Home   Was ist ot ?   Regeln   Mitglieder   Maintainer   Impressum   FAQ/Hilfe   Browser
 

Realer Sozialismus als ökonomischer Fehlschlag
E-Mail:
Passw.:
 english italiano
Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 17.06.2005  Druckversion
Projekt-Typ: halboffen Tipp: Wer eingeloggt ist, kann
eigene Kommentare korrigieren.
Einloggen können sich Mitglieder
Status: Aktiv

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Der Untergang des real gewesenen Sozialismus (als versuchte Vorstufe zum Kommunismus: Es ist völlig verfehlt, dem gewesenen Sozialismus vorzuwerfen, dass er noch nicht den gewünschten Kriterien des Kommunismus entsprochen hat. Zu kritisieren ist er da, wo er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde bzw. wo die Ansprüche selbst zu kritisieren sind.) wird oft als Argument angeführt, dass es „anders doch nicht geht“. Oft wird die Aufmerk-samkeit bei der Kritik des Realsozialismus auf die fehlende Demokratie im politischen Bereich fokussiert. Natürlich hätte es hier Versuche einer stärkeren Demokratisierung geben müssen – grundlegend wäre jedoch die Frage nach der Selbstbestimmung in der ökonomischen Sphäre. Aber wie, bitte schön, sollten sich die Menschen in einem Kombinat mit 56 000 Mitarbeitern, wie dem Volkseigenen Betrieb Carl Zeiss Jena, wirklich demokratisch und selbstbestimmt ihre eigene Arbeit organisieren, wenn sie doch letztlich wie Schräubchen im Getriebe der miteinander verket-teten Fließbänder zu funktionieren hatten? Was wäre denn geschehen, wenn sich eine politische und ökonomische Führung dazu entschlossen hätte, ihre Führungsrolle aufzugeben? Eine Locke-rung der Planung hätte unter den gegebenen Knappheitsbedingungen wohl doch sehr große Ef-fektivitäts- und Produktivitätsverluste mit sich gebracht, was die Mangelversorgung (zumindest gegenüber dem ständigen Vergleich mit dem „Westniveau“) eklatant verschärft hätte.

Terror der zentralistischen Produktionsorganisation

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Eine französische Philosophielehrerin, die Erfahrungen als Fabrikarbeiterin in Deutschland gesammelt hatte, stellte schon in den 30er Jahren enttäuscht fest, dass eine Produktion auf der Grundlage von fließbandmäßiger Organisation (die heute auch oft „tayloristisch“ genannt wird) kaum geeignet ist, Befreiung zu ermöglichen oder herbeizuführen: „Was die Arbeiterklasse an-geht, so ist sie aufgrund ihrer Rolle als passives Produktionsinstrument kaum für die Bestimmung ihres eigenen Schicksals vorbereitet“ (Weil 1975: 134). Simone Weil fragte deshalb nach einer „Organisation der Produktion, [...] die es erlaubt, ohne die vernichtende Unterdrückung von Geist und Körper auszukommen“ (ebd.: 170). Simone Weil schlug eine „progressive Dezentrali-sierung des gesellschaftlichen Lebens“ (ebd.: 236) vor: „Könnte nicht eine in zahllose Kleinun-ternehmen aufgeteilte Industrie eine (zu Automatismus und Schematismus) umgekehrte Entwick-lung der Werkzeugmaschinen und damit noch bewußtere und sinnvollere Arbeitsformen hervor-rufen, als es die qualifizierteste Arbeit in den modernen Betrieben erfordert?"

[Alle Kommentare ausblenden] (3) "Stellen wir uns endlich [...] einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben." (Marx: KapI: 92)

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Lange Zeit war Dezentralisierung jedoch mit einem Verlust an Produktivität und Effektivität verbunden. Gegenüber den tayloristischen Großfabriken und –kombinaten erreichen kleinteilig betriebene alternativ-ökonomische handwerkliche oder auch ökologische Betriebe nur eine gerin-gere Arbeitsproduktivität. Das bedeutet, entweder den Lebensstandard stark zu reduzieren oder viel mehr Arbeitszeit aufzuwenden – meistens beides. So sehr die globale ökologische Gefähr-dung dafür spricht, die industrielle Massenproduktions-„Megamaschine“ (Mumford 1974) auszu-schalten, so wenig sind rückwärtsgewandte Alternativen attraktiv genug, dass zu erwarten wäre, dass eine genügende Anzahl Menschen sich freiwillig und auf Dauer diesen Beschränkungen aus-liefern würde. Immer wieder hat sich gezeigt, dass Menschen einen Gewinn an persönlicher Frei-heit erwarten, dass jene möglichen Entwicklungspfade eingeschlagen werden, die qualitativ höhe-re Formen der Bedürfnisbefriedigung und Subjektivitätsentwicklung ermöglichen. Dies ist aber nur möglich, wenn die Arbeitsproduktivität nicht wieder sinkt, sondern wächst – aber auf ande-ren Wegen als den im Kapitalismus realisierten (und denen, die im real gewesenen Sozialismus versucht wurden). Gibt es Möglichkeiten dazu?

Literatur

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Marx, Karl (Kap.I): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Berlin 1988.
Mumford, Lewis (1974): Der Mythos der Maschine. Kultur, Technik und Macht. Wien: Europa-Verlag.
Weil, Simone (1975): Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. München.




Quelle: http://www.opentheory.org/sozialismusoekonomie/text.phtml
(Last Software Update: 17.06.2005, 22:29)