Gr&uuml;ndung von offenen Theorie-Projekten

Ich m&ouml;chte eine Idee zu einem neuen Projekt vorstellen. Sie entstand
aus Diskussionen in verschiedenen Mailinglisten, Gespr&auml;chen rund um
den Linuxtag in Kaiserslautern, Reaktionen auf meine Texte und
Vortr&auml;ge u.a.m. Ich m&ouml;chte den Diskussionen einen st&auml;rker
zielgerichteten Charakter verleihen und vor allem daf&uuml;r sorgen,
da&szlig; erzielte Ergebnisse auch festgehalten werden. Ich will probieren,
ob kollektive Theorie-Entwicklung funktionieren kann.

In Analogie zu Open-Source-Software-(OSS-)Projekten stelle ich mir
Open-Theory-(OT-)Projekte vor. Ein OT-Projekt hat <UL><LI>ein Thema, das
durch einen Basistext im Web abgesteckt wird,</LI> <LI>einen
Maintainer</LI> <LI>Projektmitglieder</LI> <LI>ein interaktives
webbasiertes Diskussionsforum</LI> <LI>l&auml;uft unter einer Lizenz, die
die Freiheit des Textes sicherstellt.</LI></UL> Beispiele solcher freien
Lizenzen sind die <a
href='http://www.opencontent.org/opl.shtml'><b>OpenContent-Lizenz</b></a>
(<a href='../../ocl.phtml'><img src='/images/more.gif' BORDER=0 HEIGHT=12
WIDTH=12>&nbsp;deutsche &Uuml;bersetzung</a>), die <a
href='http://www.opencontent.org/openpub/'><b>Open-Publication-Lizenz</b></a>
(<a href='../../opl.phtml'><img src='/images/more.gif' BORDER=0 HEIGHT=12
WIDTH=12>&nbsp;deutsche &Uuml;bersetzung</a>) und die <a
href='../../gfdl.phtml'><b>GNU Free Documentation License</b></a>.

Der OT-Basistext wird mit dem Ziel diskutiert, Teile des Textes zu
verbessern, auszutauschen oder zu erg&auml;nzen. Die Diskussionen werden
per Diskussionsforum gef&uuml;hrt, der jeweilige Textbezug sollte per Zitat
deutlich gemacht werden. Die Beitr&auml;ge werden automatisch mit einer
Einr&uuml;ckung versehen und vom Maintainer (zun&auml;chst) an die
entsprechende Stelle in den Basistext eingebaut. Diskussionen &uuml;ber
Diskussionen sind m&ouml;glich und werden entsprechend weiter
einger&uuml;ckt dargestellt. Das ist so &auml;hnlich wie man es von
Mailinglist-Archiven kennt, die Einr&uuml;ckung nur nicht blo&szlig; per
Subject, sondern per Bezugstext. Ob das zuviel und zu un&uuml;bersichtlich
wird, mu&szlig; man einfach mal ausprobieren. Nach den bisherigen
Beitr&auml;gen zum Thema Linux w&uuml;rde ich einsch&auml;tzen, da&szlig;
das gut gehen kann. Nach einer gewissen Diskussionszeit fa&szlig;t der
Maintainer die Debatte in einem neuen Release des Basistextes zusammen -
und stellt diesen erneut in die Diskussion. Alle alten St&auml;nde bleiben
offen und f&uuml;r jeden einsehbar (siehe zum Beispiel <a
href='v0001.phtml'>Version 1</a> dieses Textes.

Jede/r kann einen neuen OT-Basistext erstellen und damit ein neues
OT-Projekt begr&uuml;nden. Das kann z.B. passieren, wenn ein anderer
Basistext grunds&auml;tzlich in Frage gestellt wird (OSS-Analogie: code
fork, die Aufspaltung der Programmentwicklung in zwei Richtungen). Ein
OT-Projekt funktioniert, wenn gen&uuml;gend Leute mitmachen, das wird sich
einfach zeigen. Der Maintainer hat folgende Aufgaben: <UL> <LI>Moderation
des Diskussionsprozesses</LI> <LI>Release neuer Basistext-Versionen</LI>
<LI>Entscheidung &uuml;ber die Aufnahme neuer Textfeatures (neuer
Subthemen)</LI></UL> Dazu mehr im Einzelnen.

Moderation des Diskussionsprozesses

Moderation ist keine formale, sondern eine inhaltliche T&auml;tigkeit.
Formal w&auml;re etwa eine Mailingliste, bei der jeder Beitrag erst vom
&quot;Moderator-Zensor&quot; gesichtet, begutachtet und dann freigegeben
wird. Das genau will ich nicht. Inhaltliche Moderation zeichnet sich aus
durch <UL> <LI>Erkennen und Herausheben neuer Ideen</LI> <LI>Verdeutlichen
verschiedener Meinungen</LI> <LI>Beitragen zu einem konstruktiven
Klima</LI> <LI>Verdeutlichung des Erkenntnisinteresses</LI> <LI>Transparenz
herstellen &uuml;ber Entscheidungen</LI></UL>

Das kann eigentlich jede/r machen, egal ob Maintainer oder nicht. Der
Maintainer hat gegen&uuml;ber dem Projekt jedoch eine gewisse
Verpflichtung, die Moderatorenrolle auch wahrzunehmen. Tut er/sie das
nicht, wird das Projekt schnell versanden. Im Unterschied zur klassischen
Moderatorenrolle ist ein/e Moderator/in im OT-Projekt nicht neutral. Er/sie
hat eine inhaltliche Position, vor allem aber ein klares
Erkenntnisinteresse. Es geht dabei nicht um &quot;Rechthaben&quot; oder
andere Profilierungsm&ouml;glichkeiten auch Kosten anderer - so ein Projekt
kann gleich dichtmachen. Im OT-Projekt (wie im OSS-Projekt) sind Maintainer
und Projektbeteiligte strukturell in einer Win-Win-Situation.
Profil(ierung) kann nur eine inhaltliche Qualit&auml;t sein und niemals auf
Kosten anderer stattfinden. Entweder das ganze Projekt gewinnt ein Profil,
oder eben nicht. Die inhaltliche Moderation eines (Diskussions-)Prozesses
ist damit eine sehr wichtige und schwierige Aufgabe.

Release neuer Basistext-Versionen

Wie im OSS-Projekt die Fehlerkorrekturen so verbessern im OT-Projekt die
Diskussionsbeitr&auml;ge den Basistext. Zwar gibt es im OT-Projekt kein
hartes Qualit&auml;tskriterium wie die Lauff&auml;higkeit von Software,
aber umgekehrt ist jede blo&szlig; lauff&auml;hige Software nicht gleich
qualitativ hochwertig, elegant, schlank etc. Hat sich eine Diskussion nach
einer gewissenen Zeit &quot;gesetzt&quot;, kann es sinnvoll sein, die
bisherigen Ergebnisse zusammenzufassen und als neues Release des
Basistextes zu ver&ouml;ffentlichen. Neue Kommentare etc. beziehen sich
dann auf den neuen Text. Neue Releases sind Entscheidungen des Maintainers.

Entscheidung &uuml;ber die Aufnahme neuer Textfeatures (neuer Subthemen)

Jede Diskussion ver&auml;stelt sich in viele Aspekte, Dimensionen etc. Neue
Analogien und Metaphern werfen neue Fragen nach der G&uuml;ltigkeit der
Metaphern auf usw. Nicht jedes &Auml;stchen ist in einer Diskussion
sinnvoll. Wenn sich aber herausstellt, da&szlig; ein bestimmter
inhaltlicher Aspekt des Hauptthemas gesondert diskutiert werden mu&szlig;,
dann ist es die Aufgabe des Maintainers, das zu Erkennen und in einem
Subtext zur Debatte zu stellen. Das Ziel solcher Subtexte ist ihre
Reintegration in den Haupttext mit dem n&auml;chsten Textrelease. Sollte
das nicht m&ouml;glich sein, etwa weil das Subthema sich zu einem
eigenst&auml;ndigen gro&szlig;en Thema ausw&auml;chst, dann eine Aufteilung
des Projekts angezeigt. Das sollte aber selten der Fall sein.
G&uuml;nstiger w&auml;re es, Subthemen weiter beim Projekt laufen zu lassen
- ggf. per Arbeitsteilung von anderen (Sub-)Maintainern betreut. Auf diese
Weise sollten auch sehr gro&szlig;e Projekte handhabbar bleiben.

Ein OT-Projekt l&auml;uft unter der OpenContent-Public-License oder der
Open-Publication-Lizenz. Ich bin da noch unentschlossen. Beide lehnen sich
an die GNU GPL an und gew&auml;hrleisten, da&szlig; <UL> <LI>der Text frei
kopiert, verteilt und modifiziert werden kann,</LI> <LI>Ver&auml;nderungen
dokumentiert werden,</LI> <LI>die Lizenz nicht ver&auml;ndert werden darf
(nicht ganz klar).</LI></UL> Obwohl nicht mit Software v&ouml;llig
vergleichbar, sind die Lizenzen m.E. geeignet, einen Proze&szlig; der
offenen Theorieentwickung zu bef&ouml;rdern. Wer Lust hat, kann mit der
Verteilung der Texte auch Geld verdienen. Wichtig ist, dass der
urspr&uuml;ngliche Text und die urspr&uuml;nglichen Autor/inn/en erkennbar
bleiben und Modifikationen benannt und datiert werden. Die
Open-Publication-Lizenz ist hier eindeutiger, sie verbietet jedoch nicht
eindeutig den Wechsel der Lizenz. Aktuell arbeiten die Leute um Richard
Stallman und die Free Software Foundation an einer DGPL: Document General
Public License. Die Auswahl der richtigen Lizenz wird also noch etwas
dauern.

Jedes OT-Projekt hat sein eigenes webbasiertes Diskussionsforum und eine
eigene Mailingliste. Ich w&uuml;rde aber vorschlagen, f&uuml;r alle
OT-Projekte eine gemeinsame Mailingliste zur Kommunikation zwischen den
Projekten und &uuml;ber die Erfahrungen einzurichten. Neu zu gr&uuml;ndende
Projekte werden automatisch nach dem Ausf&uuml;llen eines entsprechenden
Webformulars generiert.

Gesucht: Hacker, die einen datenbankbasierten HTML-Seiten-Generator
schreiben. Das Programm erzeugt anhand einer festzulegenden Syntax
(Absatznummern oder so) einger&uuml;ckte Kommentartextbl&ouml;cke an der
entsprechenden Stelle des Basistextes mit neuen Sub-Absatznummern. Auf
diese Weise k&ouml;nnte das Kommentieren von Texten automatisiert werden.
Au&szlig;erdem m&uuml;ssen automatische Generatoren f&uuml;r die
Einrichtung neuer Projekte und ihrer Mailinglisten entwickelt werden. Keine
kleine Sache!
