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Odysseen des Wissens: Geschichte
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Maintainer: Heiko Idensen, Version 1, 08.10.2000  Druckversion
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mögliche Diskursformen ...

[Alle Kommentare ausblenden] (1) History: Zur Vorgeschichte und zum Ansatz
Als Ideal einer möglichen Diskursform stelle ich mir ein Symposion als Gastmahl vor ... als Dokumentationsform ein offener Zettelkasten als eine Art "Fallenbild"
Die produktiven Treffen (Symposion, Kongresse) der letzten Zeit waren nicht die Großveranstaltungen mit "Folienauflegemaschinen" (etwas die "Hypertext 99") - 1-2 Jahre später erscheint dann Tagungsband, neuerdings auch oft mit CD-ROM, auf der dann wiederum die unvermeintlichen Folien über ein PDF-Dokument in digitaler Form abrufbar sind. ...

In den 70er Jahren: "Das Konzil" (Boris Nieslony: Künstlerhaus Stuttgart)

[Alle Kommentare ausblenden] (2) "Das KONZIL" in Stuttgart: eine Zusammenkunft von Performance-, Konzept- und AktionskünstlerInnen mit einem interessanten ökonomischen Modell: (Informationen über ASA-European, Boris Nieslony:
) Für die maximal mögliche Aufenthalts- und Arbeitsdauer von einem Monat bekam man 1500,- DM Höchstsatz. Die einzelnen Künster- und Künstlergruppen hatten über die Stadt verteilt verschiedene Arbeits- und Aktionsräume (z.B. ein Pferd durch die Fußgängerzone führen, Frösche von Fernsehturm springen lassen ...) - aber alle trafen sich eben abends um 18.00 Uhr mit open end zum "runden Tisch" - in Anlehnung an die Form des "Konzils" - das waren so 30 bis 50 Leute. Es passierten dort gleichzeig alltägliche und künstlerisch-konzeptuelle Vorgänge: wie Essen, Diskussionen, Lesungen, Konzerte, Austausch über die Prozesse der einzelnen künstlerischen Arbeiten ..
Die ersten drei Tage waren schrecklich: man mußte sich erst kennenlernen, langwierige Vorstellungsrunden, die immer wieder auch mit kleinen "darbietungen", Mini-performances etc. durchsetzt waren , dann ständig subversive "Anträge zur Geschäftsordnung": "Ich beantrage, daß wir uns alle erst einmal die Haare schneiden und rasieren ...".
Einige fingen dann schon damit an ...
Dann kochte jemand etwas ganz besonderes ...
... die Mischung stellte sich dann als äußerst produktiv und schön heraus: alltägliche, diskursive, genussreiche, banale, zeremonielle Aktivitäten und Vorgänge - vor allem mit einem sehr ausgedehnten Zeit-Begriff ...
Daran anschließend dann auch meine Idee des "Symposion als Gastmahl": auch mit einem sehr luxuriösen "Zeitmanagement": ausgiebig Tafeln, Essen und Trinken, Lobgesänge, kleine Darbietungen, Dispute, Dialoge, lange Spaziergänge ... (bei den Konferenzen sind doch oft genau diese kleinen informellen Gesprächshappen, Rückfragen und Weiterführungen von Diskussionssträngen im Restaurant oder in Kneipen die wichtigsten und spannendsten Momente ...)

Ars Electronica 1989: PooL Archiv für Ästhetische Informationen

[Alle Kommentare ausblenden] (3) PooL-Processing (zusammen mit Matthias Krohn) waren wir tätig als "Informationsagenten" mit dem Ansatz, die offiziellen und inoffiziellen Informationssysteme des Kongresses zu verschalten: die Gespräche auf den Gängen, abgelehnte Katalogbeiträge, Reaktionen der Besucher auf interaktive Installationen ... eben den ganzen "Diskursraum des Festivals" zu intensivieren und zu beschleunigen. Einerseits fütterten wir eine Datenbank mit diesen ganzen Informationen, die als offenes System "PooL für lebendigen Datenfluß" allen Besuchern zur Verfügung stand.
Z.B. gab es auf dem Symposion eine legendäre Begegnung von Baudrillard und Flusser, die beide über das Thema "kulturelle Virustheorie" spekulierten. Als sie die jeweiligen Ausführungen des anderen hörten, sind sie vollständig ausgeflippt und haben sich dann in einem sich immer weiter verwickelnden Dialog untereinander sich dermaßen hochgeschaukelt, daß die gesamte Zuhörerschaft vollständig fasziniert dieser Viertelstunde "freiem Assoziieren", diesem "Schauspiel des Denkens" gebannt (und schweigend - selbst der Diskussionsleiter Peter Weibel hat nichts mehr gesagt -Zwischenrufe: "Das will was heißen!" ) zuhörte, bis einem Zuhörer der Kragen platze und er die Zwischenfrage stelle, ob einer der Referenten oder jemand im Publikum Aids habe ...
Pause. Schweigen. Peinliche Stille. Das schöne Schauspiel öffentlichen Denkens war unterbrochen worden durch eine "weltliche Zwischenfrage" - das ganze Thema kulturelle Virus-/ Kulturtheorie: wie schützt man sich vor Krankheiten, Eindringlingen, dem großen Anderen - und bringt es auf eine banale, realweltliche Ebene.

Fragestellungen

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Wie sprechen die Leute, wie wird diskutiert, was ist der Status von Texten, wie verhalten sich die Texte untereinander, die Frage nach der Intertextualität ...
"Wer spricht?"
Solche Momente tauchen auch auf etwa in der wunderbaren Antritsvorlesung Foucaults am College Collège de France ...
Und während er spricht, stellt er die ganze Zeit den Status, den Ort, die Autorität seines Sprechens in Frage ... ich will nicht mit meiner Stimme sprechen, ich möchte, daß mit jemand souffliert, daß mir jemand die Worte einflüstert ... ich möchte eigentlich an jemanden anschließen, der vor mir schon gesprochen hat ...

Ungenügende Tagunsdokumentationen durch "flache Texte"

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Genau solche Momente tauchen dann aber in den klassischen Tagungsdokumentationen nicht auf, dort sich nur ganz linear die "Texte" der Vorträge abgedruckt, aber nicht, was sich zwischen den Texten abspielt ... keine Kontexte- die Umgebungsgeräusche werden ausgeblendet (etwa die Sounds der Spieleautomaten, die oft die Stimme der Vortragenden unhörbar machten durch das Dröhnen von elektronsichen Kampfgeräuschen) ...
... genau diese "anderen Elemente" haben wir dann in den Tagungsband der Ars Electronica ’99 vom Merve Verlag wieder versucht einzufangen: alte/essays/conn_447.htm der Text war dann eine Simulation durch die PooL-Datenbank, die eben virtuell all diese Neben- und Querinformationen enthielt ... z.B. konnten wir auch den verhinderten Paul Virillio wieder in das Symposion einschleusen, indem wir Textpartikel aus der "Sehmaschine", "Krieg und Kino" per CutUp einbauten ...
Connect it! Eine Navigation durch die PooL-Datenbank

Diskurspolitik

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Wie ist unsere eigene diskurspolitische Funktion in unseren priviligierten akademischen Örtchen: wir können uns Theman aussuchen, wir können sprechen und Texte veröffentlichen (die keiner liest), wir können alle möglichen Sachen "ins Netz stellen" ... können Themen für Diplom, Forschungs- und Dissertationsarbeiten (relativ) "frei" wählen und - aber gerade unter vernetzten Diskursbedingungen stellen sich die (alten) Fragen nach der Macht der Diskurse, danach worauf diese Diskurse aufbauen (auf der Basis welcher "Lektüren", auf welchen Zitaten?) und vor allem die Frage nach den Bedingungen wissenschaftlicher Diskurse ...
-- wie laufen die wissenschaftlichen Diskurse ab?
-- wie zitiert man?
-- was ist der Status von Anmerkungen, Fußnoten, Links?
-- wie wird diskutiert, bewertet?
-- was passiert eigentlich zwischen den Texten, in den Lücken der Texte?

Schreiben im Netz?

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Das ist eigentlich daß, was mich, wenn ich darüber nachdenke, warum ich überhaupt angefangen habe, mit dieser ganzen Literatur- und Textarbeit schon in den 70er Jaheren aber dann seit den 80er Jahren darauf aufbauend der Impuls, verstärkt mit Computern zu arbeiten, war eigentlich die Hoffnung, daß genau solche Fragestellungen auf ganz anderer Ebene bearbeitet werden.
Nun können sicherlich technische Revolutionen kaum soziale und kulturpolische Problemfelder allein auf der technologischer Ebene "lösen" - aber genau der Zusammenhang zwischen den (frühen?) technoimaginären "Projektionen" (würde vielleicht Hartmut Winkler sagen ...) und den in den sozialen und kulturellen Revolten der 60er Jahre nach "Befreiung" aller möglichen und unmöglichen Bereiche, ist für mich gerade jetzt in Zeiten der Globalisierung und des jetzt wirklich deutlich werdenden "Rückschlags" der postmodernen Technologien auf alle möglichen Bereiche des gesellschaftlich-kulturellen Lebens immer noch (oder wieder?) wichtig.
(Warum gibt es nur keine Fortsetzung der "Netzkritik", die vielleicht auch solche Bögen miteinbezieht?)

PooL-Processing

[Alle Kommentare ausblenden] (8) ... doch zurück zu den Texten, die ja bekanntlich die Welt entscheidend verändern können ... Ende der 90er Jahre waren wir (Heiko Idensen & Matthias Krohn als Gruppe "PooL-Processing") "angeturnt" etwa von der Lektüre Kittlers - aber nun doch keinesfalls mit der Intention, auch selbst (wieder) Bücher oder Texte produzieren zu wollen, sondern uns stellte sich ganz vehement die Frage nach der medialen Form (von Diskursen, von Kunst, von Literatur, Perfromances ...) Bei weiteren "literatur-utopischen" Versuchen (wie etwa der "Imaginären Bibliothek") und frühen hypertextuellen Versuchen ... ist uns z.B. klar geworden, daß wir nicht mehr im herkömmlicher Art und Weise "zitieren": wir wenden Schnitt- und Montagetechniken auch auf die Text- und Diskursproduktion selbst an: wir nehmen Lieblingsstellen von Borges (aus: Borges, Jorge Luis: Die Bibliothek von Babel, Stuttgart 1974) , mischen die etwa mit Anleitungen für sog. "interaktive Romane" und Rollenspielbücher, exportieren unsere Medientheorie-Datenbank, schreiben ein paar narrative Zwischentexte, suchen und ersetzen, verknüpfen das ganze ...
... und fertig ist (zuminest einmal) der Textbestand der "Imaginären Bibliothek".
Schwieriger wird es dan schon mit der konkreten Umsetzung in die digitale Form, mit der Programmierung. Dann ist man ganz schnell wieder in der Welt, wie wir sie kennen (und hasssen): Literaturdatenbanken mit Schlagworten, frühe Hypertext-Programme, deren Struktur nicht exportiert werden kann, bestimmte Programme laufen nur auf bestimmten Computern (z.B. Hypercard auf Apples ..) also: ständiges Konvertieren, Exportieren, Importieren, Ge- und Mißbrauch von Programmen - also neben den Texten müssen auch die Programme "entwendet" werden ...

Die "Imaginäre Bibliothek"

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Zum Funktionieren der "Imaginären Bibliothek" Kleine Textpartikel mit starken Anschlußmöglichkeiten und einem hohen Verknüpfungsgrad (in den ca. 500 (Bildschirm-)Textseiten finden sich insgesamt fast 5000 Links, das mach im Schnitt fast einen Link pro Zeile (LpZ).
Durch diesen (größtenteils "assoziativen", aber auch teilweisse "systematischen") Verknüpfungsgrad der Texte untereinander und durch die Benutzermetapher der (Abenteuer- oder Bildungs-) Reise des Lesers durch die Texte stellte einen Versuch dar, die literarische Metapher der (unendlichen) Bibliothek ganz konkret in eine "Benutzerführung" umzusetzen und diesen Raum zwischen den Texten zum "Klingen" (oder doch Rauschen?) zu bringen.

PooL-Processing: Archive im Netz

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Die "Imaginäre Bibliothek" (ein vernetzter Hypertext, in dem sich die LeserInnen wie in einer labyrinthischen Bibliothek verirren können ...), nebst Materialien zum Projekt "PooL-Processing" (mit Matthias Krohn), u.a. Texte, die die UserInnen innnerhalb der Installation der "Imaginären Bibliothek" in den Jahren 1990-1994 wirklich in das System zurückgekoppelt haben:
PooL-Processing: Archive im Netz

Enzyklopädie: Interaktion mit Wissensstrukturen

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Als Denis Diderot und Jean Le Rond d'Alembert am Vorabend der französischen Revolution mit dem Projekt Enzyklopädie ein universelles Wörterbuch der schönen und mechanischen Künste zusammentragen, ist dieses Unternehmen nur als ein kooperatives Recherche- und Schreibprojekt unterschiedlichster Experten zu bewerkstelligen. Die Vernetzung der einzelnen - alphabetisch geordneten Wissensbausteine - geschieht über die Darstellung eines Wissensbaumes.
Auf dieser ,Weltkarte des Wissens‘ können die verschiedenen Wissensgebiete in einer Zusammenschau überblickt werden, so dass Zusammenhänge, Verzweigungen, Hierarchien der einzelnen Wissenspartikel deutlich werden. Im Gegensatz zum linearen Lesen arbeitet man sich durch die Enzyklopädie mittels sachbezogener, struktureller und sprachlicher Verweise. Der Leser wird somit zum aktiven Bestandteil der Wissensorganisation.
Er kann selbst - unterstützt durch Karte und alphabetische Register - eigene Wissenspfade abschreiten und die ausgebreiteten Wissenspartikel als mechanisch-künstlerisches und operationelles Produktionswissen selbst zur Anwendung bringen.

Enzyklopädie: subversive Funktion von Querverweisen

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Das Pariser Parlament bezieht sich in seinem Verbot der Enzyklopädie 1759 explizit auf die subversive Funktion dieser Querverweise:
"[...] das ganze in diesem Wörterbuch verstreute Gift findet sich in den Verweisen."). Mit Verweisen von einem Band zu einem (erst später erscheinenden) anderen wurde die Zensur geschickt umgangen, etwa im berühmt gewordenen Verweis von ,Menschenfresser‘ (Anthropophages) im ersten Band auf die Begriffe ,Kommunion‘ und ,Eucharistie‘ oder vom orthodox gehaltenen Artikel ,Jesus Christus‘ auf den eher ketzerischen Eintrag unter ,Eklektizismus‘ (s.a. d'Alembert/Diderot 1989, S. 20 ff.)

Enzyklopädie: Tafeln und Abbildungen: aktives WIssensdisplay

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Gerade die Tafeln und Abbildungen der Enzyklopädie setzen neue Standards im Wissensdesign und trugen wesentlich zur praktischen Umsetzung und Anwendung des Wissens - vor allem in den Bereichen Handwerk, Kunst und Buchdruck bei. Von den insgesamt fünfunddreißig Bänden sind allein zwölf Bände den Tafeln und Abbildungen gewidmet, zwei Registerbände verzeichnen Schlagworte, Wissensgebiete und Stichworte.
Auch die Zeichnungen und Tafeln sind in das komplexe Verweissystem einbezogen, indem sie einerseits bestimmte Zusammenhänge und Mechanismen darstellen, Details am Rande erklären - und gleichzeitig Verweise auf übergreifende Artikel enthalten, die diese Einzelfunktionen wiederum in einen gröfleren Zusammenhang stellen.
Die enzyklopädische Montage zeigt Querschnitte durch Maschinen und Arbeitsvorgänge, breitet die einzenen Objekte vor dem Leser so aus, dafl dieser diese wieder zum eigenen Gebrauch zusammensetzen kann. Als eines der ersten großangelegten kapitalistischen Buchprojekte (die Geschichte dieses Projekts wird ausführlich und spannend erzählt in Darnton, Robert, Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie. Oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?, Berlin, 1993) beinhaltet sie gleichzeitig Gebrauchsanweisungen zur Buch-Herstellung (von der Papierproduktion über das Setzen bis zum Druck):
"In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das heraus will." (ebd. S.9) Der Gebrauch der Enzyklopädie ist also der eines aktiven, operationellen ,Nachschlagens‘ - und somit zur fortlaufenden Lektüre nicht geeignet.

MEMEX (MEMory EXtender, 1945)

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Mit den Möglichkeiten digitaler Technik standen nicht nur die Formen der eigentlichen Lektüre, sondern der Ort derselben, sozusagen die literarische Topographie zur Disposition. Während die konkreten Weiterentwicklungen von Tisch-Benutzer-Interfaces experimenteller Interface-Designern, frühen Hypertext-Utopisten, kreativen Softwareentwicklern und Ingenieuren in den 70er Jahren bei XEROX-Parc und am MIT eine Reduktion von räumlichen und handlungsorientierten Benutzermetaphern auf eine unmittelbare platte Arbeitsoberfläche darstellen, projiziert der konzeptuelle Prototyp aller vernetzen Arbeitsumgebungen und hypertextuellen Environments MEMEX (Abb. 3) eine Gedächtnis-Erweiterung (MEMory EXtender) - klassisch im Sinne einer ‚Umsetzung‘ geläufiger Medientheorien - ganz konkret auf den Arbeitstisch eines Wissenschaftlers.
Daß die hier konzipierten medialen Schnittstellen (Trockenfotographie, Mikrofilm) sich noch nicht in Richtung der seit den 30er Jahren entwickelten Analogrechner orientieren, tut der Radikalität des Entwurfs keinen Abbruch. MEMEX gehört auch heute noch nicht auf die "Dead Media List"
, sondern fungiert immer noch als utopisches Modell für die Entwicklung adaptiver Benutzerschnittstellen und kooperativen Arbeitsumgebungen im Netz.

Der Schreibtisch eines Wissenschaftlers ...

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Ich drücke den Auslöser und mache ein Bildschirmfoto diese Szene. Enter.
Vannevar Bush beschreibt das Design der Tisch- und Gedächtniserweiterung wie folgt:
"Der Memex besteht aus einem Schreibtisch und obwohl er auch aus einer gewissen Entfernung bedient werden kann, arbeitet der Benutzer vor allem direkt an diesem Möbelstück. Oben befinden sich schräge durchscheinende Schirme, auf die das Material bequem lesbar projiziert werden kann. Es gibt eine Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und Hebeln. Ansonsten sieht es wie ein gewöhnlicher Schreibtisch aus. [...] Der größte Teil des Memex-Inhalts kann bereits fertig auf Mikrofilm erworben werden. Bücher jeder Art, Bilder, aktuelle Periodica, Zeitungen [...]. Und es gibt die Möglichkeit zur direkten Eingabe. Auf der Oberfläche des Memex befindet sich eine transparente Fläche: (Abb. 3b) Hier können handschriftliche Notizen, Photographien, Memoranden, alles Mögliche aufgelegt werden. Wenn dies geschehen ist, wird durch Hebeldruck eine Photographie angefertigt, die auf dem nächsten leeren Segment des Memex-Films erscheint [..]. Jedes Buch einer Bibliothek kann so erheblich leichter aufgerufen und betrachtet werden, als wenn man es aus dem Regal nehmen müßte. Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen ganz so, als hätte er die Buchseite tatsächlich vor sich."
(Bush, Vannevar, "As we may think", in: Atlantic Mounthly, Nr. 176, Juli 1945, S. 101-108; eine Übersetzung wichtiger Teile findet sich auf Hartmut Winklers Open Desk: MEMEX Teilübersetzung
Der Originaltext ist vielfältig im Netz vorhanden, z. B. unter: http://win-www.uia.ac.be/u/debra/INF706/memex.html oder: http://www.isg.sfu.ca/~duchier/misc/vbush/

MEMEX: Assoziationsmechanismus

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Ich betätige einen Hebel unter meinem Schreib-Tisch und schalte direkt zum zentralen Moment des MEMEX, dem viel zitierten Assoziationsmechanismus - eine Operation, die in allen bisherigen externalisierten Speicher- und Archivierungstechniken fehlte:
"Das wahre Problem bei der Auswahl (Datenselektion) liegt allerdings tiefer und ist nicht nur durch die mangelnde Anwendung von Hilfsmitteln in den Bibliotheken oder die schleppende Entwicklung solcher Werkzeuge bedingt. Es ist vor allem die Künstlichkeit der Indizierungssysteme, die es erschwert, Zugang zu den Aufzeichnungen zu bekommen. Egal, welche Daten man in ein Archiv aufnimmt, sie werden alphabetisch oder numerisch abgelegt, und die Information wird (wenn überhaupt) wiedergefunden, indem man Unterabteilung für Unterabteilung durchgeht. [...] Der menschliche Geist arbeitet anders, nämlich mittels Assoziation. Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste zu, die durch Gedankenassoziation nahegelegt wird, entsprechend einem komplizierten Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft." (Ebd.)
Und genau die Mechanisierung dieser Assoziationsfähigkeit (vgl. den Assoziationsblaster
) ist das Kernstück im MEMEX-Entwurf, das die weitstreuenden Wirkungen dieses Textes bis in die heutige Zeit ausmacht. Und hier realisiert sich im Modell eine Verschränkung und Koppelung kultureller Informationssegmente mit einem frei programmierbaren Indexsystem, das zudem auch noch verschiedene Medien anschlußfähig macht; und das finden wir auf keiner Buchseite.

Koppelung

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information - sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen. Dies ist es, was den Memex wirklich Ausmacht: Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück.
"[...] Vor ihm befinden sich zwei zu verbindende Informationen, auf nebeneinanderliegende Positionen projiziert. Am jeweils unteren Rand davon befinden sich eine Anzahl leerer Codeflächen, dort werden Zeiger gesetzt, die auf die jeweils andere Information zeigen. Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden. [...]
Danach kann jederzeit, wenn eine der Informationen auf einer der Projektionsflächen sichtbar ist, die andere sofort abgerufen werden, indem ein Knopf unter der entsprechenden Codefläche gedrückt wird. Darüber hinaus können mehrere Gegenstände, wenn sie auf diese Weise zu einem Pfad verbunden wurden, nacheinander durchgeschaut werden, schnell oder langsam, indem man einen ähnlichen Hebel bedient, wie er zum Durchblättern der Bücher benutzt wird. Es ist genau so, als wären die jeweiligen Artikel, Notizen, Bücher, Photographien etc. leibhaftig aus weit entfernten Quellen zusammengetragen und zu einem neuen Buch verbunden worden. Und es ist noch mehr als dies, denn jede Information kann so zu einem Teil unzähliger Pfade werden." (Ebd.)

kollaborative Schreibprojekte

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Diese zunächst einmal doch mehr oder minder "innerliterarische" Intertextualität (jenseits der einfachen offenen Schnittstellen über die die Leser etwa Romananfänge weiterschreiben oder kombinatorische Sprachspiele machen konnten) fand dann später eine Fortsetzung in mehreren kollaborativen Schreibprojekten. Eine Weiterführung intertextueller Funktionen und Operationen in Schreibspiele und Ein historischer Faden, dessen Enden ich verloren habe, aber den ich gern wieder aufgreifen würde: gemeinschaftliche Schreibprojekte in der russischen Revolution - irgendwo fand ich einmal einen Hinweis auf einen gemeinschaftlichen Roman (das Volk als "operativer Schriftsteller"? siehe auch Benjamin: Zur Rolle des Autors in der russischen Revolution).

Hyperknast

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Einfache Formen des Zusammenschreibens haben am besten funktioniert.
Z.B. das "Hyperknast"- Schreibprojekt: es beruht auf einer strukturell einfachen und übersichtlichen Form: der "treefiction" - also einem einfachen Baum-Modell mit Ästen und Zweigen, die sich wieder verzweigen. Also Baumstruktur -kein wirkliches Rhizom, das an jeder beliebigen Stelle wuchern und verzweigen kann.
Einfügungen sind also nach jedem Absatz möglich. Auch die Benutzermetapher, das Bild für den gesamten Schreibraum ist vergleichsweise einfach bis platt: das System ist ein Panoptikum in Foucaultschen Sinne, d.h. esxistiert ein Ort, ein Modus von dem aus man alles überblicken kann, während die einzelnen Schreiber im Knast sitzen, also in den Zellen und schreiben dort ihre monadischen Geschichten, die aber untereinander (durch "kommunizierende Röhren"?) miteinander verbunden sind.
Dieses System hat eine zeitlang in einem halböffentlichen Rahmen (Seminar und dann immer mal wieder im Kontext von Kongressen und workshops) funktioniert. Hyperknast (Treefiction)

Hyper/Science/Fiction: "Odysseen im Netzraum"

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Im gemeinschaftlichen Science/Fiction "Odysseen im Netzraum" werden -ausgehend von verschiedenen Anfängen, Strägen, verschiedenen Ebenen einer Grunderzählung aus verschiedenen Materialien/Zitaten ...) weit verzweigte Geschichten zusammengeschrieben, -getragen, und -gesammelt, in der die Utopien, Szenarien, Wünsche und Erfahrungen des "Lebens im und um das Netz herum" von den BenutzerInnen direkt einfließen: an jeder Stelle dieses stetig wachsenden "Textbaumes" ("treefiction") kann eingehakt, weitergeschrieben, eine Umleitung eingeschlagen, können Kommentare, eigene Ideen ... eingefügt ... werden - auch eigene Erzählstränge können begonnen werden ....
Odysseen im Netzraum: gemeinschaftlichen Science/Fiction zu den Utopien des Netzwerks

Netz/Werk/Kultur/Techniken: cultural studies der Netzwerke?

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Hier haben wir im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Allerweltsthema "Multimedia und Netzwerke in Forschung, Lehre und Weiterbildung" versucht, mehrere kollaborative Oberflächen unterstützend zur Seminararbeit oder im Rahmen eines "Virtuellen Symposions" einzubeziehen:
Im Forschungsprojekt "Netz/Werk/Kultur/Techniken: kulturwissenschaftliche Wissensproduktion in Netzwerken" suchte ich zusammen mit Studierenden der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim nach Möglichkeiten, Hypermedia und Netzwerke nicht nur zu rezipieren (=lesen), sondern kulturkritische hypermediale Diskurse selbst zu initiieren, zu entwerfen, zu gestalten (=schreiben) und in die kommunikativen Strukturen der Netzwerke zurückzukoppeln - Eingriffe in die Felder hypermedialer Diskurstechniken vorzunehmen.
Der oszillierende hybride Status von Netz-Texten im Spannungsfeld von Lese- und Schreiboperationen wurde zum zentralen Kulminationspunkt unserer Projektarbeit: Charakteristisch für online-Texte ist das kollaborative Entwerfen und Strukturieren von Ideen, die Beschleunigung von Austausch- und Verteilungsprozessessen, die Öffnung von Textstrukturen: die Erstellung und Überarbeitung von Texten sowie ihre Einbindung in andere Kontexte vollziehen sich nicht mehr im Kopf einzelner Autoren, sondern digitale Textnetzwerke konfigurieren sich von vornherein im öffentlichen Raum. Jeder Teilnehmer an digitalen Diskursen ist potentiell gleichermaßen Sender und Empfänger, Schreiber und Leser, Produzent und Rezipient.
Alle Dokumente und Materialien des Projekts sind archiviert unter:
Netz/Werk/Kultur/Techniken
Dort findet sich auch ein Zwischenbericht, u.a. mit kritischen Evaluationen von folgenden kollaborativen Oberflächen im Netz: Der Assoziationsblaster:
die "autopoetischen Informationslandschaft" nic-las:

das ideale Programm, das ideale Interface, das ideale Format?

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Schon während der frühen Hypertextexperimente - aber auch durchgehend bis hin zu den Versuchen einer hypermedialen Kongreßdokumentation "Konfigurationen zwischen Absturz und Wirklichkeit" oder eines "Schreibens im Netz" stellte sich immer die kritische Frage nach der Software, nach den Programmen, die man benutz, benutzen kann (und will - als vielleicht ungehorsamer Untertan von Microsoft oder vorzugsweise auch Apple).
Neben dem Problem der Erzeugung von "lauffähigen" Programmen oder möglichst "kompatiblen" und vor allem "offenen" Datenstrukturen war das größte Problem die Erzeugung von "offenen Texten" auf einer operablen Oberfläche, mittels derer die Leser/User interagieren konnten - das waren die "Buchmaschinen" oder "aktiven Bücher" in der "Imaginären Bibliothek": z.B. eben das Weiterschreiben von Romanen durch die Leser - ein Sprachspiel, das das theoretisches Konzept, eine Romantheorie aus der Untersuchung von Romananfängen zu generieren, umgesetzt in ein Programm.
Die Praxis von Oulipo, also die kombinatorsichen "Literaturmaschinen" - wie etwa die "Sonettmaschine" Queneaus - waren für uns wichtige Zwischensstufen, vorbildliche Modelle, zumindest konzeptuell, zwischen dem Imaginationsraum der Literatur und der Programmierbarkeit, der wirklichen Operationaliserung solcher produktiver Prozesse im Computer.

Programme und "Tools for thought"

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Enscheidende Frage aber - bis heute unbeantwortet: wie kann man das alles wirklich für eine kollaborative Schreibumgebung benutzen.
Die utopischen Ideen des Computers als "Denkmaschine" oder auch von Hypertext als ideale Leser-/Schreiber-Synergie-Maschine ... haben für mich immer einen Bruch erfahren an den konkreten Programmen:
Schon die Literaturdatenbank (LIDOS aus den 80er Jahren) konnten wir nur benutzen als eine Entwendung, als Mißbrauch der vorgegebenen Programmfunktionen - ein Benutzen gegen den Strich (z.b. mittels einer Schlagwort/Index-Funktion eine Art "rhizomatischer" Struktur zu erzeugen).
Wir haben ständig mit den Programmen und Formaten, die verfügbar waren, gekämpft. Auch die Rückbezüglichkeit der frühen bis mittleren Netzkunst (z.b. jodi.org) auf die Programstrukturen und den digitalen Code selbst stehen für mich im Zusammenhang mit einer solchen Auseinandersetzung.
Dagegen sind ASCII-Text- Austausch oder Archive oder mail-Romane frühe Formen von Schreibprojekten, die versuchen, die digitale Form auszublenden, jedenfalls keine neuen digitalen Strukturen oder >Verarbeitsungsweisen zu entwickeln und sich mehr auf einen Transfer herkömmlicher Medienformate zu beschränken.

Interaktion mit dem Archiv: Luhmanns Zettelkästen

[Alle Kommentare ausblenden] (24) In der Diskussion um neue Formen literarischer Interaktion wird oft nach der Arbeitsweise von Schriftstellern wie Proust, Joyce, Arno Schmidt etc. gefragt, die komplexe Textstrukturierungen vorgenommen haben. Dabei muß die Arbeitsweise einiger Theoretiker, die in ihrem Bereich an durchaus vergleichbar komplexen Ideenverbindungen arbeiten, als ebenso aufschlußreich wie der Blick auf künstlerische Schreibweisen für das Interesse an dieser Thematik angesehen werden. Zum Glück hat Niklas Luhmann einen kleinen Einblick in den Produktionsprozeß der Systemtheorie und die Geheimnisse seines ungeheuren Outputs (30 Bücher , 150 Aufsätze in 15 Jahren) gegeben: Er nennt seine Methode ‚Kommunikation mit Zettelkästen‘, die ein komplexes System von Kombinatorik und Referenzierungen in Gang setzen. Nicht nur experimentelle Schriftsteller arbeiten wie eine kombinatorische Maschine: "Im Augenblick sitze ich an einem Vortrag über ökologische Probleme in modernen Gesellschaften, und meine Arbeit besteht darin, Zettel [...] zu sichten und so zu kombinieren, dass ich etwas Substantielles zu diesem Thema sagen kann. Die neuen Ideen ergeben sich dann aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf solche Ideen nicht kommen. Natürlich ist mein Kopf erforderlich, um die Einfälle zu notieren, aber er kann nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden. Insofern arbeite ich wie ein Computer [...]" (Luhmann, Niklas, "Biographie, Attitüden, Zettelkästen", in: Archimedes und wir, Interviews, hg. v. Dirk Baecker u. Georg Stanitzek, Berlin 1987, S. 125-156, hier: S.144)

Zettelkasten: mechanischer Hypertext?

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Die Organisation seiner Zettelkästen stellt ein komplettes (mechanisches) Hypertext-System dar, in dem einzelne Karten Ideen, Zitate, Fragmente enthalten, die durch Querverweise untereinander vernetzt sind. Zusammenhänge zwischen Schreiben und Denken, Speichern und Generieren von Information werden an dieser Organisationsweise der ‚Diskurs-Werkzeuge‘ wunderbar veranschaulicht. Die Systemtheorie als Luhmanns Zettel-Traum? Die dynamischen Möglichkeiten der Verknüpfung, Verschachtelung und Verzweigung (und Überraschung!) ergeben sich gerade aus einer unsystematischen Organisationsweise des Zettelkastens, die auf einer schlichten Codierung frei nach Wittgenstein mit fester Stellordnung der einzelnen Zettel beruht.

Verzettelungsfähigkeit

[Alle Kommentare ausblenden] (26) "(1) Beliebige innere Verzweigungsfähigkeit. Man braucht zusätzliche Notizen nicht hinten anzufügen, sondern kann sie überall anschließen, auch an einzelne Worte mitten im laufenden Text. Ein Zettel mit der Nummer 57/12 kann dann im laufenden Text über 57/13 usw. weitergeführt werden, kann aber zugleich von einem bestimmten Wort oder Gedanken aus mit 57/12a ergänzt werden, fortlaufend über 57/12b usw.; wobei intern dann wieder mit 57/12a1 usw. angeschlossen werden kann. Auf dem Zettel selbst verwende ich rote Buchstaben oder Zahlen, um die Anschlußstelle zu markieren. Es kann mehrere Anschlußstellen auf einem Zettel geben. Auf diese Art ist eine Art Wachstum nach innen möglich [...]
(2) Verweisungsmöglichkeiten. Da alle Zettel feste Nummern haben, kann man auf Zetteln Verweisungen in beliebiger Zahl anbringen. Zentralbegriffe können mit einem Haufen von Verweisungen belegt sein, die angeben, in welchen anderen Zusammenhängen etwas zu ihnen gehöriges festgehalten ist. [...] [O]ft suggeriert die Arbeitssituation, aus der heraus man sich zu einer Notiz entscheidet, eine Vielzahl von Bezügen auf schon Vorhandenes. [...] Es ist dann wichtig, den Zusammenhang gleichsam strahlenförmig, ebenso aber auch mit Querverweisungen an den angezogenen Stellen, sogleich festzuhalten. [...]" (Luhmann, Niklas, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht", in: Öffentliche Meinung und sozialer Wandel, hg. v. H. Baier, H. M. Kepplinger, K. Reumann, Opladen 1981, S. 222-228, hier: S. 224. Vgl. auch die spannenden Arbeiten von Markus Krajewski zu den Luhmannschen Zettelkästen: Käptn Mnemo. Zur hypertextuellen Wissensspeicherung mit elektronischen Zettelkästen:
Und ders.: Die Geburt der Zettelwirtschaft aus dem Geiste der Bibliothek. Episoden aus / einer Geschichte / der Kartei. Magisterarbeit am Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien, Humboldt Universität zu Berlin, pdf-Version 1.0, 27.10.1999

Lesen, verzetteln ...

[Alle Kommentare ausblenden] (27) An den Zettelkasten sind - genauso wie an Hypertext-Systeme - herkömmliche Diskurstechniken wie Register, bibliographischer Apparat etc. anschließbar, so dass ein Speicher-, Schreib- und Kommunikationssystem mit internem und externem Referenzen entsteht, das strukturell eher wie ein neuronales Netzwerk oder das Internet funktioniert und mit mehr - von seinem Autor unabhängigem – ‚Eigenleben‘ ausgestattet ist wie ein Buch. Aber wie kommen die Einträge auf die Zettel? Eine mögliche produktive (recherchierende) Lesestrategie frei nach Luhmann reißt die Bücher im Hinblick auf mögliche Verzettelungen auseinander: "Ich habe immer einen Zettel zur Hand, auf dem ich mir die Ideen bestimmter Seiten notiere. [...] Wenn ich das Buch durchgelesen habe, dann gehe ich diese Notizen durch und überlege, was für welche bereits geschriebene Zettel wie auswertbar ist. Ich lese also immer mit einem Blick auf die Verzettelungsfähigkeit von Büchern." (Luhmann, Niklas, "Biographie, Attitüden, Zettelkästen", in: Archimedes und wir, Interviews, hg. v. Dirk Baecker u. Georg Stanitzek, Berlin 1987, S. 125-156, hier: S. 150)




Quelle: http://www.opentheory.org/odysee_history/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)