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| Maintainer: Gruppe Gegenbilder, Version 1, 23.03.2000 |
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| Projekt-Typ: | |
| Status: Archiv |
(1) Download als komprimierte RTF-Datei hier.
1. Geschichte ist die Geschichte der Produktivkraftentwicklung
1.1. Die "Natur-Epoche": Entfaltung des Naturaspekts der Produktivkraftentwicklung
1.2. Die "Mittel-Epoche": Entfaltung des Mittelaspekts der Produktivkraftentwicklung
1.3. Die "Menschen-Epoche": Entfaltung des Menschen an und für sich
1.4. Zusammenfassung
2. Vergesellschaftung und Herrschaft
2.1. Von der personal-konkreten zur abstrakten Vergesellschaftung
2.2. Die Herrschaft der "schönen Maschine"
2.3. Selbstentfaltung statt Wertverwertung
2.4. Zusammenfassung
3. Freie Menschen in freien Vereinbarungen
3.1. Herrschaft und Gegenstrategien
3.2. Kritik und Gegenbild
3.3. Der Weg zum Neuen
4. Zusammenfassung: Revolution im Fünferschritt
5. Meta-Text
5.1. Versionen-Geschichte
5.2. Literatur
5.3. Anmerkungen
(1.1) Re: Inhalt, 19.05.2000, 17:04, Bernd Binder: Hallo Alle, Ein sehr guter Text von Annette und Stefan. Beim Lesen sind mir auch Rechtschreibefehler aufgefallen, soll ich die bei Gelegenheit auch senden oder lohnt das nicht weil ihr Rechtschreibeprogramme dazu nehmt oder sonstwie?
(1.1.1) Re: Inhalt, 19.05.2000, 17:41, Stefan Meretz: Danke für die Blumen! Wir benutzen Rechtschreibprogramme, nur Wortblackouts (vertauschte Artikel etc.) und andere Fehler wie vergessene fallen nicht auf (Ha: Wörter!). Also wenn Du sie gerade sowie gesammelt hast, würde ich mich über eine Liste freuen. Merci!
(1.2) Re: Ein paa Rechtschreibfehler:, 19.05.2000, 20:20, Bernd Binder: 2. Absatz: Falsch: ... zu einem Disneyland will geht es jedoch nicht ... Richtig: ... zu einem Disneyland geht es jedoch nicht ... 3. Absatz Falsch: ... sozialen Lebensgrundlagen unter Füßen wegzieht und zerstört ... Richtig: ... sozialen Lebensgrundlagen unter den Füßen wegzieht und zerstört ... 5. Absatz Falsch: ... Dabei beschäftigen wir uns intensiv mit Hinternissen und Widersprüchen ... Richtig: ... Dabei beschäftigen wir uns intensiv mit Hindernissen und Widersprüchen ... 15. Absatz: Falsch: ... wenn man sich die drei Bestandteile des industriellen Prozesses genau untersucht ... Richtig: ... wenn man die drei Bestandteile des industriellen Prozesses genauer untersucht ... 17. Absatz Falsch: ... als immanente Qualitätsumschläge lassen sich sie gleichfalls ... Richtig: ... als immanente Qualitätsumschläge lassen sie sich gleichfalls ... 18. Absatz: Falsch: ... wurden die arbeitenden Menschen zu Anhängseln an der Maschinen degradiert ... Richtig: ... wurden die arbeitenden Menschen zu Anhängseln an den Maschinen degradiert .. Falsch: ... geistige Verödung und endlose Arbeitsqual nahmen bestimmten den Alltag. ... Richtig: ... geistige Verödung und endlose Arbeitsqual nahmen zu und bestimmten den Alltag. ... 29. Absatz: Vielleicht Falsch: ... Gewerkschaften und Marxismen ist der Kapitalist abhanden gekommen! ... Vielleicht Richtig: ... Gewerkschaften und Marxisten ist der Kapitalist abhanden gekommen! ... 32. Absatz: Falsch: ... Diese gesellschaftliche Natur mit der eingeschlossenen grundsätzliche Möglichkeits- oder Freiheitsbeziehung zur Welt kommt nur den Menschen zu! Richtig: Diese gesellschaftliche Natur mit der eingeschlossenen, grundsätzlichen Möglichkeits- oder Freiheitsbeziehung zur Welt, kommt nur den Menschen zu! 40. Absatz: Falsch: mußte sie zusammen mit der Tendenz zur totalen Vereinzelung durch die Tendenz zur totalen Konkurrenz bringen Richtig: mußte sie zusammen mit der Tendenz zur totalen Vereinzelung durch die Tendenz zur totalen Konkurrenz führen 44. Absatz: Ein Zitat im Zitat? Zitiertt man da nicht ausschliesslich den Originalen, also hier Smith? (Smith 1977/1759, zitiert nach Kurz 1999). 46. Absatz: Falsch: Die globalen Probleme sind lösbar, wenn mal dem Welthandel Richtig: Die globalen Probleme sind lösbar, wenn man dem Welthandel 69. Absatz: Falsch: bezüglich der die Souveränität der Bevölkerung Richtig: bezüglich der Souveränität der Bevölkerung 72. Absatz: Falsch: mehr denn ohne Organisation die "unsichtbare ordnende Hand" des Marktes Richtig: mehr denn ohne Organisation der "unsichtbaren, ordnenden Hand" des Marktes 81. Absatz: Faslsch: Sie funktioniert dezentral und stellt sich millionenfachen Tauschhandlungen hinter dem Rücken Richtig: Sie funktioniert dezentral und stellt sich ueber millionenfache Tauschhandlungen hinter dem Rücken 116. Absatz: Falsch: utopische Skizze der mögliche revolutionären Umbrüche Richtig: utopische Skizze der möglichen revolutionären Umbrüche So, damit es sich lohnt! Gruesse, Bernd
(1.3) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 22:44, Stefan Merten: Endlich bin ich dazu gekommen, euren über weite Strecken sehr guten Text durchzuackern. Ich werde zu einigen Punkten was sagen. Richtig dick kommt es in 3. Have fun ;-) ...
(1.3.1) Re: Mein Senf-Eimer, 22.06.2000, 12:54, Stefan Meretz: Vielen Dank für Deinen Senf! Fun und Lernen haben wir (alle zusammen) wohl auf jeden Fall, auch wenn hier oder dort eher Ketchup, Majo oder Ökopaste bevorzugen würde. Let's see... Übrigens: Wir arbeiten gerade diesen Text - auch mit Hilfe Eurer Kommentare - um und werden ihn zusammen mit anderen Texten im Buch "Freie Menschen in freien Vereinbarungen - Gegenbilder zur Expo" Mitte Juli herausbringen. Alle Texte werden parallel als opentheory-Texte ins Web gestellt, wo die Diskussion weiter laufen soll.
(2) Mit der EXPO 2000 wird uns eine schöne Fassade vorgeführt. Die EXPO will uns faszinierende Bilder vermitteln und unsere Herzen für ihr Zukunftskonzept gewinnen. Im Unterschied zu einem Disneyland will geht es jedoch nicht um eine fiktive Welt, sondern um unsere reale Zukunft. Diese Zukunft dürfen wir jedoch nicht selber gestalten, sie ist nicht offen, sondern wir haben zu nehmen, was uns die EXPO so bunt auftischt und dann bestenfalls noch "Nachfragen anregen" (Birgit Breuel, EXPO-Chefin). Wir dürfen die Damen und Herren also höflich fragen, was sie für unsere Zukunft vorgesehen haben.
In diesem Buch machen wir es uns und Euch nicht so "leicht". Wir tischen Euch nichts auf, was ihr zu schlucken habt, wir verkünden keine Weisheiten. Wir setzen darauf, dass wir zu einer konsequenten Kritik der EXPO-Inhalte nur kommen, wenn wir alle SELBER DENKEN. Einige Überlegungen dazu wollen wir Euch im folgenden vorstellen.
(3) Der Kapitalismus ist totalitär und unmenschlich. Totalitär ist er, weil es nahezu keine Ecke in dieser Gesellschaft gibt, die nicht von ihm erfasst wird. Unmenschlich ist er, weil er durch seine Produktionsweise uns immer schneller unsere natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen unter Füßen wegzieht und zerstört. "Der Kapitalismus reisst hinten mit dem Arsch mehr ein, als er vorne Waren ausspuckt." Das ist eine Erfahrung, die viele nachvollziehen können, die wir jeden Tag im Fernsehen zur Kenntnis nehmen müssen. Den schrecklichen Bildern von Zerstörungen, menschengemachten Katastrophen, Kriegen, Vergiftung von Lebensmitteln usw. soll nun mit der Disney-EXPO eine optimistische technologische Zukunftsvision entgegengesetzt werden. Die Botschaft ist: "Ertragt den Kapitalismus nicht bloß nach dem Motto 'Da kann man nichts machen', sondern bejaht ihn fröhlich, ja, auch Ihr Kritiker, kommt zu uns, und arbeitet mit an einer besseren Zukunft und dem EXPO-Motto: Mensch, Technik, Umwelt."
(4) Doch unsere Gefühle täuschen uns nicht. Wir lassen uns vom bunten und gigantomanischen Potjemkinschen EXPO-Dorf nicht täuschen. Wir machen die Augen nicht zu, sondern wollen verstehen, warum das Grauen so, ist wie es ist, wie es sich entwickelte und welche Alternativen es gibt. Es geht darum, das Fühlen und diffuse Unbehagen in klaren Verstand und Wissen umzusetzen. Respektlos räumen wir dabei auf mit allem Alten, das uns nicht weiterbringt. Das schließt ein, dass nicht wir die Weisheit verkünden, dass nicht wir das "richtige Wissen" gepachtet haben. So etwas funktioniert nicht, das gehört mit zum Alten. Wir entwerfen auch kein Idealbild, dem dann alle hinterher laufen sollen - auch das hatten wir schon. Nein, heute kommt es auf eine/n jede/n selbst an, auf die maximale Entfaltung der eigenen Individualität. Die Selbstentfaltung mit klaren Kopf, das Wegräumen aller Barrieren, die mich und uns daran hindern, ist Strategie und Ziel. Was das heißt, und warum das eine den Kapitalismus sprengende Dynamik beinhaltet, wollen im weiteren Text entwickeln.
Dieser Text ist ein Beitrag zur Selbstverständigung - der individuellen wie kollektiven. Wir diskutieren die Frage "Was ist Emanzipation heute?" und ziehen aus ihrer Beantwortung für viele sicherlich überraschende Schlüsse für ein alternatives Handeln.
(4.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 22:48, Stefan Merten: "Die Selbstentfaltung mit klaren Kopf," schreibt ihr. Fehlt da nicht das heiße Herz? Die Vernunft kann so kalt und unmenschlich sein...
(4.1.1) Gefühl und Verstand, 22.06.2000, 16:16, Stefan Meretz: Ich finde wichtig, verschiedene "Vernünfte" zu unterscheiden: Eine Vernunft im Sinne "externer" Rationalität etwa der selbstlaufenden totalitären Wertmaschine. Die ist kalt und unmenschlich, weil sie sich gegen die Interessen der Menschen verselbständigt hat und im Sinne der Stabilisierung seins Selbstzweckes genauso nur solche Rationalität produziert. Das andere ist die Vernunft im Sinne der Begründetheit menschlichen Handelns, quasi als "innere Rationalität", also wie jeder Menschen sein Handeln sich (u.U auch anderen) gegenüber begründet. Da die "externe" Rationalität in ihrer eigenen Logik nicht "widerlegbar" ist, kommt es primär auf die "inneren" Rationalitäten der Menschen an, also darauf, wie sie das was sie erleben, fühlen und tun denkend begleiten. Lange Rede, kurzer Sinn: Gefühle sind immer dabei, bei jedem. Die Frage ist wie sie gewertet werden und welches Handeln folgt. Sind Denken und Fühlen konsistent, das fühlt sich's auch besonders gut an!
(5) Wie gehen wir vor? Zunächst eröffnen wir im ersten Kapitel einen historischen Blick auf die heutige Situation. Man versteht wie etwas ist, wenn man versteht wie es geworden ist. Diese Gewordenheit, das Verständnis des Heutigen als Resultat einer Kette von Entwicklungen eröffnet dann die Möglichkeit, über die zukünftigen Entwicklungspfade nachzudenken. Dabei entwerfen wir kein bloßes Wunschbild, sondern betrachten Geschichte und Zukunft als Entwicklung in Widersprüchen. Überhaupt kann es nicht darum gehen, Wunschbilder zu erzeugen und damit neue Dogmen, nach denen sich andere zu richten hätten, in die Welt zu setzen. Aber die von uns gesuchte Möglichkeit, dass alle die Freiheit haben, ihren eigenen Weg zu suchen und zu gehen, beruht auf dem, was zur Zeit geschieht, und das wollen wir verstehen: Welches sind die Widersprüche, was ist objektiv angesagt und wie geht der Kapitalismus damit um.
Im zweiten Kapitel beschäftigen wir uns mit der Frage: "Worin besteht die Herrschaft?" Vielfältig wird geglaubt, Herrschaft werde als politische Herrschaft von Personen ausgeübt. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit. Herrschaft ist ein viel komplexerer, sich selbst organisierender Mechanismus, in dem es eine einfache Trennung in "die da oben" und "wir hier unten" nicht gibt. Wir entwickeln eine "entpersonalisierende" Sichtweise, die es einem leichter ermöglicht, die eigene Eingebundenheit anzusprechen und Handlungsalternativen zu entwickeln.
Im dritten Kapitel bemühen wir uns darum, all das vorher Analysierte in einer positiven Utopie zusammenzuführen. Wir erläutern was wir unter "Selbstentfaltung" verstehen und erklären, warum Selbstentfaltung Strategie und Ziel der Emanzipation ist. Dabei beschäftigen wir uns intensiv mit Hinternissen und Widersprüchen in emanzipatorischen Bewegungen.
(5.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 22:53, Stefan Merten: Zum Ende des ersten Absatzes: Ist der Kapitalismus nicht auch Selbstentfaltung? Es gibt nicht wenige die das so sehen. Das könnte vielleicht nochmal näher aufgearbeitet werden.
(5.1.1) Selbstentfaltung im Kapitalismus, 22.06.2000, 16:24, Stefan Meretz: Ich würde formulieren: Der Kapitalismus ermöglicht Selbstentfaltung (statt: "...ist Selbstentfaltung") - allerdings in Grenzen und strukturell immer auf Kosten von anderen (vgl. genau dazu Abs. (28) und (29)). Es ist ja Mode geworden, auch für den Kapitalismus von "Win-Win-Situation" zu reden. Das verschleiert aber, dass dem immer ein "Loose-Loose" gegenübersteht.
(6) In gewisser Weise handelt es sich bei diesem Text um eine kumulative Arbeit, die zahlreiche Einzeltexte zusammenfaßt und zuspitzt. Wir werden teilweise Begriffe aus diesen Einzeltexten verwenden und nur mit kurzen Erklärungen versehen. Ausführliche Herleitungen finden sich in den Einzeltexten, auf die wir an gegebener Stelle hinweisen.
Vielleicht sollten wir Euch die Bemerkung mit auf den Weg geben, dass Euch beim Weiterlesen nicht etwa nur altbekannter Marxismus aufgetischt wird, auch wenn einige Worte stark danach klingen. Es geht um das, was in der Welt wirklich passiert und wie man das besser verstehen kann. Wo uns Marx dabei hilft, haben wir ihn genutzt, ansonsten vieles neu und weiter entwickelt.
(7) Wir Menschen unterscheiden uns von den Tieren dadurch, dass wir uns mit den vorgefundenen Existenzbedingungen nicht einfach abfinden, sondern unsere Lebensbedingungen aktiv selbst herstellen. Wir "haben" nicht nur einfach einen biologischen Stoffwechsel, sondern wir verwenden für unseren "Stoffwechsel mit der Natur" selbst hergestellte Arbeitsmittel. Seit Bestehen der Menschheit haben sich die Arbeitsmittel und die Arbeitsformen schon oft verändert. Wie der Zusammenhang von Mensch, Natur und Mitteln, die der Mensch zur Naturbearbeitung einsetzt, historisch jeweils beschaffen ist, faßt der Begriff der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, oder kurz: Produktivkraftentwicklung. Schematisch können wir den Begriff der Produktivkraftentwicklung (=PKE) so darstellen:
(7.1) Re: 1. Geschichte ist die Geschichte der Produktivkraftentwicklung, 09.06.2000, 00:16, Rolf Köhne: Menschen unterscheiden sich vor allem dadurch von anderen Lebewesen, daß sie mittels der Gesellschaft Wissen, Kultur und Fähigkeiten über Generationen hinweg akkumulieren können. Arbeitsmittel und Arbeitsformen haben sich deshalb nicht nur "schon oft geändert", sondern dabei progressiv, im Sinne der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, weiterentwickelt.
(7.1.1) Re: 1. Geschichte ist die Geschichte der Produktivkraftentwicklung, 09.06.2000, 16:19, Stefan Meretz: Ich stimme Dir was das etwa laxe "schon oft geändert" angeht - die Kumulation von Erfahrungen und Wissen ist ein wichtiger Punkt (gerade auch in Abhebung vom Tierreich, mit dem der Absatz ja beginnt). Das mit der Progression im Sinne der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit ist komplizierter - aber davon handelt ja das ganze erste Kapitel.
(8) Den aktiven Stoffwechsel des Menschen mit der Natur unter Verwendung von Mitteln nennen wir "Arbeit". Damit faßt der Begriff der Produktivkraftentwicklung auch die historische Veränderung der Arbeit, ist aber nicht mit diesem identisch. Dies wird deutlich, wenn man sich die drei Dimensionen des Begriffs der Produktivkraftentwicklung ansieht:
(9) Noch einmal zusammengefaßt: Produktivkraftentwicklung ist ein Verhältnisbegriff. Er faßt das Dreiecksverhältnis des arbeitenden Menschen, der unter Verwendung von Mitteln Stoffwechsel mit der Natur betreibt und auf diese Weise sein Leben produziert. Historisch verändert sich die Produktivkraftentwicklung mit ihren drei Dimensionen nicht kontinuierlich, sondern in qualitativen Sprüngen. Im Schnelldurchlauf durch die Geschichte wollen wir diese Sprünge nun nachzeichnen.
Wie wir sehen werden, kann man die Geschichte auf Grundlage des Begriffs der Produktivkraftentwicklung in drei große Epochen einteilen. In jeder dieser Epochen steht ein Aspekt des Dreiecksverhältnisses von Mensch, Natur und Mitteln im Brennpunkt der Entwicklung. In den agrarischen Gesellschaften wurde die Produktivkraftentwicklung vor allem hinsichtlich des Naturaspekts entfaltet, in den Industriegesellschaften steht die Revolutionierung des Mittels im Zentrum - na, und was mit dem Menschen als dem dritten Aspekt passiert, ist die spannende Frage, auf die wir weiter unten eingehen werden.
(10) Alle Gesellschaften bis zum Kapitalismus waren von ihrer Grundstruktur her agrarische Gesellschaften. Ob matrilineare Gartenbaugesellschaft, patriachalische Ausbeutergesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft oder Feudalismus - in allen Gesellschaften stand die Bodenbewirtschaftung in der Landwirtschaft und bei der Gewinnung von Brenn- und Rohstoffen unter Nutzung von einfachen Mitteln sowie menschlicher und tierischer Antriebskraft im Mittelpunkt der Anstrengungen. Mit Hilfe der hergestellter Arbeitsmittel - vom Grabstock bis zum Pflug und zur Bergbautechnik - holten die Menschen immer mehr aus dem Boden heraus, während die Art und Weise der Weiterverarbeitung der Bodenprodukte bis zum Nutzer relativ konstant blieb. Die eigenständige Fortentwicklung der Arbeitsmittel und Werkzeuge war jedoch durch Zünfte und andere Beschränkungen begrenzt.
(10.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 22:57, Stefan Merten: Ich finde es immer so schade, daß die Zünfte so schlecht wegkommen. Sie haben ja im Mittelalter schon eine wichtige Funktion gehabt. Insbesondere haben sie ja wohl auch die Qualitätskontrolle übernommen. Finde ich eigentlich keine schlechte Idee, daß Fachleute sich gegenseitig kontrollieren. Vor allem aber haben sie Konkurrenz eingedämmt und waren somit strukturell kapitalismusfeindlich. Ich denke jedenfalls seit Jahren immer mal wieder darüber nach, ob die positiven Aspekte der Zünfte nicht irgendwie weiterverwertet / aufgehoben werden könnten.
(10.1.1) Rolle der Zünfte, 22.06.2000, 16:31, Stefan Meretz: Eine freie Gesellschaft kann nicht auf der Basis von individuellen Restriktionen aufgebaut sein. Statt einer negativen Kontrolle müsste es also eine positive "Kontrolle" (oder Bewertung) geben, etwa wie bei der Freien Software: Was gut ist und angenommen wird, setzt sich durch. Alles andere kann (und wie ich finde: soll) es auch geben, dann eben in Nischen mit geringerer Anerkennung, warum nicht?
(11) Qualitative Veränderungen innerhalb der "Natur-Epoche" zeigen sich vor allen bei der Form der Arbeit. Die landwirtschaftlichen Produzenten im Feudalismus waren mehrheitlich Leibeigene ihrer Feudalherren, waren so im Unterschied zum Sklaven also nicht personaler Besitz. Trotz Abgabenzwang und Frondiensten war der relative Spielraum der Fronbauern zur Entfaltung der Produktivkraft der Arbeit größer als bei den Sklaven, die - da personaler Besitz - gänzlich kein Interesse an der Verbesserung der Produktion hatten. Der Natur angepasste Fruchtfolgen und die Mehrfelderwirtschaft waren wichtige Errungenschaften in dieser Zeit. Aufgrund des höheren Mehrprodukts konnten sich Handwerk und Gewerbe, die von der Bodenbewirtschaftung mitversorgt werden mussten, rasch entwickeln.
(12) Diese Frage ist nicht nur wichtig, um die Vergangenheit zu verstehen. Da wir selbst in den Lauf der Geschichte eingreifen wollen, müssen wir wissen, wie sie "funktioniert", an welchen Stellen wir wie am sinnvollsten wirken können.
Keimformen des Neuen entwickeln sich immer schon im Alten. Sie werden stärker, werden zu einer nicht mehr zu übersehenden Funktion im noch alten System, übernehmen dann die bestimmende Rolle und transformieren schließlich das alte Gesamtsystem in ein Neues, in dem sich alles nun nach der neuen dominanten Funktion ausrichtet. Dieser beschriebene Prozeßablauf ist typisch für dialektische Entwicklungsprozesse. In allgemeiner Form kann man fünf Stufen für qualitative Entwicklungssprünge so beschreiben (Holzkamp 1983):
(13) Die agrarische Produktion bestimmte zwar die gesellschaftliche Struktur, dennoch gab es in den Städten Lebens- und Produktionsformen, die dem unmittelbaren feudalen Zugriff entzogen waren: "Stadtluft macht frei" (Keimformen der Stufe 1). Die Städte wurden nun immer wichtiger für die steigenden repräsentativen und militärischen Bedürfnisse der herrschenden Feudalklasse (Stufe 2: veränderte Rahmenbedingungen). Ausgehend von gesicherten bürgerlichen Zonen inmitten des Feudalismus, den Städten, entfalteten Handwerker und vor allem Kaufleute ihre ökonomischen Aktivitäten (Stufe 3: Funktions-wechsel). Der Einsatz geraubten und erhandelten Kapitals der Kaufleute sowie die Entwicklung von kombinierten Einzelarbeiten der Handwerker in der Manufaktur zum aus einseitigen Teilarbeitern bestehenden "kombinierten Gesamtarbeiter" (Marx 1976/1890, 359) in der Fabrik ermöglichten eine Übernahme der ökonomischen Basis durch die neue bürgerliche Klasse. Mit der Manufakturperiode, auch als Frühkapitalismus bezeichnet, begann die Umstrukturierung des alten feudalen zum neuen bürgerlichen ökonomischen System, das sich schließlich durchsetzte (Stufe 4 des Fünfschritts). Die industrielle Revolution sorgte endgültig dafür, dass sich der umgreifende gesamtgesellschaftliche Prozess nach den Maßgaben der kapitalistischen Wertverwertung ausgerichtet wurde (letzte Stufe des Fünfschritts).
(14) Wir sehen, wie Keimformen des Neuen - bei den Handwerkern stand die Mittelbearbeitung schon im Mittelpunkt ihrer Arbeit - in einem neuen Kontext eine neue Funktion bekam und schließlich von allen Schranken befreit die gesamte Gesellschaft umstülpte. Um das genauer zu verstehen, lohnt es sich, den neuen dominanten Gesamtprozess genauer zu betrachten (vgl. auch Meretz 1999a). Im Fokus des neuen dominanten Gesamtprozesses steht die Revolutionierung des Mittelaspekts der Produktivkraftentwicklung. Dies wird sichtbar, wenn man sich die drei Bestandteile des industriellen Prozesses genau untersucht und auf ihre früheren Keimformen zurückführt. Marx (1976/1890, 393) erkannte die drei Bestandteile des industriellen Prozesses:
(15) Die Keimformen der Energiemaschine liegen in der tierischen und menschlichen Kraftanstrengung. Ihre Übertragung auf eine Maschine sorgt für die ortsunabhängige und erweiterbare Verfügbarkeit von (zunächst mechanischer, später elektrischer) Antriebsenergie. Die Keimformen der Prozeßmaschine liegen in den (mechanischen und chemischen) Handwerkertätigkeiten, die in einem technischen Prozeß vergegenständlicht und damit gleichzeitig entsubjektiviert wurden. Die Keimformen der Algorithmusmaschine lagen im Erfahrungswissen des Handwerkers über die sachliche und zeitliche Abfolge der verschiedenen Prozessschritte. Wir sehen, dass alle drei Bestandteile vorher in einer Person vereint sein konnten. Die große Industrie trennt und entsubjektiviert diese Bestandteile sukzessive und macht sie damit einer eigenständigen wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich. Die modernen Naturwissenschaften entstanden.
(16) Marx wies nach, dass die Prozeßmaschine der Ausgangspunkt der industriellen Revolution war - und nicht wie heute noch fälschlich angenommen wird, die Energiemaschine ("Dampfmaschine"). Die Prozeßmaschine war der Kern der "Mittelrevolution", die Übertragung des Werkzeuges des Handwerkers auf eine Maschine erst erforderte die Dampfmaschine, um den gewaltig steigenden Energiebedarf der Industrie zu befriedigen. Die industrielle Revolution verwissenschaftlichte vor allem die Prozeßmaschine sowie sekundär die Energieproduktion.
(16.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 23:01, Stefan Merten: Könnte es sein, daß die Dampfmaschine die Energiemaschine quasi universalisiert und standardisiert hat? Und damit einen wichtigen Aspekt der Natur-Epoche? Und damit deren Aufhebung erst ermöglicht? Ich komme drauf, weil ich dauernd nach Analogien zu der durchschlagenden Wirkung digitalen Kopierens suche. In gewisser Weise sehe ich da Ähnlichkeiten.Das digitale Kopieren standardisiert und vor allem abstrahiert von den konkreten Inhalten ebenso wie es der Dampfmaschine strukturell egal ist, welchen Prozeß sie jetzt konkret antreibt.
(16.1.1) Energiemaschine, 22.06.2000, 16:53, Stefan Meretz: Die Dampfmaschine war historisch die erste universale Energiemaschine (heute sind es die sog. erneuerbaren Energien). Die Aufhebung der "Natur-Epoche" wurde damit _ermöglicht_, es war eine notwendige Bedingung, aber nicht hinreichend. Hinreichende Bedingung, sozusagen "Auslöser war, wenn ich das jetzt in Deinem Schema weiterdenke, die Universalisierung der Handwerkertätigkeit durch die Übertragung auf die Werkzeugmaschine. Der Werkzeugmaschine ist auch egal, welchen Prozeß sie vergegenständlicht. Noch weiter gedacht könne man sagen, daß die Digitalisierung und damit universelle Speicherbarkeit jegicher Information eine notwendige Bedingung für eine postkapitalistische freie Gesellschaft darstellt. Hinreichende Bedingung ist, wenn der von allem Energiestress, materiellem Reproduktionsstress und Informationsspeicherstress (sprich: von Arbeit) entlastete Mensch seine Persönlichkeit frei und voll entfaltet. Heute haben es die Menschen mit diesen Stressizitäten zu tun, und sie verwenden die subjektlose Wertmaschine dazu, den Ungleichheiten einen "natürlichen" Anstrich zu geben. Wie man den Übergang organisiert (das "Transformationsproblem"), weiss ich nicht, jedenfalls nicht im Sinne eines "erst - dann", individuelle und gesellschaftliche Befreiung müssen Hand in Hand gehen.
(17) Prozeßmaschine und Algorithmusmaschine waren zunächst noch gegenständlich in einer Maschine vereint. Der algorithmische Produktionsaspekt sollte seine historische Stunde erst später erfahren. Auch rückblickend wird das bisher leider nur unzureichend wahrgenommen. Viele lesen den Marxschen "Transmissionsmechanismus" nur als bloße Energieübertragung und vernachlässigen daher diesen Bestandteil des industriellen Prozesses. Ein schwerer Fehler, denn nur wenn man den algorithmischen Produktionsaspekt erkennt, kann man die nachfolgenden Umwälzungen innerhalb des Kapitalismus auch verstehen. Diese immanenten Umwälzungen stellen fortwährende "Mittel-Revolutionierungen" dar, überschreiten also die "Mittel-Epoche" der Produktivkraftentwicklung nicht. Als immanente Qualitätsumschläge lassen sich sie gleichfalls nach dem vorgestellten Fünfschritt untersuchen, worauf wir hier aber aus Gründen der Vereinfachung verzichten.
(18) Durch die Revolutionierung der Mittel wurden die arbeitenden Menschen zu Anhängseln an der Maschinen degradiert. Frauen und Kinder mußten von nun an in den Fabriken schuften. Anpassung an den Rhythmus der Maschine, geistige Verödung und endlose Arbeitsqual nahmen bestimmten den Alltag. Marx zitiert im Kapital eine Reihe bürgerlicher Ökonomen, die zugaben, dass diese Art der Produktion endgültig die "rebellische Hand der Arbeiter ... (nieder)zwingt". Gleichzeitig jedoch ermöglicht die Maschinerie in der großen Industrie die Entwicklung neuer Fähigkeiten der Arbeiter und muß "unter entsprechenden Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen" (Marx, 1976/1890, 514). Aber gerade die negativen Folgen dieser Produktionsweise für die Psyche der Menschen machen uns heute noch zu schaffen.
(19) Anfänge der Algorithmisierung der Produktion gibt es mit den ersten komplizierten oder kombinierten Werkzeugmaschinen. Die Übertragung der Werkzeugführung des Handwerkers auf eine Maschine vergegenständlichte sein algorithmisches Prozeßwissen. Aus der bloßen Vergegenständlichung handwerklicher Einzelprozesse wird schließlich die wissenschaftliche Bearbeitung des gesamten Produktionsprozesses, die die historische handwerkliche Arbeitsteilung vollends aufhebt:
"Dies subjektive Prinzip der Teilung fällt weg für die maschinenartige Produktion. Der Gesamtprozeß wird hier objektiv, an und für sich betrachtet, in seine konstituierenden Phasen analysiert, und das Problem, jeden Teilprozeß auszuführen und die verschiednen Teilprozesse zu verbinden, durch technische Anwendung der Mechanik, Chemie usw. gelöst..." (Marx, 1976/1890, 401).
(20) Der Fordismus, benannt nach dem Autohersteller Ford, führte die Algorithmisierung der Produktion konsequent durch. Augenfälligstes Resultat dieser Algorithmisierung war das Fließband, das bald alle Wirtschaftsbereiche als "Leitbild" bestimmte. Die Entfernung jeglicher Reste von Subjektivität der arbeitenden Menschen aus der Produktion war das Programm der Arbeitswissenschaft von Frederick W. Taylor (1911). Robert Kurz formuliert diesen Prozess in drastischer Weise so:
"Hatte die Erste industrielle Revolution des Handwerkszeug durch ein maschinelles Aggregat ersetzt, das den fremden Selbstzweck des Kapitals an den Produzenten exekutierte und ihnen jede Gemütlichkeit austrieb, so begann nun die Zweite industrielle Revolution in Gestalt der 'Arbeitswissenschaft' damit, den gesamten Raum zwischen Maschinenaggregat und Produzententätigkeit mit der grellen Verhörlampe der Aufklärungsvernunft auszuleuchten, um auch noch die letzten Poren und Nischen des Produktionsprozesses zu erfassen, den 'gläsernen Arbeiter' zu schaffen und ihm jede Abweichung von seiner objektiv 'möglichen' Leistung vorzurechnen - mit einem Wort, ihn endgültig zum Roboter zu verwandeln." (Kurz, 1999, 372).
(20.1) Arbeitswissenschaft, 29.05.2000, 22:00, Carmen Ehms: Schade, das in diesem Absatz die Awi so negativ wegkommt. Klar auf der einen Seite wird der Arb.prozess sehr detailliert dargestellt, aber auf der anderen Seite erleichtern die Studien auch bestimmte Handgriffe,Körperbewegungen und das nicht nur auf den unmittelbaren Arb.prozeß abgestimmt, und wenn es zum bequemen Schreiben im Internet ist (Mausarm).
(20.1.1) Re: Arbeitswissenschaft, 30.05.2000, 16:49, Stefan Meretz: Kurz schreibt ja über die Awi der "ersten Stunde". Gewiss, heute sind die Methoden "humaner", aber arbeiten die Gewerkschaften und die Awi mit HdA ("Humanisierung der Arbeit") nicht auch in Richtung "Verdichtung des Arbeitstages"? Ist das "bequeme Schreiben" nicht doch bloss die "Teflonpfanne" der Awi? Acht Stunden "bequem Schreiben" ist doch tödlich! Die Awi könnte ein Segen sein: Nämlich die doofe, lästige erstmal nicht abzuschaffende Arbeit erträglicher zu machen - aber NUR unter den Bedingungen der abgeschafften VERWERTUNG der Arbeit. Unter Verwertungsbedingungen schlägt sie nur allzuoft in ihr Gegenteil um...
(21) Der Mensch wurde zum vollständigen Anhängsel der Maschine, in der der von Ingenieuren vorgedachte Algorithmus des Produktionsprozesses vergegenständlicht war. Diese Produktionsweise basierte auf der massenhaften Herstellung uniformer Güter. Dem entsprachen auf der Seite der Administration die Betriebshierarchien und das Lohnsystem und gesamtgesellschaftlich der Sozialstaat. Dies war auch die hohe Zeit der organisierten Arbeiterbewegung. Ihr Bemühen um straffe Organisation, besonders in den kommunistischen Parteien, hing mit ihren Erfahrungen in der Arbeitsrealität zusammen. Eine zentrale Organisation zur Bündelung von Massen war ihr Ideal. Die einzelnen Menschen waren in der Arbeit und der politischen Organisation lediglich "Rädchen im Getriebe".
(21.1) 09.06.2000, 00:45, Rolf Köhne: Es ist zwar im Rahmen dieses Projektes nicht sonderlich wichtig, aber ich möchte zur "Ehrenrettung" der Arbeiterbewegung anmerken, daß "straffe zentrale Organisation" deshalb Ideal dieser Zeit war, weil es notwendig war. Man bedenke, daß die Frage der Organisation und der Demokratie auch eine Frage von Bildungsniveau sind - um damit eine Frage der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit.
(22) Marx hebt den Aspekt der Kooperation in der industriellen Produktion positiv hervor:
"...unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des kombinierten Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit oder Produktivkraft gesellschaftlicher Arbeit. Sie entspringt aus der Kooperation selbst. Im planmäßigen Zusammenwirken mit andern streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen." (Marx, 1976/1890, 349).
Aus der Vorstellung, dass es nicht die Arbeiter seien, die das Zusammenwirken der Arbeiter planen, sondern die Kapitalisten einzig zum Zwecke der Profitmaximierung, schlossen die kommunistischen Parteien, dass die Kapitalisten zu entmachten seien. Im positiven Marxschen Sinne stünde dann der vollen Entfaltung des Gattungsvermögens nichts mehr im Wege - ein Kurzschluss, wie sich zeigen wird (vgl. Kapitel 2).
(23) Wenn mit der fordistischen Durchstrukturierung der Gesellschaft die algorithmische Revolution vollendet wurde, wie sind dann die inzwischen gar nicht mehr so neuen Tendenzen der flexibilisierten Produktion und der "Informationsgesellschaft" zu bewerten? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass nach einem qualitativen Entwicklungsschritt, also nachdem der umgreifende Gesamtprozess auf die Erfordernisse der neuen bestimmenden Entwicklungsdimension (hier: der Algorithmisierung der Produktion) hin umstrukturiert wurde, die Entwicklung nicht stehen bleibt. Die letzte Stufe als innere Ausfaltung des neuen Systems, als Vordringen der gegebenen Entwicklungstypik in die letzten Winkel der Gesellschaft, ist erst abgeschlossen, wenn sich die inneren Entfaltungsmöglichkeiten des Systems erschöpft haben, wenn Änderungen der Rahmenbedingungen nicht mehr durch Integration und innere Entfaltung aufgefangen werden können, wenn die Systemressourcen aufgebraucht sind (vgl. Schlemm 1996).
(24) Gleichzeitig entstehen Keimformen neuer Möglichkeiten, und die Veränderung der Rahmenbedingungen, die das System selbst erzeugt, wird zusehends zur Bedrohung für das System selbst. Das alte System erzeugt selbst die Widersprüche, die es auf vorhandenem Entwicklungsniveau nicht mehr integrieren kann. Entfaltung in alter Systemlogik (Stufe 5), Herausbildung neuer Keimformen (Stufe 1) und Widerspruchszuspitzung durch selbst erzeugte systemgefährdende Widersprüche (Stufe 2) verschränken sich also. In einer solchen Situation befinden wir uns gegenwärtig, und von hier aus kann man auch die Integrationsversuche der Widersprüche in alter Systemlogik bewerten.
(25) Das System "totaler Algorithmisierung", die Massenproduktion, die gleichartige Massenbedürfnisse befriedigt, wurde von Marcuse (1967) zutreffend als "eindimensionale Gesellschaft" bezeichnet, die den "eindimensionalen Menschen" hervorbringt. Der Kapitalismus ist mit dem Herausdrängen der Subjektivität aus der Produktion, mit der algorithmischen Vorwegnahme jedes Handgriffes vom Anfang bis zum Ende der Produktion in eine Sackgasse geraten. Fordistische Produktion ist zu starr. Als sich die Zyklen von Massenproduktion und Massenkonsum erschöpft hatten, und ab Mitte der Siebziger Jahre zyklisch Verwertungskrisen einsetzten, begann die innere gesellschaftliche Differenzierung. Nur wer die Produktion flexibel auf rasch ändernde Bedürfnisse einstellen konnte, bestand in den immer kürzeren Verwertungszyklen. Die flexible Produktion vergrößerte den individuellen Möglichkeitsraum und trieb so die Individualisierung voran. Gleichzeitig werden fordistische Errungenschaften wie die sozialstaatlichen Absicherungen abgebaut und immer mehr Menschen aus den Verwertungszyklen ausgegrenzt ("Arbeitslosigkeit"). Nicht nur ökologisch gesehen zehrt das Verwertungssystem seine eigenen Grundlagen langsam auf.
Zwei Auswege werden versucht, und beide Versuche werden uns auf der EXPO als große Lösungen der Menschheitsprobleme präsentiert. Die erste Variante ist ein technologischer Ansatz, mit dem versucht werden soll, die Starrheit der fordistisch durchalgorithmisierten Produktion aufzulösen. Die zweite Variante besteht Re-Integra-tion der menschlichen Subjektivität in die Produktion. Beide Ansätze bedingen einander und werden im folgenden dargestellt.
(26) Der Toyotismus, benannt nach dem Autohersteller Toyota, versucht als Ausweg die Flexibilität als Merkmal in der Produktion algorithmisch zu vergegenständlichen, er algorithmisiert die Algorithmisierung selbst. Anders als zur Zeit des Fordismus wird nicht bloß der gedachte Produktionsablauf exakt festgelegt und in Formen von Maschinen und starrer Arbeitsorganisation und Hierarchien "gegossen", sondern es wird die Möglichkeit der Änderbarkeit des Ablaufes, die Manigfaltigkeit der möglichen Einsätze der Werkzeugmaschinen, die Modulariät der Einheiten in der Fließfertigung bereits vorweggenommen und als Merkmal in der Produktion realisiert.
Diese Algorithmisierung in neuer Größenordnung ist eng verbunden mit dem Übergang von der Hardwareorientierung (die Maschine als vergegenständlichter analoger Algorithmus) zur Softwareorientierung und damit Digitalisierung, also mit der Trennung von Prozeßmaschine und Algorithmusmaschine. Die separierte Algorithmusmaschine ist der Computer, die Algorithmen steuern als Software die flexiblen Prozeßmaschinen. Die Bedeutung des informationellen Anteils in der Produktion wächst beständig, Computer dringen in alle Bereiche vor, die der Produktion vor- und nachgelagert sind. Die informationelle Integration von der Bestellung über das Internet bis zur Auslieferung und Abrechnung der Ware ist das große Ideal.
Auslöser dieses Entwicklungsschubes sind die veränderten Marktanforderungen. Den Profit können nurmehr diejenigen sicherstellen, die in kurzer Zeit auf geänderte Marktanforderungen reagieren können. Nicht die Fähigkeit zur massenhaften Produktion eines nachgefragten Produkts überhaupt entscheidet (wie im Fordismus), sondern die Fähigkeit zur Realisation dieser Anforderung innerhalb kürzester Zeit. Dieser technologische Ausweg ist sehr begrenzt, er nimmt jedoch auf der EXPO breiten Raum ein. Mit dem Postulat des Entstehens einer Informationsgesellschaft werden Lösungen versprochen, die zahlreiche globale Probleme endlich beseitigen sollen. Doch dieses Postulat ist weder neu noch real, sondern entlarvt sich inzwischen auch in der Praxis als ideologische Konstruktion (vgl. Meretz 1996).
Der zweite Ansatz der Wiedereinbindung menschlicher Subjektivität in die Produktion ist besonders interessant, denn er steht für die generelle Möglichkeit einer neuen Qualität der Produktivkraftentwicklung. Die Vertreter des Kapitals haben das erkannt - und versuchen die darin liegenden Potenzen im kapitalistischen Sinne der Verwertungslogik unterzuordnen. Das wird im nächsten Kapitel behandelt.
1.3. Die "Menschen-Epoche": Entfaltung des Menschen an und für sich
Nach agrarischer und industriell-technischer Produktivkraftentwicklung bleibt eine Dimension im Verhältnis von Mensch, Natur und Mitteln, die noch nicht Hauptgegenstand der Entfaltung war, und das ist der Mensch selbst. Doch der Mensch ist definitionsgemäß bereits "Haupt-pro-duktivkraft", soll er sich nun "selbst entfalten" wie er die Nutzung von Natur und Technik entfaltet hat? Ja, genau das! Bisher richtete der Mensch seine Anstrengungen auf Natur und Mittel außerhalb seiner selbst und übersah dabei, dass in seiner gesellschaftlichen Natur unausgeschöpfte Potenzen schlummern. Diese Potenzen waren bisher durch Not und Mangel beschränkt oder die Einordnung in die abstrakte Verwertungsmaschinerie kanalisiert. Sie freizusetzen, geht nur auf dem Wege der unbeschränkten Selbstentfaltung jedes einzelnen Menschen.
(26.1) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 19.05.2000, 17:33, Bernd Binder: Ich sehe da einen Widerspruch (einen formalen, keinen dialektischen ;-)): Hier schreibt ihr dass: "... Diese Algorithmisierung in neuer Größenordnung ist eng verbunden von der Hardwareorientierung zur Softwareorientierung und damit Digitalisierung, also mit der Trennung von Prozeßmaschine und Algorithmusmaschine. ..." Das wuerde bedeuten, in der Heutigen Zeit (um die Jahundertwende) vollzieht sich diese Trennung von Prozeßmaschine und Algorithmusmaschine. Weiter oben im Absatz 14 und 15 heisst es aber zur Trennung von Prozeßmaschine und Algorithmusmaschine: ... "Die große Industrie trennt und entsubjektiviert diese Bestandteile ..." ^^^^^^ Die grosse Industrie hat (bei Marxens Zeiten) zwar die Energiemaschine und die Werkzeugmaschine getrennt oder arbeitsgeteilt, aber die zwangslaeufig! nachfolgende Trennung von Prozessmaschine und Werkzeugmaschine laeuft erst heutzutage sichtbar ab. Ich denke hier im Absatz ist es richtig formuliert und oben im "Absatz 15" muss man genauer erklaeren, oder? erklaeren ist es richtig von
(26.1.1) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 19.05.2000, 17:59, Stefan Meretz: Bei (15) steht "Die große Industrie trennt und entsubjektiviert diese Bestandteile _sukzessive_ ...", also nach und nach - eben bis heute. Aber Du hast Recht, es ist etwas undeutlich und sollte klarer formuliert werden.
(26.2) Re: ACHTUNG: Absatz verrutscht, 19.05.2000, 17:55, Stefan Meretz: Iihh, hier ist die Überschrift "1.3. Die "Menschen-Epoche": Entfaltung des Menschen an und für sich" und der nachfolgende Absatz in den vorhergehenden Absatz gerutscht. Nur als Hinweis...
(26.3) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 09.06.2000, 01:34, Rolf Köhne: Mit dem Wechsel vom Fordismus zum Toyotismus vollzieht sich noch etwas anderes: die Umkehrung des Informationsflußes. In der Fordistischen Fabrik muß eine Zentrale den Arbeitsprozess vorbereiten und an die einzelnen Produktionsabteilungen die die Produktionsbefehle quasi paralell zum Produktfluß aussenden - vom Einzelteil bis zur Endmontage. Im Toyotismus ist es im Idealfall genau umgekehrt. Die Zentrale gibt nun den Produktionsbefehl als Ganzes an die Endmontage. Diese weiss selbst, welche Teile sie dazu braucht und gibt ihrerseits die nötigen Einzelteile in Auftrag. Dieser Sachverhalt ist deshalb wichtig, weil er eine andere Form Gesellschaftlicher Produktion möglich macht. Die Entmachtung der Konzrnzentralen vorausgestzt, könnte die Summe aller Konsumenten nun entsprechend ihres Bedarf die Produktion bestellen. Diese Bestellung wird dann immer weiter aufgeglidert bis über die Einzelteile hinaus, sodaß am Ende eine Auflistung der verschiedenen Arbeiten entsteht, die die Summe der Konsumenten nun als Produzenten zu erledigen hat. Zusammengefasst: Mit dem Toyotismus wird eine Bedarfsgesteuerte Produktin ohne Planungszentrale technisch/organisatorisch möglich und damit Kapitalismus wirklich überwindbar.
(26.3.1) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 09.06.2000, 16:29, Stefan Meretz: Das sehe ich auch so. Wichtig finde ich hierbei zweierlei: Toyotismus ist sozusagen ein Programm, keine erreichte Realität (wie du sie z.B. beschreibst). Es ist (leider) auch zweitens nicht so, dass "wir" (whoever) nur einfach die "Macht" übernehmen müssten (Konzernzentralen entmachten), und dann läuft die Sache in Prinzip schon. So wirds nicht gehen, solange die dominante Vergesellschaftungsform über den Wert nicht aufgehoben wird (siehe Kap. 2).
(26.3.1.1) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 14.06.2000, 01:24, Rolf Köhne: Erstens. Natürlich ist Toyotismus ein Prozess; etwas, das sich entwickelt. Ich sprach deshalb auch vom Idealfall. Zweitens. Ich schrieb "die Entmachtung der Konzernzentralen vorausgesetzt", also von einer notwendigen, aber keinesfalls hinreichenden Bedingung. Drittens. Die hinreichende Bedingung ist die "Produktion auf Bestellung". Mit ihr wird die höchst mangelhafte Vergesellschaftungsform der Warenproduktion über den Wert aufgehoben. Damit dies verständlich wird, scheint mir ein längerer Kommentar erforderlich. Warenproduktion: Ich muß mir (z.B. als selbstständiger Produzent) überlegen, was andere gebrauchen können, um im Austausch das zu erwerben, was ich selbst haben will. Dies ist eine mangelhafte Vergesellschaftung, weil ich eben nicht genau weiss, ob meine Überlegungen richtig sind; und vor allem auch nicht genau weiss, wie viele andere die gleiche Produktionsidee haben. Ich befinde mich also in einer Situation der Konkurrenz. Die notwendige Konsequenz dieser Unsicherheit ist die Vergesellschaftung über den Wert. Kapitalistische Warenproduktion verschärft dieses Problem noch zusätzlich, weil einerseits die Existenz der Lohnarbeitenden davon abhängt, ob ihre Arbeitskraft zur Kapitalverwertung gebraucht wird und andererseits der Konkurrenzkampf zur minimierung der Lohnarbeit zwingt. Produktion auf Bestellung Die Alternative zur Warenproduktion ist "Produktion auf Bestellung", wie sie als Keimform bereits hervorgeracht wurde. Ich bestelle nun, gegen die Verpflichtung, äquivalente Arbeit zu leisten, das, was ich selbst brauche. Aus der Gesamtsumme aller Bestellungen wird die notwendige Gesamtarbeit errechnet. Ich verständige mich nun mit anderen über die Arbeitsteilung und komme meiner eingeganenen Arbeitsverpflichtung nach. Die Unsicherheit der Warenproduktion ist weg, die Vergesellschaftung der Produktion ist nun direkt. Es wird nicht mehr getauscht, es wird die Arbeitsteilung bewußt organisiert. Der Wert löst sich auf in die Tatsache, daß die Produktion einer Waschmaschine mehr Arbeit erfordert als die eines Brötchens. Mit der Unsicherheit verschwindet auch die Konkurrenz, den meine eigene Existenz ist nur noch von meiner eigenen Arbeitsfähigkeit abhängig. Damit hat das, was im nächsten Abschnitt beschrieben wird -Selbstentfaltung- erst eine materielle Basis.
(26.3.1.1.1) Re: Toyotismus: Die zweite algorithmische Revolution, 20.06.2000, 12:55, Stefan Meretz: Ideen für eine "Produktion auf Bestellung" haben wir indirekt in dem Zitat von Fuchs in Abs. (75) drin. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das "hinreichend" ist. Richtig finde ich, dass den neuen Kommunikationsmittel, zu denen natürlich weltweit jede und jeder kostenfreien Zugang braucht, eine entscheidende Rolle bei der Ermittlung des gesamtgesellschaftlichen Bedarfes zukommt. So was - in verwertungsimmanent verzerrter Form - gibt heute schon bei Firmen wie Doubleklick, die versuchen aus dem Surfverhalten Informationen über das "individuelle Kundenprofil" zu ziehen. Womit ich meine Probleme habe, ist die "Arbeitspflicht", sprich die Seite der Produktion. Selbstentfaltung und Arbeitspflicht schliessen sich m.E. aus. Ich muss frei sein, mich auch gegen eine Arbeit(sverpflichtung) zu entscheiden, und trotzdem muss meine Reproduktion gesichert sein - alles andere fände ich unmenschlich. Bricht dann alles zusammen, weil alle auf der faulen Haut liegen? Auf so einen Gedanken kann man nur kommen, weil hier und heute Arbeit eben nur in entfremdeter Form gedacht wird, der sich jede/r am liebsten entziehen möchte (ich auch!). Zur menschlichen Spezifik gehört es aber gerade nicht, auf der faulen Haut zu liegen, sondern seine Persönlichkeit zu entfalten, über seine eigenen Angelegenheiten selbstbestimmt entscheiden zu können und genussvoll zu leben. Unter unseren beschissenen Bedingungen geht das nicht und deswegen werden tausend verbogene Formen entwickelt, die letztlich alle unbefriedigend sind. Mehr dazu zu Abs. (56.1).
(27) Der Begriff der Selbstentfaltung darf dabei nicht mit dem öfter gebrauchten Begriff der "Selbst-verwirklichung" verwechselt werden. Es geht nicht darum, eine persönliche "Anlage" oder "Neigung" in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des Menschen: Wenn es "wirklich" geworden ist, dann war's das. Entfaltung bedeutet demgegenüber schrittweise und kumulative Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur im gesellschaftlichen Kontext. Selbstentfaltung geht niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen notwendig voraus, da sonst meine Selbstentfaltung begrenzt wird. Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese kumulative gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich beschränkt nur auf Kosten anderer "verwirklichen" kann, total zuwider.
(28) Dennoch haben die Sachwalter des Kapitals als Exekutoren der Wertverwertungsmaschine erkannt, dass der Mensch selbst die letzte Ressource ist, die noch qualitativ unentfaltete Potenzen der Produktivkraftentwicklung birgt. In seiner maßlosen Tendenz, alles dem Verwertungsmechanismus einzuverleiben, versucht das Kapital auch diese letzte Ressource auszuschöpfen. Die Methode ist einfach: Die alte unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten qua Verfügung über die Produktionsmittel zukam, wird ersetzt durch den unmittelbaren Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen weitergeleitet wird. Sollen doch die Individuen selbst die Verwertung von Wert exekutieren und ihre Kreativität dafür mobilisieren - bei Gefahr des Untergangs und mit der Chance der Entfaltung. Wilfried Glißmann, Betriebsrat bei IBM in Düsseldorf, beschreibt den Mechanismus so:
"Die neue Dynamik im Unternehmen ist sehr schwer zu verstehen. Es geht einerseits um 'sich-selbst-organisierende Prozesse', die aber andererseits durch die neue Kunst einer indirekten Steuerung vom Top-Management gelenkt werden können, obwohl sich diese Prozesse doch von selbst organisieren. Der eigentliche Kern des Neuen ist darin zu sehen, daß ich als Beschäftigter nicht nur wie bisher für den Gebrauchswert-Aspekt, sondern auch für den Verwertungs-Aspekt meiner Arbeit zuständig bin. Der sich-selbst-organisierende Prozeß ist nicht anderes als das Prozessieren dieser beiden Momente von Arbeit in meinem praktischen Tun. Das bedeutet aber, daß ich als Person in meiner täglichen Arbeit mit beiden Aspekten von Notwendigkeit oder Gesetzmäßigkeit unmittelbar konfrontiert bin. Einerseits mit den Gesetzmäßigkeiten im technischen Sinne (hinsichtlich der Schaffung von Gebrauchswerten) und andererseits mit den Gesetzmäßigkeiten der Verwertung. Ich bin als Person immer wieder vor Entscheidungen gestellt. Die beiden Aspekte zerreißen mich geradezu, und ich erlebe dies als eine persönlich-sachliche Verstrickung." (Glißmann 1999, 152)
(29) Nun verschleiert die Aussage, vor dem toyotistischen Umbruch nichts mit der Verwertung zu tun gehabt zu haben, sicher die realen Verhältnisse. Richtig ist aber, dass nach dem Umbruch die bisher nur mittelbare Marktkonfrontation einer unmittelbaren gewichen ist. So wie sich die Wertverwertung gesamtgesellschaftlich "hinter dem Rücken" der Individuen selbst organisiert, ausgeführt durch das "personifizierte Kapital" [1], die Kapitalisten (Manager etc.), so werden nun die Lohnabhängigen selbst in diesen Mechanismus eingebunden. Resultate dieser unmittelbaren Konfrontation mit dem Verwertungsdruck sind annähernd die gleichen wie zu Zeiten der alten Kommandoorganisation über mehrere Hierarchieebenen: Ausgrenzung vorgeblich Leistungsschwacher, Kranker, sozial Unangepasster, Konkurrenz untereinander, Mobbing, Diskrimination von Frauen etc. - mit einem wesentlichen Unterschied: Wurde vorher dieser Druck qua Kapitalverfügungsgewalt über die Kommandostrukturen im Unternehmen auf die Beschäftigten aufgebaut, so entwickeln sich die neuen Ausgrenzungsformen nahezu "von selbst", d.h. die Beschäftigen kämpfen "jeder gegen jeden". In der alten hierarchischen Kommandostruktur war damit der "Gegner" nicht nur theoretisch benennbar, sondern auch unmittelbar erfahrbar. Gegen das Kapital und seine Aufseher konnten Gewerkschaften effektiv Gegenmacht durch Solidarität und Zusammenschluß organisieren, denn die Interessen der abhängig Beschäftigten waren objektiv wie subjektiv relativ homogen. In der neuen Situation, in der die Wertverwertung unmittelbar und jeden Tag an die Bürotür klopft, sind Solidarität und Zusammenschluß unterminiert - gegen wen soll sich der Zusammenschluß richten? Gewerkschaften und Marxismen ist der Kapitalist abhanden gekommen! War die alte personifizierende Denkweise und entsprechende Agitationsform schon immer unangemessen, schlägt sie heute erbarmungslos zurück. Nicht mehr "der Kapitalist" (oder "das Kapital" oder "der Boss") ist der Gegner, sondern "der Kollege" oder "die Kollegin" nebenan. Die IBM-Betriebsräte nennen das "peer-to-peer-pressure-Mechanismus" (Glißmann 1999, 150).
(30) Menschliches Leben basiert auf dem Stoffwechsel mit der Natur. Durch Arbeit unter Nutzung von Mitteln betreibt der Mensch diesen Stoffwechsel. Historisch verläuft diese Stoffwechselbeziehung des Menschen zur Welt in qualitativ unterscheidbaren Epochen ab. Jeweils ein Aspekt des Mensch-Natur-Mittel-Verhältnisses steht in den Epochen im Mittelpunkt der Entfaltung, jede nachfolgende Epoche baut auf dem Entwicklungsgrad der vorhergehenden Epoche auf. In den agrarischen Gesellschaften dominiert der Naturaspekt, in den Industriegesellschaften steht das Mittel im Zentrum, und die zukünftige Gesellschaft wird durch die volle Entfaltung der menschlichen Subjektivität, wird durch die Selbstentfaltung des Menschen bestimmt sein. Diese Entwicklungsrichtung der Selbstentfaltung des Menschen wird von den Kapitalvertretern gesehen. Sie versuchen die "Ressource Mensch" unter die Bedingung der kapitalistischen Vergesellschaftung zu stellen. Vergesellschaftung - ein neuer Begriff ist gefallen. Er spielt im nächsten Kapitel die Hauptrolle.
(31) Mit dem Begriff der Produktivkraftentwicklung haben wir die ökonomische Entwicklung als Ganze erfasst. Welche Rolle spielen aber die Einzelnen in diesem Prozess, wie werden die gesamtgesellschaftlichen Strukturen individuell vermittelt, wer bestimmt über den Gesamtprozess, wer herrscht? Um diesen Fragen näher zu kommen, müssen wir den Begriff der Vergesellschaftung einführen. Wie wir sehen werden, bedingen sich Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftung.
(32) Schon der Begriff der "Gesellschaft" ist unanschaulich, denn "Gesellschaft" kann man nicht sehen oder anfassen. Gesellschaft ist ein rekonstruktiver Begriff, der im Denken einen realen, aber unanschaulichen Sachverhalt fassen soll. Gesellschaft ist der überindividuelle Zusammenhang, der das Leben jedes Einzelnen vermittelt. Gesellschaft ist damit mehr als bloße Geselligkeit oder Sozialität, die Gesellschaft ist der unabhängig von konkreten Individuen selbstständig funktionsfähige Zusammenhang, der durchschnittlich von diesen Individuen geschaffen wird, ja werden muss, da er sonst ja nicht existieren würde. Diese eigentümliche Eigenschaft der Gesellschaft, die einerseits allgemein von Individuen geschaffen werden muss, andererseits aber von konkreten Individuen unabhängig ist, bestimmt die charakteristische Beziehung des einzelnen Menschen zur Gesellschaft. Da die Gesellschaft auch ohne mein unmittelbares Zutun funktioniert, habe ich grundsätzlich eine Möglichkeitsbeziehung zur Realität. Es gibt keinen Sachverhalt, der mein Handeln unmittelbar determiniert. Ich kann handeln, muss es aber nicht oder kann auch anders handeln. Diese gesellschaftliche Natur mit der eingeschlossenen grundsätzliche Möglichkeits- oder Freiheitsbeziehung zur Welt kommt nur den Menschen zu!
(33) Wenn nun aber das Handeln der Menschen nicht unmittelbar "ausgelöst" werden kann, wie erhält sich dann die Gesellschaft? Wie kommt es zu den "durchschnittlich" notwendigen Beiträgen der Einzelnen? Der Grund ist die Tatsache, dass niemand sein Leben ungesellschaftlich reproduzieren kann. Die individuelle Existenz ist grundsätzlich immer gesellschaftlich vermittelt. Die Herstellung des Vermittlungszusammenhangs zwischen Individuum und Gesellschaft nennt man nun Vergesellschaftung. Und wie kann es anders sein, auch die Form der Vergesellschaftung, wir nennen das Vergesellschaftungsmodus, hat sich historisch qualitativ verändert. Der Vergesellschaftungsmodus beschreibt sozusagen den grundsätzlichen Handlungsrahmen, in dem die Individuen ihr individuelles Leben durch Beteiligung an der gesellschaftlichen Reproduktion erhalten. War die Beschreibung der Produktivkraftentwicklung der inhaltliche Aspekt menschlicher Gesellschaftsgeschichte, so erfasst der Vergesellschaftungsmodus die Formseite des gleichen Prozesses. Die Geschichte als Geschichte der Produktivkraftentwicklung ist also eigentlich erst wirklich verstehbar, wenn man die Form, innerhalb derer sie sich entfaltet, rekonstruiert. Das wollen wir jetzt tun.
(34) In den agrarischen Gesellschaften der "Natur-Epoche" wurde die Vergesellschaftung über personale Abhängigkeitsbeziehungen reguliert. Der Sklave war Besitz des Sklavenhalters, der Fron-Bauer arbeitete zu großen Teilen für "seinen" Feudalherrn oder seinen Pfaffen. Dies bedeutet nicht, dass die Abhängigen den Herrscher auch persönlich kennen mussten, aber es war klar, zu wem sie "gehörten". Auch die nicht-herrschaftsförmigen Beziehungen innerhalb der bäuerlichen Gemeinde waren personal strukturiert. Allein die regionale Begrenztheit bäuerlichen Handelns aufgrund fehlender oder unerschwinglicher Transportmittel erklärt die sprichwörtliche "Beschränktheit" und "Enge" des bäuerlichen Daseins. Entsprechend war auch die Produktion neben der Erfüllung der abgepressten Fron an den konkreten Bedürfnissen der dörflichen Gemeinschaften orientiert. Ein abstraktes Anhäufen von Reichtum war weder gewollt noch möglich, gute Ernten wurden direkt in höheren Lebensgenuss und ausgedehntere Muße umgesetzt. Entsprechend der personal vermittelten Struktur der Gesellschaft und der am Gebrauchswert der Dinge orientierten Produktionsweise kann man die Mensch-Natur-Mittel-Beziehung bei der Produktion der Lebensbedingungen als personal-konkrete Produktivkraftentwicklung bezeichnen.
(35) Mit dem Einsetzen der "Mittel-Epoche" und dem Aufstieg des Kapitalismus änderte sich der Vergesellschaftungsmodus vollständig. Mit Gewalt wurden alle personal strukturierten Beziehungen zerschlagen und durch einen abstrakten Vergesellschaftungsmodus ersetzt. Aus dem Bauern wurde der "doppelt freie" Lohnarbeiter, "frei" von Boden und "frei", seine Arbeitskraft zu verkaufen. Aus dem ursprünglichen Schatzbildner, dem Händler oder feudalen Räuber, wurde der Warenproduzent, der Kapitalist. Zu Recht nennt man diese Raubphase, die der Entfaltung des Kapitalismus vorausging, nicht nur die "sogenannte ursprüngliche Akkumulation" (Marx 1976/1890, 741), sondern auch "ursprüngliche Expropriation" (Lohoff, 1998, 66), da die Menschen von allen Mitteln "enteignet" wurden, die ihnen eine kapitalis-mus-unabhängige Grundversorgung bot. Das "Bauernlegen" in England ist legendär. In Indien brachen die englischen Kolonialisatoren den Webermeistern die Finger, damit sich englische Kleidung auf dem indischen Subkontinent durchsetzen konnte.
(35.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 23:06, Stefan Merten: Ja, ja, es geht nochmal um das personal-konkrete, das wir schon auf der Oekonux-Liste hatten. Irgendwie habe ich damit immer noch ein Problem. "Mit Gewalt wurden alle personal strukturierten Beziehungen zerschlagen und durch einen abstrakten Vergesellschaftungsmodus ersetzt." Als ob der vorherige Vergesellschaftungsmodus nicht auch abstrakt gewesen wäre. Ein Feudalsystem hat mit seiner Hierarchie und seinen (religiösen) Regeln doch auch einen ziemlichen Abstraktionsgrad - oder nicht? Und in wie weit der Zehnt personal-konkreter ist als die Einkommenssteuer, das finde ich auch noch nicht genügend geklärt.
(35.1.1) Feudalismus personal-konkret?, 22.06.2000, 17:10, Stefan Meretz: Vielleicht ist es ist es hier zu undeutlich geblieben: Zwischen die Menschen trat ein von den Menschen absehender (-abstrakter), sachlicher Mechnismus der Vergesellschaftung, nämlich der Wert, vulgo das Geld. Es ist _nicht_ die Frage, ob es nicht vorher auch schon Geld gab oder Arbeitsteilung oder religiöse Regeln, die Frage ist, worüber die _Vergesellschaftung_ reguliert wurde. Das war vor dem Kapitalismus nicht der Wert (die Mehrheit der Bevölkerung hatte kein Geld), sondern über per Zwang regulierte personal-konkrete Abhängigkeiten. Der Sklave "gehörte" einem "Halter" - auch wenn er ihn nie gesehen hatte. Der Bauer hatte den Zehnten an seinen Fürsten oder Pfaffen abzuliefern - auch wenn er ihn nie zu Gesicht bekam. Die Handwerkertätigkeit wurde über Zünfte geregelt - was anderes als personal-konkrete Regel sind das sonst? Der Kapitalismus hat mit diesem ineffizienten "persönlichen" Beziehungsgeflecht aufgeräumt, denn das Geld reguliert effizienter, weil es gegenüber den Subjekten gleichgültig ist.
(36) Wie aber funktioniert diese abstrakte Vergesellschaftung? Die Grundlagen dafür hat Karl Marx im Kapitel "Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheim-nis" des "Kapital" aufgedeckt. Im Feudalismus waren die gesellschaftlichen Verhältnisse durch persönliche Abhängigkeiten bestimmt. Die Arbeitsprodukte gehen in ihrer konkreten, in ihrer Naturalform in die gesellschaftliche Reproduktion ein. Entsprechend charakterisiert Marx die Arbeit:
"Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der Warenproduktion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar gesellschaftliche Form." und: "...die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte." (Marx 1976/1890, 91f)
Die Besonderheit, die Konkretheit, die Nützlichkeit der Dinge bestimmt die Arbeit, und die bestimmt die gesellschaftlichen Verhältnisse als "persönliche Verhältnisse" [3].
(37) Anders im Kapitalismus, hier sind persönliche Verhältnisse "verkleidet" in Verhältnisse von Sachen. Wie ist das zu verstehen? Im Kapitalismus wird nicht auf direkte Verabredung des gesellschaftlichen Bedarfs produziert, sondern in Form "voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten" (Marx 1976/1890, 87). Diese Produkte werden dann im Tausch einander als Werte gleichgesetzt, was bedeutet, sie als geronnene Arbeitszeiten gleichzusetzen. Die Produkte werden entsinnlicht, ihre jeweilige Besonderheit, Konkretheit und Nützlichkeit interessiert nicht mehr, es interessiert nurmehr der Wertinhalt. Damit wird die Arbeit nicht mehr durch die Besonderheit, Konkretheit und Nützlichkeit bestimmt, sondern einzig durch die Tatsache, dass sie Wert vergegenständlicht. Der Wertvergleich, also Vergleich von Arbeit(szeit) auf dem Markt ist ein sachliches, von der Konkretheit der Dinge abstrahierendes Verhältnis. In dieses "Verhältnis der Sachen" sind die persönlichen Verhältnisse "verkleidet", sie bestimmen alle gesellschaftlichen Verhältnisse. Marx faßt das in einem Satz so zusammen:
"Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte." (Marx 1976/1890, 86).
(38) Die Herstellung von gesellschaftlichen Beziehungen als Beziehungen von Sachen erhält seine subjektlose Dynamik durch die Selbstverwertung von Wert in der Konkurrenz. Wert "ist" nur Wert, wenn er Kapital wird, wenn der Wert sich auf dem Markt auch wirklich realisiert, wenn er auf Wert in Geldform trifft und in Kapital umgewandelt wird, wenn er die Konkurrenz um das beschränkte Geld auf dem Markt gewinnt. Die Verwertung von Wert ist dauerhaft nur sichergestellt, wenn Wert zu Kapital wird, um die nächste Runde des Warenzirkulation anzutreiben. Das Kapital ist Ausgangs- und Endpunkt einer sich stetig steigernden Spirale der Selbstverwertung von Wert in der Konkurrenz:
"Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist ... Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos." (Marx 1976/1890, 167)
(39) Die Wertabstraktion, die Verdinglichung menschlicher Beziehungen, hat verschiedene Erscheinungen: als Ware, als Geld, als Lohn. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse sind damit der Vermittlung durch den Wert unterworfen, so auch die Arbeit und die Produktivkraftentwicklung. Wir sprechen daher für die "Mittel-Epoche" von entfremdeter Produktivkraftentwicklung. Die abstrakte Vergesellschaftung über den Wert ist der klassische Fall einer "sich selbst organisierenden Bewegung". Diese Selbstorganisation des Werts ist selbst subjektlos, mehr noch, sie unterwirft jedes Subjekt unter seine maßlose Bewegung. Damit tritt die Gesellschaft den Menschen - obschon von ihnen geschaffen - als Fremde gegenüber:
"Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren." (Marx 1976/1890, 89)
(39.1) 18.04.2000, 18:47, Petra Haarmann: Ein Subjekt (die/der/das Unterworfene) entsteht überhaupt erst durch das Herrschaftsverhältnis. Die Wertform-Organisation macht uns zu Subjekten, also Untertanen. Die Jurisprudenz beschreibt dies - ganz offizielle Staatslehre schon für Anfänger im Rahmen des "kleinen öffentlichen Scheins" ohne Umschweife. Das Verhältnis von Gesellschaft (hier: Staat) und Mensch bestimmt sich nach der Subjunktionstheorie (Unterwerfungsverhältnis-Theorie), wobei der Einzelne der Beherrschte und das System in Form des Subsystems "öffentliches Recht" der Herrscher ist. Subjekt-Charakter eines Menschen wird also erst durch die konkrete Einflußnahme des Systems erzeugt. Meines Erachtens sollte statt "Subjekt" der Begriff Mensch oder Individuum gewählt werden. Subjekt erscheint mir nur dann richtig, wenn es um die Beschreibung der konkreten Auswirkung der gegenwärtigen Vergesellschaft geht.
(39.1.1) 19.04.2000, 11:26, Annette Schlemm: Recht vielen Dank für diesen Hinweis auf eine Quelle des Mißverständnisses: Das Wort Subjekt bedeutete in der Vorscholastik tatsächlich "das Daruntergeworfene, Darunterliegende". In diesem Sinne hat es vielleicht die Jurisprudenz bis heute übernommen. Das meinen wir jedoch damit nicht. Wir beziehen uns auf die neuzeitliche Bedeutung. Dabei verschob sich seine Bedeutung in Richtung: Substrat, Träger von etwas und spätestens seit Leibnitz und Kant wird das menschliche Subjekt i.a. als Träger von Bewußtsein als denkendes und erkennendes Ich verstanden. Für uns ist das Subjekt vor allem dadurch gekennzeichnet, daß es sich zu seinen eigenen Lebensgrundlagen bewußt verhält, d.h. ihnen nicht nur passiv unterworfen ist. Das ist eng verbunden mit der spezifisch menschlichen Fähigkeit, die jeweils historisch konkreten objektiven Lebensbedingungen auch zu überschreiten zu können. Der Mensch ist als Subjekt seiner objektiven "Bedingtheit" immer "ein Stück voraus", wie Klaus Holzkamp (s. Literatur) schreibt. Richtig ist deshalb: Das menschliche Subjekt entsteht als gesellschaftliches Wesen - aber nicht unbedingt nur "durch das Herrschaftsverhältnis", sondern historisch konkret bestimmte gesellschaftliche Bedingtheit (auch ohne Herrschaft). Es ist aber durch diese Bedingtheit nicht eindeutig bestimmt und festgelegt. Er hat außer der ersten Möglichkeit, sich zu unterwerfen und anzupassen, auch immer die zweite Möglichkeit, das Gegebene gedanklich oder durch Bedingungsveränderung real zu überschreiten. Dies i.a. nicht als einzelnes "Individuum" (deshalb wählen wir nicht dieses Wort), sondern im Rahmen seiner Gesellschaftlichkeit.
(40) Es schien eine Befreiung zu sein, die persönlichen Abhängigkeiten des Feudalismus zu verlieren. Allerdings erkaufte man sich dies mit einer "ordnenden, aber unsichtbaren Hand" (Adam Smith) für die Gesellschaftsorganisation. Es entstanden sachliche Mächte, vorwiegend auf den "Märkten", denen gegenüber alle Menschen gleich sein sollten:
"Da die Verallgemeinerung von Geldbeziehungen aber nur durch die Konstitution anonymer, großräumiger Märkte möglich war, mußte sie zusammen mit der Tendenz zur totalen Vereinzelung durch die Tendenz zur totalen Konkurrenz bringen. Denn der anonyme, sozial unkontrollierte Vergleich der Waren weit voneinander entfernter Produzenten, die in keinerlei kommunikativer Beziehung mehr zueinander stehen, entfesselt das sogenannte 'Gesetz von Angebot und Nachfrage': Die Waren müssen über den Preis miteinander konkurrieren, und somit unterliegt auch die Produktion dem stummen Zwang der Konkurrenz. Das bedeutet, daß der gesellschaftliche Zusammenhang der 'vereinzelten Einzelnen' nur noch negativ durch die ökonomische Konkurrenz hergestellt wird." (Kurz 1999, 36).
(41) Geld als Kapital löst alle alten Gemeinwesen auf, vereinzelt die Menschen und wird stattdessen zum sachlichen "realen Gemeinwesen" (Marx 1983/1857, 152). Nicht mehr der Gebrauchswert der Ware oder auch der Geldschatz stehen im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern der Wert selbst wird "automatisches Subjekt" (Marx 1976/1890, 169). Die Versachlichung schleicht sich auch in das Leben selbst. Das Kapital als herrschende Sache "existiert ... in Verfahrensabläufen, objektiven Produktionsabläufen und materialisiert in Konzernpalästen, Autobahnen, Fernsehern, Raketen, Doseneintopf." (Pohrt 1995, 122f).
(42) Auch die Art der Arbeit hat sich komplett gewandelt. War sie vor dem Kapitalismus primär auf die konkret-sinnliche Produktion von Gebrauchswerten ausgerichtet, die dazu dienten, das Leben zu sichern und angenehmer zu gestalten, so ist sie im Kapitalismus nurmehr abstrakte Arbeit für Geld. Was produziert wird, ist irrelevant, die Arbeit hat mit einem besseren Leben nichts mehr zu tun. Erst über den Umweg des Geldes sind Güter zugänglich, die gewissermaßen als "Abfallprodukt" der abstrakten Verwertung von Wert auf der Grundlage der von anderen geleisteten abstrakten Arbeit "anfallen". Der Konsum, ein besseres Leben, ist und war immer nur zufälliges Nebenprodukt der Verwertung abstrakter Arbeit. Dies wird heute umso deutlicher, da die Produktion von Waren mit einem besseren Leben immer weniger zu tun hat. Die Qualität der Produkte sinkt, die Zerstörungen, die bei ihrer Herstellung angerichtet werden, stehen in keinem Verhältnis mehr zu ihrem Nutzen - die Milch, die erst vier Länder bereist, um endlich als Joghurt auf unserem Tisch zu landen, mag die Absurdität dieser Produktionsweise illustrieren.
(43) Lange Zeit sah man in der Ungerechtigkeit der ungleichen Verteilung des produzierten Mehrwerts das zentrale Problem des Kapitalismus. Folglich bestand in der Eroberung der Verfügung über die entscheidenden Produktionsmittel der Schlüssel zu einer gerechteren Welt. Doch was ist gewonnen, wenn "die Arbeiter die Macht" haben? Die historischen Erfahrungen wurden in den realsozialistischen Ländern gemacht. Diese Versuche scheiterten nicht vorrangig an subjektiven Fehlern, sondern weil sie objektiv den gleichen Gesetzen der maßlosen Selbstverwertung von Wert unterlagen, wie alle anderen Staaten der Erde auch, und in der globalen Konkurrenz schließlich kapitulieren mußten. Was ist gewonnen, wenn die Beschäftigen "ihre Firma" übernehmen? Sie müssen den gleichen Gesetzen gehorchen, wie die private Konkurrenzfirma auch. Die automatische Geldmaschine duldet keine Ausnahmen. Hans-Olaf Henkel, Chef des Unternehmervereins, hat diesen totalitären Mechanismus so auf den Punkt gebracht:
"Herrscher über die neue Welt ist nicht ein Mensch, sondern der Markt. (...) Wer seine Gesetze nicht befolgt, wird vernichtet." (Süddeutsche Zeitung, 30.05.1996)
(44) Es geht also nicht um einen bösen Willen, den finstere Mächte durchsetzen, sondern um die Befolgung der Regeln des kybernetischen Systems Kapitalismus. Marx nannte die Rollen, die die Menschen in der sich selbst reproduzierenden Wertmaschinerie einnehmen, "Charaktermasken" [4]. Der Kapitalist als "personifiziertes Kapital" exekutiert den immanenten Zwang zur Expansion und Niederringung der Konkurrenz wie der Arbeiter als "Lohnarbeiter" seine Arbeitszeit verkaufen muss, um zu existieren. Und selbst diese Grenzen sind heute fliessend. Gibt es also keine Herrschenden, die man ob der Ungerechtigkeiten anklagen muss? Doch die gibt es, aber es ist nicht damit getan, Personen auszutauschen oder die "Macht" zu übernehmen. Solange die Grundstrukturen der kapitalistischen Geldmaschine unangetastet bleiben, ändert sich nichts. Die ökologische Marktwirtschaft ist eine Schimäre. Wir müssen das Programm, dass Adam Smith 1759 formulierte, sehr ernst nehmen:
"Es macht uns Vergnügen, die Vervollkommnung eines so schönen und großartigen Systems zu betrachten und wir sind nicht ruhig, bis wir jedes Hindernis, das auch nur im mindesten die Regelmäßigkeit seiner Bewegungen stören oder hemmen kann, beseitigt haben." (Smith 1977/1759, zitiert nach Kurz 1999).
(45) Die Rolle der Herrschenden ist es, das Laufen der "schönen und großartigen" Wertmaschine ungestört aufrecht zu erhalten. Jeder Gedanke an eine Alternative zur Geldmaschine soll als irreal diskreditiert werden - wenn schon "Alternative", dann nur innerhalb der "schönen Maschine" (Kurz 1999). Hier hat die EXPO ihre Funktion. Sie soll uns die "Schönheit" und "Großartigkeit" des Systems demonstrieren und Alternativen innerhalb des System vorgaukeln. Inzwischen lassen sich selbst frühere Kritiker/innen weltweiter Ausbeutungsstrukturen in die Rechtfertigungsveranstaltung EXPO einbinden. Sie tragen mit dazu bei, das System der Marktwirtschaft als System der Herrschaft der Märkte über die Menschen zu naturalisieren. Als Beispiel mag der tschechische Präsident Václav Havel dienen:
"Sosehr auch mein Herz schon immer links von der Mitte meiner Brust schlug, habe ich immer gewußt, daß die einzig funktionierende und überhaupt mögliche Ökonomie die Marktwirtschaft ist. (...) Die Marktwirtschaft ist für mich etwas so selbstverständliches wie die Luft: geht es doch um ein jahrhundertelang (was sage ich - jahrtausendelang!) erprobtes und bewährtes Prinzip der ökonomischen Tätigkeit des Menschen, das am besten der menschlichen Natur entspricht." (Havel 1992, 59ff).
Fazinierend ist die Dreistigkeit, mit der die Marktwirtschaft nicht nur der menschlichen Natur, sondern auch noch der gesamten Menschheitsgeschichte zugeschlagen wird. Oder es ist bodenlose Unkenntnis der historischen Fakten, die klar zeigen, dass die abstrakte Selbstverwertung des Werts über Märkte mit brutaler Gewalt und Zwang, dass die "ursprüngliche Enteignung" gegen die subsistenzwirtschaftlichen Strukturen [5] der agrarischen Gesellschaften durchgesetzt wurde. Es ist schlicht falsch, einen "Markt" zum Gütertausch mit dem geldgetriebenen Hamsterradsystem der Marktwirtschaft gleichzusetzen. Nicht überall, wo ein Markt zum Tausch von Gütern existiert, herrscht auch die "Marktwirtschaft"!
(46) Seit ihrem Beginn im Jahre 1851 in London sind Weltausstellungen technologische Demonstrationen kapitalistischer Macht, die EXPO 2000 macht hier keine Ausnahme. Die realen Probleme der Erde und ihrer Bewohner sind zwar nicht mehr verdrängbar - etwa so, wie man das zum Beispiel auf der jährlichen Internationalen Automobilausstellung noch wunderbar kann. Doch bei der EXPO wird auf die globalen Probleme schematisch mit zwei Antworten reagiert: Die globalen Probleme sind lösbar, wenn mal dem Welthandel freien Lauf lässt, ihn "liberalisiert" und wenn die richtigen Technologien zum Einsatz kommen. Im Kern heisst das, der Kapitalismus reguliere schon alles selbst und bringe auch von selbst die richtigen Technologien zur Lösung der Menschheitsprobleme hervor. Hier von Zynismus zu sprechen, ist schon fast eine Untertreibung, war und ist es doch der Kapitalismus, der erst die Probleme in ihrer globalen Dimension produziert und systematisch die Lebensgrundlagen der Menschheit untergräbt. Die "schöne Maschine", in der Nützlichkeit bestenfalls ein Abfallprodukt der stets erweiterten Wert-Verwertung ist, soll nun ganz von selbst die Lösung mit Technologie bringen, soll die Zerstörungen durch "alte" Technologien mit "neuen" wieder gerade biegen?
Für die EXPO ein technisches Problem:
"Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Umwelt und zum technischen Fortschritt, damit die globalen Probleme von heute gelöst werden können. Deshalb soll die EXPO 2000 Hannover ein Forum für innovative Lösungen und Lösungsansätze sein, mit denen überall auf der Welt ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Ökonomie und Ökologie angestrebt werden soll." (EXPO 2000 Hannover GmbH).
(47) Verbal ist "Öko" in, Leitlinie ist die Agenda 21, das "Aktionsprogramm", das als Ergebnis der UN-Umweltkonferenz in Rio 1992 beschlossen wurde. Doch wenn man sich die Mühe macht und die voluminöse Agenda liest, dann stellt man fest: 90% Wortblasen ("Nachhaltigkeit", Verantwortung", "Zukunft" etc.) und 10% Technologiefetischismus, Paternalismus, Ausgrenzung - wie an anderer Stelle in diesem Buch ausführlich dargestellt. Technik kann und darf nur als Aggregat der "schönen Maschine" gedacht werden, um die Lösung der globalen Probleme geht es letztlich überhaupt nicht. Und "Nachhaltigkeit" bezieht sich einzig auf die "Nachhaltigkeit der Profitrealisierung". Es kann auch nicht anders sein, denn die selbstzweckhafte Wert-Verwertungsmaschine kennt keinen Zweck ausserhalb der Vermehrung von Geld. Die vielen gutmeinenden Menschen und auch Politiker/innen können einem fast Leid tun, bleibt ihnen doch nichts weiter als die Hoffnung, dass bei der Wert-Verwertung auch etwas für die Menschen und die Natur abfallen möge. Doch die Blütezeit des Kapitalismus ist vorbei, der "Abfall" ist Abfall im wörtlichen Sinne, die Nützlichkeit der produzierten Dinge verschwindet nahezu völlig hinter den sozialen und ökologischen Verheerungen. Die vielen Probleme globaler Dimension verdichten sich zu dem globalen Problem überhaupt, und das ist der Kapitalismus selbst.
(48) Doch gibt es überhaupt eine Alternative außerhalb der "schönen Maschine"? Wir hatten schon herausgefunden, dass der nächste logische und praktische Schritt in der Produktivkraftentwicklung die Entfaltung des Menschen an-und-für-sich ist. Was heißt das aber für die Form der Vergesellschaftung?
Die unbeschränkte Selbstentfaltung des Menschen ist unter den Bedingungen der subjektlosen Selbstverwertung von Wert als rückgekoppelter Kern der "schönen Maschine" undenkbar. Selbstentfaltung bedeutet ja gerade, dass sich das Subjekt selbst entfaltet, und zwar jedes Subjekt und das unbegrenzt. Dennoch gibt es auch unter entfremdeten Bedingungen der abstrakten Arbeit neue Möglichkeiten, denn neben den Effekten der Entsolidarisierung gibt es gleichzeitig auch einen größeren Handlungsspielraum, ein Mehr an Entfaltungsmöglichkeiten und Verantwortung als zu alten Kommandozeiten. In der unmittelbaren Arbeitstätigkeit sind die Handlungsrahmen weiter gesteckt als vorher:
"Es gilt das Motto: 'Tut was ihr wollt, aber ihr müßt profitabel sein" (Glißmann 1999, 151).
(49) Innerhalb dieses vergrößerten Handlungsrahmens kann ich in größerem Maße als früher meine individuellen Potenzen entfalten, weil ich selbst an meiner eigenen Entfaltung interessiert bin, weil es Spaß macht und meiner Persönlichkeit entspricht. Die Bedingungen, dass ich mich selbst als Hauptproduktivkraft entfalte, sind im Vergleich zu meinen Eltern und Großeltern schon besser geworden, gleichwohl geschieht dieses Mehr an Entfaltung immer noch unter entfremdeten Bedingungen. Die Entfaltung ist nur möglich, solange ihre Ergebnisse verwertbar sind, solange ich profitabel bin. Sogar die Love-Parade wird damit zum profitablen Geschäft. In meiner Person spiegelt sich damit der unter unseren Bedingungen nicht auflösbare Widerspruch von Selbstentfaltung und Verwertung, von Entfaltung der Hauptproduktivkraft Mensch an-und-für-sich und entfremdeter Produktivkraftentwicklung.
(50) Wie sieht die Aufhebung des Widerspruches von Selbstentfaltung und Verwertungszwang in Überschreitung unserer Bedingungen aus? Es geht um die Umkehrung des Satzes von Marx, wonach die "gesellschaftliche Bewegung" durch eine "Bewegung von Sachen" kontrolliert wird, "statt sie zu kontrollieren". Marx hätte das so sagen können:
"Die gesellschaftliche Bewegung wird von den Menschen bewußt bestimmt. Die Bewegung von Sachen wird von den Menschen kontrolliert und dient einzig dem Zweck, ein befriedigendes Leben zu gewinnen." (Marx, nie aufgeschrieben).
(51) Die Alternative zur abstrakten subjektlosen selbstorganisierenden Vermittlung der gesell-schaftlichen Reproduktion durch den Wert (als Bewegung von Sachen) ist die konkrete selbstorganisierte Vermittlung durch die handelnden Menschen selbst - das ist so einfach wie logisch! Oder anders formuliert: Die abstrakte Vergesellschaftung über den Wert wird ersetzt durch eine konkrete Vergesellschaftung der handelnden Menschen selbst. Wir wollen daher auch diese zukünftige Form personal-konkrete Produktivkraftentwicklung nennen. Bedeutet das ein Zurück zu den alten Zeiten der "Natur-Epoche"? Nein, so wie die "Mittel-Epoche" die "Natur-Epoche" aufgehoben hat, so wird die Epoche der menschlichen Selbstentfaltung alle vorherigen Entwicklungen aufheben. "Aufheben" bedeutet dabei sowohl Ablösen als auch Bewahren und in einem völlig neuen Kontext fortführen. Es ist klar, das Menschen natürlich weiter Nahrungsmittel und industrielle Güter produzieren werden, doch es ist ebenso klar, dass sie dies nicht in der gleichen Weise wie bisher tun werden - ganz einfach, weil die bisherige Produktionsweise die Reproduktionsgrundlagen der Menschheit systematisch zerstört.
(52) Wie geht es Dir, wenn Du diese Zeilen liest? Denkst Du auch "Das ist ja utopisch"? Dann geht es Dir genauso wie den meisten. Die herrschende abstrakte Vergesellschaftungsform über den Wert hat alle Lebensbereiche so weit durchdrungen, dass ein Leben ausserhalb dessen schier undenkbar erscheint. Kannst Du Dir ein Leben ohne Geld, das über die Lebensmöglichkeiten von Menschen bestimmt, vorstellen? Ein Leben mit "einfach nehmen" statt "kaufen"? Es ist nicht einfach, das zu denken, darum versuchen wir das "Undenkbare" noch weiter zu skizzieren - in Kapitel 3. Hier geht es uns zunächst einmal darum, zu begründen, dass die Wertvergesellschaftung nicht das Ende der Geschichte darstellt, sondern dass eine personale Vergesellschaftung historisch-logisch die entfremdete Form aufheben kann.
(53) Die Tatsache, dass es eine abstrakte Instanz, den Wert, gibt, über den sich die gesellschaftlichen Beziehungen regulieren, hat auch eine positive Funktion: Sie entlastet die Gesellschaftsmitglieder, jeden Einzelnen individuell von der Notwendigkeit, "die ganze Gesellschaft" zu denken. Ich muss mich nur mit meinem unmittelbaren Umfeld beschäftigen, alles andere regelt sich schon. So paradox es klingt: Die personalisierende Denkweise ist unter entfremdeten Bedingungen nahegelegt, obwohl sich die Gesellschaft gerade nicht über das Wollen von Personen, sondern über den abstrakten Mechanismus der maßlosen Wertvermehrung reguliert. Hieraus haben linke Bewegungen den Schluss gezogen, dass die Totalität des amoklaufenden Werts durch eine kontrollierte Totalität einer umfassenden gesellschaftlichen Planung abgelöst werden müsse. Wie wir wissen, sind alle Versuche mit gesellschaftlicher Gesamtplanung gescheitert. Diese praktische Erfahrung ist auch theoretisch nachvollziehbar, denn die kommunikativen Aufwände, die notwendig wären, um die individuellen und die gesellschaftlichen Bedürfnisse miteinander zu vermitteln, also die Vergesellschaftung praktisch zu leisten, sind schier unendlich hoch. Selbst Räte oder andere Gremien können das Problem der immer vorhandenen Interessenkonflikte nicht stellvertretend aufheben. Auch für den Einzelnen ist die Notwendigkeit, die eigenen Interessen mit unendlich vielen anderen Interessen zu vermitteln, eine völlige Überforderung.
(54) Eine neue Vergesellschaftungsform kann nur den gleichen individuell entlastenden Effekt haben, wie die sich selbst organisierende Wertmaschine - nur, dass sie ohne Wert funktioniert! Gesucht ist also ein sich selbstorganisierender "Mechanismus", der einerseits die Vergesellschaftung quasi "automatisch" konstituiert, andererseits aber die abstrakte Vergesellschaftung durch eine personal-konkrete Form ablöst. Das hört sich wie ein Widerspruch an, ist es aber nicht! Man muss sich nur von der Vorstellung verabschieden, die Gesellschaft müsse planvoll von irgendeiner Art zentraler Instanz gelenkt werden. Diese Vorstellung enthält immer das Konzept eines Innen-Außen: Die Planer - ob Räte, Behörde, Diktatoren - stehen gleichsam außerhalb der Gesellschaft und planen diese. Die Planer planen für uns, oder noch deutlicher: sie planen uns. Das geht aber ganz grundsätzlich nicht, denn kein Mensch ist planbar und vorhersehbar. Die Alternative zu stellvertretenden Planung kann nur die Selbstplanung der Gesellschaft sein.
(55) Eine Selbstplanung der Gesellschaft setzt strukturell eine Konvergenz allgemeiner Interessen voraus. Das ist im Kapitalismus unmöglich. Der Kapitalismus kennt überhaupt nur Partialinteressen, die jeweils nur gegen andere Partialinteressen durchsetzbar sind. Eine gelungene Vermittlung der Partialinteressen trägt dann den Namen "Demokratie" - das kann es aber nicht sein. Kann es aber eine Konvergenz allgemeiner Interessen geben? Sind die individuellen Interessen und Wünsche nicht sehr verschieden, will nicht eigentlich jeder doch irgendwie etwas anderes? Ja, und das ist auch gut so! Unter unseren Bedingungen schließt diese Frage jedoch immer mit ein, diese "Wünsche", dieses "andere Wollen" muß auch gegen andere - ob individuell oder im Zusammenschluss mit anderen, die die gleichen Partialinteressen haben - durchgesetzt werden. Wir hatten aber vorher herausgefunden, dass die Selbstentfaltung des Menschen nur funktioniert, wenn sich alle entfalten können und dies auch real tun. Unter Bedingungen der Selbstentfaltung habe ich ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen Menschen. Etwas vereinfacht gesprochen steht der Win-Loose-Situation im Kapitalismus eine Win-Win-Situation in der zukünftigen Gesellschaft gegenüber.
(55.1) 18.04.2000, 18:57, Petra Haarmann: "gelungene Vermittlung von Partialinteressen" Mitnichten! Vgl. zunächst Eure eigenen Ausführungen unter (45). Eure Annahme würde bedeuten, daß - trotz Wertvergesellschaft - die "Gewalt vom Volke ausgeht", also zumindet Teile der Bevölkerung die Gewalt haben etwas "durchzusetzen". Das Verfassungsgebot "Alle Gewalt geht vom Volke aus" bedeutet aber nach einhelliger Auffassung (was unter Juristen schon was heißen will) genau nicht, daß die Gewalt ihren Ursprung im Volke hat. Vielmehr ist das Volk - gegenwärtig - Träger der ihm dennoch übergeordneten Gewalt (Bentham läßt grüßen). Der einzelne Mensch, ausgestattet mit den sogenannten vorstaatlichen Grundrechten (trägt er im Täschen so mit sich rum), tritt dann durch Geburt oder Rechtsakt als öffentlich-rechtliches Subjekt in den Staat ein mit der Folge, daß die vorstaatlichen Grundrechte nunmehr durch Gesetz eingeschränkt (gestaltet) werden können. (Daneben bekommt er/sie in eben dieser juristischen Sekunde auch noch ein paar Bürgerrechte zweifelhaften Charakters verliehen). Der politisch - demokratische Prozeß dient dann folglich dazu, Friktionen im "Lauf der schönen Maschine" zu vermeiden und/oder zu beseitigen, also die Rechtsstellung des Subjekts so zu modifizieren, daß die Funktion des übergeordneten Prinzips als solche nicht beeinträchtigt wird. Damit dient der demokratische Prozeß also nicht der Vermittlung/Durchsetzung von Partialinteressen, sondern immer der Aufrechterhaltung des herrschenden Systems. Das ist die berühmt berüchtigte "Gemeinsamkeit aller Demokraten".
(55.1.1) 19.04.2000, 18:16, Stefan Meretz: Der Satz vor der "gelungenen Vermittlung von Partialinteressen" lautete: "Der Kapitalismus kennt überhaupt nur Partialinteressen, die jeweils nur gegen andere Partialinteressen durchsetzbar sind." Das bedeutet, das eine "gelungene Vermittlung" _immer_ auf Kosten anderer abläuft. Die Vermittlung/Durchsetzung von Partialinteressen und die Aufrechterhaltung des herrschenden Systems sind also keine Gegensätze, sondern bilden vielmehr eine logische Einheit. Ich würde Dir also in toto zustimmen, sehe aber auch keinen Widerspruch!
(55.2) 19.05.2000, 19:09, Bernd Binder: Vieleicht waere eine "sich hochschaukelnde" oder "sich potenzierende" Win-Win-Situation ausfuehrlicher/konkreter.
(56) Schön und gut, aber wie kommen denn nun die Brötchen auf den Tisch? Was ersetzt denn nun den Wert als selbstorganisierenden Mechanismus der Vergesellschaftung? Aber das ist es doch gerade: Die Selbstentfaltung des Menschen ersetzt diesen abstrakten Mechanismus durch eine personal-konkrete Vermittlung der Menschen! Selbstentfaltung bedeutet ja nicht Abschaffung der Arbeitsteilung. Das bedeutet, ich beziehe mich weiterhin nicht auf die "gesamte" Gesellschaft, sondern weiterhin nur auf den Ausschnitt der Gesellschaft, der mir zugekehrt ist. Wie groß dieser Ausschnitt ist, entscheide ich je nach Lage. Entfalten sich die Menschen um mich herum und ich darin fröhlich vor sich hin, dann besteht kein Grund, den ge-sellschaftlichen Ausschnitt zu vergrößern. Gibt es aber Einschränkungen meiner Selbstentfaltung, die nicht meinem unmittelbaren Handeln zugänglich sind, dann werde ich den Blick weiten, um die Ursachen der gemeinsamen Einschränkungen aus der Welt zu schaffen. Da mein Leben nicht mehr auf die Heranschaffung des Abstraktums "Geld" ausgerichtet ist, be-kommen die Einschränkungen für mich eine völlig neue konkrete Bedeutung: Sie schmälern in direkter Weise meinen Lebensgenuss. Da diese Einschränkungen meiner Selbstentfaltung auch für alle anderen beschränkend sind, liegt es unmittelbar nahe, die Einschränkungen im gemeinsamen Interesse zu beseitigen. Im eigenen und gleichzeitig allgemeinem Interesse werden wir uns die personalen und konkreten Vermittlungsformen suchen, die notwendig sind, um Einschränkungen unseres Lebensgenusses aus der Welt zu schaffen. Allgemeiner formuliert: Jedes menschliche Bedürfnis findet auch seine Realisierung - und ist das Bedürfnis mein einzig alleiniges auf der Welt, dann realisiere ich es eben selbst. Da das aber bei den Brötchen auf dem Tisch nicht der Fall sein dürfte, wird es für das Problem "Brötchen auf dem Tisch" eine allgemeine Lösung geben.
Wir haben also gelernt, dass es mit der Selbstentfaltung des Menschen eine andere, individuell entlastende Form der Vergesellschaftung geben kann. Wenn man sich per Fingerschnipp in die neue Gesellschaft versetzen könnte, ist diese Utopie schon fast vorstellbar. Aber wie kommt man dahin, wo doch die Menschen und wir alle so durchdrungen sind von Verwertungszwang und Konkurrenzkampf? Das ist die Frage nach den Inhalten und Formen linker politischer Bewegungen heute. Diese Frage diskutieren wir im Kapitel 3.
(56.1) 14.06.2000, 02:37, Rolf Köhne: Wie kommen denn nun die Brötchen wirklich auf den Tisch? Genau diese Frage beantwortet dieser Absatz nicht! Brötchen backen -oder noch krasser- Müllabfuhr, abwaschen, Klo reinigen etc. sind nun nicht gerade die Tätigkeiten, bei denen ich mich besonders entfalten kann. Ich verweise deshalb hier auf meine Anmerkung zum Abschnitt 26. Die Selbstplanung der Gesellschaft kommt dadurch zustande, daß jeder zunächst "bestellt", was er braucht. Danach verständigt man sich personal-konkret über die Arbeitsteilung, wie also das Bestellte gemeinsam produziert wird.Daß man dabei Kinder, Kranke und Rentner mitversorgt ist selbstverständlich. Wie die o.a. unangenehmen Arbeiten reihum von allen erledigt werden, ist lediglich einer Frage demokratischer Übereinkunft. Die Potenz zur Selbstentfaltung wird dadurch befördert, daß so ein qualitativer Sprung von der Konkurrenz der Warenproduktion zur Kooperation stattgefunden hat. Jede/r hat nun ein Interesse daran, die notwendige, aber teilweise ziemlich lästige Arbeit so gering wie möglich zu halten. Wer nun das "Know-how" hat, wie etwas besser oder einfach, schneller zu machen ist, wird dieses Wissen schon aus purem Eigennutz weitergeben. Jede/r hat nun ein Interesse daran, daß alle anderen möglichst gebildet sind, ihre Fähigkeiten voll entfaltet haben, etc. damit die Arbeitsteilung reibungsloser funktioniert und die notwendige Arbeitszeit insgesamt verkürzt wird. Die weitere Perspektive der Entwicklung ist m.E. die zukünftige Möglichkeit, die notwendige Arbeit soweit zeitlich zu verkürzen, daß sie gänzlich in der Ausbildungszeit eines Menschen erledigt werden kann. Wer das hinter sich hat, kann dann nach Herzenslustfischen, jagen, philosophieren und kritisieren, wie Marx es schon vor vor 150 Jahren beschrieben hat. Hinter dm Reich der Notwendigkeit beginnt das Reich der Freiheit - in dem man dann natürlich auch Linux und andere Software kollektiv weiterentwickeln kann. Bei allem träumen sollte man aber nicht vergessen: die materielle Basis eines schönen Lebens mit wenig Arbeit ist eine hochgradig automatisierte Produktionswelt.
(56.1.1) Unangenehme Arbeiten, 20.06.2000, 13:36, Stefan Meretz: Du stellst Dir vor, dass unangenehme Arbeiten, zu denen jede Langweilerarbeit (wie Brötchenbacken) oder bloß-reproduktive Arbeit (Klo putzen) gehören, in demokratischer Übereinkunft abgesprochen wird. Das finde ich dann nicht, wenn die Mehrheit irgendwem vorschreibt, was er/sie zu tun hat, sprich zu einer Arbeit zwingt, die er/sie nicht machen will. Auch hier wieder: Vorschreiben und Selbstentfaltung schliessen sich aus. Ich finde, dass die Frage oft verquer formuliert wird: "Wer übernimmt das langweilige Brötchenbacken" impliziert, das Brötchenbacken langweilig ist und bleiben muss. Wenn das so ist, muss die Frage doch für eine freie Gesellschaft lauten: "Wie organisiere das Brötchenbacken so, dass es nicht langweilig ist" oder anders: "Wie kriege ich das Problem gelöst, dass die Leute einerseits Brötchen wollen, andererseits aber das niemand machen will, weil es langweilt?" Diese Frage (technisch oder wie auch immer) zu lösen, ist schon viel spannender und kann sicher irgendwen begeistern, der darin sich entfalten kann. Analog für das "Klo-putzen". Eine freie Gesellschaft könnte auch andere Lösungswege beschreiten, z.B. gerade nicht die, die besonders beschissene aber wertmäßig billige Arbeit bedeutet, sondern eine, die eben Spass macht, aber vielleicht aufwendiger ist. Unter Verwertungsbedingungen werden die Leute via Gelderwerbszwang einfach genötigt, in einer freien Gesellschaft müssen wir endlich mal die Kreativität auspacken, um tausend verwertungsbedingte Widersprüche des Alltags aufzuheben.
(56.1.1.1) Re: Unangenehme Arbeiten, 24.06.2000, 00:13, Rolf Köhne: Zunächst: Ich verstehe unter "demokratischer Übereinkunft" kein Diktat der Mehrheit über die Minderheit, sondern eben Übereinkunft, Verständigung. "Demokratisch" meint in dem Sinne, daß alle Betroffenen beteiligt sind. Sodann: Ich bin mir ziemlich sich sicher, daß Menschen in einer freien Gesellschaft Wege finden, "besonders beschissene Arbeit" zu automatisieren oder durch angenehmere Arbeit zu substituieren. Aber bis diese Möglichkeiten gefunden sind, vergeht Zeit, in der diese "beschissene Arbeit" zumindest vorrübergehend erledigt werden muß. Von daher bin würde ich auch auch als freier Mensch auf einer Vollversammlung der Klo-Benutzer dafür plädieren, daß die Arbeit reihum durch alle Betroffenen erledigt wird. Man stelle sich bildlich vor: die Ingeniere der "Gründerzeit" wie Gottfried Daimler, Werner v, Siemens etc. hätten auch mal das Klo putzen müssen - welche Ideen wären da wohl geboren worden?. Weiter siehe Kommentar zu 56.2.1
(56.2) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 23:14, Stefan Merten: "Allgemeiner formuliert: Jedes menschliche Bedürfnis findet auch seine Realisierung - und ist das Bedürfnis mein einzig alleiniges auf der Welt, dann realisiere ich es eben selbst. Da das aber bei den Brötchen auf dem Tisch nicht der Fall sein dürfte, wird es für das Problem "Brötchen auf dem Tisch" eine allgemeine Lösung geben." Da bin ich nicht ganz so optimistisch. Ich finde es nicht ausgemacht, daß es für jede gesellschaftliche Notwendigkeit (Altsprech) eine auf Selbstentfaltung basierende Lösung gibt. Oder übersehe ich das was?
(56.2.1) Gesellschaftliche Notwendigkeiten, 22.06.2000, 17:21, Stefan Meretz: Hm, vielleicht übersiehst Du die Dynamik der Selbstentfaltung. Wenn das gesellschaftliche "Brötchenbackproblem" niemanden findet, der sich dessen annimmt, dann gibt's eben keine Brötchen, dann ist's auch nicht so richtig wichtig. Wenn doch, dann wird's Lösungen geben, vielleicht erst individuelle, dann nachgemachte, schließlich verallgemeinerte. Was sollte dagegen sprechen? Denk an Betriebssysteme: Es gibt sogar heute schon ein freies Betriebssystem, nämlich GNU/Linux. Das fing auch erst klein an (genau ein Mensch fing an!), dann klinkten sich viele ein, heute ist es eine riesige Bewegung - nur bedürfnisgetrieben, trotz Geld in dicken Bündeln für so schlaue Hacker an jeder Ecke. Warum soll das mit anderen gesellschaftlichen Notwendigkeiten anders sein?
(56.2.1.1) Re: Gesellschaftliche Notwendigkeiten, 24.06.2000, 00:33, Rolf Köhne: Hm, vielleicht überschätzt du auch die Dynamik der Richtung der Selbstentfaltung. Im Bereich der Wissens- und Softwaremöglichkeiten sind dies Potenzen gewaltig. Es gibt aber eben auch Bereiche des Alltagslebens, "gesellschaftliche Notwendigkeiten", die ohne großen Raum für Selbstentfaltung erledigt werden müssen. Vielleicht verschwindet dieses Problem mit der Zeit- aber bicht sofort. Wichtig ist daher, Wege vom heute zum morgen aufzuzeigen, die funktionstüchtig sind.
(57) Wir haben die gesellschaftliche Vermittlungsformen, die Vergesellschaftungsmodi, innerhalb der sich die Produktivkraftentwicklung bewegt, rekonstruieren können. Interessanterweise stellen wir keine schematische "Höherentwicklung" der Formen der Vergesellschaftung fest, sondern eher eine "spiralförmige" Bewegung. In der "Natur-Epoche" fand die Produktivkraft-entwicklung in personal-strukturierten, konkreten Vergesellschaftungsformen statt. Mit dem Übertritt in die "Mittel-Epoche" wurde die kleinliche bäuerlich-handwerkliche Enge zerschlagen und die Produktivkraftentwicklung in abstrakte, entfremdete Bahnen gelenkt. Die kapitalistische Marktwirtschaft entfaltet ihre totalitäre subjektlose Herrschaft bis in alle Winkel der Erde. Kern dieser Vergesellschaftungsform ist die Verwertung von Wert als Selbstzweck. Die eigenen inneren Widersprüche des kapitalistischen Systems, der immanent nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Selbstentfaltung und Verwertungszwang, drängt auf die Ablösung des abstrakten Vergesellschaftungsmodus durch eine neue personal-konkrete Vergesellschaftungsform mit der individuellen Selbstentfaltung als Selbstzweck statt der abstrakten subjektlosen selbstzweckhaften Wertverwertung als ihrem Kern. Somit hebt die personal-konkrete Produktivkraftentwicklung auf neuer Entwicklungsstufe die entfremdete Produktivkraftentwicklung auf, die ihrerseits das Ende der personal-konkreten Produktivkraftentwicklung agrarisch-handwerk-licher Provinienz bedeutete. Diese allgemeinen Rahmenbestimmungen schließen keinerlei Aussagen über das Transformationsproblem ein, also die Frage, wie denn das totalitäre und alle Reproduktionsgrundlagen der Menschheit untergrabende System der Marktwirtschaft abgelöst werden kann. Mit einigen am Ziel gemessenen Richtungsaussagen wollen wir uns im nächsten Kapitel noch näher befassen.
(58) In diesem Kapitel wollen wir auf dem schwierigen Grad wandern, der zwischen dem illusionistischen Ausmalen einer lichten Zukunft und dem Verweigern jeglicher Angaben perspektivischer Entwicklungen liegt. Was wir leisten können, ist - ausgehend von unser Einschätzung der Lage und Entwicklungstendenzen in den vorigen Kapiteln - Rahmenkriterien und Alternativen zu bestehenden verfehlten Ansätzen zu benennen. Die Zukunft ist vorstellbar, vorausgesagt werden kann sie aber nicht.
Es reicht nicht aus, nur ganz allgemein "gegen Herrschaft" und "für Emanzipation" zu sein. Das, wogegen und wofür man sich einsetzt, muß inhaltlich genauer bestimmt und entsprechend der realen Situation erkannt werden. Wir haben bereits in Kapitel 2 die Herrschaftsformen benannt, der wir uns entgegenstellen. Charakteristisch war die Tatsache des subjektlosen ökonomischen Mechanismus, der unabhängig von konkreten Personen sich-selbstorganisierend reproduziert, deren reibungsloses Laufen die Herrschenden aber mit aller Gewalt sicherstellen. Mit den konkreten Erscheinungsformen und möglichen Gegenstrategien wollen wir uns hier auseinandersetzen.
(59) Die moderne Herrschaft beruht nicht mehr primär auf persönlich ausgeübter Macht, sondern ist - wie wir gesehen haben viel fataler - strukturell verankert. Zusätzlich bedient sie sich heute Formen, die scheinbar progressiv klingen, wie "Multikulturalismus", "Nachhaltigkeit" usw. Deshalb ist sie so schwer durchschaubar, aber es gibt Möglichkeiten. Christoph Spehr, auf den wir uns beziehen wollen [6], unterscheidet allgemeine Merkmale von Herrschaft (a), die Formen, unter denen sie aktuell ausgeübt wird (b) - und schlägt Gegenstrategien (c) vor (1999, 252ff.):
(60) (a) Merkmal: Anwendung direkter Gewalt zur Aufrechterhaltung von "Ordnung".
(b) Formen: "Neue Weltordnung" befriedigt anscheinend die alte Sehnsucht nach mehr oder weniger friedlicher Konfliktlösung und die Ablehnung von Diktaturen.
(c) Gegenstrategien: Gegenmacht aufbauen, Selbstverteidigung, aktiver Widerstand: "Wer nicht in der Lage ist, der anderen Seite weh zu tun, hat nichts Nennenswertes zu erwarten." (Spehr 1999, 184).
(60.1) Mein Senf-Eimer, 21.06.2000, 23:17, Stefan Merten: Was soll (c) denn dann letztendlich heißen? Guerilla? RAF? Sorry, aber das ist doch Schnee von vorvorgestern. Oder verstehe ich das falsch, wenn ich unter der Überschrift "Direkte Gewalt" und der Fähigkeit zum Wehtun mit diese Dinge assoziiere?