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Stichworte zum Krisis-Seminar 22.-24.6.01
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Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 01.07.2001  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) Für mich wurden auf dem Krisis-Seminar theoretische Grenzen sichtbar, die mir bislang so klar nicht waren oder sich im Zuge der Krisis-Argumentation verändert haben. Deutlich ist: Krisis-Argumentation und Wertkritik sind nicht notwendig identisch.

Erster und für mich wichtigster Punkt: Primat der Form.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Zitat (Norbert Trenkle mitgeschrieben): "Die Form versucht den Inhalt zuzurichten und ihn sich identisch zu machen." Das bedeutet, dass die Krisis-Argumenation nicht von der Inhalt-Form-Dialektik mit Primat auf dem Inhalt ausgeht, sondern Dialektik zugunsten einer einseitigen Formbestimmung aufgibt. Damit wird auf den Punkt gebracht, was besonders deutlich beim "Subjektbegriff" wird, aber möglicherweise grundsätzlich in der Krisis-Argumentation angelegt ist. Aus dem Kopf rekapituliere ich:

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Wertbegriff: Inhalt ist hier die Schaffung der Wertsubstanz durch Arbeit, die abschmilzt und damit einen finalen immanenten Widerspruch erzeugt; Form ist die Wertvergesellschaftung, also die Weise, in der die Verwertung prozessiert. Die Inhalt-Form-Dialektik ist hier noch deutlich sichtbar.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Arbeitsbegriff: Hier schwindet der Inhalt schon zusehens, es wird sozusagen zwischen zwei verschiedenen Formen der abstrakten Arbeit unterschieden: "konkret-abstrakte" Arbeit und "abstrakt-abstrakte" Arbeit. Abgesehen wird hier tendenziell vom Stoffwechsel mit der Natur, den die Menschen in gesellschaftlicher Vermittlung betreiben (eine Seinsbestimmung, die die Krisis-Argumenation scheut).

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Wissenschaftsbegriff: Theorie, Kritik und Wissenschaft - über deren Identität oder Unterschiede es sehr unterschiedliche Meinungen gab - wie sie aus der bürgerlichen Gesellschaft hervorging, werden nur unter dem Primat der Form betrachtet. Nur so kann es zu der Aussage von Claus-Peter Ortlieb kommen: "Die aus der Realabstraktion der bürgerlichen Gesellschaft hervorgegangene Form der Theorie, ... ist ihrem Gegenstand durchaus angemessen, wenn es sich dabei um die eigene Gesellschaft handelt." So weit, so gut, die Alternative sei: "Mit zu reflektieren ist aber die Verwurzelung auch der eigenen Denkform im Untersuchungsobjekt selbst, soll Gesellschaftstheorie ein kritisches Potenzial entwickeln..." - Ironischerweise soll also nicht die Theorieform kritisiert und ggf. aufgehoben werden, sondern nur die Einbettung der eigenen Denkform in die (bürgerliche) Theorieform. Warum: Die Subjekt-Objekt-Dichotomie, die konstitutiv von die bürgerliche Theorieform sei, könne man nun einmal auch nicht überwinden, sondern nur kritisch reflektieren. Dabei wird genau das, was kritisiert werden soll, universalisiert. Eine theoretische Aufhebung ist undenkbar (da sie identisch mit der Aufhebung der Warenform sei). Auf meine Fragen nach der Gegenstandsadäquatheit von Theorie oder der möglichen theoretischen Fassung von Subjekt-Subjekt-Relationen wurde nicht oder mit Unverständnis reagiert. Diese Fragen sind im bürgerlichen wie im reflektiert bürgerlichen Theorieraum der Krisis-Argumentation nicht enthalten (es sind im Kern Fragen nach dem Inhalt).

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Subjektbegriff: Hier ist die Formdominanz der Argumentation besonders deutlich. Der Inhalt verschwindet völlig. Statt vom Mensch-Welt-Verhältnis, von dem aus nur man sich sinnvoll der spezifischen Erscheinungsform unter Wertvergesellschaftungbedingungen nähern könnte, startet die Argumentation von der gesetzten Abstraktion der Subjekt-Objekt-Dichotomie. Damit wird die Argumentation nun logisch zirkulär: Aus der Annahme der Subjekt-Objekt-Dichotomie wird die Subjekt-Objekt-Dichotomie abgeleitet (siehe Lohoff-Thesenpapier). Fritz meinte dann zwischendrin auch, das der Begriff "Subjekt" nicht zu Ende gesprochen sei, eigentlich müsse er "Subjektform" heißen. Subjekt=Subjektform, darin trifft er sich mit Roswitha Scholz. Eine marginale Differenz formulierte Norbert Trenkle, noch mit einer Ahnung, dass da mehr als nur die Subjektform ist: Im Subjekt gehe die "Ebene der Menschen" (Zitat, mitgeschrieben) nicht auf, diese sei aber nicht benennbar, sondern könne bestenfalls ein rein negativer Bezug durchscheinen, z.B. im Leiden der Individuen (nach dem Motto: der Mensch ist, was das Subjekt nicht ist). Hier hat Roswitha Scholz allerdings Norbert widersprochen, und entgegnet, dass auch das Leiden Teil der Subjektform sei (sozusagen ein Leiden daran, die Subjektform nicht auszufüllen - mithin keine kritische Potenz).

Inhaltliche Kritik: Subjektbegriff (Thesenpapier Ernst Lohoff "Subjekt der Emanzipation...")

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Die folgenden Stichpunkte sind Teil meiner vor dem Seminar bereits aufgeschriebenen Stichpunkte (leicht überarbeitet). Zusammen mit meiner Kritik am Primat der Form in der Krisis-Argumentation, sollten sie nun verständlicher sein.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Lohoff universalisiert das, was er zu kritisieren vorgibt: Die Denkfigur des isolierten Einzelnen in dieser Gesellschaft, dessen Handeln als ausschließlich abhängige Größe des gesellschaftlichen Formzusammenhangs gesehen wird. Das Handeln des Einzelnen als bloßes Resultat von Bedingungen zu fassen, ist eine bürgerliche Denkfigur, wie sie tausendfach in der bürgerlichen Psychologie (und Soziologie) reproduziert wird. Und nun auch bei Krisis/Lohoff.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Es werden generalisierende Aussagen darüber getroffen, was "das Subjekt" allgemein ausmacht:

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Reale beobachtbare Fetischformen im menschlichen Zusammenleben werden hier universalisiert und zur "Subjektform an sich" erhoben. Erscheinungen werden zum Wesen erklärt, Fetischformen werden ontologisiert. Das Denken der Subjektivität erfolgt - und auch das ist typisch für die bürgerliche Psychologie - vom Drittstandpunkt. Wer die Subjekte nur als Subjekte unter den Bedingungen des Objekts ansieht, kann auch nicht anders. Die eigentliche individuelle Ebene, der Standpunkt des Subjekts oder Individuums selbst, wird damit aber systematisch verfehlt, ja mehr noch: ausgeblendet: er existiert nicht.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Damit wird schon begrifflich-theoretisch menschliches Handeln als Denken und Handeln in stets gegebenen Möglichkeiten ausgeblendet. In der Subjekt-Objekt-Dichotomie ist Wert- und Subjektkritik logisch ausgeschlossen. Da greift dann die Rede vom "nicht völlig aufgehen" der Totalität.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) In der Subjekt-Objekt-Dichotomie ist ein Denken des Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft als Vermittlungszusammenhang unfassbar. Beides existiert unvermittelt, wobei ersteres abhängige Größe von zweitem ist. Genauso unvermittelt erscheinen dann die "Auflösungen": "Erst der Wegfall des Distanzzwangs, der Abschied von der Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, würde es den Einzelnen ermöglichen, sich reflexiv zu ihren sozialen Bezügen zu verhalten." Das ist in mehrfacher Hinsicht Unfug:

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Implizit wird Gesellschaftstheorie (oder -kritik) in gleicher Form auf Individuen angewandt. Die Ebene der Gesellschaftstheorie und die Ebene der Individualtheorie sind auseinanderzuhalten. Die je eigenen kategorialen Grundlagen sind je spezifisch für den gegebenen Gegenstand auszuweisen. Weder darf von der individuellen Ebene (wo es meist sowieso bürgerlichen Theorieschrott gibt) auf die gesellschaftliche geschlossen werden - noch umgekehrt.

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Was hieße Aufhebung der Drittstandpunktlogik? Statt Individuen wie Objekte im naturwissenschaftlichen Modus von außen zu fassen, ist der theoretische Standpunkt des Individuums auszuarbeiten, mit dem es seine Lage selbst (u.U. im Zusammenschluss mit anderen Individuuen) analysieren kann. Die inhaltliche wissenschaftliche Alternative zum Drittstandpunkt ist der Standpunkt erster Person, je der Standpunkt des Individuums. Das ist in der Krisis-Argumentation undenkbar (mit der Wertkritik aber schon).

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Was hieße Überwindung der Unmittelbarkeitsverhaftetheit? Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist als Vermittlungsverhältnis zu fassen - zunächst unabhängig von jeder gesellschaftlichen Form. Die Individuen reproduzieren sich vermittels der Teilhabe an den gesellschaftlichen Infrastrukturen und reproduzieren damit diese gleichzeitig mit. Da ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft die Wertvergesellschaftung als sich totalisierende Realabstraktion entgegentritt, wird genau die reale gesellschaftliche Kooperation, in der sich die isolierten Einzelnen befinden, als unmittelbare Kooperation mystifiziert: Die gesellschaftliche Wirklichkeit erscheint als "zweite Natur", die unbeeinflußbar ist, während meine Reichweite sich nur auf mein unmittelbares Umfeld bezieht. Doch nicht die Vergesellschaftung ist das Problem, sondern die abstrakt-entfremdete Form, in der sie sich gegen die Individuen durchsetzt. Nicht die mystische Unmittelbarkeit ist die Alternative (als einfache Negation wie die Antidichotomie bei Lohoff), sondern die personal-konkrete Gestaltung der Vergesellschaftung in sozialen Zusammenhängen, die von Menschen in freien Vereinbarungen selbst bestimmt werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) In diesem Kontext hat es mich nicht verwundert, als auf die Frage nach einer "Aufhebungstheorie" eine brüske Ablehnung kam: Das könne es nicht geben. Damit ist Krisis 19 hinfällig - es ist nicht nur "nicht so einfach". Die Krisis-Argumentation holt sich selbst ein: Wer sich - egal wie kritisch-reflektierend - nur in den bürgerlichen Formkategorien bewegt, kann diese auch denkend nicht verlassen: Dafür wäre eine inhaltliche Kritik notwendig oder genauer: Eine Kritik, die die Inhalt-Form-Dialektik nicht nach der Formseite hin vereinseitigt.




Quelle: http://www.opentheory.org/krisis-kritik/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)