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| Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 18.03.2002 |
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(1) Den Traditionsmarxismus aufheben
(2) Beim Schreiben des Aufsatzes wuchs sich das Thema, zu dem ich aufgefordert war - Stellungnahme zur Kritik am Wertbegriff der »Gruppe Gegenbilder« [1] - immer mehr aus. Es war mir nicht möglich, einfach eine Zurückweisung, Klarstellung oder Gegenposition zu formulieren ohne auf den »Denkkontext«, in dem sich die Auseinandersetzung bewegt, einzugehen. Dieser Denkkontext bewegt sich nach meiner Einschätzung zwischen den Polen des »Traditionsmarxismus« und der »Wertkritik« [2]. Nur so erschien mir eine produktive Diskussion möglich, die eine »Schubladisierung« vermeidet.
(3) Ich beginne mit eher metatheoretischen Betrachtungen über den Charakter von »Begriffen« und das Theorie-Praxis-Verhältnis, gehe dann auf die Kritik des Wertbegriffs des »Gegenbilder-Buches« ein, entwickle daraus eine Kritik an der Zirkulationsfixierung und Arbeitsontologie des Traditionsmarxismus, diskutiere die »Aufhebungsvorstellungen« von Traditionsmarxismus und Wertkritik, um daraus schließlich Kriterien für meine eigene Position zu entwickeln. Ich schreibe hier mithin nicht für die »Gruppe Gegenbilder«, sondern ausschließlich für mich.
(4) In den »Materialien zur 48. KW/2000« kritisiert Werner Imhof u.a. den im Buch »Freie Menschen in freien Vereinbarungen« der »Gruppe Gegenbilder« verwendeten Begriff des »Werts«. Das Zitat aus dem »Gegenbilder-Buch«, auf das sich Werner bezieht, lautet: »In der Produktion wird abstrakte Arbeit verrichtet. Sie heißt abstrakt, weil es unerheblich ist, was produziert wird. Hauptsache es wird Wert geschaffen. Der Wert ist die Menge an Arbeitszeit, die in ein Produkt gesteckt wird. Werden auf dem Markt Produkte getauscht, dann werden diese Werte, also Arbeitszeiten, miteinander verglichen. Zwischen den direkten Produktentausch tritt in aller Regel das Geld, das keinen anderen Sinn besitzt, außer Wert darzustellen.« (7)
(5) Hieran ist in der Tat einiges schief. Wir haben die Schiefheit zugunsten einer deskriptiven, möglichst einfachen Darstellung in Kauf genommen. Ich glaube dennoch, dass diese beschreibende Darstellung im Gesamtkontext des Buches verständlich wird und nicht »falsch« ist, wie Werner meint. Auf dem von ihm vermuteten »Hauptfehler« gehe ich ausführlicher ein, denn ich vermute eine bestimmte Lesart der Marxschen Wertformanalyse, die ich nicht teile. Beginnen möchte ich jedoch mit einigen Reflexionen über Erkenntnisformen und das Verhältnis von Theorie und Praxis.
(5.1) 30.03.2002, 18:31, Werner Imhof: Die Darstellung ist alles andere als "deskriptiv". Kein Mensch hat je in der Produktion "abstrakte Arbeit" beobachtet, auch nicht, daß dabei "Wert geschaffen" wird. Daß es "abstrakte Arbeit" ist, die im Tauschwert oder Preis der Waren in Erscheinung tritt, erschließt sich nur dem abstrahierenden Denken, nicht der sinnlichen Wahrnehmung. Die "Schiefheit" der Darstellung kommt gerade daher, daß Ihr einen theoretischen Befund wie eine empirische Tatsache präsentiert und damit ein Verständnis vorspiegelt, das tatsächlich Verständnislosigkeit verrät: nämlich die Gleichsetzung bzw. Vermengung von Erscheinung und Erscheinendem. Das der Erscheinung praktisch Zugrundeliegende, die darin erscheinende gesellschaftliche Praxis - der Austausch zwischen Privatproduzenten - bleibt dadurch ein Rätsel, das Du noch dadurch potenzierst, daß Du (weiter unten) die Praxis selbst zum "Medium des Scheins" degradierst. Die Folge ist, daß Du jedesmal, wenn Du Dich auf die Praxis der kapitalistischen Produktionsweise konkreter einläßt (was selten genug passiert), voll daneben tappst. So auch hier.
(5.1.1) Zum Prozess der Bucherstellung, 10.04.2002, 17:19, Stefan Meretz: Wir haben das Büchlein nicht für TheoretikerInnen geschrieben, sondern für vor allem für Menschen, die mit Theorie sich (zu) wenig beschäftigen, dafür aber in verschiedenen Bewegungen aktiv sind (Anlass war ja der Widerstand gegen die Expo). Ein grosser Teil der Diskussionen bei der Erarbeitung der Texte drehte sich um die Frage: Ist das überhaupt verständlich? Solidarische Kritik an dem Text ist erwünscht, eine besserwisserische Haltung, die uns nur "nachweisen" will wie "doof" wir sind und was wir alles "nicht verstanden" haben, finde ich unangebracht. Diese Haltung klingt in deinen Kommentaren an, und das ist nervig, das erinnert mich an "früher". Egal.
(5.1.2) Beschreibung, 10.04.2002, 17:21, Stefan Meretz: Du redest immer von Praxis und kannst mit dieser Art der Beschreibung (im Zitat) nichts anfangen. Das verstehe ich nicht. Selbstverständlich ist die "Abstraktheit" der Arbeit, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Nutzen der Produkte sinnlich erfahrbar. Na klar ist es nachvollziehbar, dass es "unerheblich ist, was produziert wird. Hauptsache es wird Wert geschaffen." Usw. Das ist (un-)sinnliche Praxis der Lohnarbeit. Die Zeit des "Arbeiterstolzes" auf "sein Produkt" ist vorbei. - Zugegeben, durch die Beschreibung, die in marxschen Termini daherkommt, ist die Trennung von Begriff und Erscheinung verwischt. Diese Kritik ist akzeptiert: Es ist kein Theorietext i.e.S.
(5.2) 30.03.2002, 18:32, Werner Imhof: Daß Du die Schiefheit zugunsten einer "möglichst einfachen Darstellung in Kauf genommen" hättest, ist eine schlechte Ausrede. Denn erstens vereinfacht eine schiefe Darstellung nicht das Verständnis, sie erschwert es, wenn sie es nicht sogar, wie hier, verhindert. Und zweitens hast Du die "schiefe" Darstellung (insbesondere den von mir nicht nur vermuteten, sondern beschreibend nachgewiesenen "Hauptfehler") nirgendwo "zurechtgerückt", weder "im Gesamtkontext des Buches" noch in diesem Text, noch in einem anderem Deiner mir bekannten Texte. Du konzedierst, daß "in der Tat einiges schief" ist - um es dabei zu belassen. Mehr noch: Um Deine Sprachlosigkeit gegenüber dem Austausch und die platte These von der Knappheit der Güter als Grund ihrer Verwandlung in Waren zu verteidigen, versteigst Du Dich auch noch zur Kritik einer vermeintlichen "Zirkulationsfixierung". Doch dazu später. Zunächst möchte ich Eure "schiefe" Darstellung mit einer sinnvollen Version kontrastieren:
(5.2.1) Austausch, 10.04.2002, 17:23, Stefan Meretz: Mir ist schleierhaft, warum du so auf dem Austausch herumreitest. Ja, klar erhalten die Güter erst durch den Austausch Warenform. Der "ganzen Scheisse" liegt der Tausch zugrunde (nicht umsonst betone ich die Tauschfreiheit bei der Freien Software). Das ist evident, einleuchtend, nachvollziehbar, aber keine super-neue Erkenntnis. Du meinst, wir hätten es deutlicher bringen sollen? Ok, kann sein. Wie mit dem Privateigentum. Auch das ist "klar". Das ist doch echt nicht (mehr) die Frage, sondern: Wie kann eine andere Form der Vergesellschaftung jenseits von Staat, Markt, Tausch, Geld aussehen? Und warum haben es die gehabten "Aufhebungen des Privateigentums" nicht gebracht? Zu deiner Erklärung dieser Frage komme ich später.
(5.2.2) Knappheit, 10.04.2002, 17:24, Stefan Meretz: Dass du immer doch behauptest, ich würde in der Knappheit den Grund für die Warenform sehen, ist echt doof. Das habe ich bereits auf der KW48 korrigiert. Der Kontext war die Softwareproduktion. Hier spielt die explizite juristische Herstellung von Knappheit eine entscheidende Rolle. Aber auch generell gilt: Knappheit ist eine Voraussetzung für die Warenform (nicht die Ursache). Wichtig ist dabei, dass erst langsam ins Bewusstsein der Linken rückt, dass Knappheit keine naturale Eigenschaft der Dinge, sondern ein gesellschaftlich hergestelltes Verhältnis ist (im Unterschied zur Begrenztheit von Ressourcen). Das wird nur bei Informationsprodukten besonders deutlich, bei denen die Transaktionskosten gegen Null gehen. Es gilt aber generell auch bei "stofflichen" Produkten und Dienstleistungen. - Längeres Thema. Literaturempfehlung dazu: Sabine Nuss, Download ist Diebstahl? Eigentum in einer digitalen Welt, in Prokla 126, online hier.
(5.3) 30.03.2002, 18:33, Werner Imhof: In der Warenproduktion wird gesellschaftliche Arbeit in Form voneinander getrennter Privatarbeiten verrichtet. Ihr gesellschaftlicher Charakter besteht darin, daß a) ihre Produkte fremdes Bedürfnis befriedigen (sollen) und b) sie Teil der gemeinsamen Gesamtarbeit sind. Die Produkte der Privatarbeiten können ihren konsumtiven Zweck aber nur über den Austausch erfüllen, also durch ihren Eigentümer- und meistens auch Ortswechsel. Durch den Austausch erhalten die Produkte Warenform, als Gebrauchs"werte" oder nützliche Produkte sind sie zugleich Träger von Tauschwert. Der Tauschwert einer Ware ist zunächst nichts anderes als ihr Austauschverhältnis mit anderen Waren. In der einfachsten Wertform wird sie nur einer anderen Ware in bestimmter Proportion gleichgesetzt; in der Geldform, im Preis, wird sie allen anderen Waren in bestimmten Proportionen gleichgesetzt. An der Oberfläche des Marktes scheinen die Tauschwerte resp. Preise der Waren allein bestimmt durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, durch subjektive Vorlieben, persönliches Verkaufsgeschick und ähnliches. Tatsächlich setzen sich in ihnen der gesellschaftliche Zusammenhang der Warenproduzenten und die Begrenztheit ihrer gemeinsamen Gesamtarbeit durch. Denn im Austausch reduzieren die Produzenten ihre vielen verschiedenartigen Privatarbeiten auf eine einzige gleichartige Arbeit, auf gleiche menschliche Arbeit ohne weitere Qualifikation, die sie im Austauschverhältnis ihrer Produkte in bestimmten Proportionen gleichsetzen. "Sie wissen das nicht, aber sie tun es." Verschiedentlich wird diese gleiche menschliche Arbeit auch "abstrakte Arbeit" genannt. Sie heißt aber nicht so, "weil es unerheblich ist, was produziert wird", sondern weil die unterschiedlichen Privatarbeiten nur vergleichbar werden durch Abstraktion von allen Ungleichheiten. Die Summe aller realisierten Tauschwerte resp. Preise kann logischerweise nichts anderes sein als der Wert- resp. Geldausdruck dieser gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Jede einzelne Ware oder Warenart kann folglich in der Regel auch nicht mehr davon im Austausch realisieren, als ihr gesellschaftlich notwendiger Anteil daran ausmacht, wobei das Maß des Notwendigen zum einen durch die durchschnittliche Produktivität der Arbeit bestimmt ist, zum andern durch die zahlungsfähige Nachfrage. An der Oberfläche des Marktgeschehens ist dieser Zusammenhang unsichtbar. Hier werden keine Arbeitszeiten und schon gar keine Werte verglichen, sondern Preise, also Austauschverhältnisse, gesetzt oder auch ausgehandelt, ohne daß die Beteiligten wissen (müssen), daß sie dabei bestimmte Arbeitsmengen gleichsetzen, reduziert auf gleichförmige einfache Arbeit, oder gar daß den Preisen der Waren ihr notwendiger Anteil an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit zugrunde liegt. - So etwa könnte eine nicht-schiefe Beschreibung der Warenproduktion aussehen, in der allerdings die Spezifika ihrer kapitalistischen Form ebenso zu kurz kämen wie in Eurem schiefen Original.
(5.3.1) Alternativvorschlag, 10.04.2002, 17:25, Stefan Meretz: Danke für die Alternativfassung, vielleicht gibt es ja Gelegenheit, sie bei einem neuen Projekt einzubringen. In das Gegenbilderbuch wäre diese Fassung vermutlich (so) nicht gelangt: Zu unverständlich, zu lang, Vermischung von Herleitung und Darstellung. Und inhaltlich hätte ich auch Einwände. Aber darum soll es hier jetzt nicht gehen.
(6) Natürlich »ist« der Wert nicht die Menge an Arbeitszeit. Diese analytisch nicht haltbare Aussage verweist auf ein Kernproblem jeder Beschäftigung mit dem Gegenstand der warenproduzierenden Gesellschaft: den Textcharakter der Darstellung. In meiner Sicht gibt es zwei große Klassen von Texten, die zu unterscheiden sind:
- analytisch-kategoriale Texte: i.w.S. »Theorie-Texte«
- deskriptiv-empirische Texte: i.w.S. »Praxis-Texte«
(6.1) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 30.03.2002, 18:34, Werner Imhof: Das "Kernproblem jeder Beschäftigung mit dem Gegenstand der warenproduzierenden Gesellschaft" liegt nicht im "Textcharakter der Darstellung", sondern in der Art und Weise der Beschäftigung selbst, in der Art und Weise, wie man den "Gegenstand" zu begreifen, zu fassen sucht. Faßt man die warenproduzierende Gesellschaft als Ensemble bestimmter praktischer Verhältnisse und Beziehungen der Menschen, dann ist jede Analyse auch immer eine Beschreibung ihrer Praxis und jede gründliche Beschreibung immer schon eine Analyse. Faßt man "die Gesellschaft" dagegen als der menschlichen Praxis äußerlichen Zusammenhang dinglicher Verhältnisse und sachlicher Zwänge und die Praxis selbst als "Medium des Scheins", dann wird noch so viel analytischer und kategorialer (und rhetorischer) Aufwand nicht über die Ebene der abstrakten Deutung und der deutelnden Kritik hinaus kommen und zu einem Verständnis der herrschenden Praxis gelangen, das das Verständnis ihrer Aufhebung einschließt. Ich halte es lieber mit dem Marx der Feuerbach-Thesen: "Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis." (These 8)
(6.1.1) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 12.04.2002, 12:38, Stefan Meretz: Akzeptiert, das Kernproblem ist die Art und Weise wie man den Gegenstand zu begreifen sucht. Deswegen ist das "jeder Beschäftigung" im zitierten Satz daneben. Mir ging es aber darum, zwischen Theorie- (analytisch-kategorialen) und Praxis- (deskriptiv-empirischen) Texten zu unterscheiden. Dich verstehe ich so, dass du diesen Unterschied nicht siehst bzw. bestreitest.
(6.1.2) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 12.04.2002, 13:03, Stefan Meretz: Ja, selbstverständlich geht es darum, die "warenproduzierende Gesellschaft als Ensemble bestimmter praktischer Verhältnisse und Beziehungen der Menschen zu begreifen". Die Frage ist, wie man zu diesem Begreifen kommt. Es ist aber ein in der bürgerlichen Wissenschaft weit verbreiteter (positivistischer) Irrglauben, "jede gründliche Beschreibung immer schon eine Analyse" darstellt. Ja, eine bestimmte Art von "Analyse" ist das natürlich schon: eben notwendig eine sich in den Kategorien der warenproduzierenden Gesellschaft bewegende "Analyse", denn Teil der Praxis sind auch die (objektiven) Denkformen. Damit wird aber nichts begriffen, sondern nur die erscheinende Oberfläche "beschreibend" verdoppelt. Marx hat einen erheblichen analytischen/kategorialen Aufwand betrieben, um den Schein, den die warenproduzierende Gesellschaft permanent erzeugt, zu durchdringen. Und du nutzt das, du kannst bestimmte Dinge überhaupt erst erkennen, weil Marx diese kategoriale Arbeit getan hat. Du könntest deine Beschreibungen der Praxis überhaupt nicht machen, würden die Marxschen Kategorien nicht vorliegen. Es sind sozusagen "Brillen", mit denen du auf Realität guckst - ohne sie würdest du vieles nicht sehen. Solche "Brillen" aber liegen nicht in der "Praxis" rum, sondern müssen erst wissenschaftlich mit Hilfe einer bestimmten Erkenntnismethode (logisch-historische Analyse, Dialektik) geschaffen werden - nicht neben der Praxis oder gegen die Praxis oder platte Abbildung der Praxis, sondern als begriffliche Rekonstruktion der immanenten Bewegungslogik des Gegenstands.
(6.1.2.1) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 18.04.2002, 19:01, Werner Imhof: "Immanente Bewegungslogik des Gegenstands" - genau, und der Gegenstand, um den es geht, ist die menschliche Praxis. Was uns hilft, sie zu durchschauen, sind aber nicht die Marxschen Kategorien - die hat er größtenteils aus der Politischen Ökonomie übernommen -, sondern ihre Ent-Wicklung, ihre Auflösung in verselbständigte und gegensätzliche Formen gesellschaftlicher Arbeit.
(6.1.3) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 12.04.2002, 13:28, Stefan Meretz: Wieso soll "Gesellschaft" ein der menschlichen Praxis äußerlicher Zusammenhang sein? Die Gesellschaft ist der Zusammenhang menschlicher Praxis. Was ich zu Gesellschaft sage, will ich hier nicht wiederholen, sondern verweise auf Absatz (6) im Projekt "Der wilde Dschungel der Kooperation", wobei es dort vor allem um das Verhältnis von Individuum, Kooperation und Gesellschaft geht.
(6.1.3.1) Re: Einheit von Theorie und Praxis?, 18.04.2002, 19:05, Werner Imhof: "Die Gesellschaft ist der Zusammenhang menschlicher Praxis" - schön, daß Du das immerhin hier anerkennst. Im Text steht es aber andersrum. Da konstituiert etwa das Wertgesetz als apersonaler Mechanismus Sozialität, nicht umgekehrt eine bestimmte Sozialität das Wertgesetz.
(7) Das Verhältnis zwischen beiden Textklassen ist angespannt - eine Spannung, die nicht zugunsten eines einfachen Deduktionsverhältnisses aufzulösen ist. Weder ist der (analytische) Begriff einfach aus der Anschauung der Empirie entnehmbar, noch geht die Praxis im Begriff auf: »Die allseits propagierte Einheit (von Theorie und Praxis, d. Verf.) ist kontraproduktiv. Wenn Theorie Praxis folgt, wird sie zur Ideologie. Wenn Praxis Theorie folgt, ist Sektierertum am Werk.« [3]. Theorie kann also nicht »unmittelbare Handlungsanleitung sein« und Praxis nicht »gelebte Theorie«.
(7.1) 30.03.2002, 18:35, Werner Imhof: Warst Du eben noch bei der "Beschäftigung mit dem Gegenstand der warenproduzierenden Gesellschaft", springst Du nun unvermittelt mit Schandls Zitat zum Verhältnis von Theorie und Praxis einer revolutionären (?) oder antikapitalistischen (?) Bewegung. Denn darum handelt es sich offensichtlich, wenn Schandl die "allseits propagierte Einheit" von Theorie und Praxis verwirft. Daß die theoretische Kritik der Warenproduktion, zumal der kapitalistischen, nicht die Praxis ihrer Akteure "anleiten" kann, liegt auf der Hand. Aber was hat das mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis einer möglichen Bewegung zur Aufhebung der Warenproduktion zu tun? Es wird sich noch zeigen.
(7.2) 30.03.2002, 18:36, Werner Imhof: Wo die Einheit von Theorie und Praxis beschworen wird, ist in der Tat Vorsicht geboten. Denn die Beschwörung setzt voraus, daß Theorie und Praxis auseinanderfallen, voneinander getrennt sind. Nun kann dieses Auseinanderfallen ja äußere, nicht im fraglichen Subjekt liegende Gründe haben, etwa Herrschaftsverhältnisse, die die Umsetzung der Theorie in die Praxis verhindern. Aber das ist offensichtlich nicht gemeint. Gemeint ist offenbar eine dem "Wesen" von Theorie und Praxis selbst entspringende, "seinsnotwendige" Diskrepanz zwischen ihnen, ihre Zugehörigkeit zu zwei disparaten Sphären menschlicher Lebensäußerung, die ihre Übereinstimmung verhindert. Die Theorie ist demnach verurteilt, wesentlich unpraktisch oder praxisfern zu bleiben, und die Praxis, wesentlich theorielos oder von "falschem" Bewußtsein begleitet. Gerade so sahen es auch - die "Traditionsmarxisten" von Kautsky bis Honecker, die den Gegensatz oder das "Spannungsverhältnis" von Theorie und Praxis zudem noch in das "Spannungsverhältnis" zweier disparater Subjekte verdoppelten: Die "wissenschaftliche" Theorie war Sache einer besonderen Intelligenz, die Praxis die der arbeitenden Klassen. Im Unterschied zu Schandl und Dir waren die "Traditionsmarxisten" allerdings noch im Glauben, die Kluft zwischen Theorie und Praxis durch "die Partei" als "Verbindung von Sozialismus und Arbeiterbewegung" und durch ihre "führende Rolle" vor wie nach der "Machteroberung" überbrücken zu können und zu müssen, während Du Dich mit Schandl von diesem Anspruch distanzierst. Er würde ja auch nur noch lächerlich wirken nach dem schmählichen Niedergang des "Traditionsmarxismus".
(7.2.1.1) Re: Theorie und Praxis identisch?, 20.04.2002, 17:21, Werner Imhof: Natürlich sind Theorie und Praxis nicht "identisch", sonst bräuchte es keine zwei Begriffe dafür. Aber gewöhnlich sind sie in einem Subjekt vereint. Wenn Du nun mit Schandl behauptest, daß Theorie nicht Praxis und Praxis nicht Theorie folgen darf, weil daraus immer nur Ideologie und Sektierertum folgen können, dann heißt das entweder, daß ein Subjekt, das sich danach richten wollte, schizophren sein müßte (weil es keine Praxis ohne sie begleitendes/leitendes Bewußtsein gibt), oder daß Theorie und Praxis von vornherein verschiedenen Subjekten zugerechnet werden.
(7.2.2) Theorie und Distanz, 12.04.2002, 14:03, Stefan Meretz: Jedes Handeln ist theoriegeleitet. Ich verwende hier Theorie im weiten Sinne als "Alltagstheorie", vgl. Abs. (8). Diese Übereinstimmung ist maximal, dieses Handeln kann sich nur in den dominanten nahegelegten Formen des Denkens, eben der Alltagstheorie, abspielen. Will ich das unmittelbar Nahegelegte hinterfragen (sagt ja schon das Wort) - aus welchen Gründen auch immer -, dann trete ich in kritische Distanz zu den nahegelegten Formen des Denkens und zu meinem Handeln. Kritik setzt Distanz voraus. Das Problem ist nicht die fehlende Übereinstimmung von Theorie und Praxis - im Gegenteil, die war ja maximal -, sondern die Tatsache, dass die Praxis Scheisse ist und ich Grund habe, sie zu ändern. Ich brauche also kritische Denkformen (Theorie), die mir ein widerständiges Denken und Handeln ermöglichen. Diese können nicht mit der Praxis übereinstimmen, denn sie sollen mir ja helfen, mit gehabter Praxis zu brechen, sollen mir neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen etc. - Diese Diskrepanz und Spannung hat nichts mit disparaten Lebenssphären oder Nicht-Praxis zu tun. Sie ist erkenntnisnotwendige Voraussetzung für eine mögliche andere Praxis. Vorsicht ist also nicht denen gegenüber geboten, die die Einheit von Theorie und Praxis beschwören, sondern auch denen gegenüber, die eine Übereinstimmung von Theorie und Praxis behaupten.
(7.2.2.1) Re: Theorie und Distanz, 20.04.2002, 17:29, Werner Imhof: "Jedes Handeln ist theoriegeleitet." Richtig. Im Text behauptest oder postulierst Du mit Schandl das Gegenteil. Du solltest Dich schon verantwortlich verhalten zu dem, was Du in die Welt setzt. Außerdem merkst Du offenbar nicht den Sprung in Deiner Argumentation. Hier sprichst Du jetzt von der Praxis der Warenproduktion und der kritischen Theorie dieser Praxis (die natürlich nicht übereinstimmen können). Das Schandl-Zitat bezieht sich dagegen offensichtlich auf das Verhältnis von (wie immer gearteter) gesellschaftskritischer oder -verändernder Theorie und Praxis, deren Übereinstimmung nicht erwünscht sei.
(7.3) 30.03.2002, 18:37, Werner Imhof: Doch einem Dilemma entgeht man nicht dadurch, daß man den Anspruch verwirft, es zu lösen, erst recht nicht dadurch, daß man es zu einem quasi "ontologischen" Prinzip erklärt. Das ist keine Überwindung des "Traditionsmarxismus", sondern ein Rückschritt noch hinter ihn, eine Rückzugsposition (durch Desillusionierung und Sektierertum) traumatisierter Intellektueller, die sich die Theorieproduktion als ihr Spezialmetier erhalten möchten, ohne Gefahr zu laufen, von der Praxis blamiert oder widerlegt zu werden. Eine Position, die auch noch die Spaltung der gesellschaftlichen Subjekte in einen "erhabenen", theoretisierenden und in einen "niederen", praktizierenden Teil reproduziert, der sie zu entgehen meint. Denn tatsächlich ist ein Zustand, in dem weder die Praxis der Theorie noch die Theorie der Praxis folgen "darf", für ein und dasselbe Subjekt - sei es Individuum, Organisation oder Klasse - auf die Dauer überhaupt nicht auszuhalten.
(7.4) 30.03.2002, 18:38, Werner Imhof: Jeder handelnde Mensch handelt mit Bewußtsein, auch wenn es entfremdet sein mag wie die Praxis, der es entspringt. Ebenso ist menschliches Denken, jedenfalls soweit es den Menschen als Gesellschaftswesen zum Gegenstand hat, immer auf Praxis gerichtet, und wenn auch manchmal nur, um sie zu bestätigen oder von ihr bestätigt zu werden. Sobald aber Bewußtsein und Praxis (eigene wie fremde) miteinander in Konflikt geraten, wird mensch diesen Konflikt zu entschärfen suchen, sei es durch den Versuch, die Praxis zu ändern - individuell oder in sozialen Bewegungen - oder ihr zu entkommen, sei es durch Anpassung des Bewußtseins, sei es durch künstlerische Verarbeitung des Konflikts, sei es durch seine Rationalisierung oder Verdrängung. Die Vorstellung aber, die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis sei - bei "metatheoretischer" Betrachtung - ein erhaltenswerter Vorzug der Theorie selbst (die sich natürlich über die theorieferne oder "falsche" Praxis erhaben dünken darf), ist so abgeschmackt, daß eigentlich nur abgehobene "Kopfarbeiter" an ihr Gefallen finden könnten.
(7.4.1) Konflikt und Diskrepanz, 18.04.2002, 09:14, Stefan Meretz: Was ist der Unterschied zwischen "Konflikt" und "Diskrepanz"? Ist der Unterschied letztlich nur, dass ich in der Tat die "Diskrepanz" für einen Vorzug halte und du für - ja, was - einen Nachteil, einen zu behebenden "Fehler"? Du meinst, es solle Ziel sein, die "Überstimmung" von Theorie und Praxis jeweils möglichst schnell wieder herzustellen? - Das halte ich für sehr gefährlich. Ja, es ist so, dass viele einen Konflikt - ich nehme deinen Begriff mal auf - zwischen Denken und Handeln (Bewusstsein und Praxis) zu entschärfen suchen. Meistens wird dabei das Denken an die Praxis angepasst, ich vermute das meinst du mit "Rationalisierung oder Verdrängung". Dieses Alltagsdenken, dieses Deuten, diese Alltagstheorie, diese "Naturformen des Denkens" (Haug) können nur über den denkenden Widerstand gegen das Nahegelegte, den Oberflächenschein, das scheinbar Naturhafte in Richtung auf ein Begreifen überschritten. Dabei ist die Diskrepanz zwischen Theorie/Denken und Praxis/Handeln nicht bloß ein "Vorzug", sondern sie ist genuin menschlich und unabdingbare Voraussetzung.
(7.4.2) Theorie, 18.04.2002, 09:34, Stefan Meretz: Dass Denken und Handeln nicht identisch sind, dass Denken und Handeln nicht unmittelbar zusammengeschlossen, sondern vermittelt sind, dass es eine erkennende Distanz, eine Diskrepanz gibt, ist eine menschliche Fähigkeit, die es zu nutzen gilt (Tiere verfügen darüber nicht). Wir tun das hier nämlich gerade, wir nutzen den Vorzug von Theorie, der darin besteht, verschiedene Denk- und Handlungsoptionen hinsichtlich ihrer Konsequenzen nichthandelnd, eben erstmal nur denkend, durchzuspielen. Das halte ich für einen unermesslichen Vorteil von Theorie, und ich finde es sinnvoll und nützlich, dass Menschen wie du und ich und andere genau diesen Vorzug nutzen und sich im Medium von Theorie bewegen. - Ob sich aber irgendwer über andere wegen irgendwas "erhaben" dünkt, hat damit nichts zu tun, gar nichts. Deine Polemik (letztlich gegen dich selbst, du "Kopfarbeiter") finde ich aber erschreckend. Sie erinnert mich an die bestenfalls naiven und schlimmstenfalls eliminatorischen Unmittelbarkeitsvorstellungen, die ich unten kritisiere (ab Absatz 28).
(7.5) 30.03.2002, 18:38, Werner Imhof: Jede, selbst bürgerliche, Gesellschaftstheorie, die als solche ernst genommen werden (und nicht nur wolkige Träumerei oder Utopie sein) will, zielt auf gesellschaftliche Praxis als ihren Gegenstand und als Prüfstein ihrer Realitätstauglichkeit. Erst recht muß jede Gesellschaftskritik mit emanzipatorischem Anspruch sich an ihrem "positiven Verständnis" der herrschenden Praxis ebenso messen lassen wie an der daraus entwickelten "Negation", die nur die ideelle Vorwegnahme einer möglichen künftigen Praxis sein kann. Das Dilemma des "Traditionsmarxismus" bestand eben nicht in einer prinzipiell unüberbrückbaren Kluft zwischen Theorie und Praxis, sondern im Handicap einer bloß abstrakten Kritik der bürgerlichen Ökonomie, die an ihren Kategorien kleben blieb, ohne sie in gesellschaftliche Praxis auflösen zu können, und die deshalb auch den Sozialismus nicht als gesellschaftliche Praxis fassen konnte, sondern nur als "staatliche Veranstaltung" (unter Beibehaltung von Austauschbeziehungen und Geld!). Überwunden werden kann dieses Dilemma in der Tat nicht durch bloße Beschwörung der "Einheit von Theorie und Praxis", allerdings erst recht nicht durch die Behauptung ihrer unauflöslichen Antinomie. Überwunden werden kann es nur durch die Entwicklung einer Kritik der herrschenden Praxis, die selbst zur Praxis drängt und geeignet ist, zum Selbstbewußtsein einer emanzipatorischen Massenbewegung zu werden.
(7.5.1) Praxisbeschwoerung, 18.04.2002, 09:47, Stefan Meretz: Deine Praxisbeschwörungen der "gesellschaftlichen Praxis" unterscheiden sich nicht von den Beschwörungen der "Einheit von Theorie und Praxis". Der Traditionsmarxismus (TM) habe das "Handicap einer bloß abstrakten Kritik der bürgerlichen Ökonomie, die an ihren Kategorien kleben blieb, ohne sie in gesellschaftliche Praxis auflösen zu können" gehabt, behauptest du. Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: Es war genau das Problem, dass der TM an den Kategorien der bürgerlichen Ökonomie klebend eine gesellschaftliche Praxis organisierte, die deswegen auch die bürgerliche Form der warenproduzierenden Gesellschaft nicht überschreiten konnte. Daraus resultierte eine gesellschaftliche Praxis als staatliche Veranstaltung (mit Tausch, Ware und Geld). Das war gelebte "Einheit von Theorie und Praxis". Demgegenüber bleibt deine Kritik an Warentausch und Geld abstrakt (so sehr ich sie teile).
(8) »Theorie« ist zunächst nichts weiter als die begriffliche »Erfassung von etwas« (Duden Fremdwörterbuch). In diesem Sinne ist Theorie das Denken über die Welt: jede und jeder tut es. Es liegt auf der Hand, dass eine so verstandene Alltagstheorie nicht mehr kann, als den Oberflächenschein der Welt affirmativ begrifflich zu »verdoppeln«. In der Kritischen Psychologie heisst ein solches Denken »deutendes Denken«, W. F. Haug nennt es »'Naturformen' des Denkens, die uns so selbstverständlich sind, dass wir nicht einmal ohne weiteres über sie nachdenken und sie in den Griff bekommen können, weil es unser Griff selber ist, den wir greifen müssten...« [4]. Erst der denkende Widerstand kann den Schein durchbrechen, erst die Reflexion unser Denkvoraussetzungen kann diesen Widerstand aufbringen. Genau dies geht jedoch nicht im Medium des Scheins, der unmittelbaren Praxis: »Gerade bei der Analyse der Wertform wird ... eine Schwierigkeit die sein, dass es uns Bürgern einer kapitalistischen Gesellschaft kaum möglich ist, in Nicht-Tauschbegriffen zu denken« (ebd.). Diese Voraussage trifft nur zu oft immer noch zu, für den Traditionsmarxismus wie für die meisten seiner Kritiker/innen.
(8.1) 30.03.2002, 18:40, Werner Imhof: Daß Du nach Schandl nun ausgerechnet F.W. Haug bemühst, zeugt entweder von einem Hang zum Eklektizismus (sich aus diversen Quellen das gerade Passende herauszusuchen) oder von einer nur bruchstückhaften Lektüre der Haug-Vorlesungen. In dem Zusammenhang, aus dem Du zitierst, beschreibt Haug die Widerstände, die die "objektiven Gedankenformen", die Abbilder der verdinglichten Erscheinungsformen praktischer Beziehungen von Menschen, dem Denken entgegensetzen, das versucht, in die Erscheinungen einzudringen, ihnen auf den Grund zu gehen. Aber er beschreibt im weiteren Verlauf der Vorlesungen auch die von Marx angewandte Methode, diesen Widerstand zu brechen: nämlich mittels Analyse, Abstraktion, "Entwicklung des Verwickelten" usw. das den Erscheinungen "praktisch Zugrundeliegende", die sie produzierende Praxis freizulegen. Und er sagt ausdrücklich, daß es ihm darum geht, "die Erkenntnistätigkeit auf den Boden zu stellen, auf den sie materialistisch einzig gehören kann, auf den Boden der praktischen Wirklichkeit, der wirklichen Praxis der Menschen" (S. 75; um in Klammern hinzuzufügen: "Unter 'Kopfarbeitern' ist es die fast zwanghaft sich einstellende Berufskrankheit, daß sich die ideelle Tätigkeit verselbständigt gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit." ) Deshalb ist auch die kritische Überprüfung des Marxschen Gedankengangs, die "Denkprobe, "nichts anderes als ein gedankliches Probehandeln" (ebd.). Du stellst Haug regelrecht auf den Kopf, wenn Du ihn als Gewährsmann für einen "denkenden Widerstand" benutzt, der meint "den Schein durchbrechen" zu können, indem er "das Medium des Scheins, der unmittelbaren Praxis" meidet bzw. "überschreitet" (wie es im nächsten Absatz heißt).
(8.1.1) Haug-Exegese, 18.04.2002, 10:51, Stefan Meretz: Return to sender: Du stellst W.F.Haug auf den Kopf, wenn du das, was du hier von WFHs Kapitaleinführung (zutreffend) skizzierst, nicht als "denkenden Widerstand" gegen die nahegelegten Kategorien bürgerlicher Ökonomie begreifst - was soll das sonst sein? Es geht geht doch auch nicht darum, die unmittelbare Praxis "zu meiden" in dem Sinne, dass ich mich mit ihr nicht beschäftige. Im Gegenteil: Es geht darum sich mit Praxen, mit dem (eigenen) Leben denkend zu beschäftigen in einer Weise, die das notwendig deutende Denken nicht bloss wiederholt, sondern es im Begreifen, im widerständig begrifflichen Denken überschreitet. Das unmittelbarkeitsverhaftete Denken, das ich als Denken "im Medium des Scheins" bezeichnet habe, kann nur gehabte Praxen in der bürgerlichen Gesellschaft bestätigen und reproduzieren. Das spricht übrigens überhaupt gegen einen Begriff von Theorie als "gedanklichem Probehandeln", doch es muss begriffen werden, das bestimmtes Handeln und Denken sich eben in den Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft vollzieht. Jede Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft impliziert also auch Kritik und Selbstkritik des eigenen Handelns und Denkens.
(9) »Begreifendes Denken« als widerständiges Denken, als Theorie, die die Erscheinungen überschreitet, als Theorie, die wissenschaftlich begründete Aussagen für einen Gegenstandsbereich formulieren kann, braucht Distanz und Selbstreferenz. Dass diese damit auch »abheben« kann, liegt auf der Hand. Wichtig ist, »deutendes« und »begreifendes« Denken nicht quasi normativ als Gegensatz zu denken, sondern als notwendig eigenständige Perzeptionsformen mit je eigener Logik. Affirmation der erscheinenden Oberfläche ist also nicht »schlecht«, sondern notwendiges Denken im Alltag, und »begreifendes Denken« ist nicht »gut«, sondern aktiver denkender Widerstand gegen das nahegelegte Alltägliche, das zunächst immer das »deutende Denken« zur Voraussetzung hat.
(9.1) 02.04.2002, 19:15, Werner Imhof: Distanz und Selbstreferenz sind in der Tat keine Gewähr gegen das "Abheben" der Theorie. Das Problem liegt in der Bestimmung der Bezugsebene, von der sie abheben kann, und in der Bestimmung der Art und Weise des Bezuges selbst. Ist die Bezugsebene die Oberfläche der dinglichen Erscheinungen (eine "erscheinende Oberfläche" ist ein Widerspruch in sich), wie Wert, Kapital, Geld, Profit, Lohn usw.? Oder ist sie die "wirkliche Praxis" der Menschen, die unter bestimmten Bedingungen notwendig diese Erscheinungsformen annimmt? Im ersten Fall bleibt die Theorie den Erscheinungen äußerlich, kann sie sie nur begrifflich verdoppeln, sei es affirmativ, sei es aus der Scheindistanz "widerständiger" Kategorien. Die Theorie hat dann keine anderen Überprüfungskriterien für die "wissenschaftliche Begründung" ihrer Aussagen als die möglichst adäquate "Widerspiegelung" der Erscheinungen, ihre eigene definitorische Konsistenz und die formale Logik. Das den Erscheinungen praktisch Zugrundeliegende und sie Bewegende bleibt ihr verborgen. Nur im zweiten Fall kann die Theorie zur "Rekonstruktion des Konkreten im Wege des Denkens" (Marx) führen, denn das Konkrete ist immer Einheit von Erscheinung und darin Erscheinendem. Das Überprüfungskriterium der Theorie ist die gesellschaftliche Praxis selbst mitsamt ihren notwendigen Erscheinungsformen, das mit dem "gedanklichen Probehandeln" (Haug) auch eine Methode liefert, die innere Konsistenz der Theorie zu überprüfen.
(9.2) 02.04.2002, 19:16, Werner Imhof: Wem dagegen die "unmittelbare Praxis" selbst zum "Medium des Scheins" wird, der kann Theorien oder "Denkweisen" natürlich auch nur nach dem Grad ihrer kategorialen "Widerständigkeit", ihrer begrifflichen Distanz von oder zu den Alltagsphänomenen unterscheiden. Der Anteil der Analyse am "analytisch-kategorialen", "begreifenden Denken" bleibt dabei bloßes Versprechen, denn tatsächlich wird nichts, keine einzige Erscheinung analysiert, zerlegt, aufgelöst, sondern die Erscheinungswelt wird einer verselbständigten Begriffswelt unterworfen, die gedankliche Erhabenheit über die Wirklichkeit simuliert, während sie doch nur die Gedankenformen der bürgerlichen Gesellschaft auf "höherem" Niveau in bestenfalls negatorischer Form reproduziert. "Deutendes" wie "begreifendes" Denken sind in der Tat keine gegensätzlichen, sondern eng verwandte "Perzeptionsformen mit je eigener (!) Logik", die die eine aus dem kapitalistischen Alltag, das andere aus dem "kategorial-begreifenden Diskurs" bezieht. Beide "Logiken" unterscheiden sich nur durch die Art des Umgangs mit den Erscheinungen (operativ die eine, kategorisierend die andere), denen sie aber beide äußerlich bleiben, weil sie nicht zur Logik ihres "Gegenstands", der in den Erscheinungen verborgenen gesellschaftlichen Praxis, vordringen können.
(9.2.1) Schein, 18.04.2002, 11:13, Stefan Meretz: Der Absatz strotzt von Behauptungen und Zuschreibungen - Urteile, vermutlich Vorurteile, die du dir hinbastelst, um eine schöne Schublade parat zu haben und die du mich steckst - das spart inhaltliche und sachliche Auseinandersetzung. Du bleibst lieber selbst auf der Ebene des Deutens, des Scheins: diese Kopfarbeiter, diese Intellektuellen, alles äußerliches Rumgerede. Das macht keinen Spaß. - Zum Begriff und Unterschied von deutendem und begreifendem Denken empfehle ich dir: Klaus Holzkamp, Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/M. 1983, S. 383ff. Eine Frage aber trotzdem: Was meinst du damit, dass die gesellschaftliche Praxis "in den Erscheinungen verborgen" sei? Wo kommt diese Differenz her - einerseits Praxis, andererseits Erscheinung?
(10) Die Unterscheidung von deskriptiv-deutendem und kategorial-begreifendem Zugang wird im Gegenbilderbuch nicht deutlich, sie wird aber auch in der Kritik von Werner nicht getroffen. So entsteht m.E. eine genauso »schiefe« Sicht, wenn man »mal den Begriff aus der Praxis zu entwickeln« (9) versucht. Da jeder erkennende Zugriff auf Praxis stets (alltags-) theoretisch präformiert ist, unterliegt die scheinbar »unvorbelastete« Betrachtung der Gefahr, nur die vorfindlichen Oberflächenphänomene deutend zu verdoppeln und damit zur (im Zweifel stets bürgerlichen) Ideologie zu gerinnen. Umgekehrt kann der explizit »theoretisch-analytische« Zugriff auf die Praxis dazu tendieren, die Praxis in der Erkenntnis affirmativ »zurechtzubiegen«, um Bestätigung zu erreichen. Kein Herangehen garantiert ein Umgehen der Fallen, sondern mit den lauernden Fallen ist umzugehen.
(10.1) 02.04.2002, 19:18, Werner Imhof: Es ist natürlich Dein gutes Recht, meine Entwicklung der Begriffe Wertform, Wertsubstanz und Wertgröße aus dem Austausch(verhältnis) zweier Waren (siehe das Projekt "Gesellschaftliche Arbeit und ihr Wertausdruck") "schief" zu finden. Nur solltest Du das dann auch begründen. Tatsächlich aber gehst Du auf meine "Lesart der Marxschen Wertformanalyse", über die Du eingangs noch "Vermutungen" angestellt hast, bloß in einem einzigen Punkt ein (im nächsten Absatz nämlich), vermeidest aber ansonsten jede weitere Auseinandersetzung mit ihr - obwohl sie Gegenstand unserer Kontroverse in der KW 47/01 war, die wir dann aus Zeitgründen abbrechen mußten, die aber wiederaufzunehmen Du damals (unaufgefordert!) angekündigt hast. Statt dessen dient Dir die bloße Behauptung einer "'schiefen' Sicht" nun zur pauschal relativierenden Floskel, daß auch "jeder erkennende Zugriff auf Praxis stets (alltags-)theoretisch präformiert ist". Hättest Du geschrieben "präformiert sein kann", hätte ich dem ebenso wenig widersprechen können wie der Feststellung, daß "kein Herangehen ... ein Umgehen der Fallen" garantiert; denn das weiß ich aus eigener Erfahrung. Doch statt allgemein und unverbindlich über die mögliche Präformiertheiten, Zurechtbiegungstendenzen und Fallen zu reden, beschäftige ich mich lieber mit den konkret behaupteten bzw. den nachweislich vorhandenen.
(11) Die Frage, was der Wert »ist«, ist also nicht an-sich falsch, sondern es kann eine falsche Frage in einem bestimmten Diskurs sein. Während sie im »deskriptiv-deutendem« Diskurs auf den Holzweg der »Verdinglichung« des Begriffs führen kann, ist die Frage im analytisch-begreifendem Diskurs sinnvoll, um den Verhältnischarakter des Wertbegriffes sichtbar zu machen: Der Wert ist eine gesellschaftstheoretische Kategorie, die Verhältnisse der warenproduzierenden Gesellschaft begrifflich widerspiegelt (was wir übrigens im Glossar des »Gegenbilderbuches« ausführten). Die Wertabstraktion bezieht sich mithin - wie Werner zutreffend anführt (8) - nicht auf ein einzelnes Warenexemplar, aber auch nicht - hier widerspreche ich Werner - auf die »Gesamtheit aller Waren«, sondern auf die allgemeine Ware. Es wird eben auch von der konkret-abzählbaren Gesamtheit aller Waren abstrahiert, es wird die Warenbewegung im Begriff unter Absehung aller Spezifika rekonstruiert. Die »Ware« ist wie der »Wert« ebenso eine gesellschaftstheoretische Kategorie.
(11.1) Re: Wert als gesellschaftstheoretische Kategorie, 31.03.2002, 13:37, Werner Imhof: Der "deskriptiv-deutende Diskurs" kann nicht nur zur Verdinglichung des Begriffs "Wert" führen. Der Begriff ist schon eine verdinglichte Kategorie (Gedankenform) für eine bestimmte gesellschaftliche Praxis, nämlich für die Praxis von Privatproduzenten, ihre gemeinsame Gesamtarbeit als Tauschwerte ihrer Produkte auszudrücken und die Gesamtarbeit dabei auf gleichförmige einfache Arbeit zu reduzieren. Der Wert erscheint als Eigenschaft der Produkte, ausgedrückt im Tauschwert, während er doch nur eine bestimmte gesellschaftliche Manier ist, die notwendige Aufteilung der Gesamtarbeit auf diese Produkte durchzusetzen. Der Wert ist also eine Kategorie der bürgerlichen Ökonomie, auch wenn diese es längst aufgegeben hat, ihr auf den Grund zu gehen. Wenn Du den Zusammenhang der Wertabstraktion mit der "Gesamtheit aller Waren", dem Produkt der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bestreitest, bewegst Du Dich also in schöner Harmonie mit der bürgerlichen "Wissenschaft", die Du doch so gern denunzierst. Wenn Du weiter sagst, daß die Wertabstraktion sich statt auf die Gesamtarbeit nur auf die "allgemeine Ware" bezieht, dann ist Dir offenbar nicht klar, daß die allgemeine Ware nichts anderes ist als Geld und daß die "Wertabstraktion", sprich: Gesamtarbeit, sich in Ware und Geld verdoppelt, auch dies ein Produkt gesellschaftlicher Praxis, nämlich der historischen Entwicklung des Austausches und der Produktion für den Austausch. Daß die "Wertabstraktion" schließlich "die Warenbewegung im Begriff unter Absehung aller Spezifika rekonstruiert", ist eine Phrase, die gerade von der "Bewegung" abstrahiert, die Produkte erst zu Waren macht, dem Austausch; die Waren tragen sich schließlich nicht von selbst zu Markte.
(11.1.1) Re: Wert als gesellschaftstheoretische Kategorie, 18.04.2002, 12:13, Stefan Meretz: In Imhofschen Duktus schreibe ich: Da du den Unterschied zwischen Kategorie als allgemeinem Begriff und Exemplar nicht verstehst, ist bei dir eine Kategorie, eine gesellschaftliche gar, nicht anders vollstellbar als durch Bezug auf die "Gesamtheit aller Exemplare". Darin zeigt sich nur, das du auch keinen Begriff von Gesellschaft hast, du dir Gesellschaft nur als Ansammlung aller Erscheinungen vorstellen kannst, die du in scheintheoretische Phrasen bestätigst, anstatt zu "begrifflicher Erkenntnis" (Haug, S. 72) zu kommen. So ist dir offensichtlich auch nicht klar, dass die "Selbstbewegung des Gegenstands ... eine ganz wesentliche Kategorie des Dialektik" ist und sie das "einzige (ist), was zu einer theoretischen 'Entwicklung' die reale Grundlage darstellen kann, was der Theoretiker daher aufspüren muß und das er in reiner Form theoretisch abbilden muß. Der Selbstbewegung des Gegenstands muß seine Theorie nachgebildet werden." (Haug, S. 83). Damit soll es genug sein. - Ich füge an: Auch in der Form der Diskussion unterscheidest du dich oft nicht von den gehabten oder noch bestehenden Traditionsmarxismen.
(11.2) Re: Wert als gesellschaftstheoretische Kategorie, 31.03.2002, 13:37, Werner Imhof: Der Erkenntniswert Deines "begreifenden Denkens" erschöpft sich in so nichtssagenden Sätzen wie dem, daß "der Wert ... eine gesellschaftstheoretische Kategorie (ist), die Verhältnisse der warenproduzierenden Gesellschaft begrifflich widerspiegelt". Nichtssagend, weil gerade die "Verhältnisse", auf die es ankäme, unbestimmt bleiben. Sobald man aber nach näheren Bestimmungen sucht, z.B. im Glossar des "Gegenbilder"-Buches, stößt man auf lauter Ungereimtheiten, z.B.: "Das Verhältnis erstarrt in der Wertgröße ('Wert), die von der in den Produkten enthaltenen (gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen) Arbeitszeit bestimmt wird." In der Wertgröße erstarrt gar nichts, die ist nämlich in ständigem Fluß; außerdem gilt die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit nur im Rahmen ihres notwendigen Anteils an der Gesamtarbeit. Soweit Verhältnisse erstarren, tun sie es in der Wertform, der Kapitalform und im Geld. Oder: "Wertgesetz. Zentrale Antriebsdynamik der 'Schönen Maschine' Kapitalismus.... Der Kapitalist kann des Wertgesetz nur ausführen (exekutieren), d.h. sein Handeln wird durch das Gesetz bestimmt." Zentrale Antriebsdynamik des Kapitalismus ist die Plusmacherei, die Mehrwertproduktion, bei der die Kapitalisten ständig das Wertgesetz (ohne es zu kennen) zu überlisten, außer Kraft zu setzen suchen. Sie exekutieren das Wertgesetz nicht, es setzt sich gegen sie durch Kräche und Krisen durch.
(11.2.1) Plusmacherei, 18.04.2002, 15:10, Stefan Meretz: Die "Plusmacherei" ist auch so ein beliebter personalisierender Termininus. Der Begriff suggeriert, dass es eine persönlichen Antrieb a la "Bereicherungstrieb" gäbe, der den Kapitalismus antreibt. Als ob es sich die Kapitalisten "aussuchen" könnten, was sie da tun, als ob es ein Sport wäre, das (unerkannte) Wertgesetz außer Kraft zu setzen. Marx nannte die Kapitalisten "personfiziertes Kapital" um klar zu machen, dass es nicht die Person, sondern die Funktion, die "Verwertung des Werts" (auch Marx), ist, die nur innerhalb einer sich "stets erneuerten Bewegung" existiert und daher "maßlos" (auch Marx) ist. Die Fokussierung auf den Mehrwert geht dann auch einher mit der "Aneignung" des Mehrwerts, also seiner "Verteilung", die "ungerecht" sei. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zur Arbeiterklasse, die, einmal "an der Macht", schon für eine "gerechtere Verteilung" sorgen werde. - Diese ganze Argumentationskette (die ich dir nicht unterstelle, die aber typisch für den TM ist) bewegt sich wunderbar in den Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft, spiegelt gesellschaftliche Praxis wider bzw. hat sie einmal widergespiegelt. Sie hat aber nichts mit der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft zu tun, und, so meine These: Von dort aus lässt sich die Aufhebung nicht denken. Da helfen auch Beschörungen einer nun aber wirklichen "gesellschaftlichen Praxis" nicht weiter.
(12) Diese allgemeine Ware, kürzer: die Ware, existiert nun ihrerseits nicht isoliert, auch nicht überall dort, wo »getauscht« wird, sondern in der entfalteten Form, wie sie Marx untersucht, nur in der warenproduzierenden Gesellschaft. Das ist keinesfalls eine tautologische Aussage, denn bei der logischen Rekonstruktion der Warenbewegung im Begriff ist die warenproduzierende Gesellschaft stets vorausgesetzt. Ich schaue auf die gegenwärtige Historizität dieser Gesellschaft, ihre historische Gewordenheit, und rekonstruiere begrifflich ihre immanente Bewegungslogik. Meine Sicht könnte ich daher als »systemisch« kennzeichnen.
(13) Im System der warenproduzierenden Gesellschaft gibt es kein »erst-dann«. Es ist nicht so, dass zunächst ein unschuldiges Produkt hergestellt wird, was im Moment des Betretens der Zirkulationssphäre auf einmal Wertgestalt annimmt, wenn es erfolgreich getauscht wird. Sondern die Produkte werden für den Markt produziert, sie werden als Waren produziert. Dieser Warencharakter kommt ihnen nicht durch die Produktion zu, denn »Produkte, die nicht in den Austausch eingehen,... nehmen keine Wertform« (9) resp. Warenform an. Diese Produkte interessieren aber auch nicht. Es interessieren die Fälle, in denen sich die Produkte als Waren bewähren. Betrachte ich systemisch nun diese Erfolgsfälle, dann verkörpern diese Waren eine bestimmte Wertgröße bzw. Arbeitsaufwände, in der allerdings die Arbeitsaufwände der Nichterfolgsfälle - Produkte, die sich nicht als Waren bewähren konnten (»Ausschuss«) - eingehen. Anders wäre auch nicht zu erklären, warum die »Preisstabilisierung« funktioniert: Vernichtung von »Werten« bedeutet - wie von Magiers Hand - eine Übertragung der vernichteten Arbeitsaufwände auf die Waren, die sich als Waren bewähren. Die Preissumme entspricht gesellschaftlich-durchschnittlich der Wertsumme, unabhängig davon, auf wieviel Produkte sie verteilt ist. Mein Schluss: Ware und Wert machen nur Sinn als gesellschaftstheoretische systemische Kategorien.
(13.1) 31.03.2002, 13:39, Werner Imhof: Hier muß ich meine eigene, von Dir zitierte Formulierung präzisieren: Produkte, die von vornherein nicht für den Austausch bestimmt sind, nehmen auch keine Wertform an. Produkte aber, die von vornherein für den Austausch bestimmt sind, als Waren produziert werden, nehmen auch schon vor dem Austausch Wertform an, durch ideelle Vorwegnahme des Austausches nämlich. Eine ganz andere Frage ist, ob sie ihre Form überhaupt realisieren, ob sie sich also als Gebrauchswerte für fremdes Bedürfnis bewähren; nur dann können sie sich ja auch als Tauschwerte bewähren, in welchem Umfang auch immer. Bleiben sie unverkäuflich, "Ausschuß", war die auf ihre Produktion verwandte Arbeit samt und sonders vergeudete, verlorene Arbeit. Daß sie "wie von Magiers Hand" auf die verkäuflichen Exemplare ihrer Art "übertragen" wird und deren Preise "stabilisiert", ist allein Phantasieprodukt einer "systemischen" Betrachtungsweise, die sich dem Begriff der gesellschaftlichen Gesamtarbeit und dem Begriff des notwendigen Anteils an ihr verschließt. Drängen von einer Ware mehr Exemplare auf den Markt als zahlende Nachfrage nach ihnen besteht, dann verteilt sich die für diese Ware gesellschaftlich notwendige Arbeit eben auf mehr Exemplare als nötig, und der Preis der einzelnen Ware sinkt entsprechend. Werden die überzähligen Waren nun vom Markt genommen und vernichtet, dann werden keine "Werte vernichtet", sondern überflüssige Produkte. Der Wert dieser Warenart bleibt davon unberührt, er verteilt sich jetzt nur auf weniger Waren als vorher, was sich in höheren Preisen niederschlägt. So einfach ist das.
(13.1.1) 18.04.2002, 15:24, Stefan Meretz: Du schreibst inhaltlich genau das gleiche wie ich. Dass dir mein ironisches Bild des Magiers abgeht, übersehe ich mal. Deutlich hinweisen möchte ich aber auf die Anführungstriche, die das Wort "Werte(n)" umschliessen. Sie sollen als Pseudozitat die allgemeine Redeweise andeuten, nach der umgangssprachlich "Werte" vernichtet werden.
(14) Offensichtlich ist eine solche »systemische Sichtweise«, die nach meiner Auffassung die einzig sinnvolle ist, Werner unvertraut. Wie anders soll ich die befremdliche Lesart, wertkritische Ansätze würden »den 'Wert' losgelöst vom Austausch und damit von Privateigentum zu ergründen« (10f) suchen, deuten? Kommt es daher, weil wertkritische Ansätze zwar sehr wohl Austausch und Privateigentum zu Grunde legen, aber sich eben nicht in traditionsmarxistischer Lesart darauf beschränken, sondern die Rolle von Austausch und Privateigentum und anderen Aspekten im systemischen Gesamtzusammenhang - der gescholtenen Wertvergesellschaftung - herausarbeiten? Weil sie die traditionsmarxistische Zirkulationsfixierung, die mit der Heraushebung von Austausch und Privateigentum verbunden ist, - etwa die Fiktion, das kollektive Subjekt (wer auch immer) müsse zur Überwindung des Kapitalismus nur die Verfügung über die Produktionsmittel erobern und die Verteilung kontrollieren - scharf kritisieren? Weil sie genau die Blindheit gegenüber der systemischen Einbettung in einen sich selbst reproduzierenden und totalisierenden Zusammenhang bloßstellen? - Ich habe jetzt überzogen, die Polemik richtet sich gegen traditionsmarxistische Lesarten. Das lese ich bei Werner so nicht heraus, aber ich finde auch keine klare inhaltliche Absetzung.
(14.1) 02.04.2002, 19:19, Werner Imhof: Daß "wertkritische Ansätze" "den 'Wert' losgelöst vom Austausch und damit auch vom Privateigentum zu ergründen suchen", ist unter anderem belegt durch
1. das angeführte Kurz-Zitat aus der "Krise des Tauschwerts", das durchaus kein Ausrutscher des "frühen Kurz" war, wie sich leicht beweisen ließe;
2. das "Gegenbilder"-Buch, in dem Austausch und Privateigentum offenbar als so selbstverständlich "zu Grunde gelegt" werden, daß sie nicht einmal Erwähnung finden;
3. Deine, auch in der KW 47/01 vorgetragene These, zu Waren würden Produkte durch ihre Knappheit;
4. Deine im vorhergehenden Absatz gelieferte Behauptung, die Vernichtung unverkäuflicher, also nicht austauschbarer Waren sei eine "Vernichtung von Werten".
Auf eine "Herausarbeitung" der "Rolle von Austausch und Privateigentum und anderen Aspekten im systemischen Gesamtzusammenhang" bin ich dagegen bisher bei keinem der mir bekannten "wertkritischen Ansätze" gestoßen.
(14.1.2) 18.04.2002, 15:35, Stefan Meretz: Zu (2): Ja, Privateigentum ist dort vorausgesetzt. Konkrete Forderungen gegen die Privatisierung von Wissen (Abschaffung von Patenten etc.) werden erhoben - etwas, wozu die eifrigsten Traditionsmarxismen nichts sagen. (Abschaffung von) Tausch und Markt spielen in der Argumentation im Gegenbilderbuch ein zentrale Rolle.
(14.1.3) 18.04.2002, 15:37, Stefan Meretz: Zu 3) Diese falsche Behauptung habe ich in bereits Abs. (5.2.2) klargestellt.
(14.1.4) 18.04.2002, 15:40, Stefan Meretz: Zu 4) Das ordne ich mal als Missverständnis ein, vgl. Abs. (13.1.1).
(14.2) 02.04.2002, 19:20, Werner Imhof: So ist denn auch der Vorwurf der "traditionsmarxistischen Zirkulationsfixierung, die mit der Heraushebung von Austausch und Privateigentum verbunden ist", nur eine Etikettierung, die jede nähere inhaltliche Kritik schon zu erübrigen scheint. Abgesehen davon, daß sie nicht einmal den "Traditionsmarxismus" trifft, dessen Kritik des Privateigentums eine "halbe Kritik" blieb, wie ich an anderer Stelle betont habe (siehe das Projekt "Thesen zur Aufhebung der Warenproduktion"), und der deshalb den Austausch und die durch ihn konstituierte Wertform gerade nicht "herausgehoben" hat - abgesehen davon verrät das Etikett einen bezeichnenden Denkfehler: die Verkürzung des Austausches auf die bloße Zirkulation. Im Austausch geschieht aber zweierlei: Zum einen wechselt das Produkt seinen Eigentümer und damit der Wert seine Form, zum andern vermittelt der Austausch Produktion und Konsumtion. Was zirkuliert, ist also allein der Wert. Das Produkt dagegen "zirkuliert" nicht, es wird seiner - individuellen oder produktiven - Konsumtion zugeführt. Fallen Privateigentum und Austausch, entfallen daher auch der Wert der Produkte und seine Zirkulation, aber natürlich nicht die Vermittlung von Produktion und Konsumtion. Daß diese Vermittlung in der Form des Austausches vor sich geht, heißt ja nicht, daß die Vermittlung selbst überflüssig wird, wenn ihre bisherige Form überflüssig wird. Nichts anderes aber unterstellst Du (weiter unten), wenn Du behauptest, ich ließe im unklaren, "was an die Stelle des Tausches tritt". Erstens habe ich mich ausführlich dazu geäußert (die Belege folgen an anderer Stelle). Zweitens kann die Behauptung nur aufstellen, wer unter der Form gesellschaftlicher Beziehungen ihren materiellen Inhalt nicht mehr wahrnimmt. Den Vorwurf der "Zirkulationsfixierung" mußt Du Dir also schon selber machen.
(15) Auch folgenden Widerspruch in Werners Text verstehe ich nicht: »Nur durch diese Reduktion auf ihre gemeinsame Qualität als Arbeit überhaupt, Arbeit 'sans phrase', allgemein menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit..., werden unterschiedliche Produkte überhaupt quantitativ vergleichbar, nämlich als gewisse Mengen 'festgeronnener Arbeitszeit'« (10) - Zustimmung. Eine Seite später dann eine Breitseite gegen Krisis bzw. Gruppe Gegenbilder: »Ihr Problem ist das Unverständnis für die gesellschaftliche Notwendigkeit und Bedeutung dieses Abstraktionsvorganges«, womit die o.g. Reduktion gemeint ist, »das sich schon in der semantischen Verkürzung der allgemein menschlichen Arbeit zur bloß noch 'abstrakten Arbeit' ausdrückt...« - Also ist nun die allgemein-menschliche Arbeit begrifflich das Gleiche wie abstrakt-menschliche Arbeit oder nicht? Vielleicht war das nur eine Formulierungsunschärfe, denn im Kern geht es Werner - so lese ich es - um die Verteidigung der traditionsmarxistischen Unterscheidung von gebrauchswert- und wertschaffender Arbeit.
(15.1) 02.04.2002, 19:22, Werner Imhof: Daß allgemein-menschliche und abstrakt-menschliche Arbeit Synonyme sind, geht doch wohl schon aus dem Satz hervor, aus dem Du zitierst. Ich habe auch nirgendwo etwas anderes behauptet. Gewandt habe ich mich gegen die, wie Du selbst zitierst, "semantische Verkürzung der allgemein menschlichen Arbeit zur bloß noch 'abstrakten Arbeit'", der scheinbar nichts Menschliches mehr eigen ist - ein Sprachgebrauch, der unter den Anhängern der Nürnberger Wertkritik nur zu oft den Horror der "sinnlichen Vernunft" vor einer unverstandenen, scheinbar entmenschten Praxis ausdrückt. Eindeutiger ist im übrigen der Begriff der "gleichen menschlichen Arbeit", in dem die Allgemeinheit aller besonderen Arbeiten als gesellschaftliche implizit enthalten ist, während er außerdem ihre Gleichheit als auf einfache Arbeit reduzierte betont; deshalb hat Marx ihn auch bevorzugt.
(15.1.1) 19.04.2002, 08:40, Stefan Meretz: Wenn allgemein- und abstrakt-menschliche Arbeit Synonyme sind, dann ist es unlogisch, die Verkürzung der allgemeinen zur abstrakten Arbeit zu kritisieren - weil das "-menschliche" fehlt? Das ist Wortklauberei - welche denn sonst? Der inhaltliche Unterschied besteht jedoch darin, dass du eine universelle Kategorie abstrakt-menschlicher Arbeit behauptest, die die Wertkritik ablehnt und von abstrakt-(menschlicher) Arbeit nur im Kontext der warenproduzierenden Gesellschaft sprichst. Das finde ich auch sinnvoll.
(15.2) 02.04.2002, 19:23, Werner Imhof: Wenn Du mit der "traditionsmarxistischen Unterscheidung von gebrauchswert- und wertschaffender Arbeit" den von Marx entdeckten "Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit" meinst, den "Springpunkt, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht", dann siehst Du schon richtig, daß ich daran festhalte. Allerdings wirst Du bei mir den Begriff der "wert(e)schaffenden Arbeit" vergeblich suchen, weil er in den plattesten Varianten des "Traditionsmarxismus", verkörpert etwa durch DKP und MLPD, die Bedeutung der von Marx "wertbildend" genannten Arbeit ins Gegenteil verkehrt hat, nämlich in eine positiv, u.U. auch antisemitisch besetzte, zeitlose Kategorie als Synonym für produktive Arbeit, deren Produkte naturnotwendig Wertform besitzen, die selbst nicht mehr als Ausdruck entfremdeter Arbeit verstanden wird, sondern als Gegenstand des Arbeiterstolzes.
(16) Wieder sind wir an einem Punkt, wo man nicht einfach »mal den Begriff aus der Praxis ... entwickeln« kann, weil stets die Gefahr lauert, historisch-spezifische Formen als überhistorische zu universalisieren. So auch hier: »Tatsächlich ist menschliche Arbeit immer doppelt bestimmt, qualitativ als besondere, auf einen bestimmten Nutzeffekt gerichtete Arbeit und quantitativ als Teil eines gegebenen Arbeitsvolumens...« (11) Diese Bestimmung kann man vornehmen. Die Gefahren, die hier lauern, sind folgende:
(17)
1. Die Unterscheidung des quantitativen und qualitativen Aspekts von »Arbeit« entstammt der Analyse der warenproduzierenden Gesellschaft. Die Bestimmung war erst denkmöglich, als sich real und praktisch die beiden Aspekte voneinander schieden. In allen vormodernen Gesellschaften kam es einzig auf den Nutzeffekt an. In der Lebenspraxis gab es keine Zeitabstraktion oder andere Formen abstrakter Unterteilungen von Arbeitsvolumina.
(17.1) 02.04.2002, 19:25, Werner Imhof: Die Behauptung ist ein besonders schwerer Fall von wertkritisch präformierter Wahrnehmung historischer Fakten. Selbst Jäger und Sammler wußten, daß jeder Nutzeffekt an einen durch die Erfahrung bestimmten, saisonal und klimatisch wechselnden Zeitaufwand gebunden war. Warenproduktion und Geld gibt es seit einigen tausend Jahren, Tauschhandel noch viel länger. Waren Tauschrelationen und Preise etwa Größen, die allein durch den Nutzeffekt bestimmt waren? Schon die Sumerer hätten Dich ausgelacht. Und was bestimmte wohl den Preis eines Sklaven? Bestand sein Nutzeffekt nicht vielleicht in seiner Arbeitsfähigkeit und Lebensdauer? War der Zehnte nur ein "qualitativer Aspekt" der mittelalterlichen "Lebenspraxis"? Ebenso wie Kriegstribute, Steuern, Zölle, Wucher und der Ablaßhandel? Eine unglaubliche und unglaublich lächerliche Idyllisierung vorkapitalistischer Verhältnisse ist das, was Du hier vorbringst.
(17.1.1) 18.04.2002, 16:08, Stefan Meretz: Ich bewerte hier nichts, von Idylle oder einem Gegenteil kann hier keine Rede sein. Auch spreche ich nicht gegen (oder für) ein Mehr oder Minder an Aufwand, Preisen, Ausbeutung, Abpressung etc. Ich behaupte, dass es "keine Zeitabstraktion oder andere Formen abstrakter Unterteilungen von Arbeitsvolumina" gab und warne davor solche Begriffe aus der warenproduzierenden Gesellschaft auf vormoderne Gesellschaften umstandslos zu übertragen. Alle deine Beispiele "gesellschaftlicher Praxis" unterstreichen das nachdrücklich.
(18)
2. Sie nimmt »Arbeit« als von den sonstigen Tätigkeiten getrennte Sphäre an, da sie sonst gar nicht quantitativ bestimmbar wäre. Es gab jedoch vor dem Kapitalismus keine Sondersphäre der »Arbeit«, es gab eine Lebenspraxis, die in ihrer Gesamtheit die Reproduktion absicherte. In dieser Praxis waren produktive und reproduktive Tätigkeiten nahtlos miteinander vermischt. Mühsal und Plage wechselten mit Siesta und Festen - das war nicht »Arbeit« und »Freizeit«, es war einfach die Lebensweise.
(18.1) 02.04.2002, 19:26, Werner Imhof: Dasselbe noch einmal, nur unter dem "Aspekt" der "Sphären"-Trennung resp. -Vermischung. Jeder Historiker würde sich die Haare raufen. Die "Arbeit" (natürlich in Anführungszeichen) "als von den sonstigen Tätigkeiten getrennte Sphäre" - eine Erfindung des Kapitalismus? Sklaven und Leibeigene, selbst freie Bauern, Handwerker und Tagelöhner würden Dir was anderes erzählen, von den Klassen, die von ihrer Arbeit lebten, ohne selbst einen Finger krumm zu machen, gar nicht zu reden. Selbst die Jäger und Sammler wußten, daß man Früchte nicht im Schlaf ernten und Wild nicht beim Feiern erlegen kann. Mir fallen noch Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" ein - eine Hymne auf die "vormoderne" "Lebenspraxis"?
(18.1.1) 18.04.2002, 16:23, Stefan Meretz: Das Gleiche nochmal: Wo du Bewertungen siehst, sind keine. Wo du "die konnten machen, was sie wollten" liest, schreibe ich von Sphärentrennung als Spezifik der warenproduzierenden Gesellschaft. Wenn es ums Überleben ging, dann wurde geschuftet bis zum Umfallen (nicht zu reden vom personalen Zwang). Wenn es genug zum Leben gab, dann wurde die Mistgabel stehen gelassen. Warum gab es im europäischen Mittelalter im Durchschnitt 115 Feiertage pro Jahr? Ich empfehle hier das Buch von Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen, München 1998: Piper. - Erst mit der modernen Gesellschaft wurde das verselbstständigte und von jeder sinnlichen Vernunft abstrahierende "Arbeiten ohne Ende" durchgesetzt - mit aller Gewalt. Das war jetzt wertend.
(19) Wenn ich mit der Unterscheidung quantitativer und qualitativer Bestimmung der »Arbeit« sorgsam umgehe, also versuche, die Universalisierungen zu vermeiden, dann kann ich gewiss auch die vormodernen Gesellschaften damit untersuchen. Ich komme jedoch zu völlig anderen Ergebnissen als für die bürgerliche Gesellschaft (wie in den beiden Punkten angedeutet). Wenn ich jedoch diese allgemeine Unterscheidung zu »gebrauchswert- und wertschaffender Arbeit« bzw. zu »konkreter und abstrakter Arbeit« kategorial verdichte, dann kann ich dieses Begriffspaar nur im Kontext der warenproduzierenden Gesellschaft verwenden. Nur hier geht es um Waren, die doppelt durch Gebrauchswert und Wert bestimmt sind. Nur hier gibt es die Sondersphäre der »Arbeit«, die durch ihren konkreten und abstrakten Aspekt bestimmt ist [5].
(19.1) 04.04.2002, 19:11, Werner Imhof: Eine "allgemeine Unterscheidung", die sich auch auf die Untersuchung "vormoderner Gesellschaften" anwenden läßt, ist - man kann es drehen und wenden, wie man will - eine "Universalisierung", nicht anders als der allgemeine Begriff der Arbeit als zweckgerichteter Aneignung und Umformung von Naturstoff zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Wie alle vernünftigen (und nicht sinnlosen oder unzulässigen) Verallgemeinerungen sind das aber auch nur sehr "dünne Abstrakta", wie Marx sagen würde, die für das Verständnis einer bestimmten historischen Gesellschaft bzw. Produktionsweise wenig Aussagekraft besitzen. Das Wesen einer konkreten Produktionsweise liegt eben nicht in ihrer allgemeinen Bestimmung, Produktionsweise zu sein, sondern in ihrer "wesentlichen Verschiedenheit" von anderen Produktionsweisen, in ihrer Besonderheit. Dein Horror vor Universalisierungen ist ja verständlich als Befürchtung, gerade diese Besonderheit zu verwischen oder zu verallgemeinern. Nur beruht Deine Befürchtung darauf, daß Dir das Besondere der Warenproduktion (und zwar nicht nur der kapitalistischen) selbst ein Rätsel ist, das sich zwar begrifflich beschwören, aber nicht praktisch begreifen läßt, weshalb Du Besonderes und Allgemeines in einen Topf wirfst und das Allgemeine aus der Geschichte verbannst. Doch die Besonderheit der Warenproduktion, und nicht erst und nur der kapitalistischen, besteht nicht darin, daß sie überhaupt einen Modus für die Aufteilung des gemeinsamen Arbeitsvolumens der Produzenten entwickelt, sie besteht in der eigentümlichen Form des Modus. Die "abstrakte" oder gleiche menschliche Arbeit ist deshalb auch mitnichten eine "kategoriale Verdichtung" allgemein quantitativer Bestimmung der Arbeit, sie ist eine ganz eigene Kategorie, die in allen nichtwarenproduzierenden Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Bereichen auch keinerlei praktische Entsprechung findet. Denn die quantifizierbare und quantifizierte Arbeit ist hier immer konkrete nützliche Arbeit. Auch wenn sie zugleich allgemeine Arbeit, also unmittelbar Teil gesellschaftlicher Arbeit ist, bleibt sie besondere konkrete Arbeit, ohne mit anderen konkreten Arbeiten auf ein gemeinsames Drittes reduziert zu werden. Die Gesamtarbeit ist hier nichts anderes als die Gesamtheit konkreter Teilarbeiten. Allein in der Warenproduktion müssen die konkreten Arbeiten auf gleichförmige einfache Arbeit reduziert werden, um für die Privatproduzenten quantifizierbar zu werden und ihren Austausch untereinander als Austausch von Äquivalenten zu ermöglichen. Nur hier muß die quantitative Bestimmung der Arbeit die verselbständigte Form abstrakter oder gleicher menschlicher Arbeit annehmen, die als Werteigenschaft in den Produkten zu hausen scheint und mit deren Gebrauchs"wert"eigenschaft in Konflikt gerät, an die sie doch gleichzeitig gefesselt ist.
(19.1.1) 19.04.2002, 08:44, Stefan Meretz: Die Kritik, ich würde Besonderes und Allgemeines in einen Topf werfen, gebe ich zurück. Ich bemühe mich darum, gerade nicht Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft rückwirkend in unzulässiger Universalisierung auf vormoderne Gesellschaften anzuwenden. Das ist der Kern meiner Kritik an deiner Begriffverwendung.
(19.1.2) 19.04.2002, 08:51, Stefan Meretz: Was ich hier nicht verstehe ist, dass du hier aussagst, "abstrakte Arbeit" sei eine ganz eigene Kategorie, die in nichtwarenproduzierenden Gesellschaften keine praktische Entsprechung habe. Das sage ich doch auch. Doch wenn ich dich vorher richtig verstanden habe, behauptest du doch gerade die Universalität der allgemeinen/abstrakten Arbeit. Verstehe ich dich falsch, was meinst du denn nun?
(19.1.3) 19.04.2002, 09:02, Stefan Meretz: Weiterhin sagst du hier aus, quantifizierbare Arbeit sei in nicht warenprodroduzierenden Gessellschaften konkrete nützliche Arbeit, während in der warenproduzierenden Gesellschaft die quantitative Bestimmung der Arbeit die Form abstrakter Arbeit annimmt. Das scheint mir vollends unlogisch zu sein: In nichtwarenproduzierenden Gesellschaften ist die quantifizierbare Arbeit "konkrete Arbeit" und in warenproduzierenden Gesellschaften dann aber "abstrakte Arbeit"? Hier kommst du mit deiner Universalisierung durcheinander.
(20) Es macht methodologisch auch keinen Sinn, von einer vorgängigen Existenz von Gebrauchswert und gebrauchswertschaffender Arbeit auszugehen, zu der dann mit dem Kapitalismus der Tauschwert und die wertschaffende Arbeit hinzutritt: Wenn es sich bei der warenproduzierenden Gesellschaft um eine qualitativ neue historische Vergesellschaftungsform handelt, dann müssen diesen qualitativ neuen Formen auch qualitativ neue Kategorien entsprechen, die die Entwicklungslogik »isomorph« widerspiegeln [6]. Gebrauchswert und (Tausch-)Wert sowie konkrete und abstrakte Arbeit sind kategoriale Paare, die den analytischen Zugriff auf einen Realwelt-Sachverhalt erlauben. Gebrauchswert oder (Tausch-)Wert sind also keine eigenständigen Entitäten, sondern es sind Aspekte einer Sache, nämlich der Ware. Genauso gibt es keine »konkrete« oder »abstrakte« Arbeit als separate Vorgänge, es sind Aspekte der Lohnarbeit. Deswegen macht es keinen Sinn, solche Kategorien jenseits der warenproduzierenden Gesellschaft in verdinglichter Form als distinkte Entitäten zu behandeln. Marx unterläuft also ein Kategorienfehler, wenn er schreibt: »Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit ... ewige Naturnotwendigkeit, um ... das menschliche Leben zu vermitteln" (Kapital, S. 57), er mischt eine Kategorie der warenproduzierenden Gesellschaft in eine viel allgemeinere, überhistorische Aussage. Aber auf solche Sätze konnten und können sich in der Tat textexegetische Marxologen samt des Traditionsmarxismus berufen.
(20.1) 04.04.2002, 19:13, Werner Imhof: Nur weil konkrete Arbeit und Gebrauchswert mit abstrakter Arbeit und Tauschwert "Begriffspaare" oder "kategoriale Paare" bilden (und im Begriff des Gebrauchswerts auch noch das Wort "Wert" enthalten ist?), müssen sie noch lange keine "qualitativ neuen" Phänomene sein, die erst mit der Warenproduktion oder gar, wie Du tatsächlich behauptest, mit dem Kapitalismus in die Geschichte eintreten. (Ich empfehle mal ein "gedankliches Probehandeln" jenseits von Warenproduktion und Kapitalismus, das die Reproduktion menschlichen Lebens anders als in Form konkreter, Gebrauchswerte oder - wenn Dir dieses Wort lieber ist - Gebrauchsgüter produzierender Arbeit bewerkstelligt.) Daß diese Begriffspaare zusammengehörige Aspekte einer gesellschaftlichen Realität beschreiben, heißt doch nicht, daß alles daran historisch neu ist, sondern daß auch die (kapitalistische) Warenproduktion nur von Menschen veranstaltet wird, die als Naturwesen vom Stoffwechsel mit der Natur leben. Falsch liegst Du auch mit der Behauptung, daß "Gebrauchswert oder (Tausch-)Wert ... also keine eigenständigen Entitäten (sind), sondern Aspekte einer Sache, nämlich der Ware". Zum einen existieren sie sehr wohl in getrennter Form. Auch in der heutigen Gesellschaft werden immer noch Gebrauchswerte produziert, die keinerlei Wert enthalten; und im Geld führt der Wert, besser: die Wertsubstanz, die gleiche menschliche Arbeit ein durchaus eigenständiges Leben. Zum anderen ist der Tauschwert nicht Aspekt einer Sache (so erscheint er nur), sondern ein gesellschaftliches Verhältnis von Menschen. Richtig an Deiner Betonung des "einen Realwelt-Sachverhalts" ist allein, daß es "keine 'konkrete' und 'abstrakte' Arbeit als separate Vorgänge" gibt (obwohl sie separat zu analysieren sind). Nur: Wer hat denn die "abstrakte Arbeit" als separaten Vorgang dargestellt, etwa im "Gegenbilder"-Buch? (Einen besonderen Kommentar zu Marx' angeblichem "Kategorienfehler" erspare ich mir.)
(20.1.1) Isomorphie, 22.04.2002, 16:23, Stefan Meretz: Wenn du Haugs Kapitaleinführung gut kennst, könnte dir der Begriff der "Isomorphie" mindestens inhaltlich vertraut (das Wort verwendet er wohl nicht, inhaltlich beschreibt er es auf den Seiten 123ff unter "genetische Anforderung"). Ich konnte auf die Schnelle dieses Zitat finden: "Ein wissenschaftlicher Begriff muß die innere Zusammensetzung des Begriffenen widerspiegeln." (46). Hierbei wird nicht deutlich, das der Begriff immer auch eine zeitliche Dimension hat. Es geht also nicht nur um die Zusammensetzung des Begriffenen, sondern auch um die Genese, die Herausbildung des Begriffenen. Bei Klaus Holzkamp, der übrigens wie Haug inhaltlich sehr "traditionell" argumentiert, hat dies im Rahmen der Kritischen Psychologie methodisch sehr differenziert ausgearbeitet. Mit meinen Worten geht es darum, die im Gegenwärtigen liegende Historizität, also die Tatsache, dass es sich beim Heutigen um etwas Gewordenes handelt, genetisch-logisch zu rekonstruieren (Genese=Entstehung/Entwicklung). Wenn man von der Entwicklung als Differenzierungsprozess ausgeht, dann müssen den historischen früheren, einfacheren Formen begrifflich auch die einfacheren, elementareren Formen entsprechen. Das wird Isomorphie genannt: Die strukturelle Übereinstimmung von Begriffs- und Realgenese bzgl. eines Gegenstands. Bei Marx geht es um die genetische Rekonstruktion der Geldform (wie Haug zeigt). Diese Rekonstruktion geschieht jedoch nicht für den Begriff der "Arbeit", da der sozusagen ausserhalb des Scopes liegt. Hier arbeitet Marx mit Augenschein-Begriffen, die jeweils eine gewisse Plausibilität haben, inhaltlich aber schwankend sind. Sozusagen für jeden was dabei;-)
(20.1.2) Empirie(n), 22.04.2002, 16:28, Stefan Meretz: Du bist ja schnell bei der Hand, mir "Praxisferne" o. dgl. vorzuwerfen so in die Richtung: Wer Kategorien wälzt, der geht "äußerlich" an die Dinge heran. Ich weise das im wesentlichen aus zwei Gründen zurück. Den ersten habe ich oben bereits genannt: Jede Analyse setzt Begriffe voraus. Es gibt also nicht die scheinbar "neutrale" Praxisbeschreibung, die dann irgendwie zur Begriffen eindampft, sondern jeder Zugriff auf empirische Verhältnisse ist begrifflich strukturiert. Das unterscheiden wir uns übrigens nicht, auch wenn du das wortreich behauptest.
(20.1.3) Emperie(n), 22.04.2002, 16:50, Stefan Meretz: Der zweite Grund ist mein Hinweis auf den Unterschied zwischen historisch-logischer und aktueller Empirie. Bei der historisch-logischen Empirie geht es um die begriffliche Rekonstruktion der gegenwärtigen Historizität eines Gegenstands. Bezüglich des Gegenstands des "Stoffwechsels mit der Natur" vulgo "Arbeit" ist dies nicht erfolgt. Meine These ist nun, dass - angewendet auf den Begriff "Arbeit" - dies ergibt, dass das Begriffspaar der abstrakten/konkreten Arbeit einen genetischen Vorläufer hat, dessen Differenzierungsprodukt sie sind. Das ist die "Arbeit".
(20.1.4) Kategorienpaar, 22.04.2002, 16:58, Stefan Meretz: Ich behaupte nicht, dass alles historisch neu ist. Das ginge auch gar nicht, denn historisches Differenzierungsprodukt der "Arbeit", heisst, dass es in der frühen, gewissermaßen integralen Form schon die Momente gegeben hat, die unter den Bedingungen der Warenproduktion sich ausdifferenzieren konnten. Diese Momente sind m.E. diejenigen, die du benennst: Zeit- und Nutzenaspekt der Arbeit. Doch so wie sich auch "Zeit" im gesellschaftlichen Vollzug von der "Sachzeit" (jedes Ding hat seine Zeit) zu einer abstrakten, linearen Zeit umwandelt (und Uhren, Zeitmessungen usw. hervorbringt), so auch die Arbeit in das, was Marx dann kategorial als konkrete und abstrakte Arbeit fasst. Das hat es vorher nicht gegeben.
(21) Kategorial sind also Zeitaspekt und Nützlichkeitsaspekt von »Arbeit« allgemeiner als Gebrauchs- und Tauschwertaspekt von »Arbeit«. Sie sind logisch-historisch vorgelagert. Fraglich ist nun noch, ob »Arbeit« als Begriff nicht auch schon in die Falle der überhistorischen Universalisierung tappt. Guckt man sich die aktuellen politischen Debatten und die Geschichte des Traditionsmarxismus an, dann muss man die Frage klar bejahen. Doch es geht uns hier ja nicht um vordergründige »Politik«, sondern um ein adäquates begriffliches Widerspiegeln inhaltlicher Sachverhalte, das uns langfristig handlungsfähiger machen soll. Und da sehe ich jenseits »politischer« Argumente - Denunziation des Arbeitsfetischs - keinen nachhaltigen Grund, die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des Lebens nicht allgemein »Arbeit« zu nennen (im Unterschied zur Krisis-Position). Dann ist es aber auch erforderlich, diesen allgemeinen Arbeitsbegriff nicht zu verwenden, wenn ich die Spezifik einer besonderen historischen Form meine. Dann muss ich von Lohnarbeit sprechen als historisch-spezifischer, aus Lebenszusammenhängen herausgelöster Form der »Arbeit«, die ich hinsichtlich ihres konkreten und abstrakten Aspekts bestimmen kann. Das populistisch-traditionsmarxistische Schema »Arbeit« = konkrete Arbeit = gebrauchswertschaffende Arbeit einerseits und »Lohnarbeit« = abstrakte Arbeit = wertschaffende Arbeit mit samt seinen antisemitischen Implikationen ist dann aber zu verwerfen. Insofern ich die Lohnarbeit deskriptiv als solche als »abstrakt« ansehe, finde ich die Bezeichnung »abstrakt-abstrakte Arbeit« und »konkret-abstrakte Arbeit« [7] ziemlich treffend - aber das nur Randbemerkung.
(21.1) 06.04.2002, 16:37, Werner Imhof: Wenn heute der Ruf nach "Arbeit!" oder nach einem "Recht auf Arbeit" ertönt, dann ist damit immer nur Arbeit in Form der Lohnarbeit gemeint. Der sog. "Arbeitsfetisch" ist also tatsächlich der Fetisch Lohnarbeit, die nur deshalb als Arbeit schlechthin vergötzt wird, weil diese anders als in der Form der Lohnarbeit gar nicht mehr vorstellbar scheint (es sei denn in den Formen der "selbständigen Arbeit" und der privaten oder ehrenamtlichen "Nichterwerbsarbeit"). Die "Denunziation des Arbeitsfetischs" bleibt deshalb eine hilflose Negation, wenn sie den Ruf nach "Arbeit" für bare Münze nimmt und bei der Ablehnung "der Arbeit" landet, weil sie selbst nicht die Bedingungen begreift und benennt, unter denen Arbeit die Form der Lohnarbeit annehmen muß. Daß Du nun allgemein Arbeit als notwendige "gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des [menschlichen] Lebens" anerkennst, ist immerhin ein Ansatz, der auch Deine bisherigen Attacken gegen die "Arbeit" als besondere "Sphäre" relativiert - aber mehr auch nicht. Denn der "allgemeine Arbeitsbegriff" hilft gerade noch zu begreifen, daß die Lohnarbeit nur eine "besondere historische Form" gesellschaftlicher Arbeit ist. Aber er hilft in keiner Weise weiter, die historische Besonderheit selbst zu verstehen. Da klebst Du weiterhin am "konkreten und abstrakten Aspekt" der Lohnarbeit, die gerade nicht ihre Besonderheit ausmachen, weil diese "Aspekte" der Warenproduktion überhaupt eigen sind.
(21.1.1) Arbeit, Arbeit, Arbeit, 22.04.2002, 21:38, Stefan Meretz: Das Finstere ist: Wenn der Ruf nach "Arbeit!" ertönt, dann ist genau die ontologisierte "Arbeit" gemeint, weil - ja, richtig - diese gar nicht mehr anders als in der Form der Lohnarbeit vorstellbar scheint. Aber diese objektive Gedankenform, diese Erscheinung, ist gleichzeitig alltäglich real: In der Warenproduktion als quasi naturalisierter Gesellschaftsform, als scheinbar zweiter Natur, ist "Arbeit" - diese verselbstständigte, perverse Form der menschlichen Tätigkeit zur Re-/Produktion des Lebens in Form der Lohnarbeit - eine "falsche", aber real-wirksame Seinsbestimmung des Menschen. Haug, allerdings nur mit einer Ahnung dessen, schreibt: "Formen wie dei Lohnform sind ... zwar imaginär und irrational, aber nichtsdestoweniger alltäglich real." (176). Meine Attakten gegen diese ontologisierte "Arbeit" werde ich weiter führen, um - wenn du so willst - den "allgemeinen Arbeitsbegriff" zu retten.
(22) Vor diesem Hintergrund des Versuches, die traditionsmarxistischen Plattheiten durch Genauigkeit zu hinterfragen, ist es ziemlich unverständig und denunziatorisch, wertkritischen Ansätzen vorzuwerfen, sie würden mit der »abstrakten Arbeit« ein »begriffliches Gespenst (erzeugen), das scheinbar unabhängig von jeder konkreten Arbeit und neben ihr sein Unwesen treibt« (11). Was da sein Wesen treibt, ist der rückgekoppelte Selbstzweckzusammenhang, in dem die abstrakte Arbeit - verstanden als abstrakter Aspekt der Lohnarbeit - verschiedene Metamorphosen durchläuft und über den Wert auf sich selbst rückgekoppelt ist. Wenn die Krisis-Gruppe hier zurückpoltert und den Apologien der »Arbeit« eine Befangenheit im ontologischen Arbeitsbegriff des Arbeiterbewegungsmarxismus vorwirft, der den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft nicht überschreitet, finde ich das nicht fein, aber inhaltlich nachvollziehbar.
(22.1) 06.04.2002, 16:38, Werner Imhof: Ein "rückgekoppelte(r) Selbstzweckzusammenhang, in dem die abstrakte Arbeit - verstanden als abstrakter Aspekt der Lohnarbeit - verschiedene Metamorphosen durchläuft und über den Wert auf sich selbst rückgekoppelt ist" - das ist genau der Jargon, den ich meine. Die "abstrakte Arbeit" wird zum begrifflichen Gespenst, dessen Bewegung völlig abgelöst bleibt von der praktischen Bewegung, der es entsprungen ist. Es kann nur den Anschein von etwas Absurdem erzeugen, weil es eine verselbständigte "Entwicklungslogik 'isomorph' widerspiegeln" soll (Hervorhebung von mir), die doch nur als absurd gewordene Logik einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis zu begreifen ist. Die aber stellt sich dem "kategorial-begreifenden Denken" etwa so dar: "Verwertung. Etwas auf seine ökonomische Werthaltigkeit reduzieren und auf dem kapitalistischen Markt zu Geld machen. Die Verwertung von Wert ist der Kern des Wertgesetzes. Dabei wird Wert zu Kapital, wenn der Wert sich auf dem Markt auch wirklich realisiert, wenn er auf Wert in Geldform trifft und in Kapital umgewandelt wird, wenn er die Konkurrenz um das beschränkte Geld auf dem Markt gewinnt..." (Aus dem Glossar des "Gegenbilder"-Buchs) Gegenüber solchem "zirkulationsfixierten" Unsinn sind selbst traditionsmarxistische Plattheiten" noch wahre Gipfel der Erkenntnis. Da wir gleich zur Frage der Aufhebung der kapitalistischen Warenproduktion übergehen, zuvor noch einige Anmerkungen zu ihrer "wirklichen Praxis" (Haug):
(22.2) 06.04.2002, 16:40, Werner Imhof: Kapitalistische Produktion ist wie alle Warenproduktion ein System voneinander getrennter Privatarbeiten, die über den Austausch miteinander verbunden sind, also Produktion für den Austausch, der den Produkten Wertform aufzwingt, die sie im Austausch realisieren müssen. Ihre Besonderheit besteht darin, daß sie auf der Anwendung kollektiver Arbeitskraft beruht, die über die zur eigenen Reproduktion notwendige Arbeit hinaus unbezahlte Mehrarbeit leistet, die sich in einem Mehrprodukt niederschlägt, welches im Austausch als Mehrwert realisiert wird. Durch diese Produktion von Mehrwert wird Geld, das gegen Arbeitskraft und Produktionsmittel getauscht wird, zu Kapital und die Wertform der Produkte zur Kapitalform. Historisch entstand das Kapitalverhältnis als Klassenverhältnis, in dem die kollektive Arbeitskraft aus Lohnarbeitern bestand, die "frei", also getrennt von Produktionsmitteln waren und ebenso "frei", ihre Arbeitskraft zu verkaufen. In dieser Form hat sich die kapitalistische Produktionsweise global durchgesetzt und setzt sie sich noch heute durch. Die Entwicklung zeigt jedoch, daß das Kapitalverhältnis nicht notwendig an das Klassenverhältnis gebunden ist. Auch Belegschaftsunternehmen oder Genossenschaften, in denen die Arbeitskräfte gleichzeitig Eigentümer ihrer Produktionsmittel sind, sind gezwungen, unbezahlte Mehrarbeit für ein Mehrwert realisierendes Mehrprodukt zu leisten, wenn sie ihre Produktionsmittel nicht nur reproduzieren, sondern modernisieren und erweitern und sich in der Konkurrenz behaupten wollen. Die Kapitalform der Produkte kann also offenbar nur aufgehoben werden, wenn mit der Privatarbeit und dem Austausch die Wertform überhaupt aufgehoben wird. - Diese Aufassungen dürften Dir nicht neu sein. Ich habe sie in ausführlicherer Form schon in den "Materialien zur KW 48/1999" dargelegt, die Du kennst und aus denen Du im Folgenden ja auch ein Zitat anführst. Doch wie gehst Du damit um?
(23) Die traditionsmarxistische Fixierung auf das Privateigentum ist einschlägig, Werner übernimmt sie. Was ihn von traditionellen Marxismen unterscheidet ist die Kritik an Tausch, Warenform und Geld [8]. Das ist sozusagen eine interessante Mischung aus Traditionsmarxismus und Wertkritik. Was ist aber an der Forderung nach Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und Produkten falsch? - Nichts! Sie ist nur völlig unzureichend, sie ist zwar notwendige aber keineswegs eine hinreichende Bedingung für die Aufhebung des Kapitalismus. Sich auf das »Privateigentum« zu fixieren, bedeutet faktisch, sich auf eine juristische Form zu kaprizieren. Über die Mittel zu verfügen, bedeutet nicht, über die Bewegungslogik zu verfügen. Es ändern sich wenig, wenn »die Arbeiter« oder »der Staat« die Produktion lenken. Sie können nicht mehr machen, als hier und dort gegen die »Selbstzweckbewegung des 'mehrwertheckenden Werts'« (17) zu verstoßen, was zu der nachvollziehbaren Aussage der Liberalen führt, die Sozialisten könnten »nicht mit Geld umgehen«. Das Problem ist aber nicht, dass sie es nicht »können«, sondern, dass sie nicht erkennen, dass es nicht »können« können, es aber trotzdem versuchen und sich damit auf ewig im bürgerlichen Kategoriensystem bewegen.
(23.1) Re: Die einfache Negation 1: Abschaffung des Privateigentums, 06.04.2002, 17:39, Werner Imhof: "Sich auf das 'Privateigentum' zu fixieren, bedeutet faktisch, sich auf eine juristische Form zu kaprizieren." Das wäre allerdings platter "Traditionsmarxismus" - wenn es denn stimmte. Doch es stimmt eben nicht. Du weißt sehr gut, daß ich den Begriff des Privateigentums (an Produktionsmitteln) nur als Kennzeichen bestimmter praktischer Produktionsverhältnisse benutze und auf diese Verhältnisse immer auch explizit eingehe. Ich zitiere aus den "Materialien zur KW 48/1999":
(23.1.1) Das Nebeneinander von "Richtigem", 24.04.2002, 10:21, Stefan Meretz: Du missdeutest meine Argumentation, sie ist offensichtlich missverständlich. Die geht so: Du übernimmst die Fixierung auf das Privateigentum, ergänzt sie aber um die Kritik von Tausch, Warenform und Geld (und erweiterst die Argumentation, was unter "Eigentum" zu subsummieren sei, s.u.). Dann argumentiere ich, warum die Aufhebung von Privateigentum (an PM) unzureichend ist - was du ja weisst und deswegen ergänzt. Meine Argumentation ist nicht: Du fixierst dich wie der TM alleinig auf das Privateigentum - gerade nicht. Im ersten Schritt setze ich mich dann mit den Konsequenzen einer solchen alleinigen Fixierung auseinander. Meine Kritik ist also: Du stellst zwei "richtige" Forderungen unverbunden nebeneinander. In ihrem Nebeneinander sind es "einfache Negationen", weil die "doppelte Negation" jeweils unsichtbar bleibt, bleiben muss.
(23.1.2) Privateigentum als Symbol, 24.04.2002, 10:31, Stefan Meretz: Nun behauptest du, das Privateigentum nur Kennzeichen bestimmter praktischer Produktionsverhältnsse sei. Nein, genaugenommen verwendest du den Begriff in der Weise, als ob dem so sei. Das Privateigentum ist aber in der kein Kennzeichen, kein Symbol, sondern Praxis einer juristischen Form (was Staat, Gewaltmonopol desselben etc. voraussetzt). So stellt sich ganz praktisch die Frage, was denn mit der juristischen Form des Privateigentums an PM geschieht, wenn sie aufgehoben wird. Gewinnt das Eigentum eine neue juristische Form, etwa Allgemeineigentum? Was ist mit den Nicht-PM - bleiben die in der alten juristischen Form?
(23.1.3) Aus dem Begriff, aus dem Sinn, 24.04.2002, 10:51, Stefan Meretz: Was dir aus dem Symbol-Begriff "Privateigentum" und damit aus dem Sinn rutscht, ist die praktische Bewegungsform, ist die Tatsache der juristischen Form. Das immerhin sieht der Traditionsmarxismus, nur: in seiner abstrakten Negation der sogenannten "Abschaffung des Privateigentums" (an PM) und Überführung in xy-Eigentum, kapiert er (in der Regel) nicht, dass er sich in der juristischen Form, in der Rechtsform, bewegt und diese damit bestätigt. Dass Warenform und (moderne) Rechtsform in der warenproduzierenden Gesellschaft konstitutiv sind, einander bedingen, das bleibt unsichtbar. Durch das Kaprizieren auf die juristische Form "Eigentum" wird genau die Rechtsform, in der sich die Argumentation bewegt, unsichtbar - auch bei dir. Dabei ginge es mit der Aufhebung der Warenform auch (aber auch wieder nicht nur) um die Aufhebung der Rechtsform, dessen - selbstredend wesentlicher, aber nicht alleiniger - Aspekt die Aufhebung des Privateigentums an PM ist. Wenn man das begreift, dann steht die Frage nach der anderen Vergesellschaftsform, zu der eben auch die Rechtsform gehört, mit großer Schärfe an: als praktische Frage, als was denn sonst. Und dazu ist keineswegs alles gesagt - dazu komme ich noch.
(23.2) 06.04.2002, 17:40, Werner Imhof: "Was im Kapitalismus-Bild der sozialistischen bzw. kommunistischen Bewegung weitestgehend unter-, wenn nicht gänzlich unbelichtet war, ist der zwiespältige Charakter des Privateigentums und die 'eigentümliche' Form, die die gesellschaftliche Arbeit unter seiner Herrschaft annimmt. Privateigentum an Produktionsmitteln ist nämlich nicht nur Verfügungsgewalt über sie (bzw. der juristische Ausdruck davon), Herrschaft über Sachen, sondern immer zugleich ihr Gegenteil: Beherrschung durch Sachen, Beherrschung der Privateigentümer (seien sie Privatkapitalisten, Aktiengesellschaften oder Belegschaften 'selbstverwalteter' Betriebe) durch ihre Produkte. Denn das Privateigentum an Produktionsmitteln trennt nicht nur Eigentümer von Nichteigentümern, sondern auch - und wichtiger noch - die Privateigentümer bzw. -produzenten voneinander; es ist gerade Ausdruck ihrer Getrenntheit. Privateigentum an Produktionsmitteln heißt nichts anderes, als daß gesellschaftliche Arbeit unter vordergründig 'unabhängigen' Teilproduzenten aufgeteilt sind, die tatsächlich voneinander abhängig sind. Dies ist die wesentliche Bestimmung des Privateigentums als einem sozialen Verhältnis und nicht die Bestimmung durch sein Gegenteil, das Nicht-Eigentum. Sie bleibt auch fundamental für das kapitalistische Eigentum, für die Spaltung der Gesellschaft in Kapitalisten und Proletarier. (...) Selbst wenn alle Betriebe 'in Arbeiterhand' wären, das Privateigentum an Produktionsmitteln also in einer Richtung - als Trennung in Besitzende und Besitzlose - aufgehoben wäre, bliebe mit der Wertform der Produkte auch ihre Kapitalform erhalten, würde sich die Arbeit in bezahlte und unbezahlte, in notwendige zur Reproduktion der Belegschaften und in Mehrarbeit zur erweiterten Reproduktion der Produktionsmittel teilen und der Zwang zur Ausdehnung letzterer auf Kosten ersterer die Produktion beherrschen, solange das Privateigentum nicht auch in der anderen Richtung - als Trennung der Produzenten (die immer zugleich produktive und individuelle Konsumenten sind) voneinander - aufgehoben wäre, solange die Markt- und Geldbeziehungen zwischen ihnen nicht durch andere Beziehungen ersetzt würden. Kurz: Die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise ist nur möglich als Aufhebung der Warenproduktion überhaupt und damit auch des Geldes."
(23.2.1) 24.04.2002, 11:08, Stefan Meretz: Schöner Abschnitt - hat in meinem Papierdruck ein dickes Ausrufezeichen bekommen:-) Was ich beim damaligen Lesen noch nicht sah und heute schärfer sehe, ist die Beschränkung des "Eigentums" auf ihre auf die "Trennungsfunktion". Die Rechtsform selbst ist kein Thema, damit auch nicht, dass die Rechtsform mit dem Kern des Privateigentums, die gesellschaftlichen Verkehrsformen generell bestimmt. Zugespitzt bedeutet das, dass die Aufhebung von Warenform (Markt, Geld, Staat etc.) ohne Antasten der Rechtsform unmöglich ist.
(23.3) 07.04.2002, 19:12, Werner Imhof: Es kann also keine Rede davon sein, daß ich mich auf eine juristische Form "kapriziere" oder auch nur auf die Frage der Verfügung über die Produktionsmittel. Im Gegenteil, ich betone gerade, daß die Verfügung über die Produktionsmittel noch nicht die Beherrschung der Produzenten durch ihre Produkte (genauer: durch die Wert- und Kapitalform ihrer Produkte) aufhebt, solange sie nicht ihre Trennung voneinander aufheben, das heißt ihre Austauschbeziehungen "durch andere Beziehungen" ersetzen. Was das nur für Beziehungen sein könnten, habe ich ebenfalls mehrfach ausgeführt:
(23.4) 07.04.2002, 19:14, Werner Imhof: "Ich halte nichts davon, über das pragmatische Arrangement der Lohnabhängigen mit den bestehenden Eigentums- oder Herrschaftsverhältnissen die Nase zu rümpfen; am allerwenigsten dann, wenn die Nase Leuten gehört, die die kapitalistische Produktionsweise nur moralisch verurteilen oder abstrakt negieren, aber nicht angeben können, wie die gesellschaftliche Reproduktion jenseits von Staat und Markt praktisch zu regeln wäre. Die Bourgeoisie beherrscht die Gesellschaft durch ihre unbestrittene Hegemonie, die sie zum einen ihrer ungebrochenen Fähigkeit verdankt, die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit zu entwickeln, und dem Zugeständnis, die Lohnabhängigen daran teilhaben zu lassen, statt sie allein zur Steigerung der Mehrarbeit auszunutzen, zum andern der scheinbaren Naturgegebenheit von Markt und Geld und damit auch des Kapitals. Und diese Hegemonie wird nur zu erschüttern sein, wenn ihre beiden Säulen morsch werden. Was die erste angeht, so hat die Bourgeoisie bereits selbst begonnen, Hand an sie zu legen, und zumindest ihre glänzende Oberfläche beschädigt. Aber dies allein kann bei den Lohnabhängigen kein progressives Aneignungsinteresse wecken (eher ein reaktionäres Ausschließungsinteresse gegenüber Ausländern, Arbeitslosen, Kranken und Alten). Das kann nur entstehen, wenn sie erkennen, was sie selbst tatsächlich 'anders und besser machen' könnten als die Ritter der 'Marktwirtschaft', nämlich die gesellschaftliche Arbeit auch gesellschaftlich zu organisieren, indem sie die Markt- und Geldbeziehungen zwischen den allseits abhängigen Teilproduzenten durch direkte und selbstbewußte kooperative Beziehungen ersetzten und so das Privateigentum an den Produktionsmitteln vollständig aufhöben. Was die Kapitalisten zur Klasse vereint, ist die Aufrechterhaltung dessen, was sie voneinander und von den Lohnabhängigen trennt, des Privateigentums. Die Lohnabhängigen können sich überhaupt nur zur Klasse vereinigen durch doppelte Negation des trennenden Privateigentums, durch das Interesse, sich nicht nur der Produktionsmittel zu bemächtigen, sondern des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in seiner Totalität (und das heißt notwendig: auch im internationalen Maßstab)." Oder:
(23.4.1) 24.04.2002, 11:33, Stefan Meretz: Hieraus kann ich nicht ersehen, wie andere Beziehungen sein könnten (hat kein Ausrufungszeichen bekommen;-)). Die Rede von "direkte(n) und selbstbewußte kooperative Beziehungen" finde ich inhaltlich leer. Es ist kein Wunder, sie ebenso bei Alternativklitschen wie Total-Quality-Management-Seminaren anzutreffen - jeweils leicht modifiziert und ohne Forderung nach Aufhebung des Privateigentums natürlich.
(23.4.2) Klassismus, 24.04.2002, 11:42, Stefan Meretz: Und wieso sollen sich die Lohnabhängigen "zur Klasse" vereinigen, warum sollen sich nicht alle Menschen "des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in seiner Totalität" (was immer das meint) bemächtigen? Mit den Bezugnahmen auf den "klassischen Klassismus" reproduzierst du die Blindheit gegenüber einem weiteren konstitutiven Merkmal der warenproduzierenden Gesellschaft: der Sphärentrennung von "wertproduktivem" und "reproduktivem" Bereich, wobei der erste männlich und der zweite weiblich konnotiert ist (im wertkritischen Jargon: "Wertvergesellschaftung" und "Wertabspaltung").
(23.5) 07.04.2002, 19:17, Werner Imhof: "Unmittelbar gesellschaftliche Produktion ist mit zentraler Planung der Gesamtarbeit ebenso unvereinbar wie mit der Aufrechterhaltung von Markt- und Geldbeziehungen. Sie kann nur bestehen in der Selbstorganisation der gesellschaftlichen Arbeit durch die 'assoziierten Produzenten' (die immer zugleich auch produktive und/oder individuelle Konsumenten sind), indem sie die Produktionsmittel in gemeinsamen Besitz und ihre wechselseitigen, bisher geld- und konkurrenzvermittelten Beziehungen bewußt, plan- und verantwortungsvoll in die eigenen Hände nehmen und vollenden, was die kapitalistische Produktionsweise selbst schon begonnen bzw. vorbereitet hat - die Kooperation mit den 'Zulieferern', den bisherigen Konkurrenten, den betrieblichen 'Kunden' wie den privaten wie öffentlichen 'Verbrauchern'." ("Das Ferne liegt so nah... Über kommunistische Produktion als praktische Möglichkeit oder mögliche Praxis." In: "Materialien zur KW 48/1999") Sinngleich, nur kürzer ist diese Darstellung auch in den "Thesen zur Aufhebung der Warenproduktion" enthalten, die selbst Gegenstand der KW 47/01 waren. Du kennst sie also, auch wenn Du Dich in der Diskussion dazu nicht geäußert hast.
(23.5.1) 24.04.2002, 14:11, Stefan Meretz: Den Slogans "unmittelbar gesellschaftliche Produktion", "Selbstorganisation der gesellschaftlichen Arbeit durch die 'assoziierten Produzenten'" usw. kann ich sofort zustimmen, es sind jedoch nur Platzhalter, die konkretisiert werden wollen, um praktisch werden zu können. Für eine große Illusion und zudem verhängnisvoll halte ich jedoch deine Konkretisierung, nämlich die (sehr traditionelle) Annahme, dass wir den ganzen Laden nur "in die eigenen Hände nehmen" müssten, um das zu "vollenden, was die kapitalistische Produktionsweise selbst schon begonnen hat": Nur Kooperation statt Konkurrenz (als ob Kooperation nicht schon gäbe), natürlich ohne Markt, Geld, Waren (das untraditionell).
(23.5.2) 24.04.2002, 14:26, Stefan Meretz: Darin steckt eine Vorstellung vom "guten Inhalt" - nämlich der quasi neutralen Produktion als Produktion -, der nur noch eine neue Form - die unmittelbar gesellschaftliche Produktion - verpasst werden müsse. Hier wird (a) die dingliche Seite der Mittel wie ein Neutrum behandelt. Die Vorstellung, die ganze Scheisse auch noch in die eigenen Hände nehmen zu müssen, um sie konkurrenzfrei weiterzubetreiben, ist ein Horror. Ich empfehle "gedankliches Probehandeln" (sorry, das konnte ich mir nicht verkneifen). Wahrscheinlich wirst du ergänzen, du seiest ja gegen AKWs, Genfood usw. Das schlägt sich aber nicht nieder in deiner Theorie. Und (b) ist dieses "in Hand nehmen" nur denkbar als durch Eroberung der Macht, was eben genau jene Elemente reproduziert, die mit Staatlichkeit verbunden sind: Macht, Gewalt, Demokratie. Auch hier wirst du wieder sagen, du seiest dagegen - doch in deiner Theorie kommt es nicht vor, oder wenn es vorkommt, dann unverbunden neben der "Übernahme des Kapitalismus." - nur ohne Geld und Co.