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Konflikt, Kooperation und Konkurrenz - Überlegungen zur Selbstzerstörung der Menschheit - Teil 1
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Maintainer: Martin Auer, Version 1, 25.02.2002  Druckversion
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Die größte Bedrohung kommender Generationen ist das Fortbestehen der Institution Krieg.

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Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Menschheit es gelernt, immer größere und konzentriertere Energiemengen zu bündeln und zur Umsetzung menschlicher Absichten einzusetzen. Spätestens seit der Entwicklung der Atomwaffen sind diese Energiemengen so groß, dass die Menschheit in Stand gesetzt ist, sich selbst auszulöschen. Dass die Massenvernichtungsmittel nicht zum Einsatz kommen, darf wohl als Grundvoraussetzung dafür angenommen werden, dass es zukünftige Generationen überhaupt geben wird. Die Abschaffung des Kriegs ist das erste, was künftige Generationen von uns zu fordern das Recht haben. Aber auch der gewaltige Energieumsatz der Menschheit in anderen Formen, von den fossilen Brennstoffen, Riesenstaudämmen und Atomkraftwerken angefangen bis zu Hochleistungsgetreidesorten und Kunstdünger erweist sich immer mehr als problematisch.

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Zivilisation: exponentielle Steigerung des Energieumsatzes und der Arbeitsproduktivität

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In den Hunderttausenden von Jahren, in denen sich die Menschheit entwickelte und über die Erde ausbreitete, hat sich ihr Energieumsatz zunächst nicht von dem anderer fleischfressenden Säugetiere unterschieden. Der erste große Sprung kam mit der Zähmung des Feuers, das die Menschen nicht bloß zum Kochen, zum Härten von hölzernen Speeren und zum Desinfizieren benutzten, sondern auch für Treibjagden, bei denen sie zuweilen riesige Flächen abbrannten und ganze Tierherden auf einmal ausrotteten.[1] Mit dem Feuer hatten die Menschen zum ersten Mal die Möglichkeit, gewaltige Überschüsse über den augenblicklichen Bedarf zu „erwirtschaften“. Doch da diese Überschüsse in Form von schnell verderblichem Fleisch vorlagen, konnten diese Überschüsse noch nicht in die Zukunft investiert werden.

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Erst mit dem Übergang zur Landwirtschaft vor ca. 10.000 Jahren begann die Epoche, in der der Energieumsatz der Menschheit, und damit die Produktivität der menschlichen Arbeit, ihre umweltverändernde Kraft, exponentiell zunahm bis zum Erreichen der Selbstvernichtungsfähigkeit.

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Es ist im Grunde diese Steigerung der Fähigkeit, die Umwelt zu beeinflussen und zu verändern, was landläufig mit dem Wort Fortschritt bezeichnet wird.

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Dieser Fortschritt ist nicht einfach eine technologische Entwicklung, bei der jeweils ein kluger Kopf eine Erfindung macht auf der Basis der Erfindungen vorangegangener kluger Köpfe. Der Fortschritt beruht in erster Linie auf einem Prozess der Konzentration der physischen und geistigen Kräfte von immer mehr Menschen. Erst durch diese Konzentration der Kräfte wurde es möglich, diese Erfindungen zu machen und in die Praxis umzusetzen.

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Diese Konzentration der Kräfte wurde in der Epoche der Zivilisation, also den 10.000 Jahren seit dem Übergang zur Landwirtschaft, in der Hauptsache durch Krieg, Unterwerfung und Ausbeutung herbeigeführt.*

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Natürlich interessieren uns diese Erscheinungen als Probleme der menschlichen Gesellschaft. Um ihre Wurzeln zu ergründen, wird hier die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft als ein Spezialfall der Selbstorganisation von Systemen betrachtet.

Selbstorganisation: Zufall und Gesetzmäßigkeit bei der Bildung der Materie

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Unsere scheinbar so bunte und vielfältige Welt besteht aus wenigen, einander ähnlichen Grundbausteinen. Diese setzen sich zu unterschiedlichen und immer komplexeren Mustern zusammen. Muster sind Bereiche von erkennbarer Ordnung, die sich sowohl von Bereichen chaotischer Unordnung als auch von Bereichen toter Gleichförmigkeit unterscheiden. Diese Bereiche komplexerer Ordnung nehmen bei ihrer Bildung Energie auf und geben sie bei ihrem Zerfall an die Umgebung ab. Stabile Muster können Bestandteile komplexerer Muster werden. Instabile Muster zerfallen.

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Schon bei der Bildung der Materie spielen die zwei Faktoren Zufall und Auslese eine Rolle. Zur Veranschaulichung stelle man sich eine große Anzahl einfacher Legosteine vor, die in einem großen Gefäß heftig geschüttelt werden. Durch das Schütteln werden einige Steine aneinander haften bleiben. Doch es werden sich nur dann Steine verbinden, wenn die Oberseite eines Steines (mit den Druckknöpfen) an die Unterseite eines Steins (mit den entsprechenden Öffnungen) gepresst wird. Und auch da nur solche, die parallel oder rechtwinklig aneinandergepresst werden (mit dem kleinen Spielraum, den die Elastizität des Plastiks bietet). Alle Steine, die durch Zufall in anderen Konstellationen aneinandergepresst werden, fallen wieder auseinander. Das zufällige Schütteln wird die Steine in allen nur denkbaren Winkeln und Konstellationen aneinander pressen, doch die inneren Eigenschaften der Steine selbst (mit rechtwinklig angeordneten Knöpfen an der Oberseite, ebenso gerichteten Öffnungen an der Unterseite und glatten Seitenwänden) wie auch die äußeren Bedingungen (Größe des Gefäßes, Intensität des Schüttelns) selektieren aus den unendlich vielen vom Zufall herbeigeführten Konstellationen die viel kleinere (aber vielleicht auch unendliche) Zahl von möglichen stabilen Konstellationen. Welche Konstellationen tatsächlich realisiert werden, lässt sich nicht voraussagen, aber es lassen sich Konstellationen nennen, die von vornherein unmöglich sind.

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In den Quarks mit ihren sechs „Flavours“ und drei „Farben“ ist schon angelegt, zu welchen Teilchen sie sich verbinden können – und zu welchen nicht. Welche Quarks im Wirbel des Urknalls zusammenstoßen, ist zufällig. Doch zu Teilchen verbinden können sich nur solche, die zusammen „weiß“ sind, ein „rotes“, ein „grünes“ und ein „blaues“, oder ein Quark beliebiger „Farbe“ mit seinem Antiquark in der entsprechenden „Antifarbe“.[2] Verbinden können sie sich auch nur unterhalb einer bestimmten Temperatur des Universums. Es sind also innere und äußere Bedingungen, die selektieren.

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In den materiebildenden Teilchen, den Protonen, Elektronen, Neutronen, ist angelegt, zu welchen Atomen sie sich verbinden können – und welche davon stabil bleiben. An welcher Stelle einer Supernova-Explosion welches Proton mit welchem Elektron zusammenstößt, ist zufällig. Aber nicht jedes beliebige Konglomerat von Protonen, Elektronen und Neutronen bildet ein Atom. Und nicht jedes Atom ist stabil. Nur bestimmte Zahlenverhältnisse sind möglich, bestimmt durch Ladung, Gravitation, starke und schwache Kernkraft.

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In den Atomen mit ihren Bindungskräften (bestimmt durch die Zahl der Elektronen in der äußersten Schale) ist angelegt, zu welchen Molekülen sie sich verbinden können. Die Zahl der stabilen und wenigstens zeitweilig stabilen Elemente ist gering, 109 kennt man bis jetzt. Doch diese verbinden sich unter Energiezufuhr zu einer anscheinend unbegrenzten Vielzahl von Molekülen.

Leben: egoistische Gene oder Arterhaltung?

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In den warmen Küstengewässern der jungen Erde bilden sich unter Zufuhr hoher Energien Kettenmoleküle mit katalytischen Eigenschaften. Katalysatoren beeinflussen durch ihre Gegenwart die Bildung anderer Moleküle, ohne selbst in die chemische Verbindung einzugehen. Es beginnt eine Phase, in der Katalysatoren Moleküle katalysieren, die wiederum Katalysatoren für andere Moleküle sind. Aus diesem Chaos heben sich bald Kreisläufe heraus, in denen etwa Molekül A die Moleküle B, C und D katalysiert, die ihrerseits wieder ein Duplikat von A hervorbringen. DNS-Ketten bringen Proteine hervor, die ihrerseits wieder DNS-Ketten zusammensetzen, die der ursprünglichen gleichen. Ab diesem Zeitpunkt können wir von Fortpflanzung sprechen. Wir sehen zwar noch keine abgegrenzten Individuen, aber erkennbare Kreisläufe, dynamische Muster, die sich in der Zeit wiederholen. Es ist klar, dass diese Replikatoren, eben weil sie sich replizieren, zum vorherrschenden Element werden, und andere Arten von sozusagen ziellosen Katalysatoren verdrängen. Am schnellsten vermehren sich diejenigen DNS-Ketten, die es mit Hilfe der von ihnen geschaffenen Enzyme am besten verstehen, aus den sie umgebenden Bausteinen möglichst genaue Duplikate ihrer selbst herzustellen, also zum Beispiel energiereiche Moleküle aufzubrechen und ihrem eigenen Kreislauf einzuverleiben. Es beginnt erkennbar zu werden, was Richard Dawkins den „Egoismus des Gens“ nennt.[3]

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„Das selbstsüchtige Gen“ ist ein provokanter Buchtitel und eine ziemliche Vereinfachung. Unter Gen verstehen wir den Abschnitt auf einer DNS-Kette, der für ein bestimmtes Protein codiert. Nun braucht es eine ganze Anzahl von Proteinen, um eine DNS zu produzieren, das heißt ein Gen alleine kann sich nicht fortpflanzen. Es ist also die DNS-Kette, die selbstsüchtig ist. Die Selbstsucht der DNS bezieht sich auf ihre Fortpflanzung und nicht unbedingt auf ihren Selbsterhalt. Und Selbstsucht darf in dem Zusammenhang natürlich nicht als psychologische Kategorie verstanden werden, sondern als ein Steuermechanismus, ein das Verhalten bestimmendes Programm.

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Eine zufällige Veränderung einer DNS-Kette bleibt erhalten, wenn sie den Fortpflanzungserfolg dieser Kette, also die Produktion weiterer Duplikate, erhöht. Die Feststellung ist im Grunde eine Tautologie. Was sich vermehrt, vermehrt sich. Weniger tautologisch ist die Feststellung, dass diejenigen Muster sich schneller vermehren, die es besser verstehen, Energie einzufangen, und weniger Energie bei der Verdopplung verbrauchen. Sollte eine DNS einmal dahingehend mutieren, dass sie anders gebauten DNS-Ketten bei der Vermehrung hilft, so wird sie solche DNS-Ketten vermehren, die diese altruistische Eigenschaft nicht besitzen, und dieser schöne Zug wird wieder untergehen.

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Zu den zufälligen Veränderungen, die der DNS nützlich sind, gehört die Entstehung einer Membran, eines Netzes aus Proteinfäden, das den katalytischen Kreislauf einschließt und vor dem Eindringen fremder Enzyme, die den Prozess stören könnten, oder gar die beteiligten Moleküle zum Rohstoff für einen fremden Kreislauf machen könnten, beschützt. Es entstehen abgegrenzte Individuen, Organismen, die dem Einfangen und Bewahren von Energie zum Zwecke der Vermehrung dienen. Dawkins betont, dass die Individuen nicht um ihrer selbst willen da sind, sondern nur der Vermehrung der Gene dienen, nur die Fortpflanzungsmaschinen ihrer Gene sind. Das Huhn ist die Methode des Eis, mehr Eier zu machen.

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Wer hier wem dient, scheint mir freilich eine reine Frage der Interpretation zu sein. Wertfrei kann man sagen, dass die Individuen da sind, weil eine DNS sie codiert hat, und es nur solange weitere Individuen geben wird, solange sie ihre DNS weitergeben können. Um ihre DNS weitergeben zu können, müssen die Individuen eigennützig handeln. Den von Konrad Lorenz postulierten Arterhaltungstrieb[4] stellt Dawkins in Frage. Nicht das, was der Art nützt, setzt sich durch, sondern das, was der Fortpflanzung der einzelnen DNS-Ketten nützt.

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Ein Beispiel: Bei fast allen sich geschlechtlich vermehrenden Arten gibt es ungefähr gleich viele Männchen wie Weibchen, obwohl wenige Männchen ausreichen würden, alle Weibchen zu befruchten und obwohl oft die Männchen nichts zur Brutpflege beitragen. Die Mehrzahl der Männchen sind also vom Standpunkt der Art unnütze Fresser. Die Art könnte den ihr zur Verfügung stehenden Lebensraum mit weniger Männchen und mehr Weibchen besser nutzen. Warum geschieht das nicht? Nehmen wir an, ein Männchen befruchtet zehn Weibchen, und nur eines von zehn Männchen kommt überhaupt zur Fortpflanzung. Dann könnte die Art auf 90% der Männchen verzichten. Nehmen wir weiters an, jedes Weibchen bekommt zehn Junge. Ein Weibchen, das zehn Töchter gebiert, wird hundert Enkel haben. Ein Weibchen, das zehn Söhne gebiert, von denen nur einer sich fortpflanzt, dafür aber mit zehn Weibchen, wird ebenfalls hundert Enkel haben. Die Eigenschaft, viele Töchter zu haben, hat also keine besseren Chancen, sich durchzusetzen, als die Eigenschaft, viele Söhne zu haben. Daher muss die Art mit den unnützen Fressern leben, ob es ihr nun nützt oder nicht.

Teufelskreise ohne Entkommen

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Ein drastisches Beispiel bringen Wolfgang Wickler und Uta Seibt[5]:

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„Krähen nisten in Kolonien und bauen ihre Nester mit Zweigen, die sie zusammentragen müssen. Hat in der Kolonie ein Nestbau begonnen, dann sind die nächstliegenden Zweige dort zu finden und werden auch von da geholt. An markierten Zweigen kann man sehen, daß sie eine umständliche Reise durch die Kolonie machen; obwohl schon einmal eingebaut, werden sie wieder weggenommen und woanders eingebaut, dort wieder weggenommen usw. Für ein Nest sind viele Zweige nötig, und es wird dazu immer wieder neues Material von ferne geholt; dennoch bestiehlt aber auch jeder jeden, weil es so naheliegend ist. Ohne diese überflüssigen Umschichtungen wäre das Nestbauen viel billiger und weniger zeitraubend. Aber eine Krähe, die das Stehlen unterließe und nur neue Zweige herbeitrüge, würde als einzige zuverlässige Material-Beschafferin von der ganzen Kolonie ausgebeutet. Krähen kennen keine Überwachung der »Übeltäter« und keine Strafen ... Wer stiehlt, bleibt im Vorteil; und dieser Individualvorteil übertrumpft den Gesamtvorteil. Solange alle Krähen ihr Baumaterial vom Wald holen, ist der Vogel im Vorteil, der seins von den Nestern der anderen nimmt; falls aber alle vorrangig das Material der Nachbarn plündern, werden nur dann überhaupt Nester fertig, wenn alle auch neues Material vom Wald holen.“

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Ein weiteres Beispiel[6]: Wenn Löwenmännchen einen Harem übernehmen, sind sie während der ersten drei Monate Löwenjungen gegenüber sehr aggressiv und töten sie fast immer. Erst später werden sie zu fürsorglichen Vätern, die den Jungen gegenüber sogar duldsamer sind als die Mütter. Der Grund dafür ist einfach: Im Durchschnitt verlieren die Löwen den Harem nach zwei bis drei Jahren wieder an ihre Nachfolger. Sie haben nur wenig Zeit, Junge zu zeugen. Trächtige oder säugende Löwinnen kommen nicht in Brunst. Die Löwen töten also die Jungen ihrer Vorgänger, damit die Löwinnen schnell wieder brünstig werden, also um sich selbst Nachwuchs zu sichern (natürlich sind sie sich dessen nicht bewusst). Für die Spezies der Löwen ist das sehr schlecht. Denn die Sterblichkeit unter Löwenjungen ist sowieso sehr hoch, in der ostafrikanischen Steppe bei ca. 80%. Ein Viertel verhungert, ein weiteres Viertel verunglückt oder fällt Feinden zum Opfer. Die Löwen können unter diesen Bedingungen ihre Zahl gerade konstant halten. Taucht ein neuer Feind auf, wie zum Beispiel der Mensch, ist der Bestand ihrer Art hochgradig gefährdet. Die Löwen täten also im Interesse kommender Generationen gut daran, den Kindermord abzuschaffen. Doch das können sie nicht. Ein Löwenmännchen, das durch Mutation die Eigenschaft erhalten würde, zu den Jungen der Vorgänger genauso gutmütig zu sein wie zu den eigenen, hätte kaum die Chance, überhaupt eigenen Nachwuchs zu bekommen, vor allem nicht eigene Söhne, denen es seine Gutmütigkeit vererben könnte. Die Löwen stecken in einem Teufelskreis, dem sie ebenso wenig entkommen können wie die Krähen. Indem jedes Löwenmännchen seinen eigenen Nachwuchs fördert, trägt es dazu bei, den Nachwuchs aller Löwenmännchen, also letztlich auch den eigenen, zu verringern. Könnten die Löwen miteinander ein Abkommen treffen, keine Kinder zu töten, könnte jedes einzelne Männchen mehr Nachkommen haben. Doch Löwen können keine Versprechungen machen und keine Verträge schließen, ebenso wenig wie die Krähen.

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Solche Teufelskreise sind in der Natur keine Ausnahme, man begegnet ihnen auf Schritt und Tritt. Die Evolution der Gene nimmt keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Art. Sie nimmt auch keine Rücksicht auf das Wohlergehen der Individuen, so paradox das vielleicht im ersten Augenblick klingt. Aber wäre ohne Schmerzempfinden unser Leben nicht glücklicher – wenn auch kurz? Zu kurz vermutlich, als dass wir uns überhaupt fortpflanzen könnten. Individuen ohne Schmerzempfindung werden äußerst rasch hinwegselegiert.

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Der Fortgang der Evolution ließ Einzeller sich zu Vielzellern zusammenschließen. Die Zellen büßten dabei sowohl ihre potentielle Unsterblichkeit als auch ihre Unabhängigkeit und Vielseitigkeit ein, wurden aus individuellen Jägern zu austauschbaren Fließbandarbeitern, die nur einen winzigen Teil des Lebensprozesses bewältigten und alleine überhaupt nicht mehr lebensfähig waren. Und der Gesamtorganismus, der nun als Individuum auftrat, war nun ebenso todgeweiht wie die ihn konstituierenden Zellen. Das Privileg der potentiellen Unsterblichkeit behielten allein die Fortpflanzungszellen.[7]

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Als die Atmosphäre des jungen Planeten sich mit immer mehr Ozon anreicherte, das die Ultraviolettstrahlung abschirmte, entstand bald Mangel an den mithilfe dieser UV-Strahlung erzeugten komplexen Substanzen, aus denen die Replikatoren ihre Energie bezogen. So gewannen Mutanten, die mithilfe von Chlorophyll Energie aus dem sichtbaren Sonnenlicht beziehen konnten, einen gewaltigen Selektionsvorteil. Das führte - im Rückblick gesehen unvermeidlich - dazu, dass von den Chlorophylllosen sich einige darauf spezialisierten, sich solche Pflanzenzellen einzuverleiben. Ebenso unvermeidlich erscheint es, dass auch diese tierischen Zellen schon bald von anderen tierischen Zellen als Lieferanten von Halbfertigprodukten ausgebeutet wurden. Auch wir Menschen sind nicht imstande, alle Eiweiße, die wir brauchen, auch nur aus Pflanzenbestandteilen aufzubauen – geschweige denn aus anorganischen Stoffen und Sonnenlicht. Einige Eiweiße müssen wir als Halbfertigprodukte aus tierischer Nahrung beziehen. Für das einzelne Lebewesen ist es ein gewaltiger Vorteil, sich schon vorgefertigter Eiweiße und Aminosäuren zu bedienen. Aber bei jedem Fressvorgang werden nur 10% der in der Beute enthaltenen Energie verwertet, 90% verpuffen als Abwärme oder werden ausgeschieden. Ob das der Biosphäre als Ganzes eines Tages zum Nachteil gereichen könnte, ist nicht leicht zu beantworten.

Das Gefangenendilemma

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Ein bekanntes Paradigma für die oben beschriebenen Teufelskreise ist das Gefangenendilemma, 1950 von M.M. Flood und M. Dresher entwickelt. Hier meine Version:

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In Samarkand wurden einmal zwei Diebe gefangen, die eine Gans gestohlen hatten. Timur Lenk ließ sie in zwei verschiedene Zellen sperren, so dass sie sich nicht miteinander verständigen konnten. Dann ging er zum ersten und sagte: ‘Höre, ihr zwei habt eine Gans gestohlen, dafür gebühren euch 20 Stockhiebe. Es ist nicht angenehm, aber man überlebt es. Nun weiß ich aber sicher, ihr habt nicht nur diese Gans gestohlen, sondern auch zwei goldene Becher aus meinem Palast. Dafür könnte ich euch hinrichten lassen. Das hätte für mich nur einen Nachteil: Ich würde so meine goldenen Becher nicht wiederbekommen. Ich könnte das Geständnis aus euch herausfoltern, aber ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Pass genau auf: Wenn du den Diebstahl der Becher gestehst, und verrätst, wo ihr sie versteckt habt, dann lasse ich nur deinen Komplizen hinrichten, dich aber lasse ich laufen. Ihm werde ich freilich dieselbe Möglichkeit bieten. Wenn er gesteht, und du nicht, dann lasse ich ihn laufen, und du wirst hingerichtet. Es könnte natürlich sein, dass ihr beide gesteht. In diesem Fall könnte ich natürlich keinen von euch laufen lassen. Aber ich würde gnädig sein und jedem von euch nur die rechte Hand abhacken lassen.’

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‘Und wenn keiner von uns gesteht?’ fragte der Gefangene, der übrigens wirklich mit seinem Komplizen gemeinsam auch die Becher gestohlen hatte.

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‘Nun’, sagte Timur, ‚dann würde es bei den 20 Stockschlägen für die gestohlene Gans bleiben.’

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Nennen wir die zwei Gefangenen Ahmed und Bülent. Ahmed könnte so überlegen: Wenn er, Ahmed, gesteht, ist es für Bülent besser, auch zu gestehen, sonst wird Bülent hingerichtet. Wenn Ahmed nicht gesteht, ist es für Bülent auch besser, zu gestehen, denn dann wird Bülent freigelassen. Also weiß Ahmed, dass Bülent gestehen wird. Also wird auch Ahmed gestehen, denn sonst wird er hingerichtet. Sollte es aber sein, dass Bülent nicht gesteht, umso besser für Ahmed, denn dann wird er freigelassen.

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Das Ergebnis ist, dass beide gestehen und beiden die Hand abgehackt wird, wo sie doch beide mit zwanzig Stockschlägen hätten davonkommen können.

Wie entstehen Kooperation und Solidarität?

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Wie können nun in dieser grausamen Welt Kooperation und Solidarität entstehen?

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„Ich werde darlegen, dass eine vorherrschende Eigenschaft, die in erfolgreichen Genen erwartet werden muss, rücksichtslose Selbstsucht ist. Dieser Gen-Egoismus wird gewöhnlich ein egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen“,

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schreibt Dawkins in seinem berühmten Buch. Und weiter:

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„Wenn man betrachtet, wie die natürliche Selektion funktioniert, scheint zu folgen, dass alles, was durch natürliche Selektion evolviert ist, selbstsüchtig sein sollte. Also müssen wir erwarten, wenn wir das Verhalten von Pavianen, Menschen und allen anderen lebenden Geschöpfen betrachten, dass sich dieses Verhalten als selbstsüchtig erweisen wird. Wenn wir finden, dass unsere Erwartung nicht zutrifft, wenn wir beobachten, dass menschliches Verhalten wahrhaft altruistisch ist, dann werden wir etwas Rätselhaftem gegenüberstehen, etwas, das einer Erklärung bedarf“.[8]

Kooperation aus Egoismus

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Erklärungen gibt es auf mehreren Ebenen: Einfache Kooperation kann aus purer Selbstsucht entstehen: Kühe auf der Weide streben bei Gefahr zueinander. Für jede Kuh gilt: Je weiter sie von anderen Kühen entfernt ist, umso größer ist der Bereich, in dem sie für ein eventuelles Raubtier die nächste Kuh wäre, und daher von dem Raubtier angegriffen würde. Je näher sie an anderen Kühen steht, umso kleiner wird ihr Gefahrenbereich und umso größer die Chance, dass eine der anderen Kühe angegriffen wird. Indem jede Kuh versucht, auf Kosten der anderen zu überleben, erhöhen sich die Überlebenschancen für alle, denn ein Raubtier greift nur ungern eine geschlossene Gruppe an.[9]

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Antilopenweibchen leben in großen Herden und synchronisieren ihre Gebärzeiten. Ihre Jungen erscheinen dann gleichzeitig und in großer Anzahl, und das einzelne ist im Fall eines räuberischen Angriffs weniger gefährdet.[10]

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Schon etwas komplexer ist das Verhalten des Warnens: Viele Vögel, die in Gruppen oder Schwärmen leben, stoßen, wenn sie einen Feind erblicken, einen Warnruf aus. Das ist erstaunlich, denn der Warner lenkt die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich und gefährdet sich dadurch. Allerdings würde der Warner sich durch eine isolierte Flucht noch mehr gefährden. Besser ist es, den ganzen Schwarm aufzuscheuchen und im Schutz des Schwarms zu fliehen.[11]

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Verhaltensweisen, die der Gruppe nützen, können sich also nur dann durchsetzen, wenn sie auch unmittelbar einen Fortpflanzungsvorteil für das Individuum bedeuten. Wenn das nicht der Fall ist, wenn das Verhalten also „echt“ altruistisch ist, kann es sich nicht durchsetzen, weil es ja die Fortpflanzung von Individuen fördert, die den altruistischen Zug nicht haben.

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Kooperation unter Verwandten

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Es gibt allerdings eine Ausnahme: Wenn das altruistische Verhalten die Fortpflanzung von Verwandten fördert, dann besteht die Chance, dass auch diese Verwandten über den altruistischen Zug verfügen.Meine Gene habe ich mit statistischer Wahrscheinlichkeit zur Hälfte von meinem Vater, zur Hälfte von der Mutter. Das giltauch für meine Geschwister. Doch müssen die nicht die gleichen Hälften geerbt haben. Im Schnitt wird bei jedem meiner Geschwister die Hälfte der Gene mit den meinen identisch sein. Ein Neffe oder eine Nichte haben im Schnitt ein Viertel meiner Gene. Wenn bei mir ein altruistischer Zug vorliegt, beträgt die Chance z.B. ¼, dass er auch bei meiner Nichte vorliegt. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten kann sich dann durchsetzen, wenn ihr Nutzen für die Verwandten entsprechend größer ist als die Einbuße, die der eigene Nachwuchs dadurch erleidet. Meine Nichten und Neffen teilen im Schnitt 25% meiner Gene, meine Kinder 50%. Also muss der Nutzen für Neffen und Nichten mehr als doppelt so groß sein als die Einbuße für eigene Kinder, damit das Verhalten sich durchsetzen kann. So findet man zum Beispiel Vogelarten, wo Männchen, die kein Weibchen finden, ihren Eltern helfen, die Geschwister aufzuziehen. Das Verhalten kann sich durchsetzen, weil meine Geschwister mit mir genau so verwandt sind wie meine Kinder, sie haben im Schnitt 50% der Gene mit mir gemeinsam. Solche Brutpflegehelfer finden sich bei Vögeln, Krebsen, Fischen und auch Säugetieren.[12]

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Die Soziobiologie setzt das Verhalten der Lebewesen in Beziehung zu den Verwandtschaftsverhältnissen unter ihnen. Die kompliziertesten Verwandtschaftsgrade werden berechnet und daraus Voraussagen getroffen, wie viel das Individuum unter verschiedenen Bedingungen in diese oder jene Beziehung „investieren“ sollte, um den größtmöglichen Fortpflanzungserfolg seiner Gene zu erzielen. Und tatsächlich finden sie, dass die Tiere sich oft genug den Ergebnissen der Berechnungen entsprechend verhalten. Ich möchte es noch einmal hervorheben: Die Verbreitung oder Nichtverbreitung von Kooperation oder Konkurrenzverhalten hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der solches Verhalten Individuen fördert, die es ebenfalls aufweisen, also die Gene, die zu diesem Verhalten beitragen. Die Wahrscheinlichkeit ob diese speziellen Gene beim geförderten Individuum vorhanden sind, hängt davon ab, welchen Anteil das geförderte Individuum an der Gesamtheit der Gene des Förderers hat. Im Ergebnis verhält sich das Individuum, als ob es daran interessiert wäre, einen möglichst hohen Prozentsatz all seiner Gene in Umlauf zu bringen. Natürlich betonen die Forscher, dass es sich dabei um ein quasirationales Verhalten handelt und dass den Tieren der Sinn ihres Verhaltens selbst nicht bewusst ist. Meist in der Einleitung und vielleicht noch einmal am Schluss des Buches. Dazwischen verwenden sie gern eine Sprache, die den Eindruck erweckt, die Tiere und Pflanzen wären berechnende Kaufleute, die bestrebt sind, ihren Profit (ihren Fortpflanzungserfolg) zu maximieren. Das mathematische und begriffliche Instrumentarium, das die Ökonomen erarbeitet haben, um Verhältnisse zwischen ihren Nutzen maximierenden Individuen zu analysieren, eignet sich für die Soziobiologie sehr gut. Hier zeigt sich schon, dass hier Parallelen nicht nur zwischen den beiden Wissenschaften, sondern eben auch zwischen den von ihnen untersuchten Bereichen der Wirklichkeit bestehen. Und in beiden Bereichen kann, wie noch zu zeigen sein wird, die Maximierung des individuellen Nutzens dem Gesamtnutzen abträglich sein.

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Ameisen: Weltherrscher durch Verwandtenkooperation

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Die eindrucksvollsten Ergebnisse zeitigt die Verwandtenkooperation bei den Ameisen. Bei den Ameisen schlüpfen aus befruchteten Eiern Weibchen (fruchtbare Königinnen oder unfruchtbare Arbeiterinnen), aus unbefruchteten Eiern Männchen. Alle Ameisengeschwister bekommen vom Vater den gleichen Chromosomensatz, also identische Gene, von der Mutter ein jeweils zufälliges Gemisch der großmütterlichen und großväterlichen Gene. Daher teilen Ameisenschwestern im Schnitt nicht 50% der Gene, sondern 75%. Jedes Verhaltensmerkmal, das die eigene Mutter beziehungsweise ihren Nachwuchs fördert, hat also besonders große Chancen, damit auch wiederum Trägerinnen dieses Verhaltensmerkmals zu fördern. So erklärt sich, dass Ameisen-Arbeiterinnen zugunsten einer kleinen Anzahl fruchtbarer Schwestern auf eigenen Nachwuchs verzichten. Das macht es möglich, dass die Schwestern verschiedene Arbeiten im Stock untereinander aufteilen. Ein Teil dieser Arbeitsteilung ist altersbedingt, das heißt Arbeiterinnen machen in der Jugend Innendienst und übernehmen am Ende des Lebens den gefährlichen Außendienst. Aber sie können es sich auch leisten, für verschiedene Dienste unterschiedliche Körperformen zu entwickeln, die sie für andere Dienste untauglich machen. Bei manchen Arten gibt es Wächterameisen mit einer speziellen Kopfform. Ihre Köpfe dienen als Verschlüsse, als Pfropfen für die Eingänge. Bei vielen Arten gibt es besonders großeSoldatinnen. Bei der Honigtopfameise stellen sich bestimmte Arbeiterinnen als Nahrungsspeicher für den Winter zur Verfügung. Mit auf Erbsengröße angeschwollenen Hinterleibern hängen sie als Honigtöpfe in den Vorratskammern. Am bizarrsten ist vielleicht das Verhalten der Camponotus-Ameisen in Malaysia, die man als lebende Bomben bezeichnen könnte: Zwei große Drüsen mit giftigem Sekret laufen von ihren Kauwerkzeugen bis zum Ende ihres Hinterleibs. Wenn die Ameisen im Kampf gegen feindliche Ameisen oder einen Fressfeind in Bedrängnis geraten, ziehen sie ihre Hinterleibsmuskeln gewaltsam zusammen, sodass ihre Körperwände aufgesprengt werden und sich das Gift plötzlich auf den Feind ergießt. Zugunsten des Stocks das Leben zu opfern ist für die Ameisen kein großes Problem, und ähnliche Kamikaze-Verhaltensweisen finden sich bei vielen Arten.

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Die Ameisenkolonie wird oft als Superorganismus bezeichnet, weil sich die Individuen wie Organe eines größeren Superindividuums verhalten. Das macht ihren großen Erfolg aus. Von 750.000 bekannten Insektenspezies sind 13.500 Spezies staatenbildend. 9500 davon sind Ameisen, der Rest sind Termiten und soziale Bienen und Wespen. Doch diese 2% aller Insektenspezies machen 50% der Biomasse aller Insekten aus! Warum? Hölldobler und Wilson führen folgendes Argument an: Man stelle sich 100 einzeln lebende Wespen (Ameisen stammen von Wespen ab) neben einer Kolonie von 100 Ameisen vor. Jede Wespenmutter muss ein Nest graben, ein Beutetier fangen und eintragen, ein Ei darauf legen und das Nest verschließen. Wenn sie bei einer einzigen dieser Arbeiten versagt, waren auch alle anderen Arbeiten vergebens. Die Ameisen teilen die Arbeiten auf Spezialistinnen auf. Wenn eine versagt oder gefressen wird, springt eine andere ein. Der Erfolg ist nahezu garantiert. Im Kampf können die Ameisen-Soldatinnen draufgängerisch bis zum Selbstmord sein. Eine Wespenmutter sollte sich auf einen Kampf nur einlassen, wenn sie ihn gewinnen kann, Kamikaze-Aktionen stehen sowieso außer Frage. Selbst wenn bis zum Ausfliegen der jungen Ameisenköniginnen von den 100 Ameisen 99 ihr Leben lassen müssen, werden die ausfliegenden Schwestern den Verlust mehr als ausgleichen, die Arbeit der 99 wird nicht verloren sein. Wenn 99 Wespenmütter ihr Leben lassen, bevor sie ihren Nachwuchs bis zum Ende versorgt haben, wird nur die Arbeit der letzten überlebenden nicht verloren sein. „Es scheint, dass Sozialismus unter bestimmten Bedingungen wirklich funktioniert“, schreiben Hölldobler und Wilson. „Karl Marx hatte nur die falsche Spezies.“[13]

 

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Konkurrenz und Kooperation ergänzen einander

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Die Weiterentwicklung der Arten, die immer weiter gehende Differenzierung des Lebens wird also durch Konkurrenz vorangetrieben, Konkurrenz innerhalb der Arten und zwischen den Arten. Doch diese Konkurrenz bringt auf vielen Ebenen Kooperation hervor, und kooperative Spezies wie die Ameisen und – wie wir sehen werden – die Menschen, gehen als „Sieger“ aus dieser Konkurrenz hervor.

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Krieg bei sozialen Insekten

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Bei all ihrer Eignung zur Kooperation kennen auch die Ameisen Konkurrenz und Kampf sowohl innerhalb der Kolonie als auch zwischen den Kolonien. So kann es sein, dass mehrere Königinnen gemeinsam eine Kolonie begründen, weil sie so schneller das Stadium erreichen, wo ihre Töchter Brutpflege und Nahrungsbeschaffung übernehmen können. Doch sobald die Kolonie gefestigt ist, beginnt der Kampf um die Vorherrschaft unter den Königinnen, aus dem eine als die alleinige Stammmutter hervorgeht. Vor allem zwischen verschiedenen Spezies und auch zwischen den Kolonien ein und derselben Spezies herrscht oft erbarmungsloser Krieg. „Wenn Ameisen Nuklearwaffen hätten, würden sie wahrscheinlich innerhalb einer Woche das Ende der Welt herbeiführen“.[14]

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Warum ist unter Ameisen Krieg die Regel, und zwar, wie Hölldobler/Wilson es beschreiben, gekennzeichnet durch „rastlose Aggression, territoriale Eroberung und völkermörderische Auslöschung benachbarter Kolonien wann immer möglich“?[15]

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Für die folgenden Überlegungen sind nicht Hölldobler/Wilson verantwortlich sondern ich allein:

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1) Ameisenkolonien können zwar nicht unbegrenzt wachsen, aber die Spanne zwischen der kleinstmöglichen noch funktionierenden Kolonie und der größtmöglichen ist enorm, kann das Hundertfache, Tausendfache oder noch mehr betragen. Kaum eine Ameisenkolonie erreicht tatsächlich die theoretisch mögliche größte Ausdehnung, praktisch jede Kolonie könnte noch größer werden. Praktisch jede Kolonie könnte also ein noch größeres Territorium brauchen. Auch bei einem Singvogelpärchen hängt die Größe der Brut, die es aufziehen kann, bis zu einem gewissen Grad von der Größe des Territoriums ab, das dem Pärchen zur Verfügung steht. Aber es gibt ein maximales Territorium, das das Pärchen überhaupt bearbeiten kann, und jede Gebietseroberung darüber hinaus hätte keinen Sinn und würde nur unnützen Kräfteverschleiß bedeuten. Für die Ameisen aber gilt, dass eine Kolonie, die nicht auf unbegrenztes Wachstum aus wäre, der maßlosen Mutante gegenüber ins Hintertreffen geraten muss. Desgleichen eine Kolonie, die ihr Territorium nicht mit Mandibeln und Klauen verteidigt.

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2) Ameisenkolonien können sich das Kriegführen leisten. Sie können es sich leisten, weil sie, wie schon oben ausgeführt, die Fortpflanzung an ihre königlichen Schwestern delegieren. Einzeln lebende Wespen oder Singvogelpärchen oder andere territoriale Tiere können sich eine tödliche Niederlage nicht erlauben. Jede Fortpflanzungschance wäre dahin. Sobald eine Niederlage abzusehen ist, ist Flucht die bessere Alternative, denn dann besteht immer noch die Chance, ein unbesetztes Territorium zu finden oder einen schwächeren Konkurrenten, den man vertreiben kann. Für eine Ameisenkolonie kann ein Krieg sich auch dann lohnen, wenn Tausende auf dem Schlachtfeld sterben.

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3) Der dritte Grund spielt wahrscheinlich eine geringere Rolle als die ersten beiden, wird aber auch mit zur kriegerischen Veranlagung der Ameisen beitragen: In Ameisenkriegen geht es nicht nur um Territorien, die ja erst noch bejagt oder sonst bearbeitet werden müssen, sondern es gibt im feindlichen Stock oft auch unmittelbar etwas zu holen. Viele Ameisen legen Vorräte an. Die schon erwähnten Honigtopf-Ameisen stehlen zum Beispiel eben diese lebenden Honigtöpfe und verleiben sie dem eigenen Stock ein. Oft werden Puppen und Larven gestohlen. Sie werden dem eigenen Stock einverleibt und müssen sich in den Dienst von Königinnen stellen, mit denen sie nicht verwandt sind. Manche Ameisenarten versklaven auf diese Art sogar Angehörige fremder Ameisenspezies.

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Unter den Ameisen gibt es also Krieg, weil er sich für sie unter den besonderen Umständen, unter denen sie leben, besonders lohnt. Im Gegensatz zum bloß territorialen Singvogelpärchen ist die Ameisenkolonie von ihrer Struktur her expansiv.

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Lohnend ist dieser Expansionimus freilich nicht für die Art als Ganzes, sondern für die Fortpflanzung der Gene der jeweiligen Kolonie. Bislang hat allerdings diese innerartliche Aggression den gigantischen Erfolg der Gattung anscheinend nicht merklich bremsen können.

 

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Sobald Arbeitsteilung vorhanden ist, entsteht ein Selektionsdruck in Richtung immer größerer Flexibilität des Verhaltens und immer verbesserter Kommunikation. Bei den Ameisen geschieht diese Kommunikation vor allem durch Duftstoffe, Pheromone, mit denen sie sich gegenseitig steuern. Es ist diese Flexibilität, die so erstaunliche und menschenähnliche Verhaltensweisen ermöglicht wie zum Beispiel das Anlegen von Pilz- und Pflanzengärten, das Melken und Pflegen von Blattläusen (Ameisen bringen die Blattläuse sogar in den Stock, um sie da zu überwintern, und bringen sie im Frühjahr wieder auf die Weide) und sogar rudimentären Werkzeuggebrauch.

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Honigtopf-Ameisen jagen Termiten. Wenn eine Honigtopf-Späherin eine Termitengruppe entdeckt, läuft sie zurück zum Nest und hinterlässt dabei eine Duftspur. Wenn sie Nestkolleginnen begegnet, stößt sie sie mit dem Körper an. So rekrutiert sie einen Beutetrupp, der sich auf den Weg zu den Termiten macht. Gibt es in der Nähe einen anderen Stock von Honigtopf-Ameisen, laufen einige vom Trupp wieder zurück und rekrutieren eine weitere Abteilung, die zum gegnerischen Stock eilt und die dortigen Ameisen in eine Konfrontation verwickelt, ihre Divisionen also beim Stock bindet, um sie daran zu hindern, selbst unter den Termiten Beute zu machen.

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Honigtopf-Ameisen lassen sich allerdings nur selten auf blutigen Kampf ein. Habe ich oben gesagt, dass Ameisen sich das Kriegführen leisten können, so können sie es sich doch nicht unbegrenzt leisten. Auch hier ist im Vorteil, wer eigene und gegnerische Kräfte abschätzen und einen unnützen Kampf vermeiden kann. Honigtopf-Ameisen haben das „gelernt“ und ihre Auseinandersetzungen beschränken sich meistens auf Imponier- und Droh -Turniere. Ist aber eine Kolonie ungefähr zehnmal so stark wie die gegnerische, fällt sie erbarmungslos über sie her und vernichtet sie. Denn wer imstande ist, die eigene Überlegenheit zu erkennen und rücksichtslos auszunutzen, erhöht natürlich auch seine Fortpflanzungschancen.

Kooperation aus Einsicht?

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Der vorige Abschnitt sollte zeigen, zu welch großartigen Erfolgen Kooperation führen kann. Bis jetzt kennen wir aber nur egoistische Kooperation und Kooperation unter Verwandten.Und die Erfolge der Ameisen sind darauf zurückzuführen, dass sie „verwandter“ sind als andere. Menschliche Gesellschaften bestehen aber gerade seit dem Beginn der Zivilisation keineswegs nur aus engen Verwandten. Kommt Kooperation unter nicht eng verwandten Menschen also nur trotz der biologischen Veranlagung zum Egoismus vor? Dawkins scheint dieser Meinung zu sein: „Seien Sie gewarnt, dass, wenn Sie, wie ich, wünschen eine Gesellschaft zu errichten, in der Individuen großzügig und selbstlos für das Gemeinwohl tätig sind, Sie wenig Hilfe von unserer biologischen Natur erwarten dürfen.“[16]

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Diese Meinung lässt sich durchaus begründen. Das Menschenwesen ist tatsächlich weniger instinktgesteuert als alle anderen Tiere. Man könnte also durchaus, wie Dawkins der Ansicht sein, dass das dem Menschenwesen die Freiheit gibt, sich vom Diktat der Gene zu befreien und trotz der egoistischen Veranlagung einer höheren Einsicht folgend zu kooperieren.

Das Handicap-Prinzip

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Wie es scheint, gibt es aber doch Hilfe von unserer biologischen Natur. Um das darzulegen, ist es allerdings nötig, ein wenig auszuholen. Vergegenwärtigt man sich, wie stark der Druck der Selektion durch die Umwelt[17] die Lebewesen drängt, möglichst viel Energie zu gewinnen und sie möglichst sparsam auszugeben, dann muss einem eine ganze Klasse von Erscheinungen in der Natur äußerst merkwürdig vorkommen. Das Männchen des Argusfasans hat so übermäßig lange Schwanzfedern, dass es fast schon flugunfähig ist.[18] Warum werden die Federn immer länger, warum bevorzugt die Evolution nicht Männchen mit kürzeren Schwanzfedern? Warum wurde das Geweih des Riesenelchs so breit und schwer, dass es höchstwahrscheinlich das Aussterben dieser Art verursachte? Warum entwickelten sich die Eckzähne des Säbelzahntigers so unmäßig, dass auch diese Art vom Antlitz der Erde verschwunden ist? Der Biologe Amotz Zahavi stellte Anfang der 70er Jahre eine Theorie auf, die er das Handicap-Prinzip nannte.[19] Ein Paradiesvogel, der trotz fast ein Meter langen Schwanzfedern überlebt, muss ein besonders kräftiger Flieger sein, besonders gut darin sein, Raubfeinden zu entkommen, Futter zu finden, Krankheiten abzuwehren etc. Wenn ein Weibchen auf Grund einer Mutation Gefallen an Männchen mit besonders langen Schwanzfedern findet, wird es automatisch besonders gute Flieger etc. als Nachkommen haben und ihnen, wenn weiblich, die Vorliebe für lange Schwanzfedern vererben. Sowohl diese Vorliebe wird sich durchsetzen – bei den Weibchen – als auch die langen Schwanzfedern – bei den Männchen. Viele sexuelle Werbesignale der Männchen sind solche Behinderungen. Männchen verzichten in der Zeit der Werbung auf Tarnfärbung und entwickeln auffallend bunte Signalfarben. Sie führen aufwändige Werbetänze vor, machen sich durch lauten Gesang auffallend, kopieren sogar völlig überflüssig die Gesänge anderer Vögel und sogar die Geräusche von Kettensägen oder startenden Autos. Indem sie sich selbst Behinderungen auferlegen, demonstrieren sie ihren Kräfteüberschuss. Die Männchen der Laubenvögel von Neuguinea bauen 1 Meter hohe geflochtene Hütten von 2 ½ Metern Durchmesser und schmücken deren Umgebung mit bunten Gegenständen, Früchten, Schmetterlingsflügeln und dergleichen die sie nach Farben geordnet auslegen. Diese Hütten haben keinerlei Überlebenswert für den kleinen unscheinbaren Vogel. Sie sind absolute Kraftvergeudung, brotlose Kunst. Sie dienen nur dazu, dem Weibchen die überschießenden Kräfte des Männchens zu demonstrieren. Das Weibchen „weiß sofort, dass das Männchen kräftig ist, da die Laube hundertmal soviel wiegt wie es selbst und manche der Dekorationselemente, die es aus zig Meter Entfernung herbeischleppen musste, halb so schwer sind wie sein eigener Körper. Das Weibchen weiß auch, dass das Männchen genügend Geschicklichkeit besitzt, um Hunderte von Stöcken und Zweigen ... zu verflechten. Es muss ein gutes Gehirn besitzen...“ und so weiter.[20]

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Dass es im wesentlichen die Männchen sind, die Werbesignale aussenden, liegt an dem oben dargelegten funktionalen Männchenüberschuss. Je weniger die Männchen zur Brutpflege gebraucht werden, umso krasser sind die Behinderungen, mit denen sie prahlen. Männchen, die zur Brutpflege benötigt werden, können sich solche Extravaganzen weniger leisten, beziehungsweise können sich ihre Weibchen solche extremen Vorlieben nicht leisten. Auch die Männchen züchten in gewissem Maß mit ihren Vorlieben bestimmte Eigenschaften an den Weibchen heran. Doch je größer der funktionale Männchenüberschuss, umso mehr sind es die Weibchen, die die Eigenschaften der Männchen heranzüchten.

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Auch beim Menschenwesen finden sich eine Fülle von selbstschädigenden Verhaltensweisen, die sich durch Zahavis Handikap-Prinzip erklären lassen. Tätowierungen und Schmucknarben beispielweise sind ein Beweis, dass ihr Träger oder ihre Trägerin Schmerzen ertragen können und über ein gutes Immunsystem verfügen. Wer kein gutes Immunsystem hat, wird vom Wundfieber hinweggerafft. Das Trinken von Alkohol gehört zu dieser Art von Signalen oder das Rauchen von Tabak, das Trinken von Kerosin bei Kung-Fu-Kämpfern oder die Sitte der männlichen Einwohner der Pazifik-Insel Malekula, hohe Türme zu errichten und dann von einem Seil am Fuß gehalten herabzuspringen, so dass das Seil den Sturz abfängt, kurz bevor der Wagemutige mit dem Kopf auf den Boden prallt. „Wer den Sturz übersteht, hat bewiesen, dass er Mut besitzt, richtig rechnen kann und ein guter Baumeister ist“.[21]

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Hilfe für Nichtverwandte als kostspieliges Signal für gute Erbanlagen

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Was hat Zahavis Handikap-Prinzip nun mit Kooperation zu tun? Schauen wir einen Augenblick zu unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen:

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„Bei nichtmenschlichen Primaten teilen Erwachsene nur selten ihre Nahrung untereinander, mit Ausnahme von Müttern, die im allgemeinen mit ihren Jungen teilen. In der Schimpansengesellschaft jedoch teilen auch nicht miteinander verwandte Erwachsene oft miteinander, auch wenn sie es bevorzugt mit Verwandten oder nahen Freunden tun. In Gombe kann man Teilen am häufigsten beim Fleischfressen beobachten, wenn der Besitzer in Reaktion auf eine ausgestreckte Hand oder sonstige Bettelgebärde zulässt, dass ihm ein Stück Fleisch abgenommen wird – oder gar selbst ein Stück abreißt und dem Bittenden überreicht.“[22]

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Fleisch ist für Schimpansen zwar eine wertvolle Nahrung, aber kein lebensnotwendiger Nahrungsbestandteil, eher eine seltene Delikatesse. Schimpansen erjagen nur eher selten ein Kolobusäffchen oder ein Buschschwein. Warum also behalten erfolgreiche Jäger diese seltene und nur mit großer Ausdauer und Geschicklichkeit zu erlangende Delikatesse nicht für sich?

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Auch in menschlichen Sammler- und Jäger-Kulturen ist es hauptsächlich Fleisch, was geteilt wird. Pflanzennahrung sammelt ein jedes für sich oder für die Familie. Bei den Hadza in Ostafrika wird auch nur Großwild auf die ganze Gruppe aufgeteilt. Großwildjagd bringt zwar gelegentlich große Mengen Fleisch, ist aber riskant und unverlässlich. Die verlässlichere Strategie ist die Jagd auf Kleinwild. Mit ein paar erlegten Hasen oder Vögeln kann „mann“ aber nicht so gut seine Stärke und Gewandtheit beweisen wie mit einem erlegten Büffel. Der Zweck der Jagd ist also in erster Linie die Demonstration überschüssiger Kraft.[23] Dabei geht es nicht um die subjektive Motivation des Jägers, also was er sich dabei denkt oder was er dabei fühlt, sondern um die objektive Funktion als Signal. Der Jäger mag nur das Wohl seiner Gruppe im Sinn haben und an Statusgewinn keinen Gedanken verschwenden. Dennoch haben erfolgreiche Jäger hohen Status und werden von Frauen bewundert, bekommen mehr Nachkommen und können ihnen ihre Gruppenfürsorglichkeit vererben.

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Bei den BaMbuti (Pygmäen) im Kongo ist ein junger Mann erst heiratsfähig, wenn er mindestens eine Antilope allein erlegt hat. Wenn die Jungen Männer von ihren Bräuten reden, prahlen sie damit, dass sie den Schwiegereltern nicht bloß eine Antilope, sondern einen Büffel, ja gar einen Elefanten zum Geschenk machen werden. Und dass ein einzelner Mbuti-Jäger einen Elefanten erlegt, kommt auch tatsächlich vor.[24]

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Wenn die Umweltselektion also auf ökonomischen Energieeinsatz und Maximierung des persönlichen Fortpflanzungserfolgs hinarbeitet, so kann die sexuelle Selektion im direkten Gegensatz dazu auf demonstrative Energieverschwendung hinarbeiten – und nichts anderes ist die Unterstützung von Nichtverwandten vom Gesichtspunkt des selbstsüchtigen Gens aus. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man bedenkt, dass das selbstsüchtige Gen die Energieverschwendung beim anderen Geschlecht provoziert, damit seine eigene Fortpflanzungsmaschine Energie sparen kann.

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Aber es muss auch noch einmal betont werden, dass diese sexuelle Selektion zu demonstrativen Kraftverschwendung auch ein Teufelskreis sein kann, ähnlich wie andere Ausprägungen innerartlicher Selektion (Kindsmord beim Löwen). Beim Säbelzahntiger und beim Riesenelch hat sie, wie schon angedeutet, zum Aussterben dieser Arten geführt. Irgendwann sagt die Umweltselektion: Jetzt ist Schluss, so geht’s nicht mehr weiter.

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Der Drang, etwas zu bewirken

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Nun ist das Menschenwesen von allen Tieren das mit dem flexibelsten Verhalten, das am wenigsten instinktgebundene. Sein Verhalten wird nicht bloß durch genetisch vererbte Programme gesteuert, sondern auch durch den Problemlösungsapparat und Erfahrungsspeicher im individuellen Gehirn. Der wird allerdings seltener eingesetzt als man annehmen möchte. Einmal gefundene Lösungen werden als Gewohnheiten gespeichert und immer wieder wiederholt, auch wenn bessere Lösungen möglich wären. Von anderen Individuen gefundene Lösungen werden nachgeahmt. Erfahrungen und daraus resultierende Verhaltensweisen früherer Generationen werden durch Erziehung aufgenommen und verinnerlicht und an die nächste Generation weitergegeben. Dabei spielt natürlich das Sprachvermögen des Menschenwesens eine große Rolle. Das ganze Repertoire an nicht individuell erarbeiteten, sondern übernommenen Verhaltensweisen und Anschauungen, das einer bestimmten Gruppe gemeinsam ist und sie von anderen Gruppen unterscheidet, macht das aus, was man die Kultur einer Gruppe (einer Gesellschaft) nennt.

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Dass menschliches Verhalten also durch individuelle Erfahrungen und kulturelle Normen gesteuert ist, heißt aber nicht, dass das Menschenwesen von seinen Instinkten frei wäre. Noch immer zwingt der Hunger es zu essen. Aber die Art, wie es sich das Essen verschafft, ist ihm, im Gegensatz zu weniger komplexen Tieren, nicht angeboren. Noch immer gerät das Menschenwesen in Zorn, wenn es angegriffen wird, und verteidigt sich, doch ob es dazu die Fäuste verwendet, Waffen oder Worte, das steht ihm frei. Und so weiter. Wir können nicht sagen, dass der Fresstrieb beim Menschen „schwächer“ wäre. Er drängt genauso gebieterisch auf Erfüllung wie bei jedem anderen Tier. Nur die Durchführung überlässt er den kognitiven Fähigkeiten des Menschenwesens. Eine Kuh kann nur Gras fressen und Wiederkäuen, sie kann sich nicht auf Nüsse umstellen oder Hasen jagen, wenn das Gras knapp wird. Das Menschenwesen kann all das und noch mehr, aber essen muss es. Dem Tier liefert der Instinkt die Problemlösungen. Dem Menschenwesen stellt der Instinkt (der Trieb) die Aufgabe, und überlässt die Lösung der Kultur, der Gewohnheit oder der Intelligenz. Die Aufgabe ist aber noch immer dieselbe wie beim Tier: Bleib am Leben, pflanze dich fort und sorge für deine Nachkommen.

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Analog zum Fresstrieb darf man annehmen, dass dem Menschen kein spezifisches Programm angeboren ist, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Der Instinkt schreibt dem Menschenwesen nicht vor: Lass dich tätowieren! oder: Geh auf Großwildjagd! oder: Stürz dich an einem Seil in die Tiefe.

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Erich Fromm hat in seiner Auseinandersetzung mit Konrad Lorenz über die menschliche Aggression von den menschlichen Leidenschaften gesprochen. Er hat in seiner klinischen Tätigkeit als Psychotherapeut festgestellt, dass dem Menschen ein tiefer Drang innewohnt, etwas zu bewirken, eine Spur in der Welt zu hinterlassen. „Wirken zu können bedeutet, dass man aktiv ist und nicht nur andere auf uns einwirken, dass wir aktiv und nicht nur passiv sind. Letzten Endes beweist es, dass wir sind. Man kann dieses Prinzip auch so formulieren: Ich bin, weil ich etwas bewirke.“[25]

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Schon kleine Babys wollen etwas bewirken. Überall auf der Welt gibt es die Babyrassel, mit der schon die Kleinsten Lärm erzeugen können. Kinder stellen mit großem Eifer Bausteine zu hohen Türmen aufeinander – und stoßen sie mit großer Freude am Krach wieder um. „Kleine Ursache – große Wirkung“ ist das Prinzip, das Spielzeuge und auch nicht zum Spielen gedachtes interessant macht: den hoch hüpfenden Gummiball ebenso wie den Lichtschalter.

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„Auch der Erwachsene hat das Bedürfnis sich selbst zu beweisen, dass er fähig ist, eine Wirkung auszuüben. Es gibt mannigfache Möglichkeiten, sich dieses Gefühl zu verschaffen: man kann im Säugling, der gestillt wird, einen Ausdruck der Befriedigung hervorrufen, im geliebten Menschen ein Lächeln, im Sexualpartner eine Reaktion, man kann im Gesprächspartner Interesse wecken. Das gleiche kann man durch materielle, intellektuelle oder künstlerische Arbeit erreichen. Aber man kann dasselbe Bedürfnis auch befriedigen, indem man über andere Macht gewinnt, indem man ihre Angst miterlebt, indem der Mörder die Todesangst auf dem Gesicht seines Opfers beobachtet, indem man ein Land erobert, indem man Menschen quält, und einfach dadurch, dass man zerstört, was andere aufgebaut haben. Das Bedürfnis, eine Wirkung zu erzielen, kommt in den interpersonalen Beziehungen ebenso zum Ausdruck wie in der Beziehung zu Tieren, zur unbelebten Natur und zu Ideen. In der Beziehung zu anderen besteht die grundsätzliche Alternative darin, dass man entweder die Macht in sich fühlt, Liebe hervorzurufen oder Angst und Leiden zu bewirken. In der Beziehung zu Dingen besteht die Alternative darin, entweder etwas aufzubauen oder es zu zerstören. So entgegengesetzt diese Alternativen sind, sie sind nur verschiedene Reaktionen auf das gleiche existentielle Bedürfnis: etwas zu bewirken.

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Wenn man sich mit Depressionen und Langeweile beschäftigt, stößt man auf reiches Material, aus dem hervorgeht, dass das Gefühl, zur Wirkungslosigkeit verdammt zu sein - das heißt, zu einer völligen vitalen Impotenz, von der die sexuelle Impotenz nur einen kleinen Teil darstellt -, eines der schmerzlichsten und vielleicht fast unerträglichen Erlebnisse ist und dass der Mensch fast alles versuchen wird, um es zu überwinden - von Arbeitswut oder Drogen bis zu Grausamkeit und Mord.“

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Das allgemein gehaltene Programm „Bewirke etwas!“ kann sich also kreativ oder destruktiv auswirken. Fromm zielt hier schon ab auf das Gegensatzpaar „Biophilie“ und „Nekrophilie“ („Liebe zum Leben“ und „Liebe zum Tod“), die er als Extrempunkte menschlicher Leidenschaften sieht – gewissermaßen als Korrektur und Weiterentwicklung zu Freuds „Eros“ und „Thanatos“.[26]

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Fromm sieht den Drang, etwas zu bewirken, nicht als angeborenen Trieb, sondern als „existenzielles Bedürfnis“. Zu diesen zählt er auch das Bedürfnis nach Orientierung und Hingabe, nach Verwurzelung und Einheit. Ihre Wurzeln sieht er in den besonderen Bedingungen menschlicher Existenz: „Mit diesem Bewusstsein seiner selbst und mit dieser Vernunft begabt, ist sich der Mensch seiner Getrenntheit von der Natur und von anderen Menschen bewusst; er ist sich seiner Machtlosigkeit und seiner Unwissenheit bewusst; und er ist sich seines Endes bewusst: des Todes.“[27]

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Das ist freilich eine philosophische Erklärung und keine naturwissenschaftliche. Die Hypothese, dass es sich um ein durch sexuelle Selektion angezüchtetes Programm handelt, ist die einfachere, steht im Einklang mit anderen Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und kommt mit weniger Annahmen aus. Wobei noch zu betonen ist, dass die beiden Erklärungen einander nicht vollständig ausschließen. Die subjektive Motivation für eine Handlung muss mit ihrer objektiven Wirkung nicht unbedingt in Beziehung stehen. (Sex führt zur Fortpflanzung, auch - und gerade! -, wenn die Sexualpartner nicht wissen, woher die kleinen Kinder kommen. Subjektiv betreiben sie Sex aus Spaß an der Freude, das objektive Ergebnis sind Nachkommen. Ob ich Knoblauch esse, weil er eine heilige Pflanze ist, oder weil er mir schmeckt, oder weil ich von seiner Heilkraft weiß – seine antibiotischen Bestandteile werden in jedem Fall ihre keimtötende Wirkung entfalten. Ob ich einen Baum male, weil ich „halt Lust dazu habe“, weil ich den Gott des Baumes ehren will, weil ich mein Haus schmücken will, weil ich einem Mädchen imponieren will oder weil ich damit meine inneren Ängste beschwichtigen kann – an der Aussagekraft des Bildes über meine visuellen, manuellen und koordinativen Fähigkeiten wird das nichts ändern wie auch darüber, dass auch all meine anderen Fähigkeiten oder Lebensumstände so sind, dass ich es mir leisten kann, einen Teil meiner Zeit dieser brotlosen Kunst zu widmen.)

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Demonstrative Energieverschwendung ist also der evolutionsbiologische Sinn des von Fromm empirisch festgestellten Drangs, etwas zu bewirken. Als demonstrative Energieverschwendung lassen sich viele menschliche Verhaltensweisen deuten, die unter dem Gesichtspunkt der Umweltselektion und der Selbstsucht des Gens keinen Sinn ergeben. Das reicht von den vielfältigen, den Anthropologen gut bekannten Formen der Selbstverstümmelung (Tätowierung, Beschneidung, Ausbrechen von Zähnen, Vergrößerung von Ohrläppchen, Lippen, Hals) bis zur Kopfjagd und zum Menschenopfer. Das reicht vom Aufteilen der Jagdbeute bis zum Potlatch, dem Verschenkfest der amerikanischen Ureinwohner. Noch heute kann es vorkommen, dass ein indianischer Geschäftsmann anlässlich der Hochzeit einer Tochter all seinen Besitz, vom Fernseher bis zum Cadillac verschenkt und stolz in einem von Möbeln und Kunstgegenständen entblößten Haus zurückbleibt. Es gab aber auch die scheußlichere Form des Potlatch, wo konkurrierende Häuptlinge einander übertrumpften, indem sie nicht nur den anderen mit Nahrung voll stopften und ihn beschenkten, sondern auch große Mengen an Gebrauchsgütern verbrannten oder sonst vernichteten, um zu zeigen, dass sie es sich leisten konnten. Und noch scheußlicher die aztekische Form, bei der Kaufleute, die keine Gefangenen opfern konnten, extra zu diesem Zweck angeschaffte Sklaven abschlachteten. Aber auch der demonstrative Konsum („conspicuous consumption“) gehört hierher, das Tragen von wertvollem Schmuck und teurer Kleidung und das Fahren von Autos, deren PS-Zahl nie ausgenützt werden kann. Es gehören hierher aber auch menschliche Äußerungen vom übermütigen Juchzer bis zum Koloraturgesang und zur Symphonie, vom fröhlichen Hopsen bis zum Ballett, vom Schmücken der Gebrauchsgegenstände mit unnützen Verzierungen, die ihre Funktion in keiner Weise verbessern, bis zum Malen abstrakter Bilder und zum Verhüllen von Monumentalgebäuden. Zum Adel der Kunst gehört es ja, dass sie nutzlos ist, reine Kunst, also pure, ungetrübte Energieverschwendung, die sich sogar von der „angewandten“ Kunst abgrenzt und diese in eigene Museen verbannt.

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Eine Frage muss noch beantwortet werden: Wenn die Funktion des Drangs, etwas zu bewirken die ist, dem anderen Geschlecht die Qualität unserer Erbanlagen zu beweisen, warum können wir dann mit Akten der demonstrativen Kraftverschwendung auch das eigene Geschlecht beeindrucken? Warum bewundern auch Männer erfolgreiche Boxer, auch Frauen große Tänzerinnen? Die Antwort scheint mir diese zu sein: Wenn Handlung X geeignet ist, beim anderen Geschlecht Bewunderung hervorzurufen, dann haben nicht nur diejenigen gute Chancen beim anderen Geschlecht, die eine natürliche Neigung zu Handlung X haben, sondern auch die, die Handlung X nachahmen können. Wer erfolgreiches Verhalten bewundert, hat damit eine gute Voraussetzung, es selber zu erlernen. Für einen Pfau besteht keine Veranlassung, das prächtige Rad seines Nebenbuhlers zu bewundern. Er kann ihm beim besten Willen nicht mehr nacheifern oder ihn gar übertrumpfen, dazu ist es zu spät, da Pfauenfedern angeboren sind. Wenn ihn die Prachtentfaltung des Nebenbuhlers nicht kalt lässt, wird sie ihn entweder aggressiv machen oder einschüchtern. Da sich beim Menschen aber demonstrative Energieverschwendung nicht im physischen, sondern in erlernbarem Verhalten niederschlägt, macht es Sinn, wenn wir unsere Fähigkeit, erfolgreiches Verhalten nachzuahmen, auch auf diesem Gebiet anwenden.

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Dieser angeborene Hang zur demonstrativen Energieverschwendung ist die biologische Voraussetzung, die die rasante Entwicklung unterschiedlichster menschlicher Kulturen mit ihren Blüten und ihren Auswüchsen als Motor angetrieben hat. Es genügt uns nicht, das Lebensnotwendige zu tun, wir wollen darüber hinaus gehen, uns „selbstverwirklichen“, unsere „Fähigkeiten entfalten“. Dass wir das wollen, ist uns angeboren, wie wir das tun, hängt davon ab, welche Möglichkeiten uns die Umstände bieten, sowohl die physischen als auch die gesellschaftlichen.

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Für die Kultur des Krieges bedeutsam ist, dass sich dieser Drang eben auch im Streben nach Ruhm und Ehre auf dem Schlachtfeld niederschlagen kann. Zwar findet die männermordende Schlacht oft weit entfernt von den daheimgelassenen Frauen statt, doch wenn der Kriegsheld aus der Schlacht zurückkehrt, ist ihm die Gunst der Frauen gewiss.Auch der Unterlegene, auch der Verwundete findet seineVerehrerinnen, wenn er nur tapfer war. Helden à la Alexander der Große oder Napoleon konnten sowohl die kreative als auch die destruktive Seite des Drangs, etwas zu bewirken ausleben: Sich die Liebe des eigenen Volkes, der eigenen Armee erwerben, und beim Feind Hass und Angst hervorrufen, töten und brandschatzen und ein Weltreich schaffen, die politischen Verhältnisse ordnen, das Leben von Millionen in neue Bahnen lenken.

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Doch letztlich liegt dem Streben nach Schlachtenruhm nichts anderes zugrunde als dem Drang, sich bei der Tanzbodenrauferei hervorzutun, beim Fußball zu glänzen oder ein Popstar zu werden.

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Von Natur aus ist das Menschenwesen also weder kriegerisch noch friedlich. Ihm ist ein Drang, etwas zu bewirken, angeboren, der sich kreativ oder destruktiv manifestieren kann. Die destruktive Manifestation dieses Drangs ist eine Voraussetzung, die Krieg ermöglicht, aber nicht verursacht. Es hängt von der Struktur der Gesellschaft ab, welche Ausprägung dieses Drangs Individuen erfolgreich sein lässt, welche also in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschend wird.


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* Dass diese drei Erscheinungen hier in einem Atemzug genannt werden, heißt nicht, dass sie untrennbar verbunden sind. Es gibt Erscheinungsformen des Kriegs, die nicht der Unterwerfung des Gegner dienen und daher auch nicht zu seiner Ausbeutung, und natürlich wurden und werden nicht nur unterlegene Kriegsgegner ausgebeutet. Trotzdem gehören die drei Phänomene eng zusammen, wie noch zu zeigen sein wird.

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[1]

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[2] Hawking 1988, S. 89 ff.

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[3] Dawkins 1989

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[4] Lorenz 1963

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[5] Wickler/Seibt 1977

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[6] ebenda

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[7] „Schon mein Lehrer Bertalanffy hat ja darauf aufmerksam gemacht, dass erst mit der Vielzelligkeit der Tod als Programm in die Welt kam, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusststein die Angst, und, wie wir hinzufügten, mit dem Besitz die Sorge.“ Riedl 2000

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[8] Dawkins 1989, Übersetzung M.A.
„I shall argue that a predominant quality to be expected in a successful gene is ruthless selfishness. This gene selfishness will usually give rise to selfishness in individual behavior” “If you look at the way natural selection works, it seems to follow that anything that has evolved by natural selection should be selfish. Therefore we must expect that when we go and look at the behavior of baboons, humans, and all other living creatures, we shall find it to be selfish. If we find that our expectation is wrong, if we observe that human behavior is truly altruistic, then we shall be faced with something puzzling, something that needs explaining.”

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[9] Wickler/Seibt 1977

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[10] ebenda

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[11] ebenda

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[Alle Kommentare ausblenden] (119)

[12] ebenda

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[13] Hölldobler/Wilson 1994

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[Alle Kommentare ausblenden] (123)

[14] ebenda

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[15] ebenda

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[Alle Kommentare ausblenden] (127)

[16] Dawkins 1989, Übersetzung M.A.
„Be warned that if you wish, as I do, to build a society in which individuals cooperate generously and unselfishly towards a common good, you can expect little help from biological nature.”

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[17] Darwin hat den Begriff „natürliche Zuchtwahl“ oder „natürliche Selektion“ geprägt, um sie von der Selektion durch menschliche Züchter abzugrenzen. Dem Begriff „natural selection“ hat er den Begriff der „kin selection“ gegenübergestellt, also der Selektion durch Familienverhältnisse. Das ist nicht ganz logisch, denn „kin selection“ sollte eigentlich als eine Untergeordnete Kategorie der „natural selection“ gesehen werden. Innerhalb der natürlichen Selektion sollte man unterscheiden zwischen Umweltselektion, also Selektion durch äußere Faktoren wie Klima, Struktur der Landschaft und andere lebende Arten (Futterpflanzen, Beutetiere, Raubfeinde, Nahrungskonkurrenten) und innerartlicher (intraspezifischer) Selektion, also Selektion durch Sexualpartner, Anforderungen des Familien-, Gruppen-, Herdenlebens usw.

[Alle Kommentare ausblenden] (130)

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[18] Riedl 2000

[Alle Kommentare ausblenden] (132)

[Alle Kommentare ausblenden] (133)

[19] Zahavi 1975

[Alle Kommentare ausblenden] (134)

[Alle Kommentare ausblenden] (135)

[20] Diamond 1992

[Alle Kommentare ausblenden] (136)

[Alle Kommentare ausblenden] (137)

[21] ebenda

[Alle Kommentare ausblenden] (138)

[Alle Kommentare ausblenden] (139)

[22] Goodall 1990

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[23] Key/Aiello 1999

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[24] Turnbull 1961

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[25] Fromm 1973

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[26] Freud

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[27] Fromm 1973




Quelle: http://www.opentheory.org/selbstzerstoerung_01/text.phtml
(Last Software Update: 25.02.2002, 16:01)