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Browser Ausformulierung der Grundzüge einer post-kritischen Postmodernekritk |
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| Maintainer: Silvan Mühlemann, Version 1, 14.01.2004 |
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(1) Die sogenannte „French Theory“ gibt auch in Zeiten des „Post-Imperialismus“, amerikanischen und neoliberalen Grössenwahns noch immer den Ton an im wissenschaftlichen Diskurs insbesondere der grossen Universitäten der USA. Tatsächlich sind gerade „postmoderne“ Denkmuster und Begrifflichkeiten über die vermeintlich „abgeklärte“ Apologie des status quo hinaus zu einem probaten Propagandamittel geworden. Beispiel: George W. Bush bezeichnet Kriegsgegner nicht etwa als „Landesverräter“ sondern als „Fokussgruppen“, globale Gleichschaltung und politische Selbstinszenierung wird im Namen der „Differenz“ und des „Pluralismus“ betrieben.
(1.1) Re: Postmoderne & imperialitischer Grössenwahn - ein Gegensatz?, 15.01.2004, 11:34, Hektor Rottweiler: Diese Analyse ist nicht nur tendenziös (das wäre u.U. annehmbar), sondern schlicht falsch und sehr bemüht.
1) Die da im Namen von Differenz argumentieren, sind doch gerade die erklärten Feide der USA, wenn sie deren "one-world-Ideologie" geißeln und sich so als Freude des neo-rechten "Ethnopluralismus" (früher hieß dies offen: völkisches Weltbild) bekennen.
2) Angesagt ist die sicherlich kritikwürdige postmoderne Denke doch v.a. im akademischen Milieu des Westens, und zwar in jenem, das sich selbst für "links" oder linksliberal hält. Gerade dieses Milieu hat aber doch in den letzten Jahren eine (angesichts der realen Geschehnisse seit 9/11/2001 von Realitätsverlust zeugende) pazifistische Grundeinstellung vor sich her getragen und die angegriffenen USA diskursiv zum Täter gemacht. Warum also dieses postmoderne akademische Mittelklassen-Milieu ausgerechnet mit "imperialistischem Größenwahn" identifiziert werden soll, als dessen Kritiker es sich doch so gut fühlt, das bleibt ein Rätsel.
3) Allein schon die Wortschöpfung "neoliberaler Größenwahn" ist ein Witz. Größenwahn kann sicher einem Subjekt zugeschrieben werden; der sog. Neoliberalismus ist aber eine Ideologie (und kein Jemand), die sich an irgendwelchen Grundwerten orientiert, die den Subjekten also empfohlen werden.
Alles in allem liegt hier wohl der Versuch vor, sich ein billiges Feindbild zurechtzuzimmern (Bush/USA/"Neoliberalismus"); was dabei an Widersprüchen bleibt, wird durch Kraftausdrücke zugekleistert.
(1.1.1) Re: Postmoderne & imperialitischer Grössenwahn - ein Gegensatz?, 04.03.2004, 01:43, Silvan Mühlemann: Im Grossen und Ganzen sind diese Einwände berechtigt, wiewohl, wenn ich mich recht entsinne, es nicht meine Absicht war, mir ein "billiges Feindbild" zurechtzuzimmern und Widersprüche "mit Kraftausdrücken zuzukleistern". Eher schon war es mein Anliegen, eine provokative These zu formulieren um eine neuerliche Diskussion um die (meines Erachtens viel zu früh totgesagte) Postmoderne in Gang zu bringen - ohne freilich mir viel dabei zu denken, geschweige denn, diese These hinreichend zu begründen, was ich im Nachhinein als konzeptuellen Fehler zuzugeben durchaus gewillt bin...# Das Feindbild Bush/USA/"Neoliberalismus" (warum einmal in Anführungszeichen und einmal nicht? Soll damit angedeutet werden, dass der Gebrauch des Terminus "Neoliberalismus" eines kritischen Diskurses unwürdig ist der sich "an irgendwelchen Grundwerten orientiert" ) ist indes sehr populär und dies, wie ich glaube, nicht ganz zu Unrecht. Ist nicht "verkürzte Kapitalismuskritik" wie sie von marxistischen Bilderstürmern gerne all jenen unterstellt wird, die es wagen, in unserer Gesellschaft ohne theoretische Vorbildung den Mund aufzusperren, statt immer nur den Arsch aufzureissen und dabei ihre legitimen Ängste und Frustrationen auf äusserliche Feindbilder projezieren (so z.B. Michael Moore) zwar antisemtischen und völkischen Ressentiments zuträglich, gleichzeitig aber auch, was die Unzufriedenheit mit dem 96status 96quo betrifft gerade Voraussetzung für eine diesen Standpunkt transzendierende Position? „Die Abstraktion des Kampfes, ohne klare Zielbestimmung, und die Betonung des Kampfes ohne Konkretisierung der Inhalte erscheint als „militant“, ist aber in Wirklichkeit jene revolutionäre Phase, wie wir sie geschichtlich immer gefunden haben; allerdings ist schon der Kampf mit relativer Zielbestimmung, die „reine Motzerei“ (sic) in bestimmten Phasen der Entwicklung eines Landes qualitativ wichtiger als jede „hochentwickelte Theorie“.“ (Rudi Dutschke, Tagebücher, 2003, S. 145)# Zu den Einwänden:# 1) Die in gewissen Phasen der US-Entwicklung dominierende "One World" Ideologie" wurde, wie bereits Tocqueville bemerkte, immer schon von einem latenten Differenzfetischismus komplementiert, der in den letzten Jahren in durchaus postmodernekompatiblen kulturalistischen "Manifest Destinys" wie Samuel P. Huntington's "Clash of Civilizations" seinen Ausdruck fand.# 2) Die Postmoderne ist, als selbsterklärte "Wandertheorie" keineswegs auf bestimmte Millieus beschränkt und wird oft von StudentInnen - nicht zuletzt der Elite-Unis - mehr oder weniger bewusst in ein an sich konservatives Weltbild eingebaut, während sich popkulturelle Versatzstücke postmoderner Theorien einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen. Zugegebenermassen, den ideologisch vorwiegend mit gut/böse Dichothomien der plattesten Art operierenden NeoCons eine postmoderne Unterströmung zu attestieren war eher lächerlich. Dennoch - dass die blosse Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung durch "weapons of mass destructions" als Kriegsgrund auch im Nachhinein noch hinhalten muss, deutet auf einen Paradigmenwechsel im krisenimperialistischen Diskurs an. Das amerikanische Präsidenten mit Fakten und geschichtlicher Wahrheit wenig anfangen können wissen wir indes spätestens seit Ronald "facts are stupid things" Reagan. Auch bekannt ist Präsidents Bush's Misstrauen gegenüber der "grossen Erzählung" von der Klimaerwärmung, während er seine Bürger zu mikropolitischer Umweltverantwortung aufruft, ja sogar ausdrücklich zur Umweltbewegung sich bekennt.# 3) Der Neoliberalismus ist zwar eine Ideologie - genauer gesagt: die Erneuerung und Radikalisierung des klassichen Liberalismus nach der theoretischen Stigmatisierung keynesianischer Ideen sowie antikapitalistischer Gegenentwürfe - gleichzeitig aber auch deren konterreformistische Umsetzung in die Praxis, d.h: grössenwahnsinnig sind all jene die sie in die Praxis umsetzen, im Glaube, die gegenwärtige Krise des kapitalistischen Systems dadurch überwinden zu können, in dem dessen staatliche Infrastruktur auf dem "freien Markt" verschachert wird, im Glaube gar, einem neuen Zeitalter von "Wohlstand und Sicherheit" entgegenzustreben. Was den amerikanischen Grössenwahn betrifft, so ist zu sagen, dass es sich hierbei um eine empirische Tatsache handelt. (Ich verbrachte selbst 1/2 Jahr in den USA.) Daran, dass die Durchschnittsamerikanerin/ der Durchschnittsamerikaner zum Grössenwahn neigt - und zwar sowohl in Bezug auf seine/ihre eigenen Kapazitäten und Konsumneigungen bzw. Schönheitsideale ("Big is beautyful"), als auch auf die Auserwähltheit seiner/ihrer geschichtslosen Nation ("History is bunk", so Henry Ford) - ändert auch nichts, dass diese Feststellung sehr wohl in einen historisch-kritischen Erklärungsansatz einzubetten ist, der die Faktoren hinter den Fakten kenntlich macht und von einer einseitigen Verteufelung des "Amerikanischen" (bzw. der spezifisch amerikanischen Ausdifferenzierung des Kapitalismus) absieht.
(2) Um den aktuellen Widersprüchen in der kapitalistischen Diskurslogik, aber auch in den geopolitischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen kritisch zu begegnen, reicht eine Ablehnung der "Postmoderne" in toto nicht mehr aus, vielmehr sollen diese unter dem Aspekt "Postmoderne" systematisch erfasst und –soweit möglich – dialektisch aufgehoben werden.
(2.1) aufheben?, 15.01.2004, 11:39, Hektor Rottweiler: Versuch das mal einer, den "postmodernen" Irrsinn "dialektisch aufzuheben" ... Was negiert die postmoderne Ideologie denn, wenn nicht auch nur den Versuch einer Wahrnehmung und sinnlich-intellektuellen Verarbeitung von Erfahrung? Ich bin gespannt.
(3) Was ist modern? Was ist die Moderne? Wie ist die inflationäre Verwendung der Vorsilbe "post-" im akademischen Diskurs zu deuten? Welche möglichen Bedeutungen schliesst die Wortverbindung "postmodern" ein?
(4) Wann beginnt die Postmoderne? Inwiefern ist die Gegenüberstellung eines "modernen" und eines "postmodernen" Zeitalters überhaupt sinnvoll?
Was zeichnet "postmodernes" Denken aus; welche Denker sind aufgrund ihrer Einstellung oder ihres Selbstverständnises als "Postmodernisten" zu klassifizieren? Welche Strömungen lassen sich ausmachen?
(4.1) "Denk"richtungen ..., 15.01.2004, 11:57, Hektor Rottweiler: "So aufgeklärt, denkt er, war er noch nie. Der aufgeschlossene Citoyen, die Schwundstufe des engagierten Zeitgenossen unseligen Angedenkens, übt sich in demonstrativer Illusionslosigkeit. Die überlegene, bei jeder Gelegenheit prompt einschnappende Gewitztheit, mit der er seine Ernüchterung zur Schau trägt, verdankt sich freilich nicht einer kompromisslos kritischen Durchdringung dessen, was er als überkommenes "Heilsversprechen" bezeichnen würde. Vielmehr ähnelt diese Versiertheit jener aus Schlauheit und Vertrottelung komponierten Charakterstruktur, die sich bei - freilich immer jünger werdenden - alten Leuten einstellt, die vom Leben nichts mehr erwarten und deshalb auf das Vorbringen hochgespannter Erwartungen nur mit einer wegwerfenden Handbewegung und jenen eingängigen Spruchweisheiten reagieren, die einem das Leben hierzulande so verleiden. [...] Es verwundert nicht, dass die schon früh geäußerten vernünftigen Kritiken an der sogenannten "Postmoderne" dieser nichts anhaben konnten. Wie nämlich die raunende Existentialontologie Heideggerscher Prägung nach erfolgtem kritischen Handstreich nicht einfach verschwindet, weil sie vom gesellschaftlich produzierten ontologischen Bedürfnis genährt wird, so verdankt auch der postmoderne Dekonstruktivisinus seine Resistenzkraft der Tatsache, daß ihm gesellschaftlich etwas korrespondiert, was man [...] das dekonstruktivistische Bedürfnis nennen könnte. Auf dieses hätte sich eine Kritik zu richten, denn die postmodernen Theorien sind für sich genommen nicht satisfaktionsfähig. Ihr Inhalt ist das monotone "Hüte dich, über das Bestehende auch nur nach ihrem Ende hinauszudenken!", dessen Trivialität leicht übersehen wird angesichts des beeindruckenden Begriffsapparates, der jedoch ebenso aufgeblasen wie ornamental ist und dessen Verhältnis zum ärmlichen Inhalt sich so ausnimmt, als wolle man eine Konservenbüchse mit der MP öffnen. Freilich ist es gerade das Begriffsornament, das nicht nur den obligaten Hauch von französischem hautgout vermittelt, sondern auch für jenen nationalistischen, naiv antimetaphysischen Scheinradikalismus einsteht, den die dekonstruktivistischen Meisterdenker versprühen, der (...) tabula rasa macht, ohne inhaltlich etwas anzugreifen, und der mit jedem inhaltlich radikalen Gedanken fertig wird, indem er ihn als Mythologem, Ideologie, überholt denunziert." "Der Anspruch der bürgerlichen Theorie, das Bestehende in einem kohärenten System gedanklich zu entfalten, ist die Voraussetzung jeder ernsthaften Ideologiekritik, die für Marx noch unproblematisch war, da er diesen Anspruch in Gestalt der idealistischen Philosophie und der politischen Ökonomie vorfand. Heutzutage jedoch, wo die sinnverlassen-autistischen Modellrechnungen der Ökonomen und die ranzig müffelnden Werte-Debatten der Philosophen nichts anderes mehr darstellen als Profilierungsstrategien im Konkurrenzkampf um die knapper werdenden akademischen Jobs, ist diese Voraussetzung dahin. In der Geschichte der aufklärerischen Vernunft [bedeutet] die jeweils neuere Theorie in aller Regel nur einen Fortschritt in der Zerstörung ihres selbstreflexiven Potentials. Gemessen am Stand des bürgerlichen Bewußtseins verkörpert die idealistische Philosophie deshalb zweifellos die fortgeschrittenere Position [gegenüber postmodernen Denkschulen]. [...] Die idealistische Philosophie markiert eine Stufe, auf der die Reflexion und die Gesellschaft, die sie ausdrückt, noch nicht ganz vernunftverlassen ist."
(dies und mehr aus einem sehr sehr lesenswerten Aufsatz von Clemens Nachtmann)
(4.1.1) Re: "Denk"richtungen ..., 02.02.2004, 06:44, wilfried berghahn ??: Von der Sache her bin ich d'accord. Eine Anmerkung jedoch zu den Ausführungen bzgl. Marx. Als Marx seine ökonomischen Studien ausführte, war die Zeit, als die bürgerliche Ökonomie den Anspruch erhob, ein kohärentes System zu präsentieren, bereits vorbei. Folgt man Marx, dann war die Möglichkeit einer immanenten Kritik im oben skizzierten Sinne nur für die ökonomische Klassik gegeben, also denjenigen Strang des ökonomischen Denkens, der versuchte auf arbeitswerttheoretischer Grundlage in die Physiognomie des bürgerlichen Systems einzudringen. Ab 1830 konstituierte sich eine Ökonomie, die die Arbeitswertlehre verabschiedete und versuchte vermittels der Produktionsfaktorentheorie des Wertes ökonomische Prozesse zu erklären. Im dritten Band der "Theorien über den Mehrwert" hat Marx eine konzise Auseinandersetzung mit der "Vulgärokonomie" (Marx) geliefert. Hier zeigt Marx, daß die Vulgärokonomie die fetischistischen Strukturen des kapitalistischen Systems ihren Überlegungen zugrundelegt, was sich in einer völligen Inkohärenz der Theoreme niederschlägt. Marx vertritt im Nachwort der Zweitauflage des "Kapital" daher auch die These, daß mit der Konstitution der Proletariats als politischer Klasse der skizzierte Regressionsprozess eintritt. Zitat: "An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopfflechterei, an die Stelle unbefangener wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik."(MEW 23: 21)
(5) Woher stammt der Begriff? Wer sind die Vordenker der "Postmoderne"? Wie entwickelte sich der postmoderne Diskurs? Was waren die Motive und Absichten seiner Theoretiker damals und heute? Wo liegen die Kontinuitäten, wo die Brüche mit "moderner" Theoriebildung? Wie verhält sich die Postmoderne zum Marxismus, Freudianismus, zur "New Age" Bewegung?
(6) Was ist unter wirtschaftlicher "Postmodernisierung" bzw. "Postfordismus" zu verstehen? Wie verhält sich die "Postmoderne" zur "Globalisierung"? Welche Rolle spielen das Internet und "Reality TV Shows" bei der Postmodernisierung der Gesellschaft? Verkümmert die Kommunikation in der Zeit des "interaktiven Spekatakels" endgültig? Wie innovativ sind "postmoderne" Konzepte in Kunst und Kultur? Was haben "Stilfragen" mit Parteipolitik zu tun? Gelingt der Ausbruch des Einzelnen aus dem System durch Nicht-Identität, bzw. multiple Identitäten?
(7) Wie soll der Instrumentalisierung postmoderner Begriffe (wie z.B. „grosse Erzählung“, „Dekonstruktion“) zur Abwendung von Systemkritik begegnet werden?
Muss Reformismus, Konformismus und oberflächlicher "Pluralismus" als Ideologie einer Linken gedeutet werden, die ihre emanzipative Tradition verraten hat?
Sind die Mainstream-Postmodernisten, sind die Menschenmassen ideolgoiefrei oder ganz einfach systemkonformistisch?
(7.1) Re: Repressive Tendenzen im postmodernen Selbstverständnis, 15.01.2004, 11:43, Hektor Rottweiler: Ja.
(8) Haben uns die Postmodernisten etwas zu sagen oder tun sie nur so? Wie verhalten sich die repressiven zu den emanzipativen Momente im postmodernen Selbstverständnis? Sind utopische Entwürfe trotz postmoderner Einwände noch zeitgemäss? Ist eine Synthese von postmoderner und kritischer Theorie wünschenswert, oder kommt die kritische Theorien ohne Aufnahme postmoderner Reflexionen aus? Gibt es eine Epoche, einen Meta-Diskurs jenseits der Postmoderne oder sollte vielmehr die Verwirklichung der Postmoderne Ziel emanzipativer Bestrebungen sein?