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Ürsprünge des Terrors
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Maintainer: gerd .dp, Version 1, 23.09.2001  Druckversion
Projekt-Typ:
Status: Final

Terror vs. Terror

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Die demokratisch-marktwirtschaftliche Weltgesellschaft gibt sich mal wieder erschüttert. Mit dem Kamikaze-Angriff auf das World-Trade- Center wurde ihre Ruhe gestört, der gewohnte Gang der Dinge erschüttert und ebenso der Glaube an ein friedliches 21. Jahrhundert. Wo es nur geht muss getrauert werden, eine Schweigeminute reiht sich an die nächste. Die westliche Zivilisation muss nun Zusammenrücken, sich geschlossen dem Bösen entgegenstellen. Gegen wen ist nebensächlich, wo die Ursachen des Übels liegen steht überhaupt nicht zur demokratischen Debatte. Das Unheil, das über die so friedlich, freien, demokratischen, marktwirtschaftlichen Gesellschaften der Seligen gekommen ist, ist, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Himmel gefallen. Der beißende Qualm der Ruinen des WTC scheint nicht nur den Himmel über Manhattan, sondern auch die Hirne der Politiker und anderer öffentlicher Dummschwätzer vernebelt zu haben. Aber wie hatte die westliche Zivilisation den Globus zuvor in ein geradezu göttliches Licht der Freiheit, der Sicherheit, der Toleranz und der Moral getaucht. Man erinnere sich nur einmal daran, wie die Ausgeburten dieses herrlichen Daseins in „Gottes eigenem Land“ Woche für Woche Amok liefen und ihre Schulen in Blut tränkten. Schon vergessen sind die Metzeleien amerikanischer Polizisten in dem Elendsviertel einer gewissen Metropole gegen Schwarze. Kein Wort über Nazi-Banden, die ihre „Spielchen“ tagtäglich auf deutschen Straßen treiben. Ebenso unerwähnt bleibt der massenhafte Zulauf demokratisch-zivilisierter Menschen zu irgendwelchen obskuren Sekten des Bösen und das demokratische Haudrauf gegen Demonstranten in Genua war sowieso zu unspektakulär, um überhaupt in die Wahrnehmung der zivilisierten Völker vorzudringen. Das unglaubliche Gesabber über die Zivilisation sollte viel mehr empören als jeder Terrorakt. Jeden Tag müsste dieser Zivilisation die Schamesröte ins Gesicht steigen, wenn sie es auch nur wagte einmal in ihr Inneres hinein zu blinzeln. Im Angesicht täglich tausender verhungernder Kinder dürfte das Schweigen gar kein Ende finden. Doch statt den grausamen Akt des Terrors zum Anlass für eine grundlegende Reflexion über das eigene Tun zu nehmen, wirft man noch den kleinsten Rest von Urteilsvermögen über Bord. Man phantasiert die soziale Realität in einen Krieg von Gut gegen Böse um, sucht krampfhaft einen auch noch so imaginären Feind und entdeckt diesen schließlich im Islam, der nichts besseres im Sinn hat, als die westliche Welt mit ein paar Bomben zu ärgern. Man ist weder in der Lagen, noch Willens die Ursachen für das Aufkommen des Bösen überall zu erforschen. Im Krieg gegen das unerklärbare Böse, im Innern wie auch außerhalb des eigenen Territoriums , wird entschlossenes und besonnenes Handeln propagiert. Man muss die „strategischen Kerne“ der weltweiten „Netzwerke“ der Terroristen ebenso zerstören, wie die organisierten, finanziellen „Netzwerke“ der Nazi-Banden. Wenn man könnte, würde man ihnen am liebsten das Dasein verbieten, diesen Aussätzigen. Wie auch immer. Jeder Zusammenhang, jede Verbindung dieser „Feinde der Menschlichkeit“ zur „Zivilisation“ darf nicht einmal gedacht werden. Wie Außerirdische dringt das Böse in die Welt ein. Irre und Verwirrte belagern den Globus, der plötzlich „nicht mehr sicher ist.“ Es ist der Mechanismus jeder Ideologie, im Offenbarwerden der Krise einen Feind außerhalb zu Suchen, anstatt seine eigenen Widersprüche aufzudecken. So werden die Gläubiger des Guten eher Wohl als Übel irgendeinen Staat „zurück in die Steinzeit bomben“, sich nachher fleißig auf die Schultern klopfen und die Überlegenheit der zivilisierten Raketen sowie der westlichen Werte postulieren, - bis der nächste Irre zum Sprengstoff greift. So lieferte die Zivilisation in diesen Tagen unfreiwillig das zutreffendste Abbild ihrer eigenen Gesinnung: Im Hinterhof werden Leichen ausgebuddelt und drinnen im Saal eröffnet man feierlich die Börse.



[Alle Kommentare ausblenden] (2) Im westlichen Verständnis von Gewalt sind tote afghanische Kinder halt genauso wenig wert, wie serbische Frauen oder irakische Männer. Sie sind keine Schweigeminute wert. Erst wenn es einige Börsianer trifft, ist das Gejammer groß. In der „zivilisierten Welt“ gilt nur als Mensch, wer verwertbar ist, sich verkaufen kann. Wer sich der Gesetzlichkeit des Wert bösartig entgegenstellt, kann sich seines (NATO-)Schicksals gewiß sein. Gewalt gegen Überflüssige, eingesetzt, um sie daran zu hindern den Verlauf der Marktgesetze zu stören, ist ebenso legitim, wie das Verhindern von Flüchtlingsströmen (Jugoslawien) oder das offenhalten von Ölquellen (Irak). Millionen von Menschen neben unbestellten Feldern verhungern zu lassen und als Begleitmusik zu deren Untergang das hohe Lied auf die Markwirtschaft zu pfeifen, ist dahingegen überhaupt keine Gewalt, das sind individuelle Schicksale, in der „Natur“ der Sache liegend. Hierin liegt ebenso die Ursache des Terrors, wie deren Verschleierung durch die demokratischen Gesellschaften. Wer seinen eigenen Wahn zu Natursache erklärt und den von sich selbst ausgehenden Terror Realismus tauft, der kann auch den Gegen-Terrorismus nicht wahrheitsgetreu deuten. Es ist der Terror der Marktwirtschaft, die in ihrem wahnwitzigen Verlauf das Chaos hervorbringt, in dem der Terrorismus entsteht. Nur kommt der soziale Terror auf leisen Sohlen über die Völker, unter der Verheißung des „Fortschritts.“ Zuerst wird die Lebensgrundlage der Gesellschaften im Namen der „Rationalität“ und der „Konkurrenz“ zerstört. Anschließend, nach weiteren Versuchen der neoliberalen Reform, zerfallen die Staaten und sämtliche sozialen Beziehungen und jegliche gesellschaftliche Organisation löst sich auf, woraufhin Mafiabanden oder korrupte Diktaturen das Zepter in die Hand nehmen (mit denen die „Zivilisation“ allzu gerne paktiert). Wenn die Menschen nun jahrelang im Elend gehaust haben, sie nicht in irgendeinem Bürgerkrieg von einer Kugel getroffen wurden oder zuvor verhungert sind, wenn sie auch noch nicht zu der Ehre gekommen sind, von einer demokratischen Weltverbesserungsgranate der NATO getroffen worden zu sein, woraufhin sich ein Politiker „erschüttert“ zeigt, dann suchen die vollkommen verzweifelten und desillusionierten Menschen ihr Heil in religiösen Banden. Die Demoralisierung der Menschen verwandelt sich in pseudo-religiösen Wahn und verhilft der eigentlichen Krise so zu einer Stimme, die nunmal nur zutiefst irrational sein kann. Da jeglicher Glaube auf Verbesserung des Lebens unter alten marktwirtschaftlichen Vorzeichen aufgegeben wurde, emanzipiert man sich eben in negativer Form von der allgegenwärtigen Macht, da einem kein positiver Mittel gegen die „Ordnung“ mehr einfällt. Früher sprang hier noch der Ost-West-Gegensatz in die Bresche, der so manche Krise kompensieren konnte, da er der Frustration einen Zufluchtsort bot. Da diese Alternative nun weggefallen ist, schafft man sich seine eigene Ordnung und Wahrheit. Anstatt sich positiv gegen sein kapitalistisches Schicksal zu erheben, wird der „Westen“ stellvertretend zum Feind erklärt, zum unmoralischen, ungläubigen Ketzer, den es nun auf Erden in der Rolle der Rächer Gottes zu vernichten gilt.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Der ökonomische Terror der westlichen Zivilisation, der inzwischen den gesamten Globus umspannt, wendet sich also nur über Umwege gegen seine Urheber. Man kann die Toten von New York also auch als „ökonomischen Kollateralschaden“ bezeichnen oder sie unter der Rubrik individuelle Schicksale im natürlichen Verlauf der Kapitalverwertung abheften. Es gehört schon viel Ignoranz dazu, in der eigens proklamierten One World des Kapitalismus, jeden Zusammenhang von Entwicklungen irgendwo in der Welt als äußeres Phänomen abzutun. Der ökonomische Terror produziert jedoch nicht solch spektakuläre Bilder, wie die ihm entsprechende Antwort. Auch gibt es keine Ideologie, die dessen wahnwitzige Taten rational nennen würde, die Zerstörung der Welt gar zu deren Natur erklärt. Oder eben doch. Der religiöse Fundamentalismus übernimmt diese Rolle. Aus seiner Sicht ist es rational, den abstrakten göttlichen Willen gegen die Ungläubigen durchzusetzen. Dies ist allerdings nicht irrationaler als die Welt im Namen des Geldes vor die Hunde gehen zu lassen. Wie schon gesagt wurde, Terror und Gewalt legitimieren sich in der westlichen Welt durch das Wertgesetz. Und somit ist es den zivilisierten Demokraten auch nicht möglich, in dem urplötzlichen Aufkommen der Gewalt die Fratze des Kapitalismus zu erkennen, die sie ansonsten so gut wie möglich zu maskieren versuchen. Die Überflüssigen sollen einfach nicht so hohe Ansprüche stellen und gefälligst die Schnauze halten. Dies hat man mit der Gründung des perversen Wohlfahrtsstaates, bestehend aus demokratischer Sklaverei und Armutsalmosen, zumindest in der „Zivilisation“ beinahe perfekt verwirklicht. Noch können die westlichen Betriebswirtschaftler ihren Untertanen weismachen, die Fratze, die sie da gezeigt bekämen, sei eben die eines Systemfremden, äußeren Einflusses. Doch früher oder später wird den Menschenrechtsdemokraten dämmern, was die Politiker aus ideologischer Geistesschwäche auch nicht entdecken wollen. Nämlich, dass die inneren Widersprüche der „sozialen Marktwirtschaft“ von Zeit zu Zeit auch in den Kernbereichen der Weltwirtschaft offenbar werden müssen, dass der Terrorismus und die Kriminalität auch dort ausbrechen werden, wo die Überflüssigen jetzt noch verschämt zum Sozialamt laufen oder an der nächsten Ampel demütig die Windschutzscheiben wischen.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Der Terrorismus ist nur die Antwort des frustrierten, demoralisierten und vereinzelten, verarmten und moralisch verwahrlosten Konkurrenzsubjektes auf das Überflüssigwerden seiner Existenz. Unter diesen Voraussetzungen schmieden auch die Neo-Nazis, im Schatten eines Plattenbaus, auf einer verdreckten Parkbank sitzend, nicht wissend was sie mit dem Tag anfangen sollen, ihre Mordpläne gegen Ausländer. Sie sind, was niemand wahrhaben will, die Ausgeburten der Zivilisation selber mit seiner marktwirtschaftlich-demokratischen Totalität, die nichts als „Arbeit“ kennt und diejenigen, denen die diese „Beschäftigung“ entzieht in den Wahnsinn treibt. Ringsum kann die Welt untergehen, das Lied von der schönen Marktwirtschaft wird trotzdem lustig weiter geträllert. So darf sich niemand wundern, wenn die „Verlierer“ des Spiels irgendwann auf die Spielregeln pfeifen und sich eine andere Identifikation suchen. Wer dem entgegnet, mit etwas Zuwendung, staatlichem Handeln und „entschlossenem Eingreifen“ könnten diese Außenstehenden zurück in den Schoß der Demokratie geholt werden, der will das Ausmaß der globalen Krise einfach nicht wahrhaben. Selbst wenn es irgendwann gelänge (nur Gott weiß wie) den Überflüssigen eine „Beschäftigung“ zu geben, scheint dieses trostlose Schicksal, angesichts der überall randalierenden Computerkids, der zahlreicher werdenden satanistischen Sekten und der zunehmenden Zahl an Selbstmorden demokratischer Wohlstandskinder, für viele nicht die prickelnde Aussicht zu sein.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Doch zurück zum Krieg. Wer schon im eigenen Haus des Global Village des Kapitalismus nicht weiß, wer Opfer, wer Täter ist, der wird auch draußen vor der Tür kaum den richtigen Besen schwingen. Wer auf der Suche nach den Tätern sich selber jagen müsste, wird lieber einen Sündenbock suchen und ihn „zurück in die Steinzeit“ bomben.“(Die Welt) Die Ironie, die in diesem Satz steckt, ist geradezu putzig, wenn man bedenkt, dass die möglichen Ziele nach wenigen Jahrzehnten kapitalistischer Modernisierung das steinzeitliche Niveau schon längst erreicht haben. [Doch bekanntlich sind es die bösen Taliban-Milizen, die ihren Bürgern das Essen verweigern (Bush)] Doch wie in jeder Krise wird es nicht bei der bloßen Rache bleiben, der Krieg wird auch innerhalb der Staaten ausschweifend instrumentalisiert werden, um den Terror der Ökonomie weiter zu verdichten und deren Krisenerscheinungen zu übertünchen. Zuerst wird die Ethnisierung der sozialen Krise ganz neue alte Formen annehmen. Es ist nicht die Ökonomie, die die Gesellschaft terrorisiert, sondern der Ausländer, der das Volk nicht nur durch die Wegnahme von Arbeitsplätzen, sondern nun auch „ganz konkret“ mit offener Gewalt terrorisiert. Alle die sich im Kampf gegen den Terror nicht „uneingeschränkt solidarisch“ zeigen, gehören selber zu den Terroristen. Jeder muss sein Opfer im Namen der „Freiheit“ erbringen. Armutsalmosen für bereits überflüssig gewordene werden unter dem Vorwand der teuren Terrorismusbekämpfung gestrichen, die ohnehin schon spärlichen übrigen sozialen Engagements des Staates werden unfinanzierbar, nicht weil das ökonomische System an seine Grenzen gelangt, sondern weil die „Unsicherheit“ an den Märkten für „schlechte Stimmung“ sorgt. Der äußere Feind hat mit nur einer Bombe die Rezession herbeigeführt. In Fußgängerzonen werden die Kameras nicht mehr auf Bier trinkende Penner gerichtet, die den Geschäftsgang stören, sondern gegen den dunkelhaarigen Selbstmordattentäter, der hinter jeder Ecke lauert. Auch Telefone werden bald uneingeschränkt abgehört werden dürfen; ein kleines Opfer im Kampf gegen das Böse. „Man muss den Menschen beibringen, dass es auch noch eine andere Sicherheit gibt, als die soziale.“ Doch all diese demokratischen Kinkerlitzchen werden den künftigen Weltbürgerkrieg des überflüssigen, unrentabel gewordenen Humankapitals nicht stoppen können. Die ökonomische Krise muß und wird die Weltgesellschaft genauso einholen, wie die ökologische. Wenn die „zivilisierten Gesellschaften“ den Terrorismus bekämpfen wollen, müssen sie ihren eigenen irrationalen Wahn hinterfragen, sich selber positiv von ihrer Gesellschaftsmaschinerie, vom kapitalistischen Selbstzwecksystem, emanzipieren und den Dingen und Menschen einen wirklichen, nicht bloß abstrakten, betriebswirtschaftlich bornierten Sinn geben. Und dies im globalen Maßstab. Da die demokratisch-aufgeklärten Arbeitsmonaden jedoch jeden Sinn für Sinn verloren haben, alles nur ein Zweck ist, den es, was immer es auch kosten mag, blind zu erfüllen gilt, werden sie zu keiner emanzipatorischen Bekämpfung des Terrors finden. Wenn die Krise aber nicht bekämpft, sondern nur ideologisch gelenkt wird, wird die zunehmende Zahl der Verwirrten und Frustrierten nicht zu Ruhe zu bringen sein. Sie werden die Stimme erheben und sich immer wieder lautstark zu Wort melden. Ihre Sprache wird auch weiterhin die des Hasses auf die Welt, die der blinden Gewalt sein.




Quelle: http://www.opentheory.org/terror_vs._terror/text.phtml
(Last Software Update: 06.01.2002, 21:20)