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Zensur und Kultur
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Maintainer: Bernd vd Brincken, Version 1, 12.08.2003  Druckversion
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Projekt-Ziel: Diskurs

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Es soll hier ein Diskurs angestossen werden über die Frage der "Zensur", der sich einer eigenen Bewertung weitgehend enthält. Es geht nicht darum, eine bestimmte Theorie vorzustellen, sondern ein Modell, auf dessen Basis man weiter sprechen kann. Es soll dabei geklärt werden, welche Annahmen dem Betrieb von online-Medien zugrunde liegen, welche (sozialen) Phänomene dabei auftreten und wie man als Forum-Betreiber darauf reagieren kann. - Anlass hierfür sind Projekte auf opentheory, die eine Zensurdiskussion hervorriefen (Stichwort "Weltfaschismus"). Der Autor betreibt selbst online-Medien, die sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen.

Offene online-Medien

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Mit der Entwicklung des Internet und offener Software hat sich in den letzten Jahren eine breite Palette von offenen online-Medien entwickelt. "Offen" wird hier verstanden als "Zugang und Teilnahme ohne Prüfung". Nicht-offene Alternativen wären etwa "Moderation" (hier behält sich der Moderator vor, "unpassende" Beiträge später wieder zu entfernen) oder "Redaktion" (wo _vor_ der Veröffentlichung die Zulassung oder Ablehnung geprüft wird).

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Beispiele für "offene Online-Medien" sind: 1. Mailingliste: Jeder Abonennt erhält sofort und ungeprüft jede Mail, die ein anderer Abonennt an die Liste gesandt hat. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine gültige email-Adresse, also keine 100%-ige Anonymität; 2. Chat: Jeder kann schreiben, aber alte Texte sind nicht nachlesbar, daher mehr der Charakter eines (folgenlosen) "Schwätzchens"; 3. Forum: Autoren müssen sich anmelden (gültige email), Beiträge und Antworten bleiben jederzeit nachlesbar (wie bei opentheory).

Ökonomie offener Medien

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Eine grundsätzliche Feststellung zur Ökonomie offener Medien: Die Offenheit, d.h. Zugänglichkeit für Jedermann, impliziert, dass hier der Betreiber keinen kommerziellen Zweck verfolgt. Andernfalls müsste er etwa in Betracht ziehen, dass das Medium von einem Konkurrenten "missbraucht" wird, dass die Inhalte sich von seinem "Produkt" entfernen oder dieses kritisieren usw. Anders gesagt: Das Interesse, ein solches Medium zu betreiben, nährt sich aus sozialen, politischen, religiösen o.ä. Gründen, die jenseits von Ökonomie liegen.

Anschlußfähigkeit

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Da es in offenen Medien keine (kontrollierte) Vorgabe über die Ziele der einzelnen Kommunikationen (Beiträge, Diskussionen) gibt, ergibt sich eine Grundbedingung für die Inhalte allein daraus, dass jemand anders a) einen Beitrag verstehen und b) darauf eingehen kann. Dies wird unter dem Begriff "Anschlussfähigkeit" zusammen gefasst.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Dazu gehören mehrere Ebenen: Die Inhalte müssen jeweils (für das erwartete Publikum) _interessant_ sein, sie müssen _verständlich_ formuliert sein und es sind ggfs. soziale _Umgangsregeln_ zu beachten (keine Polemik z.B.), damit Antworten sachlich und menschlich (ohne "Gesichtsverlust" o.ä.) sinnvoll sind - und in Folge eine Fortsetzung der Kommunikation erwarten lassen.

Selbstbeschreibung und Kommunikation

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Bei den Gründen für den Betrieb offener Medien soll hier unterschieden werden zwischen a) den "inneren" Gründen, die den Betreiber antreiben, und b) der Selbstbeschreibung. Diese wird stets den Inhalten voran gestellt und erklärt, welchen "offiziellen" Zweck man verfolgt. Die Offenheit ist dabei meist Teil der Selbstbeschreibung.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Bei den ungenannten Gründen zum Betrieb eines offenen Mediums mag sich der Betreiber etwa versprechen, dass a) mehr Teilnehmer daran teilnähmen und allein diese höhere Anzahl der Stimmen das Medium bereits attraktiver mache, b) mehr unterschiedliche Positionen aufeinander träfen, die ggfs. befruchtend aufeinander wirkten, oder c) das Ansehen seines Mediums steige, weil es sich Gesten bedient, sie sozial als tugendhaft betrachtet werden.

Gebrauch und Missbrauch

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Aus der Offenheit können auch Probleme entstehen, wenn Anwender des Mediums dessen Offenheit missbrauchen. Der Begriff "Missbrauch" verweist direkt auf die Frage, was denn (richtiger) Gebrauch sei. Ein Modell zur Erläuterung dieses Gebrauchsbegriffs soll im folgenden vorgestellt werden.

Ökonomie der Aufmerksamkeit

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Es geht hier um eine Abstraktion von (menschlicher) Kommunikation auf Basis des Begriffs der _Aufmerksamkeit_. Grundlage ist die Unterscheidung zwischen dem Austausch von Inhalten und dem Austausch von Aufmerksamkeiten: Aufmerksamkeit wird als eigene Größe betrachtet, um die sich a) die Teilnehmer an Kommunikation (Sender und Empfänger) stets bemühen und die b) nur begrenzt verfügbar ist - vergleichbar dem Begriff der "Ressource" in der Ökonomie.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Es ist damit nicht unterstellt, bei Kommunikation ginge es vor allem um den Austausch von Aufmerksamkeit, etwa als "eigentlicher Grund" für politisches Engagement. Es wird durchaus angenommen, dass politische Argumentation jeweils "ernst gemeint" ist. Die Aufmerksamkeitsökonomie stellt man sich vielmehr _parallel_ zu anderen Pfaden vor - sie muss _auch_ jeweils aufgehen, aber die Eigenlogik der Kommunikationsinhalte bleibe davon unberührt.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Im Zuge dieser Aufmerksamkeitsökonomie nimmt man nun an, dass zwischen Sprecher und Zuhörer, Redner und Publikum, Autor und Leserschaft usw. jeweils eine (implizite) Vereinbarung hergestellt wird: Der Sender geniesst zwar zuerst die Aufmerksamkeit des Empfängers, diese kann ihm aber auch wieder entzogen werden, wenn er auf den Empfänger ungenügend eingeht. Umgekehrt gibt es den (gewünschten) Effekt einer sich verstärkenden Spirale, wenn die Kommunikationen sich jeweils befruchten.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Dies wird umso deutlicher, wenn das jeweilige Medium die Beziehung zwischen Sender und Empfänger gleichberechtigt organisiert, wenn also jeder Empfänger auch Sender werden kann. Dies gilt zum Beispiel für das persönliche Gespräch, wo sich die Rollen direkt abwechseln. Es gilt aber auch für offene online-Medien, wo auf Basis der Offenheit jeder Leser auch Autor werden kann.

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Solche Medien legen also nahe bzw. stellen einen Rahmen dafür bereit, dass ihre Teilnehmer sich ohne äußere Steuerung in einen Austauschprozess von Aufmerksamkeit begeben, der im günstigen Falle die Beteiligten zu mehr Kommunikation "anstachelt" und so eine Art "Kommunikations-Gewinn" herstellt, die ohne das Medium nicht möglich gewesen wäre.

Zwei Ebenen

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Bei einer solchen Konstruktion des Austausches auf zwei Ebenen, der expliziten Inhalte und der impliziten Aufmerksamkeiten, entzieht sich die implizite Ebene des Zugriffs durch die Inhalte. Anders gesagt: Man kann nicht (gleichzeitig) darüber sprechen, dass es etwas unaussprechliches gibt, das dem Sprechen zugrunde liegt. Man kann zwar (wie in diesem Projekt) einen solchen Zusammenhang selbst abstrahieren und beschreiben, aber a) unterliegt dieser auch wieder einer eigenen Aufmerksamkeitsökonomie und b) können darin die (als interessant angenommenen) ursprünglichen inhaltlichen Fragen nicht (gleichzeitig) behandelt werden.

Augenzwinkernde Vermittlung

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Demnach "wissen" alle Teilnehmer der Kommunikation, dass neben den Inhalten noch anderes ausgetauscht wird (auch wenn sie dies vielleicht mit anderen als den hier benutzten Begriffen formulieren würden) - das Engagement in dem Medium beruht also auf einer Art augenzwinkernden Übereinkunft. Dieser Doppelcharakter von Kommunikation ist so gewohnt und gleichzeitig unvermeidlich, dass er nicht als irritierend wahrgenommen, sondern selbstverständlich immer wieder benutzt wird.

Missbrauch

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Vor diesem Hintergrund wird nun deutlich, dass offene Medien auch eine spezifische Form von Missbrauch ermöglichen: Ein Sender kann Aufmerksamkeit gerade dadurch gewinnen, dass er den Austausch von Inhalten (demonstrativ) missachtet. Er formuliert Inhalte, die aber nicht anschlussfähig sind (inhaltlich, sprachlich oder stilistisch). Er gewinnt auch Aufmerksamkeit, aber nicht durch den Anschluß an die Inhalte, sondern gerade durch das sichtbare Desinteresse daran. Er benutzt also die inhaltliche Logik nur, um an anderer Stelle Aufmerksamkeit zu gewinnen, nämlich aus dem (implizit vereinbarten) Aufmerksamkeitskonstrukt des Mediums.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Weder das in der Selbstbeschreibung formulierte Interesse (etwa die Klärung politischer Fragen) der ersten Ebene kann damit erreicht werden, noch findet ein Austausch von Aufmerksamkeit auf zweiter Ebene statt - die aufgewendete Aufmerksamkeit führt fort von den Inhalten und fort von einer Fortsetzung der Kommunikation, Anschlußfähigkeit fehlt.

Problem bekannt ...

[Alle Kommentare ausblenden] (19) In vielen online-Medien wird ein grosser Teil der Diskussionen um solche Fragen geführt, wenn auch meist ohne eine Abstraktion der Zusammenhänge. Häufig wird von engagierten Teilnehmern viel Energie darauf verwendet, die Störer zurecht zu weisen oder zu "vergraulen", aber diese ziehen sich häufig umso mehr in die Trotzecke zurück.

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Früher oder später kommt der Ruf nach Eingriff, der aber meist vom Betreiber mit dem Hinweis auf den offenen Charakter, oder auch ökonomische oder technische Gründe, abgewiesen wird. Häufig wird auch erbost der Vorwurf der "Zensur" laut, und führt dazu, dass dieser Frage ausgewichen wird - der Zensur-Bergiff verdient daher eine nähere Betrachtung.

Zensur-Begriff

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Der Begriff der Zensur hat in Deutschland einen besonders negativen Klang. Zu recht, er erinnert an die offen praktizierte Zensur im Nazi-Regime und in der DDR, aber auch an manche harte Auseinandersetzung in der BRD, um den Grundgesetz-Paragraphen "Eine Zensur findet nicht statt" auch in der Praxis durchzusetzen (siehe etwa Spiegel-Äffäre, oder auch der aktuelle Aufbau staatlicher Kontrollstrukturen im Internet, der mit einem politisch-korrekten Mäntelchen verkleidet wird: "gegen Nazis, gegen Kinderporno").

Kontext von Zensur

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Aber in welchem Zusammenhang steht dieser Zensur-Begriff? - Hier geht es doch stets um die Frage, ob und wie eine _höhere_, monopolische Macht (wie der Staat) den Austausch von bestimmten Informationen verhindern möchte. Das impliziert die Situation, dass es an dieser Macht "keinen Weg vorbei" gibt, dass man sie nicht (legal) umgehen kann; zumindest aber, dass sie sehr wesentliche Kanäle besetzt und damit mehrheitswirksam politischen Einfluss hat.

online-Medien und "Zensur"

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Dies trifft aber nicht zu auf online-Medien, die von freien Initiativen betrieben werden. - Jeder Mensch mit Internet-Zugang (was in der 3. Welt ein Problem sein mag, Stichwort "digital divide", in Europa aber nicht) kann zu geringen Kosten ein solches Medium aktivieren, die Zustimmung und Nutzung hängt dann eher von Größe und Gewicht des sozialen Netzwerks ab, in dem diese Aktivität stattfindet, nicht aber von staatlicher Zustimmung (etwa einer Lizenz, wie noch bei der Gründung vieler heute einflussreicher Print-Verlage nach dem Kriege).

Möglichkeiten der Selbststeuerung: Ranking

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Möchte man direkte Eingriffe durch eine _zentrale_ Instanz vermeiden, dann kann man bei online-Medien auf Selbststeuerungs-Mechanismen zurück greifen, die häufig aus Ökonomie entwickelt wurden (vgl. ebay), aber auch jenseits davon funktionieren: Man lässt die Leser/Teilnehmer/Mitglieder selbst abstimmen, welche Beiträge der jeweiligen online-community zuträglich sind und welche nicht. - Meist in Form eines "Ranking", also nicht als Ausschluss, sondern als graduelle Beurteilung, etwa durch eine Punktzahl - die schlecht eingestuften Beiträge erscheinen dann einfach ganz unten in der Liste, aber wer sich trotzdem (oder gerade deshalb) dafür interessiert, kann sie immer noch lesen.

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Noch "gerechter" sind automatische Rankings, die etwa nach dem a) Verhältnis von eigenen Beiträgen zu eigenen Antworten/Kommentaren, oder b) Verhältnis von eigenem Text zu fremden Antworten darauf rechnen. Auf diese Weise wird "belohnt", wer konstruktiv und anschlussfähig schreibt (es beruht aber auf einer genügend großen Gesamtzahl von Kommunikationen).

Kultur-Vergleich

[Alle Kommentare ausblenden] (26) Schliesslich noch ein Hinweis auf andere Formen sozialer Interaktion in der nicht-elektronischen Welt, die auch ganz unterschiedliche Varianten von Ausschluss praktizieren: Da gibt es a) die Party, zu der eigentlich nur geladene Gäste willkommen sind, aber wer unterhaltsam ist und nicht aneckt, darf ausnahmsweise auch als Fremder ein Bier trinken; oder b) den Club, an dessen Tür steht "Nur für Mitglieder", wo auch tatsächlich Mitglieder hingehen, ohne Fremde "Touristen" es aber auch langweilig wäre; weiter c) ein open-air Konzert, an dessen Eingang ein Ticket gekauft und das Taschenmesser abgegeben werden muss, aber wer einmal drin ist, sei es über den Zaun, wird drinnen nicht nochmal kontrolliert; oder d) einen Salon, der den geladenen Gästen anbietet, Fremde mitzubringen, die dann von dem Moderator in einer höflichen Konversation befragt und vorgestellt werden. Undsoweiter.

Zusammenfassung

[Alle Kommentare ausblenden] (27) Es wurden grundlegende Eigenschaften und Bedingungen offener online-Medien genannt, gefolgt von einem Modell für Kommunikation, wonach dem Austausch von Inhalten stets eine Ökonomie von Aufmerksamkeit parallel läuft. Daraus ergibt sich eine spezifische Missbrauchs-Möglichkeit, die jedoch aus Angst vor Zensur häufig akzeptiert wird. Der Zensur-Begriff aber ist unpassend für Medien, deren Zugriff und Betrieb jedermann möglich ist. Eine graduelle Beurteilung von Beiträgen wäre weiterhin etwa über ein "Ranking" möglich. Nachdem in der Gesellschaft zahlreiche soziale Formen von Ausschluss bzw. Kontrolle akzeptiert sind, fragt sich, warum dies in vielen online-Medien wie ein Tabu gehandhabt wird.

Persönlicher Kommentar

[Alle Kommentare ausblenden] (28) Nur wenn man (als Betreiber eines Mediums) glaubt, etwas Höheres zu verwalten, wäre ein Ausschluss unpassender Kommunikation eine Zensur. Was immer dieses "Höhere" jeweils ist, und sei es nur eine politisch korrekte Haltung - es wäre mir ohnehin verdächtig und unsympatisch. Also bitte, lasst uns online-Medien wie Clubs betreiben, nicht wie Kleinstaaten.




Quelle: http://www.opentheory.org/zensur-kultur/text.phtml
(Last Software Update: 12.08.2003, 13:39)