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Streitpunkte - produktive Arbeit und Wertsubstanz
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Maintainer: Werner Imhof, Version 1, 25.01.2003  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) Produktive Arbeit ist immer auch zweckbestimmte Produktion von Gebrauchswerten durch die Aneignung und Umformung von Naturstoff; das ist ihre allgemeine Bestimmung. Auch in der Warenproduktion, der einfachen wie der kapitalistischen, ist die Produktion von Gebrauchswerten notwendige Bedingung produktiver Arbeit. Aber nicht jede Produktion von Gebrauchswerten oder nützliche Arbeit gilt hier umgekehrt auch als produktiv. Als produktiv gilt sie nur, wenn sie Wert bzw. - bei kapitalistischer Produktion - nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert bildet. Um zu verstehen, was Mehrwert bildende Arbeit ist, muß man offenbar verstehen, was Wert bildende Arbeit ist. Bei der Diskussion darüber wird nun oft das Allereinfachste übersehen, daß sie nichts anderes beinhaltet als Produktion von Gebrauchswerten für den Austausch, was die Produktion als private voraussetzt. Als produktive Arbeit zählt Arbeit nur, wenn sie in dieser besonderen gesellschaftlichen Form stattfindet und wenn diese im erfolgreichen Austausch ihre Bestätigung findet. Allein die besondere Form der gesellschaftlichen Arbeit macht Gebrauchswerte zu Tauschwerten, zu Trägern von (altem und neuem) Wert. Und nur in dieser Form kann sie auch Mehrwert bilden, wenn die Arbeit zusätzlich formbestimmt ist als Lohnarbeit, die sich gegen Kapital tauscht.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Da der produktive oder unproduktive Charakter der Arbeit, beliebiger Gebrauchswert ihrer Produkte vorausgesetzt, allein von ihrer gesellschaftlichen Form abhängt und sich diese Form im realisierten Austausch der Produkte erfüllt oder erschöpft, hat seine Bestimmung auch weder mit der Beschaffenheit, der Form oder der späteren Funktion der Gebrauchswerte zu tun, die sie hervorbringt, noch damit, ob sie sich gegen Kapital oder gegen Einkommen, gleich welcher Herkunft, austauschen. Irrig ist deshalb die Vorstellung, daß produktive Arbeit sich in dinglichen Gebrauchswerten vergegenständlichen müsse, weshalb Dienstleistungen, bei denen Produktion und Konsumtion zusammenfallen, grundsätzlich unproduktiv seien; ebenso der umgekehrte Schluß, daß alle Arbeiten, die sich in dinglichen Produkten vergegenständlichen, deswegen auch produktiv seien. Eine besondere Variante dieses Irrtums bestimmt bis heute die Theorie der Krisis-Gruppe; danach ist nur die Arbeit produktiv, deren Produkt seinerseits wieder "in ein bestimmtes Produkt eingeht" (weshalb z.B. Infrastrukturarbeiten unproduktiv seien; Kurz 1986) oder die sich "in Einzelprodukten verkörpert" (Lohoff 2003). Tatsächlich ist die bloße Entsorgung dinglicher Abfälle ebenso produktive (und daher auch kapitalistisch organisierbare) Arbeit wie eine Konzertveranstaltung, die Produktion von Panzern, die Altenpflege oder die Produktion von Computersoftware, sofern sie nur im Austausch gegen Geld erfolgt, während die Arbeit der Werbebranche, obwohl materielle Produkte wie Plakate oder Fernsehspots liefernd, größtenteils (soweit sie nicht noch zum Gebrauchswert der beworbenen Produkte beiträgt) unproduktiv ist und nur bereits realisierten Mehrwert verbraucht, statt selbst Wert und Mehrwert zu bilden.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Der realisierte Austausch bestätigt die getrennten Privatarbeiten als Glieder der produktiven gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Sie bildet die "Substanz" der Warenwerte, nur nicht als empirischer Komplex qualitativ besonderer Teilarbeiten unterschiedlicher Kompliziertheit und Intensität, sondern als von allen qualitativen Besonderheiten und individuellen Unterschieden abstrahierende Verausgabung einer einzigen gesellschaftlichen Arbeitskraft, und zwar einfacher Arbeitskraft, wie sie "im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch, ohne besondere Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt". Die Reduktion der konkreten Gesamtarbeit auf gleiche menschliche Arbeit schließt also die Auflösung komplizierter Arbeit in einfache Arbeit "als ihre Maßeinheit" ein. Die physiologische Lesart der gleichen menschlichen Arbeit als "Verausgabung von Hirn, Muskel, Nerv, Hand" ist keine "naturalistische" Fehldeutung gesellschaftlicher Verhältnisse (M.Heinrich), sondern nur eine Umschreibung einfacher Arbeit.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Komplizierte Arbeit gilt als multiplizierte einfache Arbeit, weil sie Verausgabung qualifizierter Arbeitskraft ist, deren Ausbildung selbst wieder gesellschaftliche Arbeitszeit verbraucht hat; ihre Verausgabung stellt also einen höheren Anteil an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit dar als die Verausgabung einfacher Arbeitskraft. Jede besondere Qualifikation der Arbeitskraft ist eine Form des Wissens, sei es handwerkliches Know-how oder wissenschaftliches Verständnis bestimmter Naturvorgänge. Die Art des Wissens ist jedoch völlig unmaßgeblich für seine Rolle im Wertbildungsprozeß, in den es nur als bestimmtes Quantum gleicher menschlicher Arbeit eingeht, und das auch nur, soweit es als Teil qualifizierter Arbeitskraft in der Produktion für den Austausch angewandt wird, sich in einer Tätigkeit oder einem Produkt objektiviert. Die Arbeit eines Taxifahrers mit akademischem Grad bildet nicht mehr Wert als die seines Kollegen mit Hauptschulabschluß. Getrennt von lebendiger Arbeit ist Wissen entweder bloß subjektive Potenz, oder es ist bereits vergegenständlichtes Wissen oder verselbständigte Information, also Produkt, Produktions- oder Konsumtionsmittel. Wo und wie auch immer "vergegenständlichtes Wissen" aber bildet oder "schafft" überhaupt keinen Wert, es kann allenfalls welchen enthalten oder darstellen, sofern es nämlich für den Austausch produziert wurde. Sein Wert bestimmt sich dann, wie der Wert jeder anderen Ware, durch den zu seiner Herstellung notwendigen Anteil an der Gesamtarbeit, der bei kapitalistischer Produktion die Form des Produktionspreises annimmt. Freie Software dagegen besitzt, da nicht für den Austausch, sondern für die freie Nutzung produziert, auch keinen Wert.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Nur über den Austausch kann sich Privatarbeit als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit bewähren und zum Wertprodukt beitragen. Privatarbeit, deren Produkt unverkäuflich, "Ausschuß" bleibt, zählt daher nicht als gesellschaftliche Arbeit, bildet keinen Wert. Das Produkt mag für seinen Produzenten Wert- oder Warenform besitzen und einen Geldnamen, einen Preis, tragen. Doch seine Form bleibt eine fiktive Form und sein Geldname Schall und Rauch, weil sie sich nicht im Austausch realisieren können. Die aufgewandte Arbeit bleibt vergeudete Arbeit, verlorene Zeit. Man kann sie vernichtete Zeit nennen, nicht aber vernichteten Wert. Denn Wert entsteht nicht durch Arbeitsaufwand schlechthin, sondern nur durch Aufwand, der sich im Austausch als gültiger Teil der Gesamtarbeit bewährt. Was die vergeudete Produktionszeit allerdings vernichtet, ist alter, bereits realisierter Wert, in Gestalt der verbrauchten Produktionsmittel nämlich und - wenn die Produktion kapitalistisch betrieben war - auch in Form des als Lohn verausgabten variablen Kapitals.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Die Kategorie der gleichen menschlichen Arbeit ist keine gesellschaftliche "Errungenschaft", die die Warenproduktion überdauern wird. Die Gleichheit der "Wertsubstanz" besteht ja nicht nur in der Abstraktion von allen qualitativen Unterschieden, sie besteht auch in der Reduktion ihres unterschiedlichen quantitativen Gewichts auf einfache Arbeit als ihr gemeinsames Maß. Ihre Gleichheit ist nicht Ausdruck wirklicher Gleichheit der Warenproduzenten oder ihrer Arbeiten, sondern gerade ihrer Ungleichheit. Die Reduktion ihrer ungleich komplizierten Arbeiten auf gleiche einfache Arbeit ist nur die Form, in der sie sich gegenseitig das Recht einräumen, diese Ungleichheit in Rechnung zu stellen. Nur eine auf Privatarbeit und Austausch beruhende, vom Privatkalkül beherrschte Gesellschaft hat es nötig, ihre komplexe konkrete Gesamtarbeit als imaginär aufgeblähtes Quantum gleicher einfacher Arbeit in der fetischistischen Form des Werts ihrer Produkte darzustellen. Jenseits der Warenproduktion verliert mit dieser Praxis auch die Kategorie der gleichen menschlichen Arbeit ihren Sinn. Die Gesamtarbeit der Gesellschaft bleibt der Gesamtkomplex ihrer konkreten Teilarbeiten.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Das Nettoinlandsprodukt (NIP = BIP minus Abschreibungen) ist der Wertausdruck der jährlichen produktiven Gesamtarbeit. (Seine Entstehungsrechnung scheint irrational, weil sie Zirkulationsdienstleistungen ebenso wie den Verbrauch der "öffentlichen Hände" als Bereiche der Wertschöpfung anführt. Der Schein läßt sich jedoch auflösen. Die "Wertschöpfung" des Zirkulationssektors repräsentiert realisierten bzw. - als "Entgelt für Bankdienstleistungen" - übertragenen Mehrwert der produktiven Bereiche, während der "Produktionswert" der öffentlichen Hände einen Teil des vorjährigen BIP darstellt, Umsatz- und indirekte Steuern nämlich, der gegen Produkte des laufenden Jahres, sog. Vorleistungen, getauscht und in Löhnen und Gehältern verausgabt wird, die sich ebenfalls gegen Produkte des laufenden Jahres tauschen.) Wenn auch die Wachstumsraten des NIP mit dem Entwicklungsgrad der kapitalistischen Warenproduktion abnehmen, so zeigt ihr andauerndes, nur durch Rezessionen unterbrochenes Wachstum doch eine entsprechende Zunahme der Wertsubstanz an, national wie global. Sie dürfte national vor allem auf die Intensivierung der Arbeit zurückzuführen sein, die die Verkürzung der Tages- und Jahresarbeitszeit überkompensiert hat, global dagegen vor allem auf die Ausdehnung der Produktion für den Austausch. Da gleichzeitig der Anteil der notwendigen Arbeit an der Gesamtarbeit sinkt (weil Teuerung und Arbeitsproduktivität zusammen in der Regel stärker zunehmen als die Löhne), steigt die jährliche Mehrwertmasse und mit ihr auch die Profitmasse des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Das Problem des Kapitals ist nicht eine "schrumpfende Profitmasse", sondern die profitable Wiederanlage einer wachsenden Profitmasse im Kampf gegen den tendenziellen Fall der Profitrate.




Quelle: http://www.opentheory.org/kw48_02-2/text.phtml
(Last Software Update: 25.01.2003, 15:48)