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Notizen zur Selbstentfaltung
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Maintainer: Benni Bärmann, Version 1, 09.07.2002  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) Wenn Selbstentfaltung - wie im Projekt Oekonux üblich, verstanden als Selbstentfaltung, die die Selbstentfaltung der anderen zur unmittelbaren Vorraussetzung hat und umgekehrt - von uns zur Basis einer menschlichen Gesellschaft erhoben wird, macht es Sinn, sich das mal genauer anzuschauen, was damit gemeint sein könnte und was das für Auswirkungen hat. Das will ich im Folgenden versuchen.

Selbstentfaltung und Aufklärung

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Aufklärung wurde von Kant bezeichnet als `die Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit''. Das liesse sich durchaus auch auf Selbstentfaltung anwenden. Außerdem braucht man für eine Gesellschaft, die auf Selbstentfaltung basiert, auch keinen Rückgriff auf Götter, die natürlichen Feinde jeden Aufklärers, ja noch nicht mal auf Moral, da es - ganz ähnlich wie im Liberalismus - jedes Menschen Eigennutz ist, seiner Selbstentfaltung zu folgen. Anders als im Liberalismus wird jedoch die Selbstentfaltung der Anderen für mich unmittelbar bedeutsam. Zunächst sieht es also so aus, als sei Selbstentfaltung die Fortführung der Aufklärung.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Doch stimmt das wirklich? Es handelt sich bei Selbstentfaltung ja um eine Einstellung, die Menschen gegenüber ihren Beziehungen zu anderen Menschen einnehmen und zwar eine empathische Einstellung. Das verallgemeinerte Ich versucht in einem wie auch immer gearteten kommunikativen Prozeß zu erahnen, was denn ein der Selbstentfaltung des Anderen entsprechendes vorgehen wäre.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) In der `Dialektik der Aufklärung' bezeichnen Horkheimer und Adorno Aufklärung meiner Interpretation nach als dem widersprechend, da sie ein Prozeß der immer größeren Distanz zu den Dingen und letzten Endes auch zu den Menschen ist: `Ihr Ideal ist das System, aus dem alles und jedes folgt.'' Dann verwundert es auch nicht, daß eine aufgeklärte Gesellschaft eine ist, die auf dem Individuum und seinem Eigennutz basiert. Dem gegenüber steht der Mythos und die Zauberei, die mit Nachahmung (Mimesis) sich versucht in das Objekt - ob Mensch, Tier, Pflanze oder Ding - hineinzuversetzen um so die eigene Handlungsfähigkeit zu verbessern. Und genau das ist es ja, was Selbstentfaltung als empathische Praxis versucht.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Ist Selbstentfaltung also eine magische Praxis? Wenn man sich anguckt, in welchem Kontext das Wort noch gebraucht wird, wird man sehr viele doch ein wenig esoterisch anmutende Quellen finden. Nach obiger Erkenntnis wäre das dann ja auch kein Zufall. Fairerweise sollte man aber erwähnen, dass dort das Wort meist ohne die von uns verwendete Erklärung auskommt.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Auch das alte christliche `Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!'' ist ja nicht so weit entfernt vom Selbstentfaltungsgedanken.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Wie verhält sich also Selbstentfaltung zu Aufklärung und Mythos? Ich sage es ist ein Versuch Aufklärung weiterzutreiben und dabei deren Dialektik zu berücksichtigen um den Umschlag in Barbarei, wie er in der `Dialektik der Aufklärung' beschrieben wird, zu verhindern.

Selbstentfaltung und Spiel

[Alle Kommentare ausblenden] (8) 'Denn um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.' (Schiller, über die ästhetische Erziehung des Menschen)

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Selbstentfaltung hat für mich etwas spielerisches. Es dürfte Konsens sein, daß Selbstentfaltung nur bei Freiheit von Zwang zu finden ist. Auch daß es Spaß macht, sich selbst zu entfalten ist wohl eher ein Allgemeinplatz. Identifikation z.B. mit einem Projekt und das gemeinsame handeln kommen dazu. Das alles sind Momente von Selbstentfaltung die man auch in Spielen findet.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Jetzt zu den wahrscheinlich mehr kontroversen Punkten: Selbstentfaltung bedeutet nicht Abwesenheit von Konkurrenz. Kooperation und Konkurrenz stehen immer in einem dialektischen Verhältnis zueinander, sie bedingen sich gegenseitig, obwohl sie sich auszuschliessen scheinen. Man kann nicht konkurrieren, wenn man sich nicht wenigstens vorher darüber geeinigt hat, worum konkurriert wird und man kann nicht kooperieren, wenn man nicht prinzipiell jederzeit die Möglichkeit hat, die Kooperation wieder aufzukündigen (siehe dazu den nächsten Abschnitt). Ich beschreibe es immer so, dass heute Kooperation in Konkurrenzatmosphäre vorherrscht und das in einer Selbstentfaltungsgesellschaft Konkurrenz in einer kooperativen Atmosphäre wirken würde. Und das ist genau das selbe, wie wir es von Spielen kennen. Man kooperiert in dem man sich gemeinsame Regeln wählt (nicht: diktiert kriegt!) und konkurriert dann innerhalb dieses Rahmens. Wenn zwei freie Softwareprojekte im Wettstreit liegen, passiert genau das. Man ist sich einig darüber, dass Software frei sein sollte und hat trotzdem unterschiedliche Vorstellungen, die man in spielerischer Konkurrenz auslebt.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Spiele haben außerdem dem wirklichen Leben einen entscheidenden Vorteil voraus: Man kann jederzeit aussteigen. Das ist etwas was Spiele mit Freier Kooperation gemeinsam haben und eben meiner Meinung nach auch mit Selbstentfaltung. Wenn ich nicht mehr aussteigen kann, läuft das auf einen Zwang hinaus und mit Zwang weder Spiel noch Selbstentfaltung.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Zusammenfassen: Wenn wir überlegen, wie wir die Bedingungen der virtuellen Netzwelt verallgemeinern können um so Selbstentfaltung zur Basis der Gesellschaft machen zu können, sollte man die älteste aller virtuellen Netzwelten nicht vergessen: Das Spiel.

Selbstentfaltung und Freie Kooperation

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Freie Kooperation hat drei Bestimmungen und alle drei gelten auch für auf Selbstentfaltung basierte Kooperationen für die dritte gilt das aber nur eingeschränkt:

[Alle Kommentare ausblenden] (14) 1. Beziehungen, die auf Selbstentfaltung basieren, können nicht auf Zwang basieren, deshalb muss jedem Mitglied der Kooperation zu jederzeit ermöglicht werden die Kooperation zu verlassen.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) 2. Wo Selbstentfaltung herrscht darf es keine sakrosankten Regeln geben, denn dies würde Aufklärung ganz im oben genannten schlechten System-Sinne sein. Wer sakrosankte Regeln setzt weil er meint, damit alle Selbstentfaltungsbedürfnisse abdecken zu können, hat schon verloren.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) 3. Die dritte Bedingung Freier Kooperation ist der `faire Scheidungspreis''. Dies macht sehr wohl Sinn unter den Bedingungen der Wertverwertung weil nur so innerhalb der Werttotalität Freiraum geschaffen werden kann. Dies macht allerdings keinen Sinn mehr, wenn die Vergesellschaftung nicht mehr über Wert organisiert wird. Ganz ähnlich übrigens, wie die GPL in der GPL_Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird, weil sie ein Mechanismus ist, die Keimform zu verteidigen. Genauso auch der faire Scheidungspreis.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) In diesem Sinn bedingen sich also Selbstentfaltung und Freie Kooperation gegenseitig. Freie Kooperation gewärleistet die Möglichkeit zur Selbstentfaltung weil es sich in erzwungenen Kooperationen schlecht selbstentfaltet und Freie Kooperation benötigt eine gesamtgesellschaftliche Selbstentfaltung und ihre Produktivität als Basis, weil unter den Bedingungen der Wertverwertung jede Kooperation immer erzwungen sein wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Dies ist sowohl Vorteil als auch Nachteil. Einerseits ist es natürlich schwierig, weil die beiden Bedingungen sich quasi gegenseitig aus dem Sumpf ziehen müssen, andererseits kann aber auch durch diese gegenseitige Bedingtheit eine quasi automatische Dynamik entfaltet werden, die möglicherweise stark genug ist um die automatische Dynamik der Wertverwertung zu übertrumpfen.




Quelle: http://www.opentheory.org/selbstentfaltungsnot/text.phtml
(Last Software Update: 09.07.2002, 14:27)