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Maintainer: Benja Fallenstein, Version 1, 20.01.2002  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) Das Tobb blickte sich in seiner kleinen Höhle in einem kaum bewohnten Teil des Gebirgs um, betrachtete seine unfertigen Steinstatuen, die auf dem Tisch lagen, ungefähr so lang wie seine Hände, sah auf das Buch, das daneben aufgeschlagen war, ließ seinen Blick zum Bücherregal schweifen, schaute kurz die drei Vasen an, die zwischen den Büchern standen, blickte sein gerade gemachtes Bett an, sah zu den Bildern an der Wand, und wandte sich schließlich der Kochnische zu. Wo hatte es nur den Brief gelassen?

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Schließlich trat das Tobb zum Fenster und blickte hinaus, hinab in die Wildnis am Fuße des Berges. Seufzend betrachtete es einen Habicht, der sich in den Wald hinunterstürzte. Die Sonne stand bereits ein gutes Stück über der Erde; das Tobb hatte lange geschlafen, und nun fand es den Brief der Comtesse nicht, in dem stand, wann seine Besucherin eintreffen würde. Rechtzeitig zum Mittagessen? Dann musste das Tobb schnell anfangen, zu kochen, damit es der Besucherin ein Mahl servieren konnte. Aber wenn sie früher kam, würde es sie beleidigen, weil es sich dem Kochen widmen müsste und nicht ihr.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Es entschied sich, es darauf ankommen zu lassen, und stellte Wasser für eine kräftige Gemüsesuppe auf. Es hatte keinen Brunnen in seiner Höhle, aber es hatte einen großen Krug, in dem es Wasser aufbewahrte, so dass es nicht ständig zum Brunnen laufen musste.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Das Tobb freute sich darauf, endlich einmal wieder mit einer Tobbe zu sprechen.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Bald aber war Mittag vorbei, und das Tobb war verwirrt. Hatte es sich im Tag geirrt? Erst, als es gerade selbst etwas von der Suppe essen wollte, hörte es Hufgetrappel von dem gewundenen Weg durch die Hügel kommen. Es trat aus seiner Höhle heraus, um die Tobbe zu begrüßen.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) "Seid gegrüßt, treuer Tobb," sagte die Besucherin.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) "Kúala von Anrihain", stellte sich das Tobb vor.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) "Sehr erfreut Euch kennen zu lernen, Kúala. Sagt, seid Ihr eine Tobbe oder ein Tobbling?", fragte die Besucherin.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Das Tobb seufzte tief. -- "Kommt doch erst einmal herein, und kostet von meiner köstlichen Gemüsesuppe," wich es der Frage aus.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Die Besucherin sah das Tobb befremdet an, trat aber schließlich doch in die gute Stube ein und setzte sich an dem notdürftig freigeräumten Tisch nieder. Bald löffelte sie unlustig von der Suppe, die dem Tobb heute wirklich besonders gut gelungen war.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) "Ihr spielt doch ein Rätselspiel mit mir", sagte sie. "Aber ihr könnt mich nicht täuschen. Ihr kocht eure Wäsche aus, anstatt sie nur im kalten Wasser zu waschen, also müsst Ihr eine Tobbe sein."

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Das Tobb blickte sie an und schwieg.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Nachdenklich blickte die Besucherin sich um und sagte schließlich, "Also gut. Ihr habt mich hereingelegt. Ihr wascht Hosen, keine Röcke oder Kleider. Für wen? Für Euch, denn ihr lebt alleine; also müsst ihr ein Tobbling sein, denn keine Tobbe hätte so viel Wäsche und darunter kein einziges Kleid."

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Das Tobb wollte etwas sagen, konnte seine Gedanken aber nicht in Worte fassen und blieb still.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) "Ihr kocht. Das müsst Ihr, um zu überleben. Aber Ihr wisst auch, welche Töpfe und Krüge ihr für was verwenden müsst, und ihr wisst sogar, auf welche Weise Ihr Früchte und Gräser in Gläser einmacht. Also müsst Ihr doch eine Tobbe sein." Sie tippte nachdenklich mit ihrem langen Zeigefinger auf ihren Mund. "Ihr beginnt, mir Spaß zu machen, Einsiedler."

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Das Tobb wartete ab.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) "Ja," sagte sie nach einigem weiteren Überlegen, "mögt Ihr auch keine Röcke und Kleider tragen, so hängt dort hinten doch sorgfältig am Bügel eine fein bestickte Bluse, und dass ein Tobbling eine Bluse anzieht, nun, das wäre nun wirklich unerhört." Sie nickte sich selbst bestätigend zu, setze dann aber doch noch hinzu: "Und doch..."

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Die Besucherin dachte einen Moment sehr scharf nach. "Nun habe ich euer Rätsel aber gelöst!", verkündete sie dann schließlich mit Gewissheit in der Stimme, und zeigte auf das Bücherregal des Tobbs. "Ihr studiert die philosophischen Lehren des großen Meisters Nuutin-Nil. So müsst ihr ein Tobbling sein, denn keine Tobbe könnte jene Werke verstehen."

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Nun wurde es dem Tobb zu bunt. "Ich habe diese Bände von der hochgeschätzten Reisenden Ur geschenkt bekommen, nachdem sie nächtelang mit mir darüber diskutiert hat! Ur mag keine Tobbe wir Ihr sein, aber sie ist doch sicherlich eine Tobbe, und unzweifelhaft versteht sie mehr von diesen Werken als manch ein Gelehrter am Hofe der Comtesse!" (Als ihm klar wurde, was es da gesagt hatte, schlug es sich aber schnell die Hand über den Mund.)

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Die Besucherin blickte das Tobb so kalt an, dass es am liebsten im Boden versinken wollte. Schließlich entsann sie sich ihres Anliegens, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, fixierte Kúala und sagte: "Treuer Tobb, die Comtesse benötigt eure Hilfe. Agretien liegt im Krieg mit den furchtbaren Hokotten. Ihr wohnt auf der Grenze zu Gothurien, unserem wichtigsten Verbündeten. Die Comtesse möchte, dass Ihr regelmäßig Nachrichten für sie überbringt."

[Alle Kommentare ausblenden] (21) "Ich möchte gerne helfen," antwortete das Tobb schüchtern.

[Alle Kommentare ausblenden] (22) "So sagt mir endlich, bei den drei Teufeln, ob Ihr Tobbling oder Tobbe seid!"

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Das Tobb versuchte, eine Antwort in Worte zu fassen, schaffte es aber nicht.

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Es wusste sich nun nicht mehr zu helfen, schlurfte darum aus seiner Höhle und watschelte auf einen nahegelegenen Felsen, wo die Besucherin ihn nicht erreichen konnte. Es konnte hören, wie sie wütend etwas auf dem Boden seiner Höhle zerschlug, was ihm vermutlich lieb und teuer gewesen war, und es sah, wie sie sich schließlich aufsaß und in stürmischem Galopp davonritt.

[Alle Kommentare ausblenden] (25) An Tagen wie diesem wusste das Tobb, warum es besser alleine in der Wildnis lebte. Es schüttelte traurig den Kopf, wischte eine Träne weg, die sich auf seine rechte Wange geschlichen hatte, stieg von seinem Felsen hinunter, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.




Quelle: http://www.opentheory.org/seltener-besuch/text.phtml
(Last Software Update: 20.01.2002, 02:53)