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Simulation einer Avantgarde
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Maintainer: Maike Arft-Jacobi, Version 1, 22.04.2004  Druckversion
Projekt-Typ:
Status: Final

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Das folgende Konzept bezieht sich auf die BRD. Eine Anwendbarkeit auf andere Nationen oder auf Europäischer Ebene soll nicht unterstellt, aber auch nicht ausgeschlossen, werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) „Avantgarde“ meint zunächst, dass eine Gruppe als „Vortrupp“ einer „Klasse“ die Kontrolle über zentrale gesellschaftliche Prozesse übernimmt und im Namen der „Klasse“ die gesellschaftlichen Strukturen so umgestaltet, dass „Avantgarde“und „Klasse“ aufgehoben werden. Das ist bisher immer schief gelaufen. An eine revolutionären Avantgarde glaubt heute daher wohl niemand mehr. Das Konzpt der Avantgarde ganz fallen zu lassen, ist aber nicht die einzige Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit besteht in der

Simulation einer Avantgarde.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Die Legitimität einer “Avantgarde“ speist sich u.a. aus folgenden Annahmen:

  1. Die „Avantgarde“ verfügt über ein „Bewusstein“, das Nichtavantgarden, insbesondere der bevorhuteten „Klasse“ als solche, abgeht.
  2. Die „Avantgarde“ vollzieht irgendetwas, das historisch sowieso anliegt und bloß noch eines kleinen Schubbses bedarf.
  3. Es gilt zunächst, den Staat zu übernehmen, nicht etwa abzuschaffen. Dazu muss der Staat über eine Funktion und Bedeutung verfügen, die ihn als Übernahmeziel lohnenswert erscheinen lässt.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Die simulierte Avantgarde verfügt über das Bewusstsein, keine Avantgarde zu sein und diese nur zu simulieren, während die Nichtavantgarden von ihr halten, was sie jeweils wünschen. Darin besteht der Bewusstseinsvorsprung der simulierten Avantgarde.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Simulation liegt historisch an: Die Leute aus der Lindenstraße sind so real wie Familie Meyer nebenan. Meinungsgesteuerte, virtuelle Kapitalflüsse erzeugen meinungsunabhängigen, nichtvirtuellen Wohlstand und Hunger etc.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Die Klassenbasis lässt sich durch empirische Untersuchungen der Bedürfnisse, Ängste und Wünsche der „Bevölkerung“ konstruieren: als Populismus in einem Medienzirkus. Linke sollten endlich begreifen, dass dieser Zirkus keine Feierabendveranstaltung ist, sondern die nichtzufällige Selbstrepräsentation dieser Gesellschaft.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Die Möglichkeit der Simulation selbst beruht auf Entwicklungen der Postmoderne. U.a. auf den Zerfall von Identitäten und auf einer personal nicht mehr integrierbaren Diversifikation von Subjektpositionen, die „das System“ den einzelnen einzunehmen nötigt.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) „Simulierte Avantgarde“ bedeutet auch, dass die Avantgarde nicht versucht, eigenständige gesellschaftliche Ziele zu realisieren. Stattdessen versucht sie, Rahmenbedingungen und Katalysatoren zu erzeugen, die es ihrer „Basis“ ermöglicht, gesellschaftliche Ziele zu formulieren und zu realisieren. Die simulierte Avantgarde ist daher automatisch verfassungskonform und steht nicht im Widerspruch zu Basisbewegungen, sondern in einem Verhältnis der Ergänzung.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Eine simulierte Avantgarde müsste aus der Tatsache, dass sie eine simulierte Avantgarde ist, kein Geheimnis machen, weil es auf das, was Menschen oder „der Öffentlichkeit“ bekannt ist, nicht ankommt. Alle wissen. Dass und was sie wissen, ist jedoch egal. Allein, was zu wissen gewünscht wird, zählt. Inhaltliche Konsistenz ist obsolet. PolitikerInnen funktionieren, solange sie einen gewissen Bedarf decken, unabhängig davon, ob sie konsistente Positionen vertreten und ob allgemein bekannt ist, dass sie nicht sind, was sie darstellen.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Der Bedarf der gesellschaftlichen Basis wäre zu analysieren und zu bedienen, die gesellschaftliche Basis selbst in geeigneter Weise zu definieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Allgemein lässt sich sagen: die Mehrheit in der BRD wünscht Führung, vorläufige Beibehaltung des parlamentarischen Systems, medial optimierte PolitikerInnenfiguren, die auf der Grundlage einer zur Staffage reduzierten Partei operieren, Politschauspiel, Perspektive auf Verbesserung, ohne dass die Verbesserung auch eintreten muss: das Publikum ist geduldig, solange es angemessen unterhalten wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Dass herkömmliche Parteien noch mit echten und halbechten PoltikerInnen arbeiten, konkrete Ziele anstreben, den Schein von Konsistenz aufrecht zu erhalten trachten und den völligen Verlust realer Basisbindungen meiden, sind auszunutzende Nachteile. Hier liegt der historische Vorsprung der simulierten Avantgarde. Sie treibt gegenwärtige Entwicklungen auf die Spitze.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Vom Konzept und ihrer Struktur her kann eine simulierte Avantgarde nicht aus „der Rechten“ oder aus systemkonformen Zusammenhängen hervorgehen. Dies ist das A und O des Konzepts. Ein von Rechten wie von Linken nutzbares Konzept wäre kein brauchbares Konzept. Daher muss dieser Punkt genau geprüft und die Sache ggf. fallen gelassen werden. Provisorische Hypothese: Systemkonforme Politiken beruhen auf einem Schein, dessen Realität sie nicht transzendieren könnten, ohne das System zu transzendieren. Rechte Politiken sind auf Ontologisierungen angewiesen, deren Schein als solchen zu praktizieren rechte Weltsichten zerstören würde.

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Eine Sicherung der simulierten Avantgarde gegen antiemanzipative Tendenzen muss unabhängig vom Willen und den Subjektpositionen ihrer einzelnen AktivistInnen funktionieren, u.a. muss das Verpuffen der simulierten Avantgarde zur passenden Gelegenheit von vornherein eingebaut sein. Auch dieser Punkt muss genau geprüft und die Sache ggf. fallen gelassen werden. Provisorische Hypothesen:

a) Sobald die Gesellschaft, aus der die simulierte Avantgarde hervorging, nichtdeterminierte Realitäten konstituiert, verliert sie den Bedarf an avantgardistischer Simulation. So, wie die simulierte Avantgarde konstruiert ist, würde die simulierte Avantgarde damit in Bedeutungslosigkeit sinken.

b) Die Selbstauflösung der simulierten Avantgarde ist eine permanente Option. Sie kann eine permanente Option sein, weil die Simulation eine Selbstreflektivität voraussetzt, die über übliche systemstablisierende Reflexionen auf „Abweichungen“ und zu bewältigende „Angriffe“ hinausgeht.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Die Übernahme des Staatsapparats der BRD ist ein lohnenswertes und erreichbares Ziel. Schill in Hamburg hat gezeigt, dass es erreichbar ist.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Die Partei neuen Typs benötigt ca. 4-8 Jahre Vorbereitungszeit und 50-100 AvantgardistInnen, die einen möglichst breiten Bereich von Qualifikationen und Subjektpositionen abdecken.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Entscheidungsstrukturen innerhalb der Partei sollten funktionell diversifiziert sein, um Zeitverschwendung durch Gewäsch und Machotum zu vermeiden. Es werden überschaubare, horizontal organisierte Arbeitsgruppen mit konkreten Arbeitszielen und entsprechend qualifizierten Mitgliedern gebildet, deren Resultate auf Konsens beruhen und den jeweils anderen Arbeitsgruppen als Arbeitsbasis dienen.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Folgendes wäre zu tun:

  1. Es wird eine allgemeine Plattform erarbeitet, auf deren Basis die Avantgarde operiert. Diese Plattform muss keine konkreten/positiven politischen oder wirtschaftlichen Ziele benennen, denn es geht darum, Handlungsräume zu konstruieren, die es der Basis ermöglichen bzw. die Basis dazu anregen, eigene Ziele zu formulieren und zu verwirklichen.
  2. Anhand empirischer Untersuchungen wird ein Parteiprofil entworfen, das die höchsten Chancen für Wahlsiege auf regionaler bzw. überregionaler Ebene hat. Die politischen Inhalte und Themenschwerpunkte orientieren sich allein an der maximal erreichbaren Popularität und müssen inhaltlich nicht konsistent sein. Profil und Inhalte müssen vor ihrem eigentlichen Einsatz empirisch geprüft werden.
  3. Es werden Strategien zur Erlangung finanzieller Mittel erarbeitet. Dabei ist es durchaus möglich, gegenüber z.B. Industriellen ein anderes Profil einzunehmen als gegenüber potentiellen WählerInnen. Es sollten möglichst genaue Schätzungen des Erreichbaren gemacht werden.
  4. Es werden Medienstrategien entworfen, um die Partei bzw. ihre VetreterInnen populär zu machen. Zur Erlangung von „Nachrichtenwert“ muss vor Inszenierungen nicht zurückgeschreckt werden, wenn z.B. die Verfahren bei Aufdeckung von Inszenierungen mit eingeplant sind.
  5. Die personelle Besetzung wird in der Art eines „Castings“ organisiert. Die VertreterInnen der Partei sind professionelle und/oder LaiendarstellerInnen, deren Aussehen/Image und Rolle entsprechend ihrer Funktionen optimiert und trainiert wird. Sie vertreten keine „eigenen“ Positionen.
  6. Supervisionen sorgen dafür, dass persönliche und soziale Konflikte usw. erkannt und bearbeitet werden.
  7. Es werden Strategien für Verfahren im Fall von Wahlsiegen vorbereitet. Sicherlich ist die herrschende Politik nicht von einem auf den anderen Tag umzuschmeißen. Es wird z.B. nötig sein, Informationsquellen und Beziehungen zu herrschenden Kreisen aufrecht zu erhalten. Gibt es in Bundesland X Felder, deren Umgestaltung oder Förderung katalytische Effekte haben könnte? Was wäre nötig, um einen Klimawechsel im öffentlichen Bewusstsein anzuregen? usw.
  8. Es werden Strategien zur Bewältigung von Problemen vorbereitet, die sich im Fall von Erfolgen stellen könnten (z.B. Strategien gegen den Befall mit Machtgeilheit, gegen die Herstellung von Informationsvorsprüngen usw.).
  9. Je nach finanziellen Mitteln können nötige Arbeiten (Sekretariate, Telefondienste, Infostände, Unterschriftensammlungen, Imagedesign...) im Rahmen gewöhnlicher „Jobs“ erledigt werden. Fehlen Mittel zur Finanzierung solcher „Jobs“, ist darauf zu achten, dass es keine Spaltung in „ParteiarbeiterInnen“ und „EntscheiderInnen/PlanerInnen“ gibt.
  10. Nichts geschieht im Geheimen, alles kann aber in der Öffentlichkeit oder vor Gremien je nachdem umgedeutet oder bestritten werden oder auch nicht.

      [Kommentare ab 2. Ebene ausblenden] (18.1) 23.04.2004, 13:55, Burkhard Stackelberg: Hier noch ein anderes Gegenbeispiel fuer diese Strategie:
      Die N$DAP hat mit ziemlich genau diesen Strategien '33 ihren entscheidenden Wahlsieg errungen. Und sie fing an als "sozialistische deutsche Arbeiterpartei", definierte sich also anfaenglich durchaus links.
      Der Clou ist: Was garantiert, dass nach der Anfangsphase nicht Leute in die Gruppe draengen, die den aufgebauten Medienapparat nicht fuer ganz andere Zwecke nutzen wollen? Vor allem, wenn er nicht auf den Selbstverbreitungseffekt ueberzeugender Argumente ausgerichtet ist, sondern auf Theaterdonner! Insbesondere sind kapitalkraeftigere Organisationen wie etwa SPD, CDU, GesamtMetall, DIHT etc. schon auf dem Niveau angekommen; viel neues bringt diese Struktur also nicht, was nicht jemand anderes schon benutzen wuerde.

        [Kommentare ab 3. Ebene ausblenden] (18.1.1) 27.04.2004, 02:55, Maike Arft-Jacobi: Was garantiert, dass nach der Anfangsphase nicht Leute in die Gruppe drängen, die den aufgebauten Medienapparat nicht für ganz andere Zwecke nutzen? Kann es eine Gruppenstruktur geben, die das verhindert bzw. ggf. den Effekt hat, dass dann alles in die Grütze geht?

      [Kommentare ab 2. Ebene ausblenden] (18.2) 23.04.2004, 13:59, Burkhard Stackelberg: Ich schlage also eher vor: die Bedingungen fuer eine soziale und freie Gesellschaft im hier und jetzt bauen. Dazu ruhig Theaterdonner machen. Aber vergiss nicht: Macht kann nur in einer bestimmten Weise ausgeuebt werden, weil man sie sonst nicht lange behaelt. (Lies Machiavelli, der hat das schoen beschrieben) Macht ist naemlich darauf angewiesen, dass Du Deine Unterstuetzer ihrerseits bedienst, und damit sind Ziele wie Freiheit und Gleichheit nur schwerlich zu verwirklichen.

      [Kommentare ab 2. Ebene ausblenden] (18.3) Bitte erläutern:, 25.04.2004, 12:38, roy rempt:
      Bitte Begriff allgemeine Plattform (1.) erläutern!

        [Kommentare ab 3. Ebene ausblenden] (18.3.1) Re: Bitte erläutern:, 27.04.2004, 02:57, Maike Arft-Jacobi: Hast Du nicht Lust, diesen Begriff genauer zu erläutern? Wie könnte eine solche Plattform deiner Meinung nach aussehen?

          [Kommentare ab 4. Ebene ausblenden] (18.3.1.1) Re: Bitte erläutern:, 27.04.2004, 12:54, Uvvell H:W:Berger: p.l.a.t.t.f.o.r.m.: sie sieht nicht aus, sondern hört sich an. Formlos liegt sie auf der Hand, wie sie sich in der Tasche fand. Mal ist sie unter Deinem Fuß, mit dem der Weg beginnen muß. Der Kürschner wird vergebens warten auf die Kirschen aus Nachbars Garten, á suivre...

      [Kommentare ab 2. Ebene ausblenden] (18.4) was wäre zu lassen???, 25.04.2004, 21:35, Uvvell H:W:Berger: erstmal- plattform ist planbar: aviatoren avdiowiedeo kein avanti ohne dilletanti = der Frage nachgehen woistdieBASIS? zurückvergfolgend bis asasel im alten testament/isis ausaat.
      zweivell- gib denen Macht, die meMNacht wollen, gib denen Liebe, die mhLiebe wollen. Wer was wovon hat werden wir dann merken.
      zudritt- gebe ich gern meine KontoNr. mir fehlen ca. 150€ im Monat zur arbeitslosenhilfe, sonst kann ich die vielen Grundgebühren nicht mehr zahlen.
      wirvierbuchstäblichen- die drei Parsen hatten sich auch so verbreitet (hekate pandora medusa) meine Wermutung-:--:°° es sind schon alle mediestrategien entwürfewlt.
      uenfffff- klingt nach individualangepaßte ABM dabei lernt doch keiner weiter, wenn er den verkörper, der er schon ist.
      echtsechecks- parsozkonflikte sind die Empfangsempfindungsempathien die das Körperliche ins Leben hat, hier kann nur das einzelne sich selbst visionieren (und audio dabei nicht vergessen) und "ohne fühlen" geht garnichts. (besser supper, denn supervisioniertes break-fast)
      siebensiebtel Bauern- waren einmal zehn, drei blieben weg und einer konnte geh´n (notfalls hilft ein neues Laster)
      entfachte Probleme von Erfolg gestellt legt setzt, ungünstig ist´s Feuer mit Öl zu löschen wogegen Vorsprüngliches an den Unterschieden selbst sich mißt, finaldefinitional. Schafft mehr Vorsprünge! rauht auf, was glatt; macht stumpf, was glänzt, rundet den Kant
      neuNeuß- beim spalten der Zeitung bitte beachten den Joint ad eventur´n zu lassen
      seh´n oder auch nicht zehn hetzen, Null ist das einzige Nichts, daß ich mir vorstellen kann.
      3X37=_einh_und_ert&h_elf




    Quelle: http://www.opentheory.org/savanti/text.phtml
    (Last Software Update: 22.04.2004, 04:40)