig in die Kritik einbezogen werden wie die basale fetischistische Form des Werts. Daraus ergibt sich
notwendig ein doppelter Zusammenhang: eine binnengeschichtlich beschränkte Kritik lediglich obsolet gewordener Entwicklungsstufen des noch unausgeschöpften
warenproduzierenden Systems und eine blinde Affirmation der jeweils neuesten stofflich-technischen Gestalt des Kapitals gehören ebenso untrennbar zusammen wie
umgekehrt eine radikale Kritik an der basalen Form des Werts mit einer entsprechenden Kritik der kapitalistischen Techno- und Gebrauchswertstruktur verbunden
sein muß. Da der Marxismus die "Realabstraktion" des Werts nicht verstand und nicht kritisieren konnte, mußte ihm auch der innere logische und historische
Zusammenhang von entfesselter Warenform und naturwissenschaftlichen Abstraktionen entgehen. So blieb ein Aspekt der Kapitalismuskritik (auch bei Marx selber)
ausgeblendet und konnte in kruder, irrationaler Form von der reaktionären Romantik besetzt werden, die den Vormarsch der warenförmigen Modernisierung wie ein
Schatten begleitet hat.
(35) Als sich seit den 70er Jahren immer deutlicher herausstellte, daß die Krise der fordistischen Entwicklungsstufe auch eine ökologische Krise ist, und als die
verheerende Zerstörung der Naturgrundlagen in den realsozialistischen Staaten bekannt wurde, ließ die grün-alternative Nachfolgebewegung der Revolte von 1968
den Marxismus weitgehend fallen und griff die anti-industriellen Motive der Produktivkraft- und Wissenschaftskritik auf. Man könnte die damals aufkommende
ökologische Kritik am emphatischen marxistischen Begriff der Produktivkräfte im Sinne der Hegel'schen Logik der Aufhebung als erste, einfache Negation
bezeichnen. Diese Negation war doppelt unzureichend: Zusammen mit ihren destruktiven und repressiven Momenten in der Geschichte der Modernisierung wurde
die Entwicklung der Produktivkräfte überhaupt negiert, also das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Folgerichtig gelangte diese Kritik der Produktivkräfte auch nicht
zu einer Kritik der Wertform und ihres Fetischismus, sondern bloß zu diversen Vorstellungen kleinbürgerlicher Warenproduktion, um später in der "grünen
Wirtschaftspolitik" wieder zu keynesianischen Auslaufmodellen zurückzukehren. Der Arbeiterbewegungs-Marxismus und seine ökologischen Defizite wurde auf diese
Weise nicht aufgehoben, sondern bloß ideologisch verdrängt
(36) In demselben Maße, wie die absolute Krise des warenproduzierenden Systems und damit die "starke" Transformation in Reichweite rückt, wird in der Frage der
Produktivkräfte die zweite Negation, die "Negation der Negation" notwendig, die bekanntlich keineswegs zum ursprünglichen Ausgangspunkt zurückführt, sondern
die unvermittelten Gegensätze aufhebt. Es gilt also, die Partei der mikroelektronischen Produktivkräfte gegen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu ergreifen,
gleichzeitig aber den destruktiven Gebrauchswert der kapitalistischen Produktions- und Konsumstruktur aufzuheben. Diese aufhebende Kritik muß Wesen und
Erscheinung der mikroelektronischen Revolution unterscheiden. Das Wesen dieser neuen Produktivkräfte ist eine Potenz, eine Möglichkeit also, die der Kapitalismus
nicht um ihrer selbst willen, sondern für seinen eigenen abstrakten Selbstzweck der Verwertung hervorgebracht hat. Davon kann die erscheinende Wirklichkeit dieser
Potenz nicht unbeeinträchtigt sein. Die konkrete Erscheinung der mikroelektronischen Produktivkräfte ist daher auch der stofflichen Gestalt nach eine kapitalistische,
die zusammen mit ihrer gesellschaftlichen Form aufzuheben ist.
(37) Diese Negation der Negation ist umso notwendiger, als ironischerweise die postmoderne Linke als unvermittelte Reaktion auf die unzureichende einfache Negation
des Marxismus durch die Produktivkraftkritik der grün-alternativen Bewegung heute wieder zum kruden Technik-Fetischismus der alten Arbeiterbewegung
zurückzukehren scheint. Ohne jede Reflexion der gesamten (globalen und strukturellen) Bedingungen der Reproduktion in sozialer und ökologischer Hinsicht wird
der jeweils "letzte Schrei" vor allem kapitalistischer Konsumtechnik zum "Muß", ohne die Schmerzgrenzen von Schwachsinn und Gemeingefährlichkeit überhaupt
noch wahrzunehmen.
(38) Sogar die fetischistische Verkehrung von sozialer und dinglicher Beziehung, die auch auf der Seite des kapitalistischen Gebrauchswerts erscheint, wird noch zur
positiven Vision der Zukunft hochgejubelt. Das ist ein Hohn auf jeden emanzipatorischen Gedanken. Nicht umsonst geht diese postmoderne Tendenz einher mit einer
Indifferenz gegenüber den stillschweigend vorausgesetzten Verkehrsformen des Geldes, deren Aufhebung kein ernsthaftes Thema ist. Alter
Arbeiterbewegungs-Marxismus, grün-alternative Produktivkraftkritik und postmoderne Linke stellen nur Varianten derselben Unfähigkeit (und desselben Unwillens)
dar, das warenproduzierende System zu überwinden. Demgegenüber ist eine Aufhebung der fetischistischen Wertform einzuklagen, die sowohl die erscheinende
Verkehrsform des Geldes als auch die erscheinende Form des kapitalistischen Gebrauchswerts in die aufhebende Negation einbezieht und die Potenzen der
mikroelektronischen Revolution gerade dadurch aufgreift, daß sie die kapitalistischen Artefakte kritisch aussortiert, statt sich der Logik ihres repressiven
Gebrauchswerts kritiklos zu unterwerfen.
(39) Diese Auseinandersetzung spitzt sich zu in der Frage der Keimform. Aus Angst, hinter die kapitalistischen Produktivkräfte zurückzufallen, bestehen auch der kritische
Marxismus und die postmoderne Linke vage auf einer unmittelbar gesamtgesellschaftlichen Umwälzung, obwohl sie andererseits (zumindest teilweise) auch Etatismus
und Politizismus kritisieren. Hier wird eine Unklarheit und Inkonsequenz sichtbar, denn die Ablehnung einer Keimform sozialökonomischer Reproduktion jenseits des
Werts ist zwangsläufig mit einem etatistischen Verständnis der Umwälzung "von oben" verbunden, d.h. vom zentralen archimedischen Punkt der Macht aus.
(40) Auch der Verweis auf Räte als Organe der gesellschaftlichen Repräsentation ist unzureichend, denn die Räte müssen ja irgendetwas repräsentieren, also sich aus
Elementen zusammensetzen. Die Crux der historischen Räte-Bewegungen bestand gerade darin, daß sie nur die kapitalistischen Formen der "Arbeit" (Betriebe bzw.
Unternehmen, die von Haus aus über den Markt vermittelt sind) repräsentieren konnten, nicht dagegen die Keimformen einer Reproduktion unabhängig von der
Vergesellschaftung durch die Realabstraktion des Werts. Genau deswegen fiel die Organisationsform der Räte wieder in die etatistisch orientierte bürgerliche Form
der politischen Partei zurück, wurde von dieser kommandiert und aufgesaugt.
(41) Diese Crux hatte freilich auch etwas mit dem Charakter der Produktivkräfte auf dem Kulminationspunkt der kapitalistischen Entwicklung zu tun. Der alte
Arbeiterbewegungs-Marxismus konnte für seinen etatistischen und zentralistischen Begriff der Transformation in gewisser Weise den Stand der Produktivkräfte
selbst ins Feld führen: Von den Zeiten der Dampfkraft und Eisenbahn bis zur Blüte der fordistischen Industrien waren die Aggregate der wissenschaftlich-technischen
Potenzen tatsächlich nur in einem relativ großen gesellschaftlichen Maßstab darstellbar. Das galt ganz buchstäblich für die Maschinen, Gebäude und die Techniken
der Zufuhr von Energie. Klein stand das Individuum vor den maschinellen Ungetümen. Und "groß" war das Synonym für Fortgeschrittenheit. Daraus resultierte auch
eine gewisse, geradezu kindische Gigantomanie: Unternehmen und Nationen wetteiferten darin, die größte Turbine der Welt, das höchste Gebäude der Welt, den
größten Tanker oder das größte Schlachtschiff der Welt usw. zu bauen.
(42) Dementsprechend groß war auch der organisatorische Maßstab, um diese Produktivkräfte überhaupt realisieren und mobilisieren zu können. Das war auch schon bei
der Urzeugung des Kapitalismus ein Faktor. Denn die früheste Keimform der Moderne war hinsichtlich der Produktivkräfte eigentlich eine Destruktivkraft: die
Innovation der Feuerwaffe. Die gewaltigen Kanonen der frühen Neuzeit und die dazugehörigen gigantomanischen Befestigungswerke konnten nicht mehr in der
dezentralen und naturalwirtschaftlichen Form der alten Agrargesellschaften dargestellt werden, sondern erforderten die Mobilisierung von Rüstungsindustrie,
stehenden Heeren, Geldwirtschaft und gesellschaftlicher Zentralisierung.
(43) Erst auf diesem Boden konnten sich die Keimformen der kapitalistischen Produktionsweise entwickeln. Und alle Träger weiterer Entwicklungsschübe des
warenproduzierenden Systems, der Sozialismus und seine Parteien eingeschlossen, blieben in der Vorstellung einer durchzentralisierten, pyramidenartig strukturierten
Vergesellschaftungsform befangen. Nicht nur die Diktaturen "nachholender Modernisierung", sondern auch die entwickeltsten westlichen Demokratien sind
negativ-utopische, in jeder Hinsicht Pyramiden bauende "Sonnenstaaten". Die bürokratischen Apparate und die nationalen bzw. kontinentalen großräumigen Märkte
entsprechen Produktiv- bzw. Destruktivkräften, deren Aggregate nur von großen "Armeen der Arbeit" und des Krieges in Bewegung gesetzt werden können.
(44) Die mikroelektronische Revolution führt demgegenüber nicht nur die lebendige Substanz des Kapitals, die abstrakte "Arbeit", ad absurdum; sie setzt auch die
gesellschaftliche Zentralisation durch Staaten und Märkte zu einer archaischen, unangemessenen Organisationsform herab und macht die Gigantomanie der Moderne
lächerlich. In demselben Maße, wie der Kapitalismus technologisch durch die von ihm selbst hervorgerufenen Produktivkräfte zu einem Wettlauf der Miniaturisierung
getrieben wird, verfällt nicht nur seine Substanz, sondern auch seine äußere Form. Füllten die ersten Rechner vor wenigen Jahrzehnten noch ganze Hallen und
erforderten die Kapitalkraft großer Unternehmen, so sind heute weit größere Kapazitäten in handlichen Tischgeräten verborgen und können selbst von
durchschnittlichen Individuen erworben werden.
(44.1) Mikroelektronische Revolution und Arbeit, 19.04.2004, 00:06, Maike Arft-Jacobi: Im Manifest gegen die Arbeit steht:
"Mit der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre absolute historische Schranke. ... In logischer Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische Robotik menschliche Energie oder die neuen Kommunikationstechnologien machen Arbeit überflüssig. ... Damit führt er seinen eigenen Tod herbei."
Menschliche Arbeit wird nicht zwangsläufig oder "logischen" Kriterien folgend wegrationaliert, sondern u.a. dann, wenn der Einsatz von Maschinen usw. "dem Einzelkapitalisten" billiger kommt. Daher verpacken z.B. Frauen an Fließbändern immer noch per Hand 50g-Rosinenbeutel in Kartons. Infolge des Preisverfalls der Arbeitskraft werden Produktionen de-industrialisiert und auf manuelle Tätigkeiten mit niedrigerem Produktivitätsniveau zurückgeführt. Philips etwa lässt Gerätekomponenten in Heimarbeit fertigen (Altvater/Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung, S. 282f, 305 ), Klamotten und Spielzeug für den Weltmarkt werden in asiatischen Betrieben per Hand vernäht usw. Durch die größer werdende Einkommensschere werden neue bzw. mehr arbeitsintensive Dienstleistungen marktfähig, d.h. es entstehen neue bzw. mehr (nach kapitalistischen Kriterien) "notwendige gesellschaftliche Arbeiten".
Von der Eigenschaft mikroelektronischer Geräte, menschliche Arbeiten verrichten zu können, kann nicht darauf geschlossen werden, dass sie zu diesem Zweck auch eingesetzt werden.
Die Entwicklung der Produktivkräfte wird vom Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital angetrieben. Dem Kapital als der einen Seite dieses Widerspruchs ist es egal, wie es zur erforderlichen Mehrwertrate kommt: ob durch Maschineneinsatz oder durch längere Arbeitszeiten usw. Das Kapital als die eine Seite dieses Widerspruchs würde seine eigenen Grundlagen vernichten. Ohne den Widerstand der Arbeiterklasse hätte es dieselbe durch Überausbeutung ausgerottet und nicht etwa verstärkt Maschinen eingesetzt. Die Eigengesetzlichkeit des Kapitalismus gestattet es dem Einzelkapital nicht, auf seine langsfristige Reproduzierbarkeit Rücksicht zu nehmen (wie man heute an der Zerstörung des Planeten sieht). D.h. der technische "Fortschritt" wird nicht durch dem Kapitalismus innewohnende Automatismen hervorgerufen, sondern ist das Ergebnis sozialer Kämpfe.
(44.1.1) Automatismus, 23.04.2004, 12:53, Stefan Meretz: Mir ist nicht klar, wie du zu deinem Schluss kommst, dass es keine "dem Kapitalismus innewohnenden Automatismen" gäbe, wo du vorher doch die Mechanismen nennst: Es muss sich rechnen (meine Worte). Wie, ob durch Maschinen- oder Menscheneinsatz, ist egal. Das systematische Krisis-Argument ist nun, dass es zunehmend der Maschineneinsatz ist, der selbst wiederum geringen Arbeitseinsatz erfordert. Es wird als mehr Arbeit ersetzt als sie zur Herstellung der Maschinen entsteht. Das ist ein zwangsläufiger und logischer und kein willkürlicher Prozess. Die Zwangsläufigkeit und Logik kommt aus immanenten Konkurrenz der Einzelkapitale und - das unterstütze ich - aus dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit (allerdings immer weniger).
(44.1.2) Widerspruch Kapital-Arbeit, 23.04.2004, 12:58, Stefan Meretz: Der genannte Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist kein antagonistischer, sondern ein logisch immanenter. Er treibt die Entwicklung voran, er ist Teil der Konkurrenz. Die Seite der "Arbeit" war erfolgreich in Zeiten des fordistischen Booms und der Konkurrenz zweier unterschiedlicher Formen der Warenproduktion (die eine staatsförmig, die andere privatförmig organisiert). Diese Zeiten sind vorbei. An die Stelle der vorantreibenden sozialen Kämpfe im Modus der Solidarität ist die Standortlogik im Modus der Konkurrenz getreten. Jetzt kämpft jeder gegen jeden.
(44.1.3) Dienstleistungen, 23.04.2004, 13:09, Stefan Meretz: Mir scheint, du fällst auf den schönen Schein des Dienstleistungsgeredes herein. Es gibt zwei Formen der Dienstleistung: produktive und unproduktive. Produktive Dienstleistungen sind solche, die die Wertverwertung antreiben, die in eine weitere Runde der Kapitalverwertung (G-W-G') eingehen. Unproduktive Dienstleistungen sind solche, die nicht die Kapitalverwertung eingehen, sondern im Gegenteil aus gelungener Kapitalverwertung alimentiert werden müssen (aus der sog. Revenue, aus Einkommen). "Marktfähigkeit" ist kein Kriterium. Im Kapitalismus bekommst du früher oder später alles "marktfähig". Für das Überleben des Kapitalismus als selbstreferenzielles Verwertungssystem ist nur die produktive Arbeit (generell, nicht nur Dienstleistungen) interessant. Das Krisis-Krisen-Argument muss also noch verschärft werden: Nicht nur immer mehr Arbeit verschwindet durch Maschineneinsatz, sondern das Verhältnis von produktiver zu unproduktiver Arbeit verschiebt sich immer mehr in Richtung der unproduktiven. Es nutzt gar nix, wenn wir alle Ich-AGs aufmachen und uns gegenseitig die Schuhe putzen.
(45) Die Vergesellschaftung steckt jetzt nicht mehr in der Größe, sondern umgekehrt in der Kleinheit der Technologie. Die fortgeschrittensten Kapazitäten von
Werkzeugmaschinen, Steuerungstechnologien und Kommunikationsmitteln sind im kleinen Maßstab mobilisierbar und benötigen keine "Armeen der Arbeit" und
keine gesellschaftliche Zentralisation mehr. Die Reproduktion kann zu einer dezentralen Form zurückkehren, aber nicht mehr zu den voneinander vergleichsweise
isolierten dezentralen Reproduktionsformen der Agrargesellschaft, die nur äußerlich durch Strukturen der Herrschaft verbunden waren, sondern auf höherer
Entwicklungsstufe zu einer allseitig kommunikativ vernetzten dezentralen Struktur. Das gilt im übrigen nicht nur für die Mikroelektronik, sondern zumindest
perspektivisch auch für die Ablösung der fossilen durch solare Energie. Erfordern die energetischen Systeme der fossilen Brennstoffe große, zentralisierte
Technologien und Organisationsformen, so ist die Solartechnik ebenso dezentral und im kleinen Maßstab einsetzbar wie die Mikroelektronik. Die Repräsentanten
des Kapitals schrecken vielleicht auch deshalb vor der forcierten Entwicklung solarer Energietechnik zurück, weil sie ahnen, daß damit dem Kapitalismus und seinen
zentralisierten Formen der Herrschaft endgültig die Felle davonschwimmen könnten.
(45.1) Dezentrale Strukturen, 18.04.2004, 22:28, Maike Arft-Jacobi: Werden hier aus der Größe der Werkzeuge in Zentimetern Schlüsse auf die Organisation der Reproduktion gezogen? Das würde ich recht albern finden.
Weiter unten, in Absatz 48, heißt es: "die Herstellung der basalen Bausteine der Mikroelektronik erfordert sogar einen höheren Kapitaleinsatz als die früheren fordistischen Produktivkräfte". Dies bedeutet, dass zur Produktion der Werkzeuge eine zentrale Koordination notwendig ist, um die nötigen Ressourcen zu sammeln. D.h. im Kapitalismus: das nötige Kapital, nach Überwindung desselben: zentral organisierte Abmachungen mit Zulieferbetrieben, zentrale Allokation der "Ersparnisse" an Rohstoffen, Halbfertigprodukten, Energie, Qualifikation usw. die man als Vorlauf braucht. Jedes kleine Solarzellchen braucht, um produziert werden zu können, eine weltumspannende zentrale Koordination. Dass die Solarzellen dezentral einsetzbar sind, muss den Kapitalismus ebenso wenig stören wie der Einsatz von Waschmaschinen in Privathaushalten.
(46) Die Verbindung von Mikroelektronik und solarer Energie eröffnet die Möglichkeit, daß Menschen sich dem Kapitalismus (teilweise, schrittweise) entziehen können
und seinen totalitären Anspruch durchbrechen, wie es in der Vergangenheit nur durch Abwanderung in die kapitalistisch unerschlossenen Weltregionen möglich war
(z.B. in der Pionierzeit der USA durch die Ansiedlung in den Weiten des Westens, die oft auch eine Flucht vor den kapitalistischen Zumutungen war, was heute nicht
mehr gern gehört und deswegen verschwiegen wird). Nur ist diese Möglichkeit, sich zu entziehen, jetzt auf eine neue, ganz andere Weise durch die Entwicklung der
Produktivkräfte selbst hervorgetrieben worden. Der Raum des Entzugs ist kein äußerer, territorialer mehr, sondern ein innerer und sozialer Raum. Und es ist auch
kein Auszug aus der Vergesellschaftung in die Primitivität mehr, wie es noch das produktivkraftkritische und im schlechten Sinne "romantische" Aussteigertum Ende
der 70er und Anfang der 80er Jahre dargestellt hatte. Im Gegenteil: In den Poren und auf den Trümmern der archaisch werdenden kapitalistischen
Vergesellschaftung können die Keimformen einer nicht mehr warenförmigen Reproduktion blühen, die in Austausch und Auseinandersetzung mit dem Kapital treten,
ihr Existenzrecht behaupten und die kapitalistische Reproduktion schließlich ganz überwinden.
(47) Die Analyse des Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen unter den Bedingungen der Mikroelektronik macht auch klar, daß es gerade für
die "starke" Transformation keines zentralen, unmittelbar gesamtgesellschaftlichen Hebels mehr bedarf. Dieser Gedanke entstammt noch der alten Vorstellungswelt
der modernen prä-mikroelektronischen Produktivkräfte. Der gesamtgesellschaftliche Charakter erscheint jetzt vielmehr als perspektivisch vermittelter, als
Bewegungsform und nicht als zentraler Akt der Umwälzung. Wie die Pioniere der USA sich dem Kapitalismus zeitweilig entzogen, dabei aber trotzdem kapitalistisch
produzierte Werkzeuge (wenn auch nur einfache) mitnahmen, so können sich auf einer viel höheren Stufenleiter der Entwicklung heute Menschen mitten im
kapitalistischen Territorium für einen Teil ihrer Reproduktion den kapitalistischen Zumutungen entziehen, indem sie kapitalistisch produzierte Mikroelektronik und
Solartechnik für nichtkapitalistische Reproduktionsformen einsetzen.
(47.1) Entzug und Wiederentstehung, 19.04.2004, 00:40, Maike Arft-Jacobi: Die Pioniere der USA haben den Kapitalismus in den USA geschaffen.
Deshalb komme ich auf folgende Frage: Weshalb sollte die "wertkritische Entkoppelungs- und Aufhebungs-Bewegung" (Absatz 151) nach ihrem Erfolg nicht zu einem Neuaufbau des Kapitalismus führen? Wenn es sich um eine tatsächliche historische Überwindung des Kapitalismus handelt, dürfte dies nicht möglich sein. Welches sind die Gründe, die dies unmöglich machen? Doch nicht etwa die Wünsche der Individuen?
Mit diesem kleinen Gedankenexperiment lässt sich prüfen, ob die antikapitalistische Perspektive "tief" genug reicht.
Man müsste aus den Strukturen der "Bewegung" ableiten können, dass eine Wiederentstehung des Kapitalismus nicht möglich wäre. Kann man das nicht, so handelt es sich nicht um eine "Bewegung" zur historischen Überwindung des Kapitalismus, sondern um eine limitierte Aussetzung der Wertvergesellschaftung. So etwas bringt der Kapitalismus schon heute fertig: er hat die Hausarbeit nicht zur Lohnarbeit gemacht; ursprüngliche Lohnarbeiten werden hausfrauisiert. (- Weshalb aus steigender Erwerbslosigkeit auch nicht auf einen Rückgang gesellschaftlich notwendiger Arbeit geschlossen werden kann.)
(47.1.1) Re: Entzug und Wiederentstehung, 23.04.2004, 13:20, Stefan Meretz: Ich finde deinen Vorschlag mit dem Gedankenexperiment sehr gut! In der Tat geht es darum, Kriterien zu formulieren, die auch heute schon für die Strukturen von Bewegungen hilfreich sind. Aus meiner Sicht geht das nur, wenn man schon eine Vorstellung von einer freien (nachkapitalistischen) Gesellschaft hat, denn nur von dort aus kannst du Kriterien entwickeln. Ansonsten landet man bei genau dem, das du kritisch nachfragst: beim dem bloßen Wünschen der Individuen, es möge anders sein. Dieses Wünschen ist aber ein Nichts gegen die Logik der Wertverwertung. Eine freie Gesellschaft kann nur eine solche sein, in der diese entfremdete Logik in all ihren (Fetisch-)Formen aufgehoben ist: Ware, Tausch, Arbeit, Geld, Staat, Recht.
(48) Das bedeutet aber auch, daß eine Keimform sozialer Reproduktion jenseits des Werts nicht mit der Produktion, sondern mit der Anwendung von Chips beginnen
wird. Denn die Herstellung der basalen Bausteine der Mikroelektronik erfordert sogar einen höheren Kapitaleinsatz als die früheren fordistischen Produktivkräfte,
wenn auch keine "Armeen der Arbeit" mehr. Die Kosten liegen vielmehr in der Komplexität der Produktionsbedingungen von Chips, die heute selbst
Weltmarktkonzerne zu "strategischen Allianzen" für die Entwicklung der jeweils nächsten Generation zwingt.
(49) Zumindest teilweise hat sich die DDR auch dadurch ruiniert, daß sie unbedingt einen eigenen Chip entwickeln und produzieren wollte, was zu viele Ressourcen
verschlang, statt die Chips billig auf dem Weltmarkt zu kaufen. Diese Fehlkalkulation war aber nicht zufällig. Sie ging auf das eingefleischte Bewußtsein des
zentralistischen Sozialismus zurück, daß die metaphysischen Subjekte von "Partei und Klasse" von Anfang an die absolute Kontrolle über die gesamte Reproduktion
ausüben müßten und insofern vor allem die Grundstoffindustrien entscheidend seien. Deshalb konzentrierte sich das sozialistische Augenmerk früher auf die Betriebe
von Kohle, Eisen und Stahl, deren Beschäftigte zum "Kern der Klasse" erklärt wurden. Diese Denkweise hat sich auf die mikroelektronischen Produktivkräfte
übertragen. Eine Aufhebungsbewegung gegen die Wertform wird das System der Reproduktion genau umgekehrt aufrollen. Die Grundstoffindustrien und die
Basisproduktion der Mikroelektronik selbst werden nicht den Grundstein, sondern den Schlußstein der Transformation bilden. Es kommt nicht auf zentralistische
Kontrolle, sondern auf die Konstitution und Entwicklung sozialer Räume der Emanzipation an.
(50) Ganz anders verhält es sich mit der Frage der Anwendung der Mikroelektronik für emanzipatorische Zwecke. Muß die basale Produktionstechnik einstweilen noch
dem Kapital überlassen bleiben, so kann die Anwendung gerade nicht mehr den vorgezeichneten kapitalistischen Mustern entsprechen. Genau hier liegt auch der
erste Ansatzpunkt für eine Kritik der kapitalistischen Gebrauchswertstruktur. Die erscheinenden Anwendungsformen der mikroelektronischen Produktivkräfte sind
ganz auf kapitalistische Produktions- und Konsumtionszwecke zugeschnitten, in denen sich der Selbstzweck des Werts und die warenfetischistische Verdinglichung
manifestieren.
(51) Soweit die postmoderne Linke sich gerade auf den verdinglichten und in seinen Auswirkungen hochgradig destruktiven Konsumismus positiv einläßt, wird sie auf die
kapitalistische Spielwiese und in die sozialpsychologischen Mechanismen von konsumistischem Status und konkurrenten Selbstbestätigungs-Kämpfen abgedrängt.
Die Behauptung, das kritische Potential dieser Gesellschaft sei gerade (und sogar einzig und allein) dadurch abzurufen, daß der Kapitalismus die von ihm
hervorgebrachten Bedürfnisse nicht mehr erfüllen könne, greift viel zu kurz. Soweit die Bedürfnisstruktur aus der spezifisch kapitalistischen Gebrauchswertstruktur
folgt, ist sie selbst Bestandteil der fetischistischen Wertabstraktion und somit der Entmündigung des Menschen durch subjektlose gesellschaftliche Formen.
Deswegen wird der Appell an diese Bedürfnissse, für die bloß nicht mehr genügend Geldeinkommen erzeugt wird, nie und nimmer zu einer emanzipatorischen
Bewegung führen. Der Widerspruch zwischen dem Kapitalismus und den von ihm selbst hervorgetriebenen Potenzen liegt auf einer ganz anderen Ebene und ist nicht
derart billig zu mobilisieren.
(52) Nicht die Nintendo-Spiele und nicht das Handy sind die Anwendungspotentiale einer emanzipatorischen Keimform. Übrigens bestreiten Kenner selbst bei den
bloßen Konsumgeräten, daß z.B. der Übergang von der Schallplatte zur CD überhaupt noch ein Fortschritt auf der Ebene des Gebrauchswerts war. Diese
Entwicklung hatte vielmehr nur das Ziel, neue Produktions- und Absatzfelder zu erschließen, um die gesellschaftliche Arbeitsmaschine in Schwung zu halten. Das ist
nur eines von vielen Beispielen dafür, daß der Selbstzweck der Verwertung längst auf die Konsumstruktur übergegriffen hat. Im Gegensatz dazu kann es für eine
soziale Bewegung gegen das warenproduzierende System nur darum gehen, die mikroelektronischen Anwendungspotentiale selber erst für emanzipatorische Zwecke
der Reproduktion zurechtzuschneiden. Wenn die mikroelektronisch bestückten Geräte zunehmend aus Modulen bestehen, die dem verändernden Zugriff der
Anwender oder selbst der bloßen Reparatur entzogen sind, dann ist diese Tendenz nicht allein auf ökonomische Gründe ("geplanten Verschleiß"), sondern auch auf
den Versuch sozialer Kontrolle zurückzuführen: die Menschen sollen mit den Produkten nicht selbständig umgehen können, sondern als fetischistische Arbeits- und
Konsumidioten der vorgezeichneten kapitalistischen Gebrauchswertstruktur folgen.
(53) Deshalb wird die emanzipatorische Anwendung der Mikroelektronik selber aktiv das technologische Potential umformen und damit experimentieren müssen, also
etwa eigene Hardware-Kombinationen und eigene Software entwickeln, die von Zwecken bestimmt sind, wie sie erst einmal zu definieren wären. Dafür bedarf es
natürlich auch eines entsprechenden Wissens und der Teilnahme von Menschen, die mit den mikroelektronischen Potentialen entsprechend umgehen können.
Schließlich ist auch eine bewußte Verbreitung dieses Wissens erforderlich, etwa in Gestalt einer mikroelektronisch-solaren "polytechnischen Bildung", die sowohl in
eigener Regie organisiert als auch in Forderungen an das Schul- und Ausbildungssystem formuliert werden kann. In verwandelter und an die neuen Aufgaben
adaptierter Form sind also durchaus alte sozialistische Ideen rekonstruierbar. Nicht der vollautomatische Narr kann das Ziel der Emanzipation sein, sondern der
selbstreflexive Mensch, der seinen Lebenszusammenhang bewußt reguliert und nicht von den toten Dingen beherrscht wird. Dieses Ziel muß in den Keimformen
emanzipatorischer Reproduktion erscheinen, weil sie sonst keine wären.
(54) Das veränderte, "aufgehobene" Verständnis der Produktivkräfte und ihrer Beziehung zu den Produktionsverhältnissen ist natürlich nur die Voraussetzung dafür, das
eigentliche Problem zu bewältigen: die Aufhebung der fetischistischen Wertform sozialer Beziehungen. Auch hier ist es zunächst notwendig, sich durch das verkürzte,
system-immanente Verständnis des Arbeiterbewegungs-Marxismus und der Genossenschafts- bzw. Alternativbewegung hindurchzuarbeiten. éhnlich wie in der Frage
der Produktivkräfte finden wir auch in dieser Hinsicht ein spiegelbildliches, komplementäres Befangenbleiben in den fetischistischen Strukturen. Sowohl der
politizistische Marxismus als auch die Alternativbewegung reduzieren ihre Zielsetzung auf eine Kritik und Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln,
wenn auch in verschiedener Weise. Nun ist es zweifellos richtig, daß es sich bei der Institution des Privateigentums um ein Moment des warenproduzierenden
Systems handelt, nämlich um dessen juristische Form. Daraus erhellt aber schon, daß dieses Moment nicht isoliert aufgehoben werden kann, ohne die anderen
Momente der Wertform und damit diese selbst und als solche aufzuheben. Der Versuch, das Privateigentum an den Produktionsmitteln abzuschaffen, gleichzeitig
aber die Verkehrsformen von Ware und Geld beizubehalten, kann nur in gesellschaftliche Paradoxien führen.
(55) Daß überhaupt das Privateigentum als derart isolierter Faktor gedacht und ihm die Hauptverursachung der kapitalistischen Übel zugeschrieben werden kann, beruht
auf einem naiven und typisch aufklärerischen Mißverständnis: Das Privateigentum wird nämlich fälschlich als bloß "subjektive Verfügungsgewalt" der sogenannten
Besitzenden und damit "Herrschenden" deklariert, der Augenschein von Selbstherrlichkeit und vermeintlicher Willkür seitens der kommandierenden Personage des
Kapitals für bare Münze genommen. Damit einher geht gewöhnlich ein ebenso naives und affirmatives Verständnis des kapitalistischen Reichtums, der nur "ungleich
und ungerecht verteilt" sei. Elemente dieses verkürzten Begriffs von "Privateigentum" finden sich auch noch bei Marx und Engels, obwohl es gerade Marx ist, der
gleichzeitig das begriffliche Instrumentarium für eine Kritik dieser Auffassung liefert.
(55.1) 08.02.2002, 19:40, Wolf Göhring: Die folgende stelle bei Lenin scheint mir zu zeigen, wie wichtig die vorstehende kritik ist: "Die ungleichmaessigkeit der oekonomischen und politischen entwicklung ist ein unbedingtes gesetz des kapitalismus. Hieraus folgt, dass der sieg des sozialismus zunaechst in wenigen kapitalistischen laendern oder sogar in einem einzeln genommenen lande moeglich ist. Das siegreiche proletariat dieses landes wuerde sich nach enteignung der kapitalisten und nach organisierung der sozialisitischen produktion im eigenen lande der uebrigen, der kapitalisitischen welt entgegenstellen* (Hervorg. von Lenin), wuerde die unterdrueckten klassen der andern laender auf seine seite ziehen, in diesen laendern den aufstand gegen die kapitalisten entfachen und notfalls sogar mit waffengewalt gegen die ausbeuterklassen und ihre staaten vorgehen." (sozial-demokrat nr. 44, 23.8.1915, Lenin Werke band 21, s. 345, 346)
(56) Tatsächlich geht die Institution des Privateigentums bei weitem nicht in einer "subjektiven Verfügungsgewalt" auf. Ein solches Verständnis sieht nur das subjektive
Kalkül der Besitzer von Produktionsmitteln, nicht jedoch deren objektivierte Formbestimmtheit, die sich den vermeintlich "Verfügungsgewaltigen" als äußeres
Zwangsprinzip aufherrscht und jede Abweichung von den Form- und Bewegungsgesetzen des Werts postwendend bestraft. Die Übel des Kapitalismus sind daher
letztlich nicht den subjektiven Entscheidungen seiner Funktionsträger anzulasten, sondern der subjektlosen, fetischistischen Reproduktions- und Verkehrsform selber.
Diese Erfahrung mußten und müssen immer wieder die Akteure von Betriebsbesetzungen und "Belegschaftsbetrieben" machen, die versuchen, ein ökonomisch an die
Wand gefahrenes Unternehmen in eigener Regie zu betreiben. Als in den 80er Jahren die Krise der deutschen Schiffbauindustrie begann, lockte ein altmarxistischer
Verlag mit dem Titel: "Stell Dir vor, die Werften gehören uns!". Und was wäre damit gewonnen? Gar nichts, denn die Markt- und Konkurrenzgesetze würden
weiterhin wirken; die Belegschaft müßte sich selbst ausbeuten, zur Arbeitshetze treiben, sich selbst wegrationalisieren usw. oder eben in aller Schönheit des
Kollektiveigentums bankrottieren.
(57) Die beiden Eigentumsformen, die gemeinhin im verkürzten und weiterhin an die Warenproduktion gebundenen Verständnis als Aufhebung des Privateigentums
figurieren, nämlich das genossenschaftliche Eigentum und das Staatseigentum, sitzen beide gleichermaßen jenem aufklärerischen Mißverständnis von der subjektiven
"Verfügungsgewalt" auf. In Wahrheit aber ist jede beliebige Eigentumsform, die auf der "Verwertung des Werts" beruht und deren Produktion daher gesellschaftlich
nur über Marktbeziehungen vermittelt sein kann, per definitionem immer schon Privateigentum. Die breit gestreute und tief gestaffelte Funktionsteilung der
gesellschaftlichen Reproduktion, die sich nicht im Vorhinein durch Kommunikation und gemeinschaftliche Festlegungen manifestiert, sondern erst im nachhinein durch
den Austausch der Produkte, bildet die Matrix einer fetischistischen Vergesellschaftung über den Wert, d.h. über eine metaphysische Schein-Eigenschaft der
Produkte statt über direkte menschliche Kommunikation; und diese Matrix setzt die beteiligten Produktionseinheiten apriori in den Status von Privateigentümern.
(58) Die Matrix des Werts hat nur entfernt etwas zu tun mit vorkapitalistischen Ware-Geld-Beziehungen. Denn in den alten Agrargesellschaften (ganz zu schweigen von
Jäger- und Sammlergesellschaften) ist die Matrix der Vergesellschaftung überhaupt nicht der Wert als metaphysische Eigenschaft der Produkte, sondern ein Kontext
naturalwirtschaftlicher Formen, die Warentausch nur am Rande oder als "Nischenform" (Marx) kennen; das bedeutet, daß nur Überschüsse oder relativ wenige
Spezialprodukte in Marktbeziehungen eingehen. Eine erweiterte und tiefgestaffelte Funktionsteilung über den Markt ist aber nicht notwendig eine Folge der
Produktivkraftentwicklung, sondern vielmehr eine logische Konsequenz des Kapitalismus, der den Wert zum gesellschaftlichen Selbstzweck gemacht hat. Es ist also
nicht so, wie die VWL behauptet, daß die erweiterte Funktionsteilung durch Entwicklung der Produktivkräfte notwendig zur Totalisierung von Waren- und
Geldbeziehungen führt. Diese Sicht verwechselt einen historischen mit einem logischen Sachverhalt. Der Kapitalismus als Rückkoppelung des Werts auf sich selber
(als Verwertungsmaschine) ist es, der die Entwicklung der Produktivkräfte als identisch mit der Verallgemeinerung des Marktes erscheinen läßt. Ein allgemeiner und
totaler Markt kann überhaupt nur als Sphäre der Realisation von abstrakter Mehrwertproduktion entstehen. Für das bürgerliche Bewußtsein ist dies identisch mit
entwickelten Produktivkräften, weil sich ihm diese immer schon durch die Matrix des Werts geformt darbieten
(59) Staatseigentum und genossenschaftliches Eigentum verbleiben ihrem Begriff nach in dieser fetischistischen Formbestimmung. Der Staat ist die juristische (und insofern
politische) abstrakte Allgemeinheit einer Gesellschaft von Warenproduzenten, ebenso wie das Geld deren ökonomische abstrakte Allgemeinheit bildet. Abstrakt ist
diese Allgemeinheit oder das Gemeinsame der Gesellschaftsmitglieder deswegen, weil sie nicht durch eine konkrete Kommunikation über konkrete stofflich-sinnliche
Bezüge der gemeinsamen Reproduktion vermittelt wird, sondern durch die Abstraktion des Werts. Wird nun der Staat zum Eigentümer warenproduzierender
Unternehmen, so usurpiert der juristisch-politische Pol den ökonomischen Pol der abstrakten Allgemeinheit, was aus bestimmten historischen Konstellationen in der
Entwicklung warenproduzierender Systeme zwar erklärlich, jedoch auf die Dauer dysfunktional ist, weil der Ersatz des ökonomischen Konkurrenzmechanismus
durch politische Kommandos enorme Reibungsverluste in der Produktion von Wert bzw. Mehrwert erzeugt.
(60) Gleichzeitig bleibt der Charakter des Privateigentums an der Form des Staatseigentums in doppelter Weise haften: Zum einen tritt der Staatsapparat gegenüber den
Produzenten, da er nicht ihre eigene konkrete Gemeinsamkeit, sondern eine ihnen als Individuen äußerliche abstrakte Allgemeinheit darstellt, in der Maske einer
paradoxen "allgemeinen Privatheit" (als allgemeiner Exekutor der "Verwertung des Werts") auf und zwingt sie dadurch ihm gegenüber ebenfalls in die Form der
Privatheit, sodaß sie sich als Privateigentümer ihres Produktionsmittels "Arbeitskraft" verhalten. An der Bestimmung der Produktionsmittel im Staatseigentum sind sie
qua ihrer Staatsbürgerlichkeit nicht konkreter beteiligt als mittelalterliche Stallknechte am Domäneneigentum der katholischen Kirche qua ihrer Eigenschaft als
Christenmenschen.
(61) Zweitens spaltet sich der Staatsapparat, soweit er Unternehmensfunktionen usurpiert hat, selber notwendig in gegensätzliche ökonomische Positionen der Privatheit
auf, da ja auch die staatseigenen Unternehmen sich über Markt- und Geldbeziehungen vermitteln. Auf diese Weise rächt sich die Wertform am überzogenen
Anspruch des Staates. Unterhalb der gesellschaftlichen Käseglocke einer Staatsplanung in Wertkategorien positionieren sich gegensätzliche Interessen der getrennten
Produktionseinheiten, die ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum nur in der Geldform und daher nur privat aneignen können. Demgegenüber haben die frommen
Sprüche aus dem politischen Himmel wenig Bedeutung. Eine analoge Erscheinung findet sich übrigens neuerdings innerhalb kapitalistischer Konzerne in Form des
ultra-neoliberalen Konzepts sogenannter "Profit-Center": Nicht mehr das Unternehmen als ganzes soll Träger der "Wertschöpfung" sein, sondern direkt die einzelnen
Abteilungen, die sich daher auch untereinander als Privatproduzenten verhalten, gewissermaßen als "Unternehmen im Unternehmen". Auch dieses Konzept kann
hinsichtlich des Gesamtunternehmens auf Dauer nur zu paradoxen und dysfunktionalen Entwicklungen führen.
(62) Das Staatseigentum ist also aufs Ganze gesehen nur eine besonders paradoxe Form des Privateigentums. Daran ändert sich auch nicht im geringsten etwas, wenn
dieses Staatseigentum nicht vom bürgerlichen Staat, sondern von einem "Arbeiterstaat" verwaltet wird, getragen von den metaphysischen Subjekten der
"Arbeiterklasse" und der (politischen) "Arbeiterpartei". Denn die strukturellen Beziehungen, die sich aus dem Staatseigentum ergeben, bleiben dieselben, unabhängig
von ihren sozialen Trägern. Insofern ist auch die in den 70er Jahren vieldiskutierte Analyse des Staatssozialismus durch Charles Bettelheim ungenügend und im
Verständnishorizont des Arbeiterbewegungs-Marxismus befangen geblieben. Bettelheim begriff die Elemente der Privatheit am Staatseigentum nur soziologistisch
verkürzt, als bloß subjektiven Griff einer bestimmten soziologischen Gruppe, der Unternehmens-Leitungen, nach der "Verfügungsgewalt". Er sah nicht, daß die Form
des Privateigentums unabhängig von den soziologischen Willensäußerungen jeder auf dem Wert beruhenden Produktionsweise notwendig inhärent ist. Ganz egal,
welches historisches Subjekt ein warenproduzierendes System konstituiert, dieses System wird stets eine ähnliche Art von Funktionseliten hervorbringen, wie sie den
Formen einer "Verwertung des Werts" entsprechen. Insofern ist jeder Staat per definitionem ein bürgerlicher Staat, ebenso wie jede Nation ihrem Wesen nach eine
bürgerliche Nation, jedes Geld als allgemeine Verkehrsform ein bürgerliches Geld und jede Warenproduktion als allgemeine gesellschaftliche Reproduktionsform
eine bürgerliche Warenproduktion ist. Das Attribut ist eigentlich überflüssig; es ist lediglich signifikant für ein Bewußtsein, das nur in den bürgerlichen Kategorien
denken kann und die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise auf dem Boden dieser bürgerlichen Realkategorien lösen will. Das Problem liegt aber in
den strukturellen Beziehungen, wie sie die fetischistische gesellschaftliche Form des Werts aus sich heraus setzt, und nicht in den sekundären (bereits auf diese
Struktur apriori bezogenen) Interessenhandlungen der soziologischen Gruppen, Schichten oder Klassen, deren Existenz selber ein historisches Produkt der Wertform
ist.
(63) Nicht besser als mit dem Staatseigentum steht es mit dem genossenschaftlichen Eigentum, soweit es sich um warenproduzierende Unternehmen in der Form von
Genossenschaften handelt. Der Träger dieses Eigentums ist zwar nicht die juristisch-politische abstrakte Allgemeinheit der Gesellschaft, sondern ein partikulares
Kollektivsubjekt. Da dieses Kollektiv eine überschaubare Einheit darstellt, wurde die Idee der Genossenschaft immer wieder mit der Keimform einer vom
Kapitalismus befreiten Reproduktion in Verbindung gebracht. Auch die Alternativbewegung der frühen 80er Jahre propagierte eine "sinnvolle Produktion" in
"egalitären Strukturen ohne Chefs" als Bestandteil einer emanzipatorischen alternativen Lebensweise. Aber der alternative Charakter beschränkte sich dabei von
vornherein auf den sozialen Binnenraum eines warenproduzierenden Unternehmens. Die gesellschaftliche Vermittlung dagegen lief "selbstverständlich" über den
Markt, auf dem die Produkte der Genossenschaft oder des Alternativbetriebs abzusetzen waren.
(64) Damit wird natürlich nicht die Wertform aufgehoben. Die alternativen Unternehmen bleiben Teil der allgemeinen Marktwirtschaft, die nur als Realisationssphäre des
Kapitals existieren kann. Deshalb bleiben sie auch Bestandteil der kapitalistischen Reproduktion und unterliegen den Zwangsgesetzen der Konkurrenz. Als
"Geldverdiener" bleiben die Mitglieder eines solchen Unternehmens gleichzeitig auch untereinander trotz gegenteiligen Willens in der ökonomischen Form des
Privatinteresses. Die ökonomische abstrakte Allgemeinheit des Geldes muß sich in letzter Instanz für ihre Produktions- und Lebensweise als bestimmend
durchsetzen. Deshalb sind die genossenschaftlichen und alternativen Betriebe entweder untergegangen oder sie mußten sich mit "Selbstausbeutung" über Wasser
halten, um sich schließlich qua "Professionalisierung" in stinknormale kleinbürgerliche Klitschen mit Chef, Leistungsdruck usw. zu verwandeln, die ihre Bankkredite
abarbeiten.
(65) Es wird also deutlich, daß jede soziale Vermittlung durch die ökonomische Wertform notwendigerweise immer auch die dazugehörige juristische Form des
Privateigentums in irgendeiner Gestalt hervorbringt. Das gilt erst recht dann, wenn sich der reformerische und emanzipatorische Eifer scheinbar an die Form der
Vermittlung selber heranwagt, aber statt deren Aufhebung nur irgendein Surrogat für den Wert erfinden will. Besonders drastisch wird dies deutlich bei den von
Marx so bezeichneten "Geldpfuschereien" etwa eines Proudhon oder einer ökonomischen Sekte, wie sie die Anhänger von Silvio Gesell darstellen. Da sich deren
Kritik an der kapitalistischen Verkehrsform auf den Aspekt des zinstragenden Kapitals beschränkt, wollen sie lediglich ein "vom Zins befreites Geld" als direkte
Verrechnung von Leistungseinheiten einführen, ohne das Problem der abstrakten Wertform als solcher überhaupt wahrzunehmen. Diese verkürzte Kritik der
kapitalistischen Verkehrsform fällt sogar noch hinter die altmarxistische verkürzte Kritik des Privateigentums zurück: Weil sie nur auf ein "ehrliches Geld"
hinauswollen, ist für Proudhon, Gesell und ihre Anhänger das Privateigentum an den Produktionsmitteln sogar besonders heilig. Was ihnen vorschwebt, ist überhaupt
nicht mehr die soziale Emanzipation, sondern eine Gesellschaft von Kleinbürgern und die Reduktion der wertförmigen Vergesellschaftung auf einen
Klitschen-Kapitalismus mitsamt allen dazugehörigen repressiven Borniertheiten des Arbeits- und Leistungsfetischismus.
(66) Noch bornierter und ebenfalls kaum mehr einer gesellschaftskritischen und emanzipatorischen Intention folgend stellen sich die neuerdings in Mode kommenden
"Tauschringe" dar (die allesamt anfällig für Gesellianisches Gedankengut sind). Hat der Genossenschafts-Sozialismus wenigstens noch die emanzipatorische
Kooperation eines sozialen Binnenraums im Auge und ist diese bei den Gesellianern auf einen kleinbürgerlichen Klitschen-Kapitalismus reduziert, so setzen die
Tauschringe bereits völlig entsozialisierte abstrakte Individuen voraus, die untereinander Dienstleistungen austauschen und verrechnen, ohne überhaupt noch in eine
kooperative Produktionstätigkeit einzutreten. Die sozialökonomische Beziehung beschränkt sich gänzlich auf die Organisation einer alternativen Verkehrsform von
Leistungsverrechnungen, die parallel zum offiziellen Markt läuft. Auch hier wird das Privateigentum nicht aufgehoben, sondern schrumpft lediglich auf die individuelle
Fähigkeit, irgendeine Leistung (Babysitten, Tapezieren usw.) mit anderen Individuen auszutauschen; die Reproduktion von "Leistungsschwachen" wie Behinderten
oder Kranken kommt dabei gar nicht vor. Ein solcher Tauschring stellt keinerlei Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise mehr dar. Er organisiert nur einen
Notbehelf in nebensächlichen Dingen für "herausgefallene" monadisierte Individuen, die ihre produktive Kooperationsfähigkeit völlig an Kapital und Staat abgegeben
haben. Insofern sind die Tauschringe kein Neuanfang einer sozialen Emanzipation, sondern nur die letzte Verfallsform der alten, gescheiterten Ansätze innerhalb der
Wertform, die bei hilflos gewordenen sozialen Atomen angelangt ist.
(67) Aus diesen kritischen Überlegungen ergibt sich notwendig ein zweites wesentliches Merkmal, das die Keimformen einer neuen sozialen Emanzipation von der
früheren Alternativbewegung unterscheidet: Die neue Kritik am Staatssozialismus wird nicht nur die Partei der mikroelektronischen Produktivkräfte gegen die
kapitalistischen Produktionsverhältnisse ergreifen müssen, statt diese Produktivkräfte zugunsten eines niedrigeren Niveaus der unaufgehobenen "abstrakten Arbeit" zu
negieren; sie wird sich ebendeshalb auch nicht in der Form warenproduzierender Genossenschaften organisieren und erst recht nicht auf bloße Surrogatformen des
Warentauschs und der Leistungsverrechnung ("Geldpfuschereien", Tauschringe) hinauslaufen können. Die Aufgabe besteht vielmehr darin, an der Aufhebung des
Privateigentums an Produktionsmitteln festzuhalten, jedoch nicht mehr aus jenem naiven, aufklärerischen Verständnis einer "Verfügungsgewalt" soziologisch
bestimmter Gruppen heraus und daher auch nicht als paradoxes Staatseigentum, sondern als Entkoppelung eines sozialen Raums emanzipatorischer Kooperation von
Warentausch, Geldbeziehung und abstrakter Leistungsverrechnung. Mit einem Wort: Es geht darum, Elemente und Keimformen einer "mikroelektronischen
Naturalwirtschaft" zu entwickeln, die sich dem Vergesellschaftungsprinzip des Werts grundsätzlich entzieht und davon nicht mehr erfaßt werden kann.
(68) Der Ausdruck erscheint zunächst als paradox, weil das von der Wertform bestimmte moderne Bewußtsein sich daran
gewöhnt hat, "Naturalwirtschaft" als "Zurückgebliebenheit agrargesellschaftlicher Verhältnisse" zu übersetzen und mit fortgeschrittenen industriellen Produktivkräften
für unvereinbar zu halten. Zunächst einmal handelt es sich aber um einen neutralen Ausdruck, der lediglich bezeichnet, daß bestimmte reproduktive Tätigkeiten nicht
die Form von Warenproduktion annehmen und demzufolge auch nicht in Geldbeziehungen eingehen. Damit ist noch nicht gesagt, welcher Art die reproduktiven
Beziehungen stattdessen sind. In vorkapitalistischen Gesellschaften war die naturalwirtschaftliche Reproduktion in andere, nicht vom Wert bestimmte Formen des
gesellschaftlichen Fetischismus eingebunden. Es geht natürlich nicht darum, zu diesen zurückzukehren, sondern mit Hilfe der emanzipatorisch angewendeten
Mikroelektronik den Fetischismus überhaupt zu überwinden. "Naturalwirtschaft" bezeichnet in diesem Kontext nur, daß die Reproduktion keine Warenform annimmt
und Produktionsmittel wie Produkte ihrem stofflichen, sinnlichen Charakter entsprechend und im Hinblick auf den menschlichen Genuß behandelt werden, also nicht
mehr der fetischistischen Abstraktion der Wertform unterliegen.
(69) Seinen pejorativen Beigeschmack hat der Begriff der "Naturalwirtschaft" auch deshalb bekommen, weil er weitgehend synonym mit "Subsistenzwirtschaft" verwendet
und diese wiederum als "Reduktion auf das blanke Überleben" verstanden wird. Damit einher geht die Beobachtung, daß in der an Krisen reichen Geschichte der
Modernisierung natural- oder subsistenzwirtschaftliche Ansätze tatsächlich fast immer blinde Resultate ökonomischer oder militärischer Großkrisen ohne eine eigene,
bewußt entwickelte soziale Perspektive waren und daher nur als bloße Notmaßnahmen oder "Survival-Techniken" erscheinen können, deren Bedingung gerade darin
besteht, daß das Niveau der Vergesellschaftung zusammenbricht und die Menschen auf primitive Produktionsmethoden für das Überleben zurückgeworfen werden.
Die Kooperation geht in solchen Fällen kaum über familiale Zusammenhänge hinaus und wird durch Formen von "Naturaltausch" ergänzt, die natürlich keine
Perspektive jenseits der Wertform darstellen, sondern lediglich durch das Fehlen einer akzeptierten Währung oder durch den allgemeinen Mangel an Geld bedingt
sind.
(70) So verhielt es sich bekanntlich in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, als die "Zigarettenwährung" galt und in den Hinterhöfen eine "Stallhasenkultur" blühte (ich habe
es als kleines Kind noch selbst erlebt, wie meine Großmutter einen solchen im Schuppen großgezogenen Stallhasen, den mein Vater mit dem Hammer erschlagen
hatte, an der Küchentür aufhängte und enthäutete). Und nicht anders verhält es sich heute in vielen ökonomischen Zusammenbruchsregionen der Welt, etwa wenn
sich Rentnerehepaare im Weichbild von Moskau aus einem Schrebergarten ernähren müssen, wenn Familien in Kasachstan sich glücklich schätzen durch den Besitz
einer Kuh oder wenn in den Badewannen der Mietshäuser von Havanna Schweine gemästet werden. Eine derartige "Subsistenzwirtschaft" scheint nichts als die
Hoffnung zuzulassen, daß möglichst bald die Marktwirtschaft wieder in Gang kommt. In der Vergangenheit war dies ja auch tatsächlich der Fall und die krisenhaften
Einbrüche der Vergesellschaftung wurden immer wieder durch neue Entwicklungsschübe des warenproduzierenden Systems abgelöst, während es für die heutigen
Krisenregionen mehr als zweifelhaft ist, ob sie jemals wieder auf marktwirtschaftliche Beine kommen.
(71) Die Vertreter der "orthodoxen" Kritischen Theorie und die postmoderne Linke, die selber dem Problem einer Aufhebung der Wertform ausweichen und dessen
Konkretisierung verweigern, möchten am liebsten jede Debatte über eine Keimform emanzipatorischer Vergesellschaftung dadurch abwürgen, daß sie dieser
Thematik von vornherein unterstellen, sie könne entweder nur auf kleinbürgerliche Warenproduktion oder nur auf jene primitive Überlebenswirtschaft hinauslaufen,
deren Praxis darin bestünde, eine Kuh in der Garage oder ein Schwein in der Badewanne zu halten. Diese blinde Polemik, die gleichzeitig jede Kritik der
kapitalistischen Gebrauchswertstruktur ablehnt, verrät nichts als eine selber kleinbürgerliche Angst vor der Krise und gleichzeitig die Unfähigkeit und den Unwillen,
die Frage einer Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln jenseits des Arbeiterbewegungs-Marxismus und seiner etatistischen Illusionen neu zu
diskutieren. Dasselbe Problem, das sich schon in der Frage der Produktivkräfte und ihres Begriffs gestellt hatte, stellt sich nun umso deutlicher in der Frage der
Aufhebung bürgerlicher, vom Wert bestimmter Verkehrsformen.
(72) Wie also ist eine "mikroelektronische Naturalwirtschaft" als emanzipatorische Keimform möglich? Die Schwierigkeit besteht darin, daß die kapitalistische Form der
gesellschaftlichen Funktionsteilung ebensowenig unverändert in eine emanzipatorische Reproduktion übernommen werden kann wie die kapitalistische
Gebrauchswertstruktur. Die Belegschaft eines Betriebs, der z.B. Schiffe herstellt, kann sich nicht als das, was sie ist, von der gesellschaftlichen Wertform
emanzipieren. Da sie die Schiffe nicht selbst konsumieren und mit den Produktionsmitteln ihres Betriebs nicht die eigenen Bedürfnisse befriedigen kann, gleichzeitig
aber die spezielle Produktion ihres Betriebs in ein System kapitalistischer Arbeitsteilung inkorporiert ist, bleibt sie auf die Warenproduktion verwiesen, mit allen
bereits geschilderten sozialen Konsequenzen.
(73) Dieses Problem ändert sich nicht grundsätzlich, wenn eine gesamtgesellschaftliche Bewegung auf der Basis aller Betriebe etwa aus einer Krise der kapitalistischen
Reproduktion heraus die Warenform unmittelbar gesamtgesellschaftlich überwinden will. Die "Räte" aller kapitalistischen Betriebe würden erst einmal nicht nur die
Gesamtheit der kapitalistischen Gebrauchswertstruktur, sondern auch ein Gesamtsystem durch und durch von der Abstraktion des Werts geformter
Funktionsteilungen repräsentieren, von der Rüstungsindustrie bis zu den Transportunternehmen. Ein großer Teil dieser Betriebe müßte wegen Unsinnigkeit oder
Gemeingefährlichkeit sofort stillgelegt, ein anderer völlig umgeformt und in neue Bezüge gesetzt werden.
(74) Hinzu kommt die Tatsache, daß in einem warenproduzierenden System so gut wie kein gesellschaftliches Wissen über die gesamte Vernetzung der Reproduktion auf
der materiellen, stofflich-sinnlichen Ebene existiert. Alle gesamtgesellschaftlichen Aggregierungen erscheinen nur in der Form abstrakter monetärer Fließgrößen
(Einkommens- und Ausgabenströme etc.), wie sie von der "volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" dargestellt werden, während die einzelnen Betriebe in materieller
Hinsicht nur ihre eigenen Zulieferer und Abnehmer kennen, nicht jedoch den gesamten materiellen Vernetzungsprozeß, dessen Teil sie sind. Es gibt also eine geradezu
groteske Unwissenheit der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Mitglieder über die materielle Aggregierung ihres eigenen Lebenszusammenhangs, der so fremd ist
wie ein unentdeckter Kontinent. Deshalb bedurfte es z.B. mühsamer Recherchen und führte zu einem überraschenden Resultat, als Journalisten die phantastische
Irrfahrt eines ganz gewöhnlichen Joghurtbechers durch Europa und die damit verbundene irrsinnige Ressourcenverschleuderung rekonstruierten. Dies ist nur ein
bekannt gewordenes Beispiel; dasselbe Problem wiederholt sich aber bei allen produzierten Dingen von der Gasturbine bis zur Stecknadel.
(75) Ein gesamtgesellschaftliches Repräsentations-System von Betriebs-"Räten" hätte also nicht nur mit den Furien der partikularen Betriebs-Interessen bzw. deren
Überresten zu kämpfen, sondern auch mit einer zunächst unüberschaubaren, von den Abstraktionen des Werts geformten Struktur der Reproduktion, die wie von
selbst entweder nach warenförmigen Vermittlungen drängt oder aber doch wieder eine politische Meta-Instanz zu erfordern scheint, die "von oben" und damit mehr
oder weniger etatistisch eingreift, mit allen Gefahren einer Verselbständigung dieser Instanz. Eine alternative territoriale statt betriebliche Organisation der "Räte" auf
der Basis von Wohngebieten andererseits würde das Dilemma ebensowenig lösen, denn auch auf dieser Ebene würde man nur Schnittstellen eines undurchschauten
Zusammenhangs der Reproduktion vorfinden. Schon die alte Arbeiterbewegung schwankte ja zwischen betrieblicher und territorialer Organisationsform, wobei in
der Regel die Gewerkschaften auf betrieblicher und die Parteien auf territorialer Basis organisiert waren. Dies entsprach völlig der Befangenheit in der Ökonomie der
Warenproduktion einerseits und der dazugehörigen komplementären Sphäre der Politik (dem juristischen Ausdruck bürgerlicher Willensverhältnisse) andererseits.
(76) Die Organisation einer emanzipatorischen Bewegung kann daher weder allein von den Strukturen der kapitalistischen Arbeitsteilung (Betrieben) noch allein von einer
territorialen Basis (Wohngebieten) ausgehen, sondern sie muß bereits die (anti-)ökonomische Keimform einer alternativen Reproduktion enthalten. Eine solche
emanzipatorische, das Privateigentum an den Produktionsmitteln überwindende Keimform "mikroelektronischer Naturalwirtschaft" ist aber nicht an beliebigen
Punkten der (zunächst in kapitalistischer Form vorgefundenen) Struktur der Reproduktion darstellbar, sondern nur an den Endpunkten: dort, wo die Produktion in
die Konsumtion übergeht. Denn nur an diesen Endpunkten ist die Konstitution eines sozialen Raums der Kooperation möglich, deren Tätigkeiten nicht wieder auf den
Markt zurückführen, sondern in ihren Resultaten von den Beteiligten selber konsumiert werden.
(77) Die ökonomische Aufspaltung (sogar der Individuen selber) in ein Produzenten- und ein Konsumenten-Interesse ist ein basales Merkmal des warenproduzierenden
Systems und des dazugehörigen Privateigentums an Produktionsmitteln; die soziale und kommunikative, institutionelle Identität von Produzenten und Konsumenten
wird daher zur conditio sine qua non für eine Aufhebung der Wertform. Unmittelbar ist diese Identität als gesamtgesellschaftliche natürlich nicht möglich, aber
vermittelt durch Institutionen direkter gesellschaftlicher Kommunikation ist sie durchaus denkbar: die "Direktheit" bezieht sich hier auf das Medium selbst, die
Sprache und die "Diskussion über" alle Angelegenheiten der Reproduktion; im Unterschied zu einem indirekten, abstrakten, fetischistischen, subjekt- und sprachlosen
Medium, wie es der Wert darstellt. Diese völlig andere Art der Vermittlung muß jedoch selber erst vermittelt, geübt, ausprobiert, erweitert und verfeinert werden
usw., und deshalb bedarf es auch der Keimformen, die dort ansetzen, wo das Verhältnis von Produktion und Konsumtion greifbar wird ohne dazwischengeschobene
Instanzen. Dieses Problem wird sich für jede emanzipatorische soziale Bewegung stellen, egal in welcher Größenordnung und in welchem Stadium der Krise
kapitalistischer Reproduktion sie operiert.
(78) Historisch hat sich der Markt von den Grundstoffen, den Vor- und Zwischenprodukten immer weiter vorgeschoben und immer mehr r