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Theorie und (Anti-)Politik vom Subjektstandpunkt aus

Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 15.05.2002
Projekt-Typ: halboffen
Status: Archiv

(1)

Dieser Text ist die Zusammenfassung einer Diskussionsgrundlage
für den Kritische-Psychologie-Kreis in Jena

Dieser Text kann auch erst mal gelesen werden unter: http://www.thur.de/philo/kp/subjekt2.htm

(1.1) Falscher Link im nächsten Absatz:, 18.05.2002, 10:16, Annette Schlemm: Pardon, der Link im folgenden Absatz ist falsch. Richtig ist: http://www.thur.de/philo/kp/prot7.htm

1. Was ist ein „Subjekt“?

(2) Wir erwähnten beim vorigen Thema ( http://www.thur.de/philo/prot7.htm) verschiedene Definitionsweisen und wenden sie nun teilweise auf den Begriff des Subjekts an:

(7) Wir sehen schon: die unkritische Übernahme eines Beispiels oder einer der möglichen Definitionen kann zwar Transparenz schaffen (klar machen, wer welche Definition verwendet), kann aber nicht unbedingt verhindern, daß mit dieser speziellen Definition eventuell nur ein Teil von wirklicher Subjektivität wirklich erfasst werden kann und welche Formen von Subjektivität dann gar nicht gesehen werden.

Vgl.: Kategorien: = "diejenigen Grundbegriffe..., mit welchen in einer empirischen Wissenschaft oder in übergreifenden Arbeitsrichtungen innerhalb dieser Wissenschaft (ob implizit oder unbewusst) ihr Gegenstand, seine Abgrenzung nach außen, sein Wesen, seine innere Struktur bestimmt sind (in der Physik sind derartige Kategorien etwa >Masse<, >Energie<, >Kraft< etc.)." (Holzkamp 1983, S. 27)

2. Erkenntnis der Subjektivität

(8) 2.1. Traditionelle Subjekttheorie

Jede Wissenschaft analysiert einen ihr gegebenen Gegenstand. Der Gegenstand wird ihr "Objekt". Besondere Probleme erwachsen, wenn das Subjekt zum Erkenntnisobjekt wird. Das kann sich auf das Erkenntnissubjekt beziehen (Erkenntnissubjekt als Objekt – Wissenschaftstheorie, siehe a) 2.1.1.) oder auf das handelnd-aktive Subjekt (siehe bii2.2.2.).

2.1.1. Erkenntnistheorie

(9) In der traditionellen Erkenntnistheorie, insbesondere ihrem Kern, der Wissenschaftstheorie, wird die Besonderheit des erkennenden Subjekts in die Wissenschaftssoziologie und -geschichte abgeschoben und ansonsten darauf Wert gelegt, daß die individuelle Subjektivität des erkennenden Individuums negiert wird. "Objektivität" gilt geradezu als Merkmal von Wissenschaftlichkeit. Intersubjektive Objektivität bedeutet hier, daß das als objektiv Erkannte von allen Subjekten prinzipiell mit dem gleichen Ergebnis feststellbar sein muß. Individuelle Subjektivität wird hier geradezu ausgeschalten und nur noch eine abstrakte Subjektivität (jene, die das Gemeinsame sieht) bleibt erhalten.

2.1.2. Theorie handelnder Subjekte

(10) Gesellschaftstheorie fragt nach dem Verhältnis individueller Subjekte zu umfassenden Strukturen. In der Gesellschaftstheorie widerstreiten handlungstheoretische mit systemtheoretischen Konzepten. In den Handlungstheorien wird "von unten nach oben" die Konstitution sozialer/gesellschaftlicher Zusammenhänge durch Handlungen individueller Subjekte untersucht – dabei geht die Eigengesetzlichkeit der umfassenden Zusammenhänge jedoch meist verloren und die Subjekte verschwinden hinter ihren Handlungen. Die systemtheoretischen Ansätze unterwerfen die Subjektivität entweder den Strukturen ("von oben nach unten") oder stellen sie als unerklärte Voraussetzungen neben die Systeme (Luhmann setzt die Menschen neben die sozialen Bereiche in deren Umwelt).

(10.1) Re: 2.1.2. Theorie handelnder Subjekte, 23.05.2002, 13:46, Uwe Christian Plachetka: Die Systemtheorie von Luhmann ist für kleine Interessensgebiete sowieso ein wenig komplex. Die Werke von Gregory Bateson bieten eine systemtheoretische Brücke zwischen Ethnologie, Psychologie, Biologie, Epistemologie u.v.m. und Bateson kennt sich auf beiden Seiten (Natur und Kultur) sehr gut aus, diese Werke sind aber etwas alt. Dies fand seine Fortsetzung bei Maturana und Varela. Varela wehrt sich sowieso gegen die Übernahme seiner Konzepte in die Sozialwissenschaften, insbesondere das Autopoiesis -- Konzept, auf dem Luhmann aufbaut. Es sollte dieser Gedankenpfad zu Bateson zurück verfolgt werden und dann analysiert werden, was sich aus der Bateson'schen Systemtheorie machen läßt.

(11) Eine solche Gesellschaftstheorie ist tendenziell emanzipationsfeindlich, weil sie individuell-subjektive Zwecke einer äußerlich gedachten Allgemeinheit subsumiert. "Die Distanz der Wissenschaft zu den Subjekten des gesellschaftlichen Prozesses schlägt in Feindseligkeit um, wenn sie auf gesellschaftliche Schwierigkeiten stößt, die die Stabilität der gesellschaftlichen Verhältnisse bedrohen." (Giegel 1975, S. 138).

(12) Die Psychologiekonzepte (aufgrund der vielen Schulen würde es Mühe machen, von "der Psychologie" zu sprechen) konzentrieren ihr Interesse direkt auf die menschliche Subjektivität. Fast alle traditionellen Konzepte bemühen sich, den "Standards" der anerkennten Wissenschaftlichkeit nachzukommen, was dazu führt, daß die Forscher sich gegenüber den beforschten "Objekten" auf einen Beobachterstandpunkt stellen und ihre Objekte (die menschlichen Subjekte) unter kontrollierbare Bedingungen setzen, unter denen dann ihr Verhalten "getestet" wird.

(12.1) Intersubjektivität, 23.05.2002, 13:50, Uwe Christian Plachetka: Hier versucht der intersubjektive Ansatz der ethnologischen Bewußtseinsforschung, Cyberanthropology usw. Abhilfe zu schaffen, in dem -- salopp gesagt -- das "Feld" so dimensioniert ist, dass die "boundary-conditions" der Forschungssituation klar gestellt sind. Damit ist dieser naturwissenschaftliche Objektivitätsbegriff angemessen relativiert. Manfred Kremser (Universität Wien)nennt dies "Felderforschung".

(12.1.1) Re: Intersubjektivität, 29.05.2002, 18:35, Annette Schlemm: Okay, das Transparentmachen der Bedingungen ist schon mal ein Schritt weiter vorwärts. Es setzt die "beforschten" Menschen aber immer noch nicht in ihren berechtigten Subjektstatus, sondern klärt nur die Objektgrenzen ab...
Schau mal weiter hinten, was Subjektstandpunkt methodisch bedeuten würde und vergleiche dann noch mal...

(13) Durch diese "Kontrollversuchssituation" wird vorausgesetzt, daß Menschen ihren Bedingungen immer unterworfen seien – sie sie nicht verändern könnten. Vermittlungsebenen, die die Produktion der Lebensbedingungen durch die Menschen erfassen könnten, werden nicht gesehen – sondern die Menschen werden als unmittelbar durch Bedingungen bestimmt vorausgesetzt und erfasst ("Unmittelbarkeitspostulat").

(14) Auch die Psychoanalyse trennt Gesellschaft und Subjektivität, indem die von ihr in den Mittelpunkt gestellte Triebnatur als rein natürliche den gesellschaftlichen Bedingungen lediglich hinzugefügt wird.

(14.1) Psychoanalyse, 16.05.2002, 11:28, Bertrand Klimmek: Das klingt ja nun fast so, als gäbe es keinen signifikanten Unterschied zwischen der nicht revisionistisch entstellten Freudschen Psychoanalyse und biologistischen Theorien. Wenn es aber eine für die Qualität der gesellschaftlichen Verhältnisse höchst sensible "Kritische Theorie der Psyche" gibt, dann ist das wohl die psychoanalytische Schule. Wenn es mit der unterstellten biologistischen Tendenz etwas auf sich hätte, würde der Freudschen Theorie wohl kaum die Hochachtung von Marcuse, Adorno & Konsorten widerfahren, die sie tatsächlich verdient. Die "von ihr in den Mittelpunkt gestellte Triebnatur" ist eben keine positivistisch zu bearbeitende äußere Invariante (wie es gern mißverstanden wird; dann wird Freud mit Konrad Lorenz o.ä. gleichgesetzt, weil der entscheidende Unterschied zwischen gesellschaftlich kanalisierbarem Trieb und animalischem Instinkt nicht erkannt wird), sondern selbst in Versagungen, Projektionen u.ä. auf den Erkenntnisprozeß, also die wissenschaftliche Form rückwirkt! Dank dieser Dialektik bleibt die Psychoanalyse die bisher avancierteste Subjekttheorie.

(14.1.1) Re: Psychoanalyse, 18.05.2002, 10:18, Annette Schlemm: Inwieweit betrachtet sie es als Wesen von Subjektivität, daß Subjekte die Bedingungen ihres Seins verändern können?
Was sagt sie dazu, daß Subjekte sich bewußt zu den Gegebenheiten verhalten können?

(14.1.1.1) Re: Psychoanalyse, 23.07.2004, 15:53, Benni Bärmann: Es gibt auch in der psychoanalytischen Tradition solche Versuche. z.B. Jessica Benjamin, "Die Fesseln der Liebe - Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht" (1993). Es macht IMHO wenig Sinn, wenn man die Psychoanalyse mit der kritischen Psychologie vergleichen will, nur auf Freud zu gucken.

(14.1.2) Re: Psychoanalyse, 29.05.2002, 18:39, Annette Schlemm: Ich gebe zu, daß es unangemessen ist, die Psychoanalyse mit einem Satz abhaken zu wollen. Dazu gibts mehr von Ute Holzkamp-Osterkamp, was ich nicht alles wiederholen möchte.
Ansätze zum Subjektstandpunkt sehe ich im Konzept der Gegenübertragung bei Freud, und darin, daß heutzutage die Analytiker sich selbst analysieren lassen müssen. Das ist dann aber nur eine Verschiebung der jeweiligen Objektivierung des jeweils Beforschten...
Ich denke, der Unterschied zwischen psychoanalytischer Methodik und Reichweite und jener der Kritischen Psychologie wird erst klar, wenn die Kritische Psychologie ernst genommen und auch verstanden worden ist. Was die "avancierteste Subjekttheorie" sei, bleibt sonst reines Glaubensbekenntnis.

(14.1.2.1) Psychoanalyse und Kritische Psychologie, 22.07.2004, 23:19, Peter Wruck: Als praktizierender Psychoanalytiker erkenne ich in der Frage vom 14.1.1. (Annette Schlemm: Inwieweit betrachtet sie es als Wesen von Subjektivität, daß Subjekte die Bedingungen ihres Seins verändern können? Was sagt sie dazu, daß Subjekte sich bewußt zu den Gegebenheiten verhalten können?)meine eigenen voranalytischen Vorurteile wieder. Der kritischen Psychologie stand ich 1989 nahe aber doch kritisch gegenüber, die Psychoanalyse war mir bis dahin nur theoretisch zugänglich. Die Frage ist theoretisch bereits von S. Freud überall dort gesehen und \\\"beantwortet\\\" worden, wo das innere, das individuelle, absolut einmalige Modell (der Subjekt-Objektbeziehungen)zur Deutung steht. Wird dies realitätsgerechter und bewußter, so verändert sich das Entscheidungs- und damit auch das Verhaltenspotential sowohl sich selbst als auch der übrigen Realität gegenüber. Allerdings wird man nicht analysiert und beforscht. Man ist eben als Analysand gerade kein Untersuchungsobjekt. Man bekommt in der Psychoanalyse, sofern es auch eine ist, einen Widerpart und das Objekt ist das, was sich zwischen beiden abspielt. An dem Grundsatz ändert sich auch nichts dadurch, dass der analytische Dialog dabei vom Analytiker immer auf das konzentriert wird, was der Patient (vom Analytiker)wünscht. Wie in etwa sagten Sie an anderer Stelle? Innere Systemanteile können sich nur so weit gegenseitig beeinflussen, wie sie sich von einander unterscheiden. Das gilt selbstverständlich auch für das funktionelle System (s. Anochin) \\\"Analytiker-Analysand\\\". Zum Intersubjektivismusthema muss man hier nichts sagen. Den von Ihnen festgestellten Ansatz zum Subjektstandpunkt im Konzept der Gegenübertragung gilt es tatsächlich in der psychoanalytischen Theorie weiter zu entwickeln. Das Verständnis der Gegenübertragung steht aber letztendlich für alle Deutungsprozesse, nicht nur in der Psychoanalyse. Ich habe das - philosophisch vielleicht ein bißchen pennälerhaft - in meinem Vortrag \\\"Gegenübertragung, Affekt und Kognition\\\" (In: Gerlach, A.; A.-M. Schlösser und A. Springer: Psychoanalyse mit und ohne Couch, Haltung und Methode, Psychosozial-Verlag 2003) behandelt.

(15) Der Behaviorismus, der lediglich die Reiz-Reaktions-Determinismen untersucht, negiert sogar die Emotionalität (als zustandsabhängige Wertung von Umweltgegebenheiten).

(16) Auch gut gemeinte "verstehende", "phänomelogische" und "klinische" Methoden, die auf eine Objektivierung verzichten, untersuchen nicht die Zusammenhänge der Subjektivität mit der Veränderung von Bedingungen.
Wenn man unter Subjektivität nicht mehr versteht als das "Reagieren auf Reize", als "Anpassen an das Gegebene", scheinen diese Methoden und Konzepte angemessen. Jedoch sieht man dann auch nur das, was man erwartet. Subjektivität als Infragestellen von Bedingungen wird jedoch dann niemals erkannt, sondern höchstens als "störendes" oder "abweichendes" Verhalten thematisiert. Das nach Klaus Holzkamp spezifische Menschliche, nämlich die Bedingungen der eigenen Existenz zu erzeugen (und damit auch ständig zu verändern), wird dadurch ausgeklammert (Holzkamp 1983, S. 536).

2.2. Kritische Subjekttheorie

(17) Die Kritische Psychologie will nicht eine der vielen Psychologieschulen sein, sondern sich von allen anderen grundlegend dadurch unterscheiden, daß sie ihren Gegenstand nicht nur irgendwie hinnimmt, sondern begründet. Von einem ganz bestimmten Standpunkt aus werden die in der Fachsprache verwendeten Kategorien, wie die der Subjektivität, begründet. Der Standpunkt zur Kategorie "Subjekt" ist hier folgender:
Während in den traditionellen Psychologien die Menschen als unter Bedingungen stehend betrachtet werden, betrachtet die Kritische Psychologie die Menschen als Produzenten ihrer Lebensbedingungen – denen sie durchaus auch unterworfen sind.
Nicht nur Anpassung und Ausschreiten der im Rahmen der gegebenen Bedingungen gegebenen Möglichkeiten kennzeichnet menschliches Verhalten, sondern das Verändern der Bedingungen für die Möglichkeiten, die Möglichkeit des Veränderns des Rahmens.

(18) Die Besonderheit der Psyche der Menschen ist auf dieser Grundlage dadurch gekennzeichnet, daß z.B. kognitiv nicht nur das faktisch Gegebene reproduziert wird – sondern sich der Mensch bewusst zum Gegebenen verhalten kann, quasi "auf Distanz" und sich dann seiner eigenen Entscheidung gemäß dazu verhalten kann. Er muß nicht "funktionieren" für den Erhalt der Gesellschaft oder eine Sache – er kann sich bewusst, d.h. frei dazu verhalten. Die Fähigkeit, autonom über seine Zwecke bestimmen zu können, und nicht nur durch die Funktion für das Ganze bestimmt zu sein, kann als spezifische Möglichkeitsbeziehung bezeichnet werden.

(19) Für menschliche Subjektivität gelten also folgende Merkmale:

  • Menschliche Subjektivität zeichnet sich durch spezifische Möglichkeitsbeziehung gegenüber der Welt aus.
  • Das menschliche Subjekt ist wesentlich dadurch gekennzeichnet, daß es die Bedingungen, unter denen es steht, auch selbst verändern kann.

(19.1) 29.05.2002, 18:41, Annette Schlemm: Der "Subjekt"-Begriff unterliegt vielen Diskussionen, auch Kritiken. Siehe dazu auch: http://www.thur.de/philo/subjekt3.htm.

(20) Dies ist keine völlig neue Vorstellung, denn bereits zu Beginn der bürgerlich-kapitalistischen Epoche wurde vorausgesetzt, daß ein bürgerliches Subjekt "über die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Existenz zu kontrollieren" (Giegel 1975, S. 126f.) verfügt. Allerdings wird diese vorausgesetzte Selbstbestimmung beschränkt dadurch, daß es sich um Subjekte handelt, die als voneinander Isolierte, gegeneinander Vereinzelte existieren, die erst über ein Drittes (Markt, Staat) miteinander und mit der Gesellschaft vermittelt werden müssen. Diese Bestimmung der Subjekte als Vereinzelte ist durch ihre Existenz als Privatarbeitende gegeben. Erst wenn die Arbeit und das Produkt "unmittelbar allgemein" (Marx 1857-58/1983, MEW 42, S. 105) werden, kann aus der Individualität eine freie werden, "gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen unter die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens" (Marx 1857-58/1983, S. 91).

(21) Die spezifische Möglichkeitsbeziehung der Menschen ist auch unter bürgerlichen Verhältnissen nicht suspendiert, jedoch beschränkt. Unter Bedingungen, in denen ich strukturell gezwungen bin, mit anderen Menschen um Lebenschancen zu konkurrieren (Arbeitsplätze etc...), nimmt meine "natürliche Gesellschaftlichkeit" eine Form an, in der ich tendenziell anderen schaden muß, um selbst zu leben. Verdrängung und Selbstfeindschaft sind Folgen. Trotzdem bin ich von diesen Verhältnissen nicht ausweglos bestimmt, sondern ich kann fühlen/erkennen, daß in meiner "gesellschaftlichen Natur" ebenfalls die prinzipiell bessere Chance liegt, mich selbst auf eine Weise zu entfalten, die die Entfaltung anderer Individuen ebenfalls erfordert und befördert. Das Leben dieser Chance kann einerseits schon innerhalb der Verhältnisse in beschränkter Weise erfolgen, hat mich aber auch dazu gebracht, über die gesellschaftlich-strukturellen Verhältnisse nachzudenken und zu erkennen, in welcher Weise die Vereinzeltheit der Individuen aufzuheben sein kann.

2.2.1. Kritische (Subjekt-)Wissenschaftstheorie

(22) Notwendig ist eine Wissenschaftstheorie, die das Erkenntnissubjekt auch als aktives, handelndes "natürlich gesellschaftliches" Subjekt auffasst. Dabei soll aber nicht nur die gesellschaftliche Bestimmtheit des Erkennenden erfasst werden (wie in traditionellen marxistischen Wissenschaftstheorien), sondern die spezifischen Möglichkeitsbeziehungen der besonderen Individuen in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Erkenntnis der vielfachen Vermitteltheit der Forscher gehört nicht in ein getrenntes Feld der Wissenschaftssoziologie oder –geschichte abgespalten, sondern wie Sartre das Leben im Werk Flauberts (in "Der Idiot der Familie") analysiert, wäre auch zu untersuchen, wie z.B. auch Einsteins besondere Art und Weise zu leben und zu denken, in die Ergebnisse der Wissenschaft eingeflossen ist.

(23) Die Phase der "rein objektiven" Wissenschaft kann verstanden werden in ihrer Funktion für instrumentelles Handeln. Wissenschaft muß jedoch in Zukunft stärker in ihrer weltanschauungsbildenden Funktion für Individuen und aus diesen individuellen Interessen heraus sich konstituierend verstanden werden. Auch das, was in der Naturwissenschaft das Wissenschaftliche ausmacht, erhält seine Dynamik von fragenden, schöpferischen Individuen. Im mathematisch formulierten Ergebnis ist das Schöpferische, aus der Besonderheit des kreativen Menschen Erwachsende nicht mehr sichtbar. Es scheint, als hätte auch eine Künstliche "Intelligenz" zu diesem Ergebnis kommen können. Jede/r weiß aber, daß es sich nicht wirklich so verhält. Zwar geben die letztlich gefundenen wissenschaftlichen Gesetze in beliebiger Formalisierung etwas "Objektives" da draußen wider – Wissenschaft als Prozeß betrachtet ist und bleibt jedoch eine Tätigkeit individueller aktiver und handelnder, fühlender, motivierter und fragender Subjekte.

2.2.2. Kritische Gesellschaftswissenschaft als Subjekttheorie

(24) Noch komplizierter wird es, wenn im Objekt der Wissenschaft das Subjektive enthalten ist wie in der Gesellschaftswissenschaft. Welche Methode ist diesem Gegenstand "Subjekt" adäquat? Wenn durch die Methode (z.B. in "Kontrollversuchen") das spezifisch Menschliche bereits negiert wird, was bleibt dann noch? Ist dann Wissenschaft überhaupt noch möglich?

(25) Hegel nimmt an, daß die Subjektivität nicht in Gesetzesform zu erkennen ist, denn "was auf die Individualität Einfluß und welchen Einfluß es haben soll... hängt darum nur von der Individualität selbst ab" (Hegel 1807, S. 205), indem es "entweder den Strom der einströmenden Wirklichkeit an ihm gewähren läßt oder daß es ihn abbricht und verkehrt...." (Hegel 1807/1988, S.206 )

(26) Jedoch wäre es unangemessen, die wirkliche Freiheit des Menschen in der Möglichkeit nach willkürlichen Entscheidungen zu sehen. Nicht auf diese abstrakte Freiheit kommt es an, sondern darauf, daß der Mensch weiß, was er will. Auf dieser Bestimmung kann ein neuer Typ von Wissenschaftlichkeit beruhen. Zu "wissen, was ich will" kann der Inhalt emanzipativer Gesellschaftswissenschaft sein. Sie steht dann nicht äußerlich meinem /unserem Willen gegenüber – sie ist auch nicht nur das Registrieren meiner/unserer unbewussten Willensregungen.

(27) Die Voraussetzung für die ungezwungene Verbindung von freier Entscheidung und wissender Vernunft ist die Tatsache, daß Gesellschaft und Individuum einander nicht als äußerliche gegenüberstehen. Allgemeines und Einzelnes stehen einander nicht fremd gegenüber, sondern das Allgemeine existiert im Besonderen und das Einzelne wird in Bezug auf das Allgemeine zu einem Besonderen. Obwohl ich "natürlich gesellschaftlich" bin, habe ich eine spezifische Möglichkeitsbeziehung gegenüber der Welt.

(28) Deshalb stehen auch Gesellschaftstheorie und Psychologie einander nicht mehr gegenüber. Ihre Momente beziehen sich aufeinander: Subjektwissenschaft als Individualwissenschaft untersucht primär subjektive Gründe – die Gesellschaftstheorie untersucht spezifische Bedingungen und Prämissen, die befördernd oder beschränkend einwirken (aber nicht eindeutig bestimmen).

(29) Die Betonung der Subjektivität bedeutet nicht, daß Gründe im Innersten des einzelnen Menschen verschlossen und damit theoretisch unerkennbar und praktisch nicht mit den Gründen anderer Menschen vermittelbar wären. Subjektivität erfordert jedoch eine andere Methode von Wissenschaft und Praxis (siehe 2.2.3.).

(30) Konkreter – für die auf Individuen bezogene Wissenschaft bedeutet das:

Subjektwissenschaftliches Erkennen

(32) Eine subjektadäquate Wissenschaft braucht nicht auf Objektivierung (das "nach-außen-Tragen" des Subjektiven) und auf Verallgemeinerung verzichten. Sogar die noch nicht systematisch-methodisch orientierten (Selbst)-Erkenntnisprozesse bekommen durch die Kategorien der Kritischen Psychologie orientierende Hilfestellungen.

----> Klärung der subjektiven Befindlichkeit

(33) Mit Hilfe der Kategorien der Kritischen Psychologie (der spezifischen Form ihrer Kategorien wie Emotionalität, der Begründung der Zusammenhänge z.B. von Emotionalität und Kognition, Motivation – auch grundsätzlicherer Kategorien wie "Handlungsfähigkeit" und "Möglichkeitsbeziehung") kann sich (und anderen) ein Individuum seine eigenen Interessen und Perspektiven klar machen. Nicht selbst Objekt willkürlicher Regungen werden, sondern "erkennen, was ich will".

Subjektwissenschaftliche Methoden und Kategorien dienen zur Klärung subjektiver Befindlichkeiten, so wie sie jeweils gegeben sind (nicht normativ), damit zur Verdeutlichung "je meiner" Lebensinteressen und –perspektiven und tragen in diesem Sinne zur Erweiterung subjektiver Verfügung über die Lebensbedingungen bei (Holzkamp 1984, S. 28)

(34) Subjektadäquate Wissenschaft negiert die Objektivität nicht abstrakt (im Sinne: "hier kann nichts objektiviert werden"), sondern geht auf spezifische Weise damit um. Subjektstandpunkt bedeutet nicht, daß das subjektiv-Innere im Innern der einzelnen Person verschlossen bleiben müsste. Subjektivität ist nichts in-sich-Geschlossenes, sondern beinhaltet immer auch die Art und Weise der jeweils individuell gestalteten Beziehungen zur vor allem gesellschaftlichen Mitwelt. Jedes Subjekt ist "natürlich gesellschaftlich" bedingt, wenn auch nicht bestimmt.

----> Verständigung über Bedingungen (Verfügungsmöglichkeiten und deren Behinderung) für "je mich":

(35) Solche Bedingungen als Handlungsprämissen kommen vielen Subjekten jeweils gemeinsam zu und darüber können sie sich verständigen. Welche Bedingungen stellen sich für mich und für Dich und für "je mich"? Auf diese Weise erhalten individuelle Erfahrungen und Sichtweisen allgemeine und objektivierbare Züge, die erfasst werden können (vgl. Holzkamp 1983, S. 548, SUFKI 1984, S. 61).

"Der >Standpunkt des Subjekts< schließt also die Berücksichtigung objektiver Bedingungen keinesfalls aus, sondern ein: Ausgeschlossen ist damit lediglich die Verkürzung meines Realitätsbezugs auf meine >Bedingtheit< unter Absehung von meiner Verfügungsmöglichkeit." (Holzkamp 1985, S. 539)

(36) Diese Bedingungen sind Beschränkungen – aber Beschränkungen für prinzipiell vorhandene Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten und ihre Behinderungen können verallgemeinert werden. Diese Verallgemeinerung ist kein "Wegabstrahieren". Es wird nicht von der individuellen Weise, damit umzugehen, abstrahiert. Sondern die Unterschiede der je individuellen Verhaltensweise werden verstanden als verschiedene Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses (Holzkamp 1983, S. 549).

(37) Für die Individuen wirken die strukturellen gesellschaftlichen Verhältnisse als Prämissen. Dies sind historisch bestimmte, lage- und positionsspezifische Lebensbedingungen (auch personale Bedingungen, nicht nur "äußere") der Individuen (Holzkamp 1983, S. 353). Allerdings wirken diese Prämissen nicht eindeutig festlegend, sondern nur als Faktoren innerhalb umfassenderer subjektiver Begründungszusammenhänge.

----> Erkennen subjektiver Begründungszusammenhänge und subjektiver Funktionalität

(38) Der gesamtgesellschaftliche Prozeß bestimmt nicht direkt die individuelle Lebenspraxis. Dazwischen schieben sich noch "subjektive Handlungsgründe" (Holzkamp 1984, S. 40). Auch diese sind nicht unaufschließbar. Ein Axiom der Kritischen Psychologie ist die Behauptung, daß sich kein Mensch bewusst schadet. Alle Entscheidungen, alle Begründungen beruhen darauf, daß die Handlung für dieses Individuum "subjektiv funktional" ((Holzkamp 1985, S. 354) ist. Diese Funktionalität meint gerade nicht jene, die ein "Funktionieren für das große Ganze", die Gesellschaft oder eine "Sache" sonst meint – sondern nur eine für "je mich" in meiner konkreten Situiertheit. Diese Begründetheit über subjektive Funktionalität kann ebenfalls erkannt und verstanden werden. Vor allem die Einbettung der Handlungen in die jeweils durch Prämissen gegebenen Möglichkeitsräume ist hier hilfreich (Holzkamp 1984, S. 40). Durch die je individuelle subjektive Funktionalität lassen sich einerseits die verschiedensten Handlungen als verständlich entschlüsseln, gleichzeitig auch, warum nicht jede/r unter gleichen Prämissen gleich handelt.

(39) Geeignete Fragestellungen z.B. zum Amoklauf in Erfurt können hier sein: Welche Prämissen beeinflussten Robert S.? Welche Handlungsmöglichkeiten hatte er? Inwieweit war sein konkretes Handeln für ihn subjektiv funktional? Leider haben wir hier tatsächlich nur noch die Möglichkeit,"über" ihn wie über ein Objekt zu sprechen – angemessener ist es, aus unseren eigenen Erfahrungen und Befindlichkeiten verallgemeinerbare Aussagen zu treffen... (Eine Lehrerin hat geäußert, daß sie sich auch dabei ertappe, manchmal über einen Schüler zu denken: "Den möchte ich erwürgen". Wann ist mir das auch geschehen? Wie ging es mir damit, was war da los? Welche Faktoren haben mich gehindert, wie üblich menschenfreundlich zu denken? Welche Prämissen und Bedingungen müssen folglich verändert werden?)

----> subjektive Funktionalität in einer objektiv widersprüchlichen Welt

(40) Oft stehen folgende Fragen vor uns: Warum handeln Menschen oft egoistisch in Bezug auf ihre Mitmenschen, Umwelt und auch irrational, bezogen auf die Bewahrung der zukünftigen Lebensvoraussetzungen? Steckt da ein Fehler direkt im Menschlichen, der "conditio humana"? (Bahro 1990, S. 176)? Müssen wir erst einen "Neuen Menschen" erziehen! Oder können wir voraussetzen, daß die Menschen "eigentlich gut" und nur durch Herrschaft und Manipulation gezwungen wären, gegen ihre "eigentlichen" Interessen zu verstoßen?
Nun, nach Ansicht der Kritischen Psychologie hilft eine moralisierende Unterteilung in "gut" und "böse" kategorial nicht weiter. Zu verstehen ist, daß jedes Handeln individuell subjektiv funktional ist.

(41) Wir leben nun mittlerweile weltweit in Strukturen, die so angelegt sind, daß ich wichtige eigene, kurzfristige Interessen nur befriedigen kann, indem ich auf andere Interessen oft prinzipiell nicht eingehen kann und auch an Zukunft nur im Rahmen der Investition für die Rente denken kann. Ich kann mir einbilden, selbst nur wenig in diese Strukturen verstrickt zu sein und ich kann diese Verstrickung durch geeignete Lebensformen auch minimieren. Ich kann sie auch geistig überschreiten. Wenn ich dies tue, werde ich aber unter dem Widerspruch leiden, zwar zu wissen, daß wir eigentlich anders leben und wirtschaften müßten – ich aber unmittelbar individuell dies nicht tun kann. Deshalb ist es durchaus subjektiv funktional, dieses Wissen oder seine Ahnung davon vergessen zu wollen, zu verdrängen. Ich werde weiter darunter leiden, daß ich mich nicht so selbst entfalten kann, wie ich es ahne, daß ich es könnte – wenn sich alle Menschen selbst entfalten könnten. Dass ich es nicht kann, ich aber die Ursache dafür nicht weiß oder verdrängt habe, wird mir Ärger auf mich und mein Unvermögen bescheren, der bis zum Selbsthaß gehen kann.

(42) Diese Überlegung kann jede/r für verschiedene eigene Befindlichkeiten selbst durchführen. Wir werden, wenn wir darüber sprechen, feststellen, daß viele von uns ähnliche oder gleiche Gedanken zu ihren Befindlichkeiten haben. Diese erst noch unklaren Gedanken können wir mit Hilfe der Kategorien der Kritischen Psychologie klarer werden lassen.

"Die gewonnene Begrifflichkeit dient dazu, vorfindliche Formen der Handlungsfähigkeit/Befindlichkeit, so wie sie jeweils konkret in Erscheinung treten, daraufhin durchdringbar zu machen, wie sie unter den gegebenen gesellschaftlichen Lebensverhältnissen für das Individuum als subjektiv funktional erfahren werden können, insbesondere, welche gesellschaftlichen Widersprüche es sind, unter denen die eigene Beteiligung an der Unterdrückung, damit Stärkung der Instanzen, denen man selbst ausgeliefert ist, für das Subjekt zu einer realen Alternative der Sicherung seiner Handlungsfähigkeit/Lebensqualität werden können." (Holzkamp 1984, S. 32)

(43) Also noch einmal anders herum: Ich bin unzufrieden, fühle mich in einer Sackgasse steckend. Alle wollen was von mir (Arbeitsamt, Chef, Ehemann, Kind...), aber was ich will, geht immer mehr unter – ich weiß es schon selbst nicht mehr. Ich kann nun entweder den Leuten (Arbeitsamtvermittlerin, Chef...) die Schuld geben, werde auch dem Mann und dem Kind gegenüber unleidlich, kämpfe um meinen Freiraum und mit dem Gefühl des eigenen Versagens... Oder ich begreife, daß wir alle gehindert werden, richtig "schön zu leben", daß es die unmenschlichen Verhältnisse sind, die uns gegenseitig zu Handlungsweisen bringen, die unmenschlich sind. Diese Behinderung haben wir alle – und wir können nur gemeinsam etwas dagegen tun... Dies zu wissen entlastet zumindest die persönlichen Beziehungen. Auch wenn ich real immer noch einem andern Erwerbslosen den endlich ergatterten Job wegnehme – ich muß nicht mehr in ständigem Zoff mit anderen leben, die auch nur ihre Freiräume erstreben. Sondern wir können uns sogar zusammen tun und die Bedingungen hinterfragen, die uns gegeneinander aufgebracht haben... Dazu müssen wir aber tiefer als nur auf die Oberfläche der Erscheinungen schauen.

----> Hinter der erscheinenden Oberfläche wesentliche Handlungsmöglichkeiten finden

(44) Das, was wir unmittelbar fühlen und reflektieren, ist erst einmal etwas auf einer Oberfläche, unter der – noch in den Tiefen versteckt – jene Zusammenhänge von Bedingtheit und Autonomie auf ihre Erkenntnis warten, die uns weitere Handlungsorientierungen geben können.

Es geht darum, mittels einer "wissenschaftliche(n) Kategorialanalyse im Interesse des >verallgemeinerten Betroffenen<, um die >erscheinende Oberfläche< der subjektiven Befindlichkeit (z.B.) auf darin verborgene >innere Handlungszwänge< hin durchdringbar zu machen und in ihrer Funktion bei der subjektiven Lebensbewältigung zu erhellen, um subjektwissenschaftlich, und damit für >je mich selbst>, besser faßbar zu machen, wie die äußeren und inneren Bedingungen beschaffen sind und überwunden werden können, durch welche der Mensch, indem er gegen das Allgemeininteresse gerichtete Interessen der Herrschenden aus >innerer Not< zu den seinen macht, sich selbst zum Feinde werden muß. (Holzkamp 1983, S. 324)

(45) Hinter der Oberfläche versteckt sind jene objektiven Bedingungen entdeckbar, auf die wir unser mögliches Handeln orientieren können – und dadurch auch ermöglichen, daß wir ohne Verdrängung besser mit den Widersprüchen leben können.

Es geht darum, "die erscheinende Oberfläche der je vorliegenden Interpersonalität auf die darin verarbeiteten oder mystifizierten, bewußten oder verhehlten, gesellschaftlichen Möglichkeiten, Widersprüche, Beschränkungen, Zwänge der individuellen Lebenssicherung und Daseinserfüllung der Beteiligten durchdringen bzw. in verallgemeinerter Weise durchdringbar machen,. d.h. die objektiven Bedingungen offenlegen, die zur Veränderung der interpersonalen Beziehungen im Interesse der Betroffenen geändert werden müssen." (Holzkamp 1983S. 330)

---->Die Notwendigkeit einer konkreten Utopie

(46) Ich kann den gelebten Widerspruch aber nicht aushalten, wenn ich nicht eine Ahnung habe, daß wir zu einer grundsätzlichen Aufhebung dieser Verhältnisse kommen können.

"Nur in der Perspektive ihrer Überwindbarkeit durch das eigene Handeln kann ich mir nämlich, w(...), die >Selbstfeindschaft< meiner bisherigen Lebenspraxis schrittweise zum Bewußtsein bringen und so in Richtung auf begreifende Wirklichkeitserfassung mich entwickeln" (Holzkamp 1983, S. 399)

(47) Als Zusammenfassung möchte ich nun ein ausführliches Zitat einfügen:

"In unseren Kategorialanalysen hat sich ... ergeben, daß >mein< subjektiver Standpunkt zwar der Ausgangspunkt meiner Welt- und Selbsterfahrung, aber damit keine unhintergehbare bzw. >in sich< selbstgenügsame Letztheit ist. Wenn ich nämlich meine unmittelbare in der von uns realisierten Weise in logisch-historischer Analyse durchdringe, so ergibt sich, daß >je mein< Standpunkt als Ausgangspunkt meiner eigenen Erfahrung seinerseits der Endpunkt einer phylogenetischen bzw. gesellschaftlich-historischen Entwicklung ist, durch welchen er selbst als Aspekt des materiellen gesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozesses erst notwendig und möglich wurde: als Charakteristikum der bewußten >Möglichkeitsbeziehung< von Individuen zur gesellschaftlichen Verhältnissen bei gesamtgesellschaftlicher Vermitteltheit ihrer Existenz. Der Standpunkt des Subjekts wird also durch eine solche logisch-historische Rekonstruktion weder eliminiert noch reduziert, sondern >ich< finde mich dabei - wie gesagt - bewußt und wissenschaftlich reflektiert an der >Stelle< im gesellschaftlichen Lebenszusammenhang wieder, an der ich faktisch >schon immer< stand: als ein Individuum, das sich zu dem gesamtgesellschaftlichen >Erhaltungssystem<, durch welches seine eigene Existenz verallgemeinert >miterhalten< wird, bewußt als zu seinen subjektiven Handlungsmöglichkeiten >verhält<, wobei dieses bewußte >Sich-verhalten-Können< ein notwendiges Bestimmungsmoment der materiellen Produktion/Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens und darüber auch meiner eigenen Existenz darstellt. Auf diesem Wege gelange ich auch zu der Erkenntnis, daß ich als Subjekt objektiven gesellschaftlichen Lebensbedingungen unterworfen bin, von denen die Art und das Ausmaß meiner >subjektiven< Handlungsmöglichkeiten, damit auch deren für mich unübersteigbare Beschränkungen abhängen, wobei nur in einer derartigen Unterworfenheit unter objektive Lebensbedingungen die Subjekthaftigkeit menschlicher Befindlichkeit etc. historisch real, also >denkbar< ist. Dabei erkenne ich aber gleichzeitig, daß diese gesellschaftlichen Lebensbedingungen in historischer Größenordnung von Menschen produziert und veränderbar sind, so daß ich in Assoziation mit anderen im Rahmen des jeweils objektiv historisch Möglichen selbst an der Verfügung über die allgemeinen/individuellen Lebensbedingungen teilhaben kann, womit die Unterworfenheit unter die objektiven Lebensbedingungen zwar durch die Subjektivität nicht aufhebbar ist, aber in Erweiterung ihrer Lebensmöglichkeiten immer weiter zurückgedrängt werden kann." (Holzkamp 1983, S. 538-539)

Begreifendes Denken

(48) Das "Hinter-die-Oberfläche-Schauen" ist eine bestimme Art und Weise zu denken. Um es zu verdeutlichen, ist eine Unterscheidung zwischen "deutendem Denken" und "begreifendem Denken" hilfreich. Diese beiden Pole, die so von Klaus Holzkamp benannt wurden, finden sich auch wieder in klassischen Erkenntnistheorien, in denen z.B. Verstand und Vernunft in ähnlicher Weise unterschieden werden.

(49) Im Folgenden beschreibe ich einige wesentliche Unterschiede:

(50) Das begreifende Denken ist nicht das direkte Gegenteil vom deutenden Denken, sondern es schließt das deutende Denken mit ein – geht aber dann weiter. Der "Trick" dabei ist eigentlich immer, daß das begreifende Denken nach der gesamtgesellschaftlichen Bedingtheit fragt. Dadurch lassen sich Bedingungen auch als veränderbar erkennen. Wenn uns "Fakten" gegenübertreten kann immer nachgefragt werden: Welche Bedingungen führen zu diesen "Fakten"? Wie können wir sie aufheben, wenn sie uns stören?

(51) Daraus ergibt sich auch schon, daß Menschen, die mit ihrem Sein zufrieden sind, wohl eher nicht dazu neigen, die Bedingungen für dieses Sein zu hinterfragen (höchstens, um sie stabilisierend zu sichern). Es ist wohl kaum möglich, rein durch Reden und Argumentieren und "Überreden" jemandem das begreifende Denken nahezubringen (vgl. Holzkamp 1983, S. 399).

"... wer ... die Beantwortung der Frage vermißt hat, wie man denn nun Bedingungen schaffen kann, unter denen >die Leute< vom Deuten weg zum Begreifen kommen - selbst noch in dem >Standpunkt außerhalb<, der das Deuten charakterisiert, befangen ist. Von der subjektwissenschaftlichen Position aus gibt es niemanden, der von einem diesem äußerlichen Standpunkt aus irgendjemand anderen dazu bringen will, irgendetwas zu >denken< oder zu >begreifen<..." (Holzkamp 1983, S. 402)

(52) Aber es sind die Widersprüche des Lebens selbst, die es ermöglichen, daß ich darauf komme, nicht nur deutend zu denken, sondern auch das Begreifen lerne. Diese Widersprüche gehen "durch mich hindurch". Ich kann entweder durch eine privilegierte Lebenslage tatsächlich kaum von ihnen berührt werden. Dann werde ich kaum begreifen, was für ein Glück ich habe. Wenn ich dagegen zwar ahne, daß da was schief läuft, ich es aber noch verdränge, arbeitet dieses Verdrängte als sog. "Unbewusstes" in mir. Dieses seit Freud berühmte Unbewusste ist hier entschlüsselt als ""permanentes Resultat der Unterdrückung >besseren Wissens<. durch das Subjekt" (Holzkamp 1983, S. 397). Es ist ja auch schwer zu ertragen, daß auch ich nicht ausgenommen bin von der Verstrickung in die Verhältnisse, die uns dazu bringen, unsere Interessen nur gegeneinander durchsetzen zu können. "Unter diesen Verhältnissen wird man immer schuldig. Jeder." (Ute Holzkamp-Osterkamp, nach Rudolph 1998, S. 58).

Wissenschaftlichkeit

(53) Nicht jedes Moment begreifenden Denkens ist bereits Wissenschaft. Begreifendes Denken geht sogar über das, was bisher als Wissenschaft gilt, hinaus. Wissenschaftliches Denken konstatiert, welche wesentlichen Zusammenhänge "Fakt sind". Damit sagen sie auch etwas über die Möglichkeiten, daß sich die Fakten verändern können. Aber ob sie danach gefragt werden, liegt nicht in ihren Ergebnissen selbst – sondern ist abhängig von den Interessen der konkreten Menschen. Wir können einerseits fragen: "Wenn wir das Fallgesetz kennen, was können wir daraus für die Möglichkeiten des technischen Umgangs damit lernen?" Oder: "Uns interessiert, welche Verhaltensmöglichkeiten Menschen unter bestimmten festgelegten Bedingungen üblicherweise – statistisch quantifizierbar – wählen."

(54) Was macht Wissenschaft mit dem Fall, daß die bestimmten, festgelegten Bedingungen verändert werden?

"Theorien haben... die Funktion, die Kategorien mit dem empirisch vorliegenden Einzelfall zu verbinden, denn Kategorien sind ja allgemeinste Bestimmungen, die nicht einfach auf den Einzelfall herunterkonkretisiert werden können. Theorien bringen – unter der Voraussetzung kategorialer Geklärtheit – die problematische Konstellation in folgender Weise in eine Wenn-dann-Form: Wenn ich dies oder jenes tue, dann kommt das heraus, dann hat das für mich diese oder jene Konsequenzen oder Implikationen. Diese Wenn-dann-Beziehung kennzeichnet dabei der Unverfügbarkeit der Situation für mich, sie bringt jene problematische Konstellation auf den Begriff, die ich aufheben will. Das bedeutet, daß die Bestätigung der Theorie ihre Außerkraftsetzung ist, d.h. daß die blinde Wirkung der Wenn-dann-Beziehung verschwunden ist, ich nicht mehr dieser blinden Wirkung ausgeliefert bin..." (SUFKI, S. 78)

(55) Wissenschaft selbst kann die Probleme nicht lösen und die Bedingungen verändern. Sie kann uns aber zeigen, was getan werden kann. Welcher Möglichkeitsraum ist unter welchen Bedingungen vorhanden? Ob wir die Möglichkeiten nutzen oder gar neue Möglichkeiten schaffen, liegt dann wieder in unserer Entscheidung. Keine Wissenschaft kann vorgeben, was zu tun oder zu lassen ist. Eine Hoffnung auf eine wissenschaftlich angeleitete Vernunft als Handlungsorientierung wäre unangemessen.

2.2.3. Kritische Praxis - Intersubjektivität

(56) Gesellschaftliche Praxis ist bewusstes gesellschaftsbezogenes Handeln der Individuen. Es ist nicht einfach die Summe der Interaktion vereinzelter Elemente, es ist nicht das Funktionieren des Ganzen. Besonders eine Praxis, die auf fundamentale Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen als Bedingungen zielt, muß als "Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit und der Selbstveränderung" (Marx 1845/1990, S. 6) verstanden werden.
Ein Handeln von einzelnen Menschen(gruppen) "für" andere Menschen(gruppen) setzt immer diejenigen, "für" die etwas getan wird, als Objekte voraus und negiert ihren Subjektcharakter. Deshalb ist keine Interessenstellvertretung emanzipativ. Auch das "Schaffen von Bedingungen für die Emanzipation anderer" ist zwar gut gemeint, aber kontraproduktiv. Die Befreiung muß immer die eigene Tat sein, oder sie findet nicht statt.

Sobald gefragt wird: "Unter welchen Bedingungen tun Menschen dies oder das?" (auch gut gemeint: sich gewerkschaftlich organisieren etc.), "wird mithin der fortschrittlich gemeinte Inhalt der Förderung der kollektiven Selbstbestimmung der Individuen notwendig dadurch zurückgenommen, daß man nach den fremdgesetzten Bedingungen für diese Selbstbestimmung fragt." (ebd., S. 530)

(56.1) Re: 2.2.3. Kritische Praxis - Intersubjektivität, 16.05.2002, 00:33, Benni Bärmann: Das wirft das Problem auf, was es denn dann noch mit Solidarität auf sich hat. Unter http://co-forum.de/index.php4?Einige%20Thesen%20%DCber%20Befreiung hab ich mal eine Antwort darauf versucht, die von einem ganz ähnlichen Ausgangspunkt ausgeht, wie Du:

" 6. Befreiung ist immer zunächst mein eigenes Interesse. Die erste Frage lautet nicht, wie die anderen sich befreien können, sondern wie ich mich befreien kann. Daran anschliessend ergibt sich dann möglicherweise auch für andere die Möglichkeit zu wählen.

Je mehr Handlungsmöglichkeiten ich aus einer emanzipatorischen Perspektive deutlich mache, umso mehr wird diese Perspektive für andere interessant.

In diesem Sinne ist meine Befreiung immer die der anderen und die der anderen immer meine.

7. Solidarität ist genau das: Anderen die Möglichkeit zur Befreiung zu geben. Man kann sie nicht befreien, aber man kann die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Es gibt Fälle, in denen die Rahmenbedingungen so dominant werden, dass man davon sprechen kann, andere zu befreien. Das ist allerdings eher die Ausnahme als die Regel"

Diese Ausnahme - bestes Beispiel ist vielleicht die Befreiung Deutschlands vom Faschismus - kommt in Deinem Text nicht vor, ist aber glaube ich schon wichtig.

(56.1.1) Re: 2.2.3. Kritische Praxis - Intersubjektivität, 29.05.2002, 18:33, Annette Schlemm: Ja, auch als Beispiel dafür, daß es eben genau so nicht ausreichend funktionierte! Als erster Schritt ja, wenn nötig. Aber der wichtigere zweite Schritt ist nicht beachtet worden und das sollte uns nicht nochmal passieren.

Subjektstandpunkt in der Politik

(57) Die Befreiung der Menschen muß ihre eigene Tat sein – oder sie ist nicht. Oft finden wir uns in kleineren Zirkeln und fragen uns fast verzweifelt, ob wir die Welt zugrunde richten lassen können von den Unbedachten, jenen, die ihre Widersprüche verdrängen oder ihre Nutznießer sind. Machtpolitik als Überzeugungsmittel ging im Sozialismus schon schief. Folglich verfallen wir auf die Lösung, die anderen durch vernünftige Argumente zum Umdenken und anders Handeln bringen zu wollen. Aber auch dies ist noch zu kurz gedacht.

"Wenn die Individuen in irgendeinem Fall tatsächlich mit ihrer Privatexistenz zufrieden sind, kann subjektwissenschaftliche Forschung mit Bezug darauf nicht stattfinden. Weder in der Politik noch in der Forschung ist es gerechtfertigt, sich gegen den Willen der Betroffenen in ihr Leben einzumischen, etwa mit dem Argument, man wüßte besser, welche Probleme die Menschen in einer bestimmten Lage haben müßten als diese selbst." (Holzkamp 1990, S. 12)

(58) Um zu verstehen, wie aus den vielen Einzelnen doch ein gesellschaftlicher Zusammenhang wird, müssen wir ein neues Verständnis für "Subjektivität" entwickeln. Menschliches Dasein ist immer schon gesellschaftliches. Auch ein isolierter, einsamer Mensch ist erstens genetisch gesehen mit menschlichen Potentialen ausgestattet, die sich auf Gesellschaftlichkeit beziehen (Sprache...), zweitens ist seine Situation des Getrenntseins von anderen Menschen irgendwie durch die Gesellschaft verursacht und drittens lebt er über Nahrungsmittel und andere Güter - oder auch über sein Wissen aus seinem früheren Leben (Robinson) mittelbar im Netzwerk gesellschaftlicher Produktion. Subjektivität als positiver Begriff bezieht sich immer schon auf die Beziehungen des Einzelnen zur Gesellschaft: Menschen sind einander nicht nur Instrumente zur gegenseitigen Benutzung. Menschliche Beziehungen dienen nicht nur der unmittelbaren Kooperation. Sondern jeder Mensch kann in jedem anderen ein Wesen "wie es selbst", mit Bewußtsein, Absichten, Bedürfnissen usw. erkennen. Diese Reflexivität ist ein Spezifikum der menschlichen Sozialbeziehung (Holzkamp 1983, S. 238). In der kapitalistischen Realität wirkt jedoch eine Entfremdung schon auf jedes Kind ein, bei der subjekthafte Beziehungen tendenziell auf instrumentelle reduziert werden. Es gäbe kaum Hoffnung, wenn diese von einer konkreten Gesellschaft bestimmte Form tatsächlich dem "natürlichen menschlichen Wesen" entspräche. Zur radikalen Veränderung der Gesellschaft, wie wir sie anstreben, gehört unbedingt eine Entwicklung des Subjektiven gegenüber der Instrumentalisierung.

(59) "Subjektbeziehungen sind Beziehungen zwischen Menschen, in denen das gemeinsame Ziel der Beteiligten prinzipiell mit allgemeinen gesellschaftlichen Zielen zusammenfällt" (Rudolph 1996, S. 45). Dabei muß sich der Einzelne keinem Ganzen unterordnen, sondern sein ganz individuelles Sein - wie das der anderen - schafft die Gesellschaft. Wenn er sich - was ansonsten "egoistisch" genannt wird - ganz für sich und seine Interessen einsetzt, setzt er genau damit das Stückchen Gesellschaftlichkeit in die Welt, das seiner Individualität entspricht. Die individuelle Subjektivität ist die "Gewinnung der bewußten Bestimmung der eigenen Lebensumstände in gleichzeitiger Überschreitung der Individualität, da durch Zusammenschluß mit anderen unter den gleichen Zielen die Möglichkeiten der Einflußnahme auf die eigenen Lebensbedingungen sich potenzieren" (Rudolph 1996, S. 45).

(60) Auf dieser Grundlage lassen sich zwei typischen Formen von Verhältnissen zwischen Menschen unterscheiden (Rudolph 1996, S. 46):

Subjektbeziehungen

Instrumentalverhältnisse

  • Die gemeinsamen Ziele der Einzelnen fallen prinzipiell mit allgemein gesellschaftlichen Zielen zusammen.
  • Es handelt sich um Beziehungen ohne Unterdrückung...
  • Das Interesse an der Subjektentwicklung des anderen Beteiligten ist das Interesse eines jeden.
  • Daraus entsteht ein begründbares, wechselseitiges Vertrauen...
  • Angstlosigkeit, Freiheit, Offenheit und Eindeutigkeit in der gegenseitigen Zuwendung.
  • Ein Zusammenschluß von Gleichgesinnten findet statt unter dem Gesichtspunkt der Durchsetzbarkeit zufällig gleicher individueller Ziele gegenüber nicht Gleichgesinnten (oder gesellschaftlicher Partialinteressen gegeneinander)
  • Sie werden hergestellt und zusammengehalten über die Vorteile, die die Beziehung dem Einzelnen oder allen Beteiligten gegenüber anderen bringt
  • Sie werden reguliert durch Zwang, Abhängigkeit, Druck, Unterdrückung.

(61) Subjektbeziehungen statt instrumenteller Beziehungen anzustreben, gilt für das Ziel einer herrschaftsfreien Gesellschaft ebenso wie für die Beziehungen unter den Akteuren auf dem Weg dahin.

"Ich möchte eine Welt, in der die Menschen sich nicht gegenseitig benötigen, in der sie einfach durch das, was sie tun und alles lassen, für sich tun und lassen, gleichzeitig auch das Beste für alle anderen tun" (Rudolph 1998, S. 78).

Subjektstandpunkt in der Therapie

(62) Solch eine Welt haben wir noch nicht, oder höchstens in kleinen Nischen. Deshalb geht es uns nicht wirklich gut. Konflikte, auch auf psychischer Ebene, sind oft die Folge. Den Widerspruch zwischen Fremd- und Selbstbestimmung kann jede/r von uns auf andere Weise aushalten – oder eben nicht. Ein Stück Vergessen und Verdrängen ist zumindest im Alltag sicher normal. Krankhaft wird das Problem dann, wenn z.B. die Realität derart verleugnet wird, daß auch die eigene Handlungsfähigkeit dadurch eingeschränkt wird.

(63) Wo liegen hier Ansätze zur Hilfe und Selbsthilfe?

(67) Die Kritische Psychologie hat keine "eigene Therapie" entwickelt, gibt aber eine grundsätzliche Orientierung: Auch und besonders in therapeutischen Situationen darf die Subjekthaftigkeit des Individuums nicht negiert werden. Ein magersüchtiges Mädchen hatte erstmals mit Therapeuten Erfolg, die sie nicht als "Magersuchtsfall" ansahen, sondern sich für sie als besonderen Menschen interessierten. Der eventuell kranke Mensch ist auch kein "irrationaler Roboter, der nur durch Manipulation und äußeren Zwang dazu gebracht werden kann, sich zu ändern." (Anderson 1984 zur systemtheoretischen Psychologie).

(68) Zum "Problem" kann dieser Standpunkt vor allem im Erfolgsfall werden. Menschen, die in dem therapeutischen Verhältnis Subjekt sein durften, d.h. kennen lernten, daß es möglich ist, Fremdbestimmung zu entkommen, werden wohl eher gerade nicht mehr "funktionieren" und angepasst in die Gesellschaft zurückkehren. Andererseits wird jede therapeutische Bemühung an die Grenzen der strukturell festegelegten gesellschaftlichen Verhältnisse kommen, z.B. durch die Behinderung, daß Selbstentfaltung nicht nur subjektiv funktional sein darf – sondern vor allem für die kapitalistische Gesellschaft funktional sein soll: in der Selbstverwertung der eigenen Arbeitskraft oder wenigstens einem angepassten Leben. Diese Grenzen des nur-therapeutischen Behandelns dürfen nicht übersehen werden.

"Gibt es überhaupt eine andere Alternative als die Revolution? Als Therapeut, der auf Grundlage der Kritischen Psychologie arbeitet, muß man darauf antworten, daß, selbst wenn es eine Reihe von Problemen gibt, die nur durch eine Gesellschaftsänderung zu lösen sind, dies nicht gleichbedeutend damit ist, daß eine therapeutische Praxis sich nicht über eine reine Anpassungsperspektive hinausbewegt." (Anderson 1984, S. 45)

(69) Dieses Problem haben aber alle Menschen gemeinsam, die ihre Subjektivität entwickeln, d.h. die Bedingungen ihres Lebens grundsätzlich in Frage stellen wollen.

"Da strenge ich mich nun so an, Individualität zu entwickeln - und entferne mich durch das Schaffen einer mir gemäßen Realität immer mehr von den "Normalen". Wie verdammt, kriegt man das hin, vermittelbar zu bleiben und doch das Eigene zu entwickeln, wie kriegt man hin, mit diesem Eigenen Realität zu beeinflussen, sich spürbar auszuwirken, Spuren zu hinterlassen, wenn man kein Genie der Vergegenständlichung ist, sondern eins des Lebens?" (Rudolph 1998, S. 58)

(70) Wie kriegt "man" das hin? Da gibt es gleich gar keine allgemeinen Rezepte. Viele einzelne Leben deuten jedoch darauf hin, daß es geht. Es gibt immer die "Zweite Möglichkeit", wie behindert auch immer.

"Es geht doch! Man kann menschlich leben im Kapitalismus, menschlicher jedenfalls, als viele das glauben" (Rudolph 1993, S. 78).

(71) Literatur:
Anderson, Ib (1984): „Problemlösen“ – Kritik des Problembegriffs in Jay Haleys Therapiekonzeption. In: Forum Kritische Psychologie 10 (Argument-Sonderband AS 82) 1984,S., 24-46
Bahro, Rudolf (1990): Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik. Berlin: Union Verlag
Beurton, Peter (1979): Biologische Evolution und Subjekt-Objekt-Evolution. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 5/1979, S. 558-570
Giegel, Hans Joachim (1975): System und Krise. Beitrag zur Habermas-Luhmann-Diskussion. Theoriediskussion Supplement 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1807/1988): Phänomelogie des Geistes. Hamburg: Felix Meiner Verlag
Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie.
Holzkamp, Klaus (1984): Kritische Psychologie und phänomelogische Psychologie. In: Forum Kritische Psychologie 14 (Argument-Sonderband AS 114), S. 5-55
Holzkamp, Klaus (1990): Über den Widerspruch zwischen Förderung individueller Subjektivität als Forschungsziel und Fremdkontrolle als Forschungsparadigma. In: Forum Kritische Psychologie 26, 1990, S. 6-12
Luhmann, Niklas (1971) (mit Jürgen Habermas): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? Frankfurt/Main 1971
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme.
Marx, Karl (1845/1990): Thesen über Feuerbach. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 3. Berlin: Dietz
Marx, Karl (1857-58/1983): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 42. Berlin: Dietz
Rudolph, Iris (1993): Ich aber möchte dich in meiner maßlosen Freiheit, Frankfurt/Main
Rudolph, Iris (1996): Die Sex-Arbeit. Hetero macht auch nicht froh, Hannover
Rudolph, Iris (1998): Umbrüche und ein drittes Kind, Frankfurt
SUFKI (1984): Projekt Subjektentwicklung in der frühen Kindheit (SUFKI) (1984): Theoretische Grundlage und methodische Entwicklung der Projektarbeit. In: Forum Kritische Psychologie 14 (Argument-Sonderband AS 114), S. 56-81


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