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Alternative zum Kapitalismus
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Maintainer: Karl-Heinz Thier, Version 1, 11.10.2002  Druckversion
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Sozialismus

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Chief Womba aus Leverville, benannt nach Mr. Lever von Unilever, Sunlicht usw., sammelte Anfang des letzten Jahrhunderts Kokosnüsse für Mr. Lever. Der machte damit das große Geld in Europa: Kokosfett, Margarine usw. Chief Womba musste nur Kokosnüsse bei Mr. Lever abliefern, um sich wohl zu fühlen. Nach einem Jahr hatte er alles, was er dazu brauchte: zehn Frauen, ein großes Dorf, Perlen, Messingstangen. Er sammelte keine Kokosnüsse mehr. Mr. Lever konnte das nicht verstehen. Er konnte doch unendlich reich werden. Jede Palme war doch für ihn ein volles Bankkonto.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Wer unendlich reich werden will, darf keine Verantwortung für andere Menschen haben, keine Kinder, keine LebenspartnerInnen, keine solidarische Gesellschaft. Wer das Streben nach Wohlstand zum Selbstzweck macht, zerstört eine Gemeinschaft, die der Mensch als soziales Lebewesen braucht. Angst keimt in ihm auf. Wer mehr braucht, als sich sinnlich wohl zu fühlen, ist in der Funktion seiner Sinne gestört, irrational. Angst läßt einen irrational reagieren. Wenn daraus Ausbeutung wird, Unterordnung eines Menschen unter einen anderen, gehören zwei dazu. Chief Womba gehörte nicht dazu. Aber der psychisch gestörte Mr. Lever fand viele andere psychisch gestörte Menschen auf der Welt, die sich ausbeuten ließen.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Wer Reichtum und Fortschritt nicht um ihrer selbst willen braucht, sondern nur zu seiner Selbstverwirklichung als soziales Lebewesen wie Chief Womba, hat in der kapitalistischen Gesellschaft in der Regel keine Gemeinschaft vertrauter Menschen (Dorf) mehr wie Chief Womba. Er wurde im Unverstand hineingeboren unter Singles, Ellenbogenkämpfer, Betrüger, Verräter. Will er dies nicht zur Kenntnis nehmen, leugnet er, im Kapitalismus zu leben, und will er trotzdem soziales Lebewesen sein, dann greift er auf vergangene Gemeinschaftsstrukturen zurück wie die Konservativen. Nimmt er die katastrophale Lage der Menschen im Kapitalismus zur Kenntnis, ohne selbst psychisch gestört zu sein, dann überlegt er, wie er eine Gemeinschaft vertrauter Menschen um sich scharen kann, wie er im Kapitalismus der Solidarität wieder Geltung verschaffen kann. Das ist die Geburtsstunde des Sozialismus.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) So fing er im vorletzten Jahrhundert an. Allerdings gewannen in dieser Bewegung im Laufe der Jahre immer mehr die psychisch Gestörten die Oberhand, die sich nicht mehr bloß sinnlich wohl fühlen wollten, sondern bürgerlichen Wohlstand, Reichtum und Fortschritt um ihrer selbst willen anstrebten. Die meinten, Kapitalismus und Sozialismus vereinbaren zu können. Die meinten, mit dem Kapitalismus in einen Wettbewerb eintreten zu müssen. Die meinten, Kapitalismus und Demokratie seien kein Widerspruch.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Oder die meinten, den Widerspruch aushalten zu müssen, ihn sich nicht aufheben lassen zu müssen, sich der Natur, der materialistischen Dialektik entgegenstellen zu können. Über den Wolken müsse die Freiheit wohl grenzenlos sein, wenn sie schon auf der Erde nicht zu verwirklichen sei. Die Literatur eines Antoine de St. Exupéry müsse einen entschädigen für den Preis des Fortschritts. Der Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft ist ohne "Priestertum" und "Kultur" nicht auszuhalten.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Doch mit neuen Generationen wuchsen immer wieder psychisch gesunde Menschen nach. Der Kapitalismus musste seine materielle Grundlage, nämlich psychisch gestörte Menschen, durch Vergewaltigung, Kriege, Stress, Drogen immer wieder neu schaffen. Den Neugeborenen wurde der Irrsinn einer solchen Gesellschaft immer bewusster. Die materialistische Dialektik nahm ihren Lauf im Kapitalismus, während die sogenannte sozialistische Bewegung sich zerfleischte.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Die neue sozialistische Bewegung sagte: Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Zaiel. Wir wollen keine bürgerliche Republik, keine repäsentative Demokratie, sondern eine wirkliche Demokratie, eine Räterepublik, Menschen, die sich selbst organisieren, die weder Parteien noch Staat brauchen. Wohlstand ist für uns kein Selbstzweck, Wohlstand nicht auf Kosten einer Entsolidarisierung in den eigenen Reihen. Erste Priorität: JedeR muss sich sinn-lich wohl fühlen in seiner/ihrer individuellen Entwicklung. Wir entziehen uns möglichst dem Kommerz durch Selbstversorgung und Teilen. Menschliche Beziehungen sind keine Handelsbeziehungen. Menschen, denen man/frau vertrauen kann, kann man/frau nicht kaufen. Darüber hinaus braucht man/frau zum Glücklichsein nicht viel, wie man/frau an Chief Womba sieht.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Inzwischen hat sich der Sozialismus im Kapitalismus unterbewusst weiter entfaltet. Immer mehr Menschen entziehen sich dem sogenannten Konsumzwang, haben ihrem kapitalistischen Arbeitgeber innerlich gekündigt, halten ihre Familie für wichtiger als ihre Karriere, nehmen sich die Freiheit, mehr zu lieben als eineN (wenn ihnen danach ist), mit Menschen eigener Wahl zusammenzuleben, SchülerInnen selbst bestimmen zu lassen, was sie wann wo bei wem und wie lernen wollen. Diesen Sozialismus bewusst zu machen wäre eine Aufgabe einer neuen sozialistischen Bürgerbewegung. Der Weg zur Demokratie, zu einer sozialistischen Gesellschaft könnte in drei Stufen zurückgelegt werden. 1. In der ersten Stufe würde sich eine Mehrheit von WählerInnen finden für eine Regierung, die 1250 Euro netto monatlich für jedeN in Deutschland garantiert. Die Erwerbsarbeit für Menschen mit einem Vermögen von 250.000 Euro und für DoppelverdienerInnen mit über 50.000 Euro im Jahr verbietet. Die nur noch ein Höchsteinkommen von 15.000 Euro brutto monatlich erlaubt. Die Bundeswehr, Geheimdienste, Rüstungsproduktion und Subventionen für Produkte abschafft, die unsere europäischen und außereuropäischen Partner billiger produzieren, die also nicht nur von Partnerschaft und Arbeitsteilung redet, sondern auch danach handelt. Die spekulative Gewinne hoch besteuert und eine Ausgleichsabgabe von Besserverdienenden verlangt. Die bei Kapitalflucht Grund und Boden konfisziert. Die keine staatlichen Gelder mehr an Kirchen und Parteien zahlt. Die den Bundestag und die Bundesregierung verkleinert und den Beamtenstatus abschafft. Die Atomenergie und Transrapid verbietet. Die die Produktion und Nutzung von privaten Autos nicht fördert. Die ARD und ZDF privatisiert. Die diverse Bundesforschungsanstalten auflöst. Die die Subventionierung privater Wirtschaftsforschungsinstitute streicht. Die das Weltraumprogramm streicht. Die die Agrarexporte der Europäischen Union nicht mehr subventioniert. Die das Flugbenzin besteuert. Die die ICE-Strecke Köln-Frankfurt/M. und 200 Mio Mark für Sandaufspülungen auf Sylt streicht. Die den Bundespräsidalsitz in Bonn auflöst. Die eine Verschwendung öffentlicher Gelder verhindert und mehr Personal für Betriebsprüfungen und für das Verfolgen von Steuerhinterziehung einstellt. Geld ist in Deutschland also genug da. Wenn das Volk es so will, wird es so gemacht. Viele sind dann bereit, in selbstbestimmtem Maß ehrenamtlich zu arbeiten. Viel Frust und damit viel Konsum von Unnötigem sind dann aus den Menschen genommen. Viel Geld bleibt übrig, um die terms of trade ausgewählter Länder der Dritten Welt zu stützen. Viel Kraft wird im Volk freigesetzt. Die Regierung ermuntert es, seine Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie fördert das kollektive, selbstverwaltete Wohnen und läßt den Wohnungs- und Grundstücksmarkt so lange bewirtschaften, bis alle Immobilien in Genossenschaftseigentum übergegangen sind. Sie trennt Staat und Schule und verlangt nur noch einen Unterrichtsnachweis; sie fördert freie, selbstverwaltete Schulen, wo die SchülerInnen selbst bestimmen, was sie wann wo bei wem und wie lernen wollen. AkademikerInnen werden FacharbeiterInnen gleichgestellt. Kleine und mittlere Unternehmen werden gefördert. In der europäischen Währungsunion darf es kein Gefälle, keine Hierarchie geben. 2. In einer zweiten Stufe wird diese Gesellschaft dann dynamisch gemischtwirtschaftlich organisiert: Private Unternehmen, die Monopole zu werden drohen (vielleicht bei einem Marktanteil von 30 %), werden in genossenschaftliche umgewandelt. Genossenschaftliche Unternehmen, die zu verkrusten drohen, werden privatisiert. Da sowieso immer mehr nationale Kompetenzen an Brüssel abgegeben werden, organisieren sich die Menschen in der Europäischen Union regional in dem Freistaat Bayern, dem Freistaat Sachsen, Katalonien, Breizah, Baskenland, Schottland, Wales, Galizien und was sich sonst noch zusammentun will. Parallel zu deutschen Parlamenten werden Runde Tische auf jeder Ebene installiert: Nachbarschaftsräte, Stadtteilräte, Stadträte, Bezirksräte, Landräte. Auf der untersten Ebene kann jedeR AnwohnerIn teilnehmen; jede Ebene delegiert VertreterInnen in die nächste Ebene. Diese können jederzeit abgewählt werden. Die Runden Tische dienen der Willensbildung des Volkes; wo der Wille des Volkes divergiert vom Willen des jeweiligen Parlaments, muß dieses sich damit auseinandersetzen. Aus der UNO wird eine Polizeiorganisation, die von Amts wegen mit ihrem Gewaltmonopol eingreifen muß, wo politische Konflikte zwischen Völkern irrational, d.h. mit Gewalt, ausgetragen werden. 3. In einer dritten Stufe wird die ganze Erde nach dem Prinzip Selbstversorgen und Teilen organisiert. Z.B. werden alle auf der Erde benötigten Schiffe nur noch in Indonesien, Korea und auf der Meyer-Werft in Papenburg gebaut. Andere Produkte, von denen diese Orte abhängig sind, werden an anderen Orten der Erde hergestellt.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) So ergeben sich wieder trennscharfe Begriffe, deren Einhaltung ein Pervertieren des revolutionären Prozesses verhindert. Sozialismus heißt: * Freie Assoziation freier Individuen, d.h. von Menschen, die sich psychisch noch selbst helfen können, die sich noch selbst die Frage beantworten können: "Was will ich mit meinem Leben anfangen?" * Kein Wirtschaftswachstum. Selbstversorgen und Teilen statt Dienen und Handeln. * Dezentralisierung.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Der Sozialismus braucht viel weniger Energie im konkreten und im übertragenen Sinn als der Kapitalismus.Was wären die Menschen alles bereit abzugeben, wenn sie sich durch ein garantiertes Grundeinkommen nicht um ihr täglich Brot und ein Dach über dem Kopf sorgen müssten?! Wieviel Wissen würde nicht zurückgehalten, wenn mensch nicht im Wettbewerb mit anderen stünde?! Wie sehr würden sich Menschen um ihre Nächsten kümmern, wenn sie selbst nicht ums Überleben kämpfen müssten?! Das garantierte Grundeinkommen erschließt diese Energie und die Fähigkeit, sich seine Lebensfrage zu beantworten. JedeR ist dann verantwortlich für alles, was er/sie tut. KeineR kann sich von einer eventuellen Schuld lossprechen mit Entschuldigungen wie: "Ich tue ja nur, was alle tun." JedeR muss sich selbst die Frage beantworten: "Will ich diese Arbeitswelt? Will ich diese Vereinzelung als Single oder als Paar?" KeineR kann ihm/ihr eine Beantwortung dieser Fragen abnehmen. Ein garantiertes Grundeinkommen löst die Probleme die die kapitalistische Gesellschaft mit der Renten- und der Arbeitslosenversicherung hat. Es ist nicht zuletzt in Frankreich eine weit verbreitete Forderung. Es ist jedoch nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer menschenwürdigen Gesellschaft mit den o.g. drei Eckwerten.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Nicht zuletzt legt es ungeheure finanzielle Ressourcen frei für einen weiteren sozialistischen Eckwert: Partnerschaft. Eine Prävention von Kriegen ist nicht militärisch, sondern nur ökonomisch möglich. Wenn wir unseren Reichtum nicht mit den Menschen in der Dritten Welt teilen, werden wir Kriege nicht verhindern. Es darf nicht sein, dass für unser Militär siebenmal mehr ausgegeben wird als für unsere Entwicklungspolitik. Dieses Verhältnis muss umgedreht werden. Das ist sozialistische Politik.




Quelle: http://www.opentheory.org/sozialismus1/text.phtml
(Last Software Update: 11.10.2002, 22:22)