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Browser Eigentum und Produktion am Beispiel der Freien Software |
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| Maintainer: Stefan Merten, Version 3, 11.08.2002 |
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| Projekt-Typ: | |
| Status: Archiv |
(1) ToDo: Neue Rechtschreibung
(2) ToDo: "Geldbasiert" durch "warenproduzierend" ersetzen?
(2.1) 13.08.2002, 20:24, Stefan Merten: Das habe ich mir nochmal überlegt. Eigentlich ist "warenproduzierend" auch nicht besser als "geldbasiert", da Warenproduktion auch schon lange vor dem Kapitalismus stattgefunden hat. Im Römischen Reich läßt sich meines Wissens so etwas nachweisen. Allerdings waren diese Gesellschaftsformen genausowenig warenbasiert, wie sie geldbasiert waren.
(2.1.1.1) 17.08.2002, 13:54, Stefan Merten: Offengestanden: Eigentlich verwende ich den Begriff immer nur, um nicht dauernd kapitalistisch sagen zu müssen. Das ist mir zu sehr ein Kampfbegriff und wird daher meinem Anspruch an den Text nicht gerecht. Ich hoffe einfach mal, daß die LeserInnen dies auch so verstehen.
(2.1.1.1.1.1) 19.08.2002, 17:04, Stefan Merten: Ich hätte mir gewünscht, daß die Diskussion auf der Oekonux-Liste längst ist. Aber ich habe da auch nicht genügend angestoßen :-( . Jedefalls sollten wir diese ganze interessante Diskussion definitiv auf die Oekonux-Liste bringen. Kann ich aber jedenfalls erst, wenn die Abgabe rum ist.
(3) Vorbemerkung: Der vorliegende Text versteht sich als Teil einer Work in Progress. Er versucht bestimmte Gedankengänge, die im Projekt Oekonux gewachsen sind, auf das in der Überschrift genannte Thema zu fokussieren und einige neue Gesichtspunkte herauszuarbeiten. Er kann einige Aspekte kann der Text nicht erschöpfend behandeln, teilweise nur anreißen und er versteht sich keinesfalls als abgeschlossen. Ziel wäre vielmehr die Anregung einer Diskussion, die im OpenTheory-Projekt zu diesem Text http://www.opentheory.org/eigentum/text.phtml geführt werden kann.
(4) ToDo: Bemerkungen zu Durchkapitalisierung und Machtlosigkeit: Freie Software als transkapitalistisch; Freie Software als Chance für die III. Welt; Empowerment durch Freie Software (Für EntwicklerInnen; Für NutzerInnen); Wichtig: Gegenbewegung spielt untergeordnete Rolle (Damit nicht strukturell konservativ (wie z.B. attac) sondern progressiv); Überschrift: Freie Software als politisches Phänomen
(5) Vor einer direkten Befassung mit dem Thema dieses Textes möchte ich gerne die Begriffe klären, die verwendet werden. Damit soll einerseits ein gemeinsames Verständnis dieser Begriffe geschaffen werden. Andererseits bietet eine solche Klärung die Möglichkeit, diese teils sehr alten Begriffe unter einem neuem Blickwinkel zu betrachten, der für eine emanzipatorische Vision von Nutzen ist.
(6.1) Re: 1.1. Entfremdung, 13.08.2002, 20:34, Stefan Merten: Hier muß noch Butter bei die Fische. Bitte helft mir hier nochmal. Ich bin ja auch nicht wirklich glücklich mit der Definition - ist halt nicht diskutiert :-( . Gleichzeitig hilft es mir rauszuschälen, worum es mir eigentlich wirklich mit diesem Begriff geht. Ich versuche nochmal ein paar Dinge zu ergänzen / ändern um das klarer zu machen. Vielleicht ist ja auch die Bezeichnung einfach falsch - glaube ich aber nicht.
(6.1.1) Re: 1.1. Entfremdung, 16.08.2002, 08:24, Stefan Meretz: Mit deiner harschen Reaktion auf mein Bemühen machst du es mir nicht gerade leicht. Ich war erstmal demotiviert. Deine platonische Defintion (Bennis Charakterisierung trifft es IMHO) sticht den versammelten SozialwissenschaftlerInnen in der Jury sofort ins Auge. Und - das ist meine Ergänzung - sie ist auch in der Informatik sehr verbreitet (und nicht bloß meine Interpretation). Du tust dir keinen Gefallen, wenn du das einfach alles wegschiebst. - Inhaltlich sollten/können wir das ja mal anderenorts intensiver diskutieren.
(6.1.1.1) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 12:03, Stefan Merten: Da Konfliktbearbeitung vorgeht, erst nochmal kurz zu meinen Wahrnehmungen. Dein Bemühen konnte ich gerade nicht erkennen. Stattdessen hatte ich das Gefühl, du hast dir schnell eine Schublade gesucht, die dich dann auch gleich vom weiteren Nachdenken darüber befreit, was ich eigentlich gemeint haben könnte. Und dann hast du noch schnell (schulmeisterlich war glaube ich Bennis Wort für diesen Tonfall) was hingeworfen, was an dem, was ich versuche zu bilden, meilenweit vorbei geht. Vielleicht verstehst du jetzt meine etwas harsche Reaktion. Und glaube mir: Ich war auch demotiviert - aber ich wollte dennoch weiterkommen. Und ich freue mich, daß du es doch noch nicht aufgegeben hast :-) .
(6.1.1.2) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 12:12, Stefan Merten: Nochmal zum Kampfbegriff "platonisch". Wenn ich es richtig weiß, dann schreibt Plato den Dingen eigene Qualitäten zu, die erstmal von den Menschen unabhängig sind. Nun gibt es die in Form von materiellen Eigenschaften natürlich in gewisser Weise auch. Was ich aber versucht habe zu beschreiben - und hoffentlich nochmal deutlicher machen konnte - geht es mir um diese nur am Rande. Es geht vielmehr darum, was Menschen in einer realexistierenden historisch-gesellschaftlichen Situation damit anfangen. Die Dinge kommen da nur noch als Hintergrundfolie vor, die aber von den menschlichen Folien völlig überformt sind. Was daran noch platonisch sein soll, das ist mir nicht klar und solche Zuschreibungen - gerade von euch - empfinde ich als Beleidigung.
Andersherum halte ich Bennis Ansatz von wegen "alles symbolisch" für wenig tragfähig und höchst arrogant - wie meine Anmerkung mit der konkreten Qualität von Wasser andeutet.
Es käme aus meiner Sicht darauf an, diese konkreten, stofflichen Qualitäten mit den gesellschaftlichen Qualitäten irgendwie zusammenzubringen. Das halte ich für eine emanzipatorische Vision für unabdingbar, da sie ansonsten den menschlichen Bedürfnissen schlicht nicht gerecht wird.
(6.1.1.2.1) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:02, Stefan Meretz: Der Begriff "platonisch" ist für mich so wie etwa "postmodern" (den du verwendet hast) kein Kampfbegriff, keine Zuschreibung und erst recht nicht beleidigend gemeint, sondern er ist eine Bezeichnung einer bestimmten Denkrichtung. Wenn du es als Beleidigung empfindest, dann will ich ihn nicht mehr verwenden.
(6.1.1.2.2) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:06, Stefan Meretz: Inhaltlich glaube ich, dass dein Immanenz-Versuch und dein Konkret-Abstrakt-Versuch deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil die "gesellschaftliche Seite" dann doch rausfällt und die "Sache-an-sich" übrigbleibt. IMHO ist es auch nicht damit getan, der "Sache-an-sich", der "Hintergrundfolie", noch die "menschliche Folie" hinzuzufügen, die erstere dann noch "überformt". Es handelt sich IMHO nicht um ein Überformungsverhältnis, sondern um ein "Formungsverhältnis", um das mal so zu sagen. Die Sachen sind nicht da, und werden dann noch "überformt", sondern die Sachen werden im Akt der Herstellung "geformt" und kommen so auf die Welt. Und dies nicht als individueller, sondern gesellschaftlicher und deswegen allgemeiner und verbindlicher Prozess - im Kapitalismus gar noch als "Vermittlung im Nachhinein".
(6.1.1.2.3) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:15, Stefan Meretz: Um es deutlich gegen "postmoderne" Sichten (keine Beleidigung für irgendwen) abzugrenzen: Eine beliebige Bedeutungszuweisung an beliebige Dinge ist zwar möglich, aber nur auf der Ebene der "Brauchbarkeit" (auf der etwa der zum Nageleinschlagen verwendete Fotoapparat angesiedelt ist). Die gesellschaftlich verbindliche Ebene ist die der "Hergestelltheit": Gesellschaftlich wird etwas hergestellt, um einen intendierten Zweck zu erfüllen, sozusagen eine gesellschaftlich verallgemeinerbare Brauchbarkeit, von der andere, indiviuelle Brauchbarkeiten abweichen können.
(6.1.1.2.3.1) Beliebige Brauchbarkeit, 19.08.2002, 17:11, Stefan Merten: Ist für's Erste wahrscheinlich nicht mehr so wichtig, aber dennoch kann ich dir hier nicht folgen. Du kannst den berühmten Wackelpudding eben nicht an einen Nagel hängen und genausowenig einen damit einschlagen. Die Zuweisung von Brauchbarkeit ist nicht völlig beliebig sondern hängt von gewissen stofflichen Qualitäten ab.
(6.1.1.2.3.2.1) Re: Hergestelltheit, 20.08.2002, 12:56, Stefan Meretz: Weil durch die gesellschaftliche Produktion intendierter Brauchbarkeiten (bei uns in Form von Gebrauchswerten) gesellschaftliche Verbindlichkeit hergestellt wird: Dieses Ding ist zu dem-und-dem da, weil es dazu hergestellt wurde. Durch die Hergestelltheit kommt die gesellschaftliche Dimension rein. Dieser Faktor ist entscheidend und dominiert - wenn auch nicht "alles". Die (ggf. abweichende) Dimension der Brauchbarkeit spielt dagegen in der Regel auf der individuellen Ebene: Einen Fotoapparat zum Nageleinschlagen zu verwenden, ist gesellschaftlich absolut "unverbindlich", gleichwohl kann man ihn aufgrund seiner stofflichen Eigenschaften dazu (begrenzt) nutzen. Einen Wackelpudding kann man dagegen in der Tat nicht an die Wand nageln - völlig richtig. Ergo: Die Hergestelltheit ist für ein Ding bestimmend und gesellschaftlich verbindlich, die Benutzbarkeit hingegen nicht (auch nicht die postmoderne Umkodierung durch voluntaristische Bedeutungszuweisungen).
(6.1.1.2.4) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:25, Stefan Meretz: Auf der Ebene der Hergestelltheit kommt nun das ins Spiel, was dir so wichtig ist: Die Ding-Qualitäten. Diese ergeben sich nur aus ihrem Verhältnis zur gesellschaftlich verallgemeinerten Brauchbarkeit, also zu dem Aspekt der Hergestelltheit. Es gibt keine "an-sich" konkrete Qualität von Wasser, sondern nur im Verhältnis zur ihrer gesellschaftlich verallgemeinerten Brauchbarkeit. So ist etwa besonders reines Wasser (H2O schlechthin) als Trinkwasser gebraucht ziemlich ungeeignet. Andererseits hat sich historisch stark verändert, was als "mineralisiertes" ("verunreinigtes") Wasser noch durchgeht und was nicht. Das alles aber wieder nicht in einem beliebigen willkürlichen Rahmen (wir könnten das Elbewasser nicht zum Trinkwasser "erklären"), sondern selbstredend bezogen auf unsere Körperlichkeit. Entscheidend ist: Wir stellen Wasser und anderer für uns in gesellschaftlich verallgemeinerter Weise her. "Für uns" heisst: in Bezug auf unsere (unterschiedliche) Physis, unsere Bedürfnisse und unsere Ressourcen.
(6.1.1.2.4.1) Trinkwasser und Mond, 19.08.2002, 17:23, Stefan Merten: Mit "Trinkwasser" bewegst du dich aber wieder auf der symbolischen Ebene. Die ist dem Cholera-Erreger aber egal - und meinem Körper auch (in gewissen, aber recht engen Grenzen).
Den Mond - also den Steinbrocken, der vermutlich für Ebbe und Flut bewirkt - haben die Menschen nicht "hergestellt". Was ist bei ihm entscheidend?
Nee, ich schnalle nicht, worauf du raus willst - oder es ist (mir) so selbstverständlich, daß ich's deswegen nicht sehen kann. Jedenfalls erkenne ich nicht, warum das die entscheidende Größe sein soll.
(6.1.1.2.4.1.1) Re: Trinkwasser, 20.08.2002, 13:12, Stefan Meretz: Das Trinkwasser ist doch keine "symbolische Ebene"! Trinkwasser ist eine gesellschaftlich hergestellte Sache und in ihrer Verbindlichkeit sogar durch Gesetze geregelt. Aber auch diese Gesetze sind nicht irgendwie "wasserimmanent", sondern in Bezug auf die Bedürfnisse, Kenntnisse und Ressourcen definiert. Und beim Cholera-Erreger ist das auch klar, da gibt es festgelegte Grenzwerte (x Erreger auf y Mio Kubikmeter Wasser ist noch tolerabel etc.).
(6.1.1.2.4.1.1.1) Re: Trinkwasser, 20.08.2002, 17:04, Stefan Merten: Ich breche hier mal ab. Ich habe nicht im leisesten das Gefühl, dass du begriffen hast, was ich sagen will. Mag sein, daß ich es selbst noch nicht begriffen habe, aber dein ständiges Nur-Insistieren auf deinem Punkt - so nehme ich es wahr - hilft mir momentan zumindest nicht.
(6.1.1.2.4.1.2) Re: Mond, 20.08.2002, 13:48, Stefan Meretz: Der Mond und andere unbearbeitete (wenngleich nicht unbeeinflusste) Dinge sind in ihrer Bedeutung für uns in Relation zu dem bereits Bearbeiteten, Hergestellten oder noch Herzustelltem wichtig. Etwa bei der Herstellung von Strom als Umwandlung von gespeicherter Gezeiten- in elektrische Energie.
(6.1.1.2.5) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:30, Stefan Meretz: Deinen Anspruch "Es käme aus meiner Sicht darauf an, diese konkreten, stofflichen Qualitäten mit den gesellschaftlichen Qualitäten irgendwie zusammenzubringen" finde ich völlig richtig. Ich konnte hoffentlich ansatzweise darstellen, wie so ein "Zusammenbringen" aussehen kann, nicht im Sinne eines "Zusammenbringens im Nachhinein", sondern "sui generis", nicht als "Überformung", sondern als "Formung".
(6.1.1.3) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 12:17, Stefan Merten: Und nochmal zur Jury. Mag sein, daß du da anders ausgerichtet bist als ich, aber mich interessiert zunächst mal der Text hier. Ich schreibe das hier nicht für eine Jury sondern zunächst mal für mich und natürlich für Oekonux. In gewissem Sinne lasse ich hier diesen dritten Zweck soweit wie möglich beiseite und versuche mich auf den konkreten Nutzen des Textes zu beziehen. Wenn es der Jury gefällt, dann freut's mich. Wenn nicht, habe ich halt - mit eurer Hilfe - nur mal wieder einen längeren Text geschrieben, der mal wieder ein paar Dinge hinschreibt und hier und da einen neuen Gedanken entwickelt.
(6.1.1.4) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 12:19, Stefan Merten: Und noch zur Informatik. Wir sind uns glaube ich einig, daß deine Sicht der Informatik nicht die allgemeinverbindliche ist - weswegen ich mir hier mehr Vorsicht bei solchen Zuschreibungen wünschen würde. Wo du in der Informatik das zu erkennen glaubst was du hier monierst, ist mir als Informatiker jedenfalls nicht erkennbar.
(6.1.1.4.1) Informatik, 18.08.2002, 10:47, Stefan Meretz: IMHO mache ich keine Zuschreibungen. Ich versuche auf den Begriff zu bringen, was in der Informatik passiert. Das schiebe ich ihr nicht unter, sondern es passiert ja wirklich. Was ich mache, ist ein Versuch des begrifflichen Verstehens. Andere verwenden andere Begriffe. Und dann geht's darum, welche angemessener sind. - Ich gebe allerdings zu, dass ich ca. 10 Jahre aus der systematischen Beschäftigung der Informatik raus bin. Kann sein, dass sich etwas wesentliches geändert hat. Würde mich allerdings sehr wundern. Die damaligen Forschungen geschahen im "Projekt begriffliche Fundierung der Informatik" an der TU Berlin. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass die Informatik keine ausgewiesene einheitliche begriffliche Grundlage hat, sondern ein (oder mehrere) dutzend konkurrierende, meist aber gar keine (explizite). Ich kann dir gerne anderenorts näher erläutern, was (nicht nur) ich da in der (damaligen) Informatik zu sehen glaub(t)e.
(6.1.2) Re: 1.1. Entfremdung, 16.08.2002, 09:08, Stefan Meretz: Mein Vorschlag lautete: »Entfremdung liegt vor, wenn dritte Zwecke das individuelle Handeln bestimmen. Solche "dritten Zwecke" können religiöse Vorschriften, gruppenbezogene Regeln oder gesellschaftliche Pinzipien sein. "Dritten Zwecken" kann nicht ohne erhebliche Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten entgegen gehandelt werden. So kann im Kapitalismus nicht ohne den Erwerb von Geld die individuelle Reproduktion sichergestellt werden.« Den wolltest du nicht nehmen, da nur das "Gegenteil von Selbstentfaltung" und "nicht positiv". - Ja, aber darum geht es doch genau: Selbstentfaltung ist das Gegenteil von Entfremdung! Und den Einwurf "nicht positiv" kann ich nicht nachvollziehen. Der Vorschlag ist ein "positive Bestimmung" des Begriffs, wenngleich der Inhalt "negativ" ist. Demm kannst du aber doch nicht entkommen - oder ich verstehe dich nicht.
(6.1.2.1) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 12:36, Stefan Merten: Also ich habe mir das nochmal genau angeguckt. Wenn ich mir überlege, was wohl vorliegt, "wenn dritte Zwecke das individuelle Handeln bestimmen", dann komme ich auf Domination. Und tatsächlich legen auch deine Illustrationen genau dieses Verständnis von Entfremdung nahe: Es handelt sich um Dominationsphänomene, die Teil eines Herrschaftsbegriffs sind, bzw. genau dem üblichen verkürzten Herrschaftsbegriff entsprechen. Das paßt auch dazu, wenn du sagst, daß (dein Begriff von) Herrschaft nicht mit Selbstentfaltung zusammenpaßt, ja ihr Gegenteil ist. Ja, es ist tatsächlich eine positive Bestimmung - aber m.E. eben nicht von Entfremdung.
(6.1.2.1.1) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 10:54, Stefan Meretz: IMHO trifft das nicht zu. Wir müssten uns nun über das Wort "bestimmen" unterhalten, was in der Dialektik einen wichtigen Status hat. Damit ist weder "Determination" noch "Domination" gemeint. Es ist eher im Sinne von "angeben" oder "vorgeben", allerdings in einem sehr starken Ausmaße: Ich kann nur bei Strafe der Einschränkung meiner Handlungsfähigkeit der "Vorgabe" zuwiderhandeln. Die grundsätzliche Handlungsfreiheit ist nicht suspendiert, aber da die "Fremd-Bestimmung" mit der eigenen Reproduktion verknüpft und über die gesellschaftlichen Denkformen (Ideologien) abgesichert ist, sind Abweichungen faktisch super schwer. Umso erstaunlicher ist, das es sowas wie Freie Software gibt.
(6.1.2.1.2) Re: 1.1. Entfremdung, 18.08.2002, 11:18, Stefan Meretz: Eine Verbindung von Entfremdung und Herrschaft gibt es natürlich schon (sie fallen nur nicht in eins). Grob würde ich sagen, dass es eine auf Entfremdung bauende und eine auf physisch/psychisch-personale Vormacht bauende Herrschaft gibt. Ich nenne diese beiden grundsätzlichen Typen "abstrakt-entfremdete" und "personal-konkrete" Herrschaft, wobei die Grundtypen jeweils Elemente des anderen in sich aufnehmen können. Daran wird IMHO auch deutlich, dass abstrakt/konkret überhaupt nicht geeignet sind, sich von Entfremdung abzusetzen. Zum Herrschaftsbegriff sonst noch mehr unten.
(6.1.2.1.2.1) Herrschaftsformen und Verhältnis zur Entfremdung, 19.08.2002, 17:47, Stefan Merten: Ja, die Unterscheidung der Herrschaftsformen würde ich teilen.
Das Problem ist nur, daß "dritte Zwecke das individuelle Handeln bestimmen" in beiden Formen vorkommt und daher nicht als Abgrenzung der Entfremdung gegenüber anderen Herrschaftsformen funktioniert.
(6.1.2.2) Verhältnis von Entfremdung und Herrschaft, 17.08.2002, 12:44, Stefan Merten: Wobei mir just heute morgen beim Wachwerden - noch vor der Lektüre der neuesten Kommentare - der Gedanke kam, daß es ein Verhältnis von Entfremdung und Herrschaft gibt und es wichtig wäre, das zu klären. Wenn ich von abstrakten Qualitäten schreibe, die zur Entfremdung neigen, dann gibt es da eine Verbindung zum Abstraktum der Sozialeinheit, die durch Herrschaft(seinrichtungen) repräsentiert wird. Problematisch wird Herrschaft ja vor allem dann, wenn sie sich von dieser abstrakten Sozialeinheit entfremdet - oder die Sozialeinheit von ihr. So herum könnte vielleicht irgendwie was draus werden.
Abstrakte Qualitäten von Dingen schienen mir auch erst eher zur Domination geeignet, aber das ist Quatsch: Die konkrete Qualität einer Schußwaffe ist dazu genauso gut geeignet.
(6.1.2.3) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 13:28, Stefan Merten: Natürlich ist Domination den Menschen fremd und somit beschreibt sie immer ein Entfremdungsverhältnis. Wäre das Ziel von Domination den davon betroffenen nicht fremd sondern ihr eigenes bedürfte es ja gerade keiner Domination.
So gesehen ist Domination immer Entfremdung - aber umgekehrt wird daraus m.E. noch lange kein Schuh. Wenn Entfremdung deckungsgleich mit Domination wäre, dann bräuchten wir den Entfremdungsbegriff aber nicht mehr und könnten uns ganz auf Domination beschränken. Das halte ich aber für meinen Teil für reichlich platt.
(6.1.2.3.1.1) Domination und MaintainerInnen, 19.08.2002, 17:52, Stefan Merten: Wie ich im Macht-Thread ausführlich dargestellt habe, halte ich Macht in der Freien Software für ein vernachlässigbares Phänomen. Ohne Machtmittel ist Domination aber de facto unmöglich. Es bleibt aber dennoch der Repräsentationsanteil von Herrschaft - und den führen MaintainerInnen selbstredend aus. So gesehen gibt es natürlich auch Herrschaft in der Freien Software.
(6.1.2.3.1.1.1) Re: Domination und MaintainerInnen, 20.08.2002, 13:53, Stefan Meretz: Ohne den Dominationsanteil ist die Herrschaft keine mehr. So gesehen gibt es keine Herrschaft in der Freien Software. Dass es faktisch doch an der einen oder anderen Stelle Herrschaft in der FS gibt, hat eben damit zu tun, dass es aufgrund reingemischter dritter Zwecke auch Dominationsformen gibt.
(6.1.2.3.1.1.1.1) Re: Domination und MaintainerInnen, 20.08.2002, 17:01, Stefan Merten: Nun, wenn du dir die kleine Mühe gemacht hast, den Teil nochmal zu lesen, auf den ich hingewiesen habe, dann hättest du lesen können, daß danach Herrschaft letzlich immer auf die Abschaffung der Domination hinwirken muß. Nach meinem Bezug ist Herrschaft ohne Domination also sogar das Ziel von Herrschaft.
(6.1.2.4) Re: 1.1. Entfremdung, 17.08.2002, 13:42, Stefan Merten: Wichtig wäre es m.E. das fremd in Entfremdung genauer zu bestimmen: Wann wird eine Sache (im weiten Sinne) einem Menschen fremd? Dies wirft natürlich sofort die umgekehrte Frage auf: Wann ist eine Sache einem Menschen vertraut?
Mein etwas ungelenker, erster Ansatz läßt sich auf diesen Achsen so fassen: Konkrete Qualitäten können nicht fremd sein, während abstrakte Qualitäten einer Sache einem Menschen fremd werden können. Das ist natürlich schon ein bißchen seltsam. Warum sollte eine konkrete Qualität einer Sache einem Menschen nicht auch fremd sein können? Also auch aus dieser Sicht kein sehr gelungener erster Versuch. Wie gesagt: Ich tendiere momentan dazu, das ganz wegzulassen, weil ich da einfach noch nichts wirklich Befriedigendes sagen kann.
(6.1.3) Noch ein Alternativvorschlag, 16.08.2002, 09:31, Stefan Meretz: Ich versuche mal deine Intention, dem Entfremdungproblem über das Begriffpaar "konkret/abstrakt" beizukommen, mit meinem Plädoyer, den Begriff als gesellschaftstheoretischen zu fassen, zu verbinden und gleichzeitig noch die fehlende "geldbasierte Gesellschaft" mitzufassen. Whow;-) Ich formuliere mal mit "ich" (also du): »Eine Gesellschaft bezeichne ich als geldbasiert, wenn die Vermehrung von Geld in dieser Gesellschaft Hauptzweck ist und sich in aller Regel die Bedürfnisse der Menschen nur über den Weg der Erfüllung des Hauptzwecks erreichen lassen. In einer solchen Gesellschaft kommt es zur Entfremdung, weil sich der Hauptzweck "Geldvermehrung" gegenüber den Bedürfnissen der Menschen verselbstständigt hat und somit als abstraktes Prinzip der Vielheit der konkreten Bedürfnisse der Menschen gegenübersteht. Da die konkrete individuelle Reproduktion notwendig über das abstrakte Prinzip erfolgt, gibt es nur zwei grundsätzliche Handlungsoptionen: Ich kann mich dem abstrakten Prinzip unterordnen und mich von meinen konkreten Bedürfnissen entfremden oder ich kann versuchen, meine konkreten Bedürfnisse gegen das Abstraktum zu behaupten, was meine Möglichkeiten der Reproduktion einschränkt oder gar unmöglich macht. Am Beispiel Freier Software zeige ich, wie dieses Dilemma perspektivisch aufgehoben werden kann« - Das ist doch positiv;-)
(6.1.3.1) Re: Noch ein Alternativvorschlag, 17.08.2002, 13:53, Stefan Merten: Das ist sicher gut und das teile ich auch - bis auf den für meinen Geschmack etwas zu apodiktischen Schluß mit den zwei Handlungsoptionen: Die Zwischentöne scheinen mir da so wichtig, daß sie nicht unter den Tisch fallen dürfen.
Das Problem ist aber auch hier, daß du ein Beispiel für Entfremdung angibst. Schön und richtig - aber eben nur ein Beispiel.
(6.1.3.2) Re: Noch ein Alternativvorschlag, 17.08.2002, 14:06, Stefan Merten: Neu bringst du hier die Verselbstständigung des Zweckes (m.E. allgemeiner: von Etwas) ein, die sich dann gegen die Menschen richtet. Hier gibt es auch wieder Parallelen zur Verselbstständigung (und damit: Delegitimierung) von Herrschaft. Ist Entfremdung vielleicht die Delegitimierung eines abstrakten Zweckes?
Wenn ich es richtig sehe, dann geht es hier auch Richtung Fetisch, der dann quasi die verselbstständigte Einheit repräsentiert. Haut das hin?
(6.1.3.2.1) Re: Noch ein Alternativvorschlag, 18.08.2002, 11:04, Stefan Meretz: Ja, das mit dem Fetisch haut hin. Keine Entfremdung ohne Fetisch (Fetisch auch als gesellschaftstheoretischer Begriff gemeint). Auch Verselbstständigung ist zentral: Wenn sich Zwecke verselbstständigen, kann ich eigene Zwecke (Bedürfnisse) nicht mehr zur Geltung bringen. Es gibt nur eine "positive Verselbstständigung", eine "Verselbstständigung höherer Ordnung" sozusagen: Das zur Geltung bringen der je eigenen Zwecke/Bedürfnisse hat sich verselbstständigt und bringt die gesellschaftliche Reproduktion hervor. Anders formuliert: Statt Verselbstständigung eines ("fremden") Zwecks dritter Person, Verselbstständigung der ("vertrauten") Zwecksetzung erster Person.
(6.1.4.1) Zusammenfassung, 17.08.2002, 14:10, Stefan Merten: Anstatt einer Neufassung - zu der ich noch nicht substantiell in der Lage bin - versuche ich mal zu sammeln, was uns bisher wichtig für eine Definition zu sein scheint:
Entfremdung als Domination bzw. Herrschaft
Entfremdung als Gegenteil von Selbstentfaltung
Fremd vs. vertraut
Abstrakt vs. konkret
Verselbstständigung von Etwas führt zur Entfremdung
Da ich im Laufe der Woche die Abgabeversion abschließen möchte, möchte ich mich auf diesen Teil hier konzentrieren. Das kann bedeuten, diesen Abschnitt nochmal ganz neu zu machen oder ihn ganz wegzulassen. Der Rest des Textes ist sicher auch noch ausbaufähig, aber substantiell kann ich da nichts mehr kohärent einbinden.
(6.1.4.1.1) Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 12:49, Stefan Merten: Weil die Zeit drängt, schreibe ich das mal schnell hierhin. Heute Abend noch mehr Kommentare zu deinen Beiträgen, StefanMz.
Ich hatte gestern Gelegenheit, mich nochmal in Stereo und 3D mit jemand über das Thema zu unterhalten. War recht ergiebig. Quintessenz des Gesprächs hinsichtlich des hier verhandelten Thema war der Begriff Verantwortung. Der kurze Satz lautet ungefähr so: Entfremdung liegt dann vor, wenn ich in einem Verhältnis zu einer Sache nicht verantwortlich handeln kann. Sehr knapp - und auch noch nicht richtig ausgereift, aber hier habe ich (endlich) das Gefühl, daß es in die richtige Richtung zeigt. Dazu einige Erläuterungen.
(6.1.4.1.1.1) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 12:59, Stefan Merten: Doch vorher noch: Obacht! Die Redeweise verantwortlich handeln und alles was damit zusammenhängt hat mehrere Lesarten. Es geht mir hier nicht um die Lesart, die du, StefanMz, vermutlich als normativ bezeichnen würdest. Es geht mir vielmehr um eine Lesart, die den Verantwortungsbegriff an das Individuum bindet. Selbstverantwortung ist Grundlage für diesen Verantwortungsbegriff. Ich versuche im Folgenden also nicht von Außen eine Verantwortung an jemenschen heranzutragen, die man doch gefälligst zu übernehmen habe. Ich meine vielmehr die Verantwortung, die zur Selbstentfaltung dazu gehört.
(6.1.4.1.1.2) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 16:04, Stefan Meretz: Ja, langsam bekommt es eine gute Richtung:-) Wenn ich jetzt ein paar Bedenken anmelde, dann sollen diese die grundsätzlich positive Bewertung nicht entwerten. Spontan fallen mir zwei Bedenken ein: (1) Die Last der Klärung verschiebt sich auf den Verantwortungsbegriff, das heisst der Durchbruch ist noch nicht geschafft; (2) die Fassung von Entfremdung als Nicht-(mehr)-verantwortlich-handeln-können ist super scharf, vielleicht zu scharf. Gibt es wirklich Bedingungen unter denen ich nicht mehr verantwortlich handeln kann? Das hängt nun wieder vom Verantwortungsbegriff ab;-) Nach meinem Gefühl gibt es zwischen nicht und voll verantwortlich handeln viele Varianten des unter den je gegebenen Bedingungen noch relativ verantwortlich Handelns. Oder anderes formuliert: Zu jeder Entfremdung - Entzug der vollen Verantwortungsübernahmemöglichkeiten - kann ich mich wiederum verantwortlich verhalten. Ein Verhalten zur Un-Verantwortlichkeit gewissermaßen, eine Meta-Ebene.
(6.1.4.1.1.2.1) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 21:06, Stefan Merten: Schön, daß dein Gefühl mit meinem übereinstimmt :-) . Dann wird es wohl schon richtiger sein :-) . Hast du noch mehr Anmerkungen? Dann heraus damit. Ich werde mich dann wohl morgen mal an eine komplette Neugestaltung des Abschnitts machen. Wird sicher wieder mit der heißen Nadel gestrickt sein - na ja, wenigstens ein bißchen kühler ;-) .
(6.1.4.1.1.2.2) Verschiebung auf den Verantwortungsbegriff, 19.08.2002, 21:09, Stefan Merten: Ja, diese Verschiebung ist mir auch schon aufgefallen. Aber letztlich hast du dieses Problem immer irgendwie und Verantwortung scheint mir jedenfalls aus dem Alltagsverständnis heraus nicht ganz so schwer zu fassen zu sein, wie Entfremdung - mit den erwähnten Einschränkungen bzgl. normativ.
Ich tendiere dazu, das nicht wirkich auszuführen über das hinaus, was hier schon steht. Aber vielleicht fällt mir bei der Neufassung noch mehr ein.
(6.1.4.1.1.2.3) Verantwortung als Kontinuum, 19.08.2002, 21:20, Stefan Merten: Diesen Punkt hatten wir gestern in dem Gespräch auch schon. Da stellte sich dann heraus, daß sich Verantwortung immer auf ein gesellschaftlich geprägtes, aber dennoch individuelles (vielleicht ist das auch die Formulierung um das nicht-normative reinzukriegen?) Normen- und Wertesystem bezieht. Und Normen- und Wertesysteme kann's natürlich viele geben.
Meine These gestern war dann ungefähr so, daß ich zwar im Rahmen eines mir fremden Wertesystems handeln kann, es aber möglich ist, daß ich gleichzeitig meiner (eigenen, individuellen) Verantwortung (aka Gewissen?) nicht gerecht werde. Das Wort "unverantwortlich" will hier leider überhaupt nicht passen, weil es zu viele Konnotationen mit sich herumschleppt. Aber eigentlich müßte es so heißen.
Dann kann ich mich aber in der Tat auf mein Verantwortungsgefühl beziehen und mich zu dem unverantwortlichen Verhalten verhalten. Da wird's in der Tat Meta und da fängt's auch an individuell konkret schwierig zu werden, wenn der Soldat das Töten von Menschen eben nicht mit seinem Verantwortungsgefühl in Übereinstimmung bringen kann.
Was mir noch kommt: Vielleicht kann mensch ja auch verschiedene Grade von Entfremdung unterscheiden. Wäre ja eigentlich auch nicht zu erwarten, daß der Begriff digital ist.
(6.1.4.1.1.4) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 22:55, Benni Bärmann: Von mir wieder nur eine kurze Anmerkung. Leider komm ich grad nicht dazu, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Deshalb nur kurz: Ich hab Probleme damit das Ganze auf "Verantwortung" abzulenken. Und zwar aus folgenden Gründen. Diese Aufzählung ist gedacht quasi als Illustration meines Unbehagens:
(6.1.4.1.1.5) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 22:58, Benni Bärmann: 1. Verantwortung ist ein geradezu klassischer Begriff in der Ethik. Nicht umsonst spricht man auch von "Verantwortungsethik". Ich kann mit dem Gekerchel was unter diesem Begriff fungiert nicht viel anfangen, vielleicht kommt daher ein Teil meines Unbehagens. Du versuchst das ja auch ein bisschen abzuwiegeln, indem Du einfach sagst, "ich meine Verantwortung minus normativ". Ich bin mir nur nicht sicher, ob da dann noch viel übrig bleibt und das Problem ist vielleicht ganz ähnlich gelagert wie das, was wir schon hatten, nämlich "Herrschaft minus Beherschung (Domination)".
(6.1.4.1.1.6) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 23:04, Benni Bärmann: 2. Ich hab mal meinen Lieblingssport betrieben und im "Ethym" nachgeschlagen, wo das Wort herkommt. Ergebnis: "Sich als Angeklagter verteidigen". Natürlich bedeutet das Wort heute mehr als nur das, dennoch hat das mich auf die Spur eines weiteren Unbehagens, dass ich mit "Verantwortung" habe, gebracht, nämlich, dass es ein Begrifff ist, der aus einer Verteidigungsstellung heraus operiert. Ich muss mich verantworten. Vor wem denn? Du wirst sagen, vor Dir selbst, nur denke ich dass in diesem "vor Dir selbst" sehr viel von Zurichtung drinsteckt.
(6.1.4.1.1.6.1) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 20.08.2002, 17:25, Stefan Merten: Mir ist der zentrale Wortbestandteil der "Antwort" hier wesentlich wichtiger. Auch im englischen "responsibility" kommt das sehr schön raus. Die "Antwort" an der Verantwortung stellt nämlich gerade den Bezug her (das ist jetzt nicht geschliffen ausformuliert) zwischen Individuum und Gesellschaft indem sie den (selbstentfalteten) Bezug des Selbst zur Außenwelt herstellt. Dies auch deshalb, weil Verantwortung ohne zumindest ein gewisses Maß an Einlassen nicht möglich ist. Einerseits.
Andererseits stellt Verantwortung den (selbstentfalteten) Bezug zwischen Handeln und innerem Wertesystem her.
(6.1.4.1.1.7) Re: Neuer Erklärungsversuch (was: Zusammenfassung), 19.08.2002, 23:07, Benni Bärmann: 3. Du hast Dich sehr gewehrt, als Stefan Mz. vorgeschlagen hat, Entfremdung negativ über Selbstentfaltung zu bestimmen, weil Du eine positive Bestimmung von Entfremdung wolltest. Jetzt machst Du aber selbst das selbe. Ist ja per se nix gegen einzuwenden, nur wirst Du Deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Und ich muss auch sagen, dass es zur Lösung des Problems was ich wie gesagt mit "Entfremdung" habe, nix beiträgt, wenn man sie einfach als negative Selbstentfaltung oder Abwesenheit der Möglichkeit von Verantwortung definiert. Das klingt dann zwar schön, aber "Entfremdung" ist dann nix, was mein Verständnis irgendwie befördern würde. Ich könnts dann auch weglassen.
(6.1.4.1.2) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 12:54, Stefan Merten: Eine sofort aufpoppende Frage ist natürlich: Wann kann den ein Mensch in einem Verhältnis nicht verantwortlich handeln? Dazu fallen mir zwei Kategorien ein.
a) Wenn es strukurell nicht geht. Das Geldsystem wäre das naheliegende Beispiel: Dafür kann ein Mensch nicht verantwortlich sein und es soll ja auch von einer Definition von Entfremdung eindeutig erfaßt werden. Natürlich kann ein Mensch aber im konkreten Verhältnis zu einer bestimmten Sache im Zusammenhang mit Geld verantwortlich handeln.
b) Strukturell wäre es zwar möglich, aber einer realexistierenden Individuum ist es nicht möglich - aus welchem Grund auch immer.
(6.1.4.1.3) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:02, Stefan Merten: Mein Eindruck ist, daß zumindest ich um die "richtige" Begriffsbildung kreise und wir bisher nur Punkte auf dem Kreis ausmachen konnten, aber seinen Mittelpunkt noch nicht bestimmten konnten. Daher möchte ich die Zusammenfassung der gefundenen Beschreibungen, quasi die Punkte auf dem Kreis nochmal durchgehen.
(6.1.4.1.4) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:05, Stefan Merten: "Entfremdung als Domination bzw. Herrschaft" - Da paßt es m.E. sehr gut mit zusammen: Verantwortlich handeln kann ich nicht, wenn mir etwas per Domination aufgeherrscht wird. Dabei ist es für das verantwortliche Handeln unerheblich, ob mir das personal-konkret oder irgendwie abstrakt aufgeherrscht wird.
(6.1.4.1.5) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:06, Stefan Merten: "Entfremdung als Gegenteil von Selbstentfaltung" - Na ja, wenn (Selbst)verantwortung ein integraler Bestandteil von Selbstentfalstung ist, dann können Verhältnisse, in denen mir verantwortliches Handeln nicht möglich ist, keine selbstentfalteten sein.
(6.1.4.1.6) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:09, Stefan Merten: "Fremd vs. vertraut" - Hier würde ich inzwischen "Fremd vs. verantwortbar" (!nicht normativ, die Sprache scheint hier leider wenig differenzierende Mittel zu bieten :-( ) setzen. Aber auch "vertraut" paßt hier noch hin: Wenn ich verantwortlich handele, dann muß ich ein Verhältnis auch angenommen haben. Insofern ist eine Vertrautheit gewissermaßen Voraussetzung für verantwortliches Handeln.
(6.1.4.1.7) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:13, Stefan Merten: "Abstrakt vs. konkret" - Sogar das paßt noch rein - wenn auch nicht so platt, wie mein erster Versuch war. Und zwar können wir hier (gesellschaftlich-historisch bestimmte - laß ich jetzt beiseite) verschiedene Abstraktions-Level in Bezug auf eine Person feststellen. Abstraktionen können einer Person relativ nah sein (Sprache; vielleicht sogar das, was ich mit konkreten Qualitäten bezeichnet hatte), oder sie können ihr relativ fern sein (Geldsystem; Nation; Krieg; Gott). Je ferner eine Abstraktion ist, desto weniger kann ich im Verhältnis zu dieser Abstraktion verantwortlich handeln. Das Ganze natürlich individuell verstanden, wo einzelne Menschen natürlich auch ein sehr nahes Verhältnis z.B. zu Gott empfinden können.
(6.1.4.1.9) Re: Zusammenfassung, 19.08.2002, 13:21, Stefan Merten: Was meint die geneigte LeserIn? Kann eine Definition des Entfremdungsbegriffs damit hinhauen? Mir scheint es ein ziemlich genialer "Trick" zu sein, auf diesem Weg das Individuum mit den Dingen wieder zu verbinden. Über den Begriff der Verantwortung bindet es sich auch wieder an die Gesellschaft (Ein Bewußt-Sein von Verantwortung fällt ja nicht vom Himmel).
(7) Da der Begriff der Entfremdung für diesen Text von zentraler Bedeutung ist, soll er gleich als erstes eingeführt werden. Dies scheint gerade bei diesem Begriff besonders notwendig, da er mit verschiedenen Bedeutungen verwendet wird.
(7.1) 13.08.2002, 20:30, Stefan Merten: Hier entschärfe ich noch ein bißchen den Anspruch der Definition ;-) .
(8) Als Kurzdefinition für den Begriff der Entfremdung wie er in diesem Text verwendet wird, mag der Satz gelten: Entfremdung liegt dann vor, wenn das Verhältnis zu einer Sache nicht von ihren immanenten Qualitäten geprägt ist.
(8.1) Re: 1.1.1. Entfremdung und immanente Qualitäten, 13.08.2002, 21:38, Stefan Merten: Hier habe ich nochmal drüber nachgedacht, was ich mit immanent eingentlich genau meine. Wahrscheinlich könnte ich überall auch von konkreten Qualitäten schreiben und abstrakte Qualitäten davon abgrenzen. Abstrakte Qualitäten - wie der Wert oder ein Gott - haben zur Folge, daß die Träger dieser abstrakten Qualitäten austauschbar werden. Das zeigt sich auch bei den Symbolen, die sich ja gerade durch diese Eigenschaft der abstrakten Qualität auszeichnen.
Ok, ich ersetze überall mal immanent durch konkret.
(8.1.1) Re: 1.1.1. Entfremdung und immanente Qualitäten, 16.08.2002, 08:39, Stefan Meretz: Das macht es nicht besser. Wodurch kommt es zu den jeweiligen Eigenschaften? Wodurch kommt es zur "Konkretheit" oder "Abstraktheit"? Das ist weder Ergebnis einer Sachen-immanten Eigenschaft (so die "platonische" Überlegung) - nicht das "Ding" ruft das hervor -, noch ist es Resultat einer "willkürlichen sozialen Übereinkunft" oder "Zuschreibung" - wer sollte das warum und wie getan haben? Es ist Resultat der jeweiligen historischen Form der Vergesellschaftung. D.h. es ist zwar einerseits ein sozialer Prozeß, dieser ist aber nicht intentional/willkürlich, sondern selbst wiederum Resultat der jeweiligen Art und Weise der Reproduktion (in warenproduzierenden Gesellschaften eben über den Wert). IMHO brauchst du also einen gesellschaftlich begründeten Begriff von Entfremdung. Siehe mein Vorschlag oben.
(8.1.1.1) Re: 1.1.1. Entfremdung und immanente Qualitäten, 17.08.2002, 17:42, Stefan Merten: Wodurch es zu den jeweiligen Eigenschaften kommt? Indem Menschen diese Eigenschaften in einer Sache sehen. Klar ist dieser Prozeß des so oder anders sehens auch gesellschaftlich determiniert - Menschen sind das immer. Aber jenseits dieser gesellschaftlichen Grundbestimmtheit gibt es schon noch Dinge, die eben nicht beliebig setzbar sind. Sauberes Wasser kann ich gefahrlos trinken, von dreckigem kriege ich Cholera. Davor schützt mich keine noch so heftige gesellschaftliche Bestimmung. Oder: Mit Freier Software habe ich bestimmte (technische) Möglichkeiten, die ich mit proprietärer nicht habe. Das hängt natürlich auch alles damit zusammen, wie er hergestellt wurde - klar, tut es bei Produkten immer. Aber dennoch gibt es eben auch Eigenschaften, die nicht nur gesellschaftlicher Natur, nicht im Grunde beliebig austauschbar sind.
Wenn ich dich jetzt richtig verstehe, dann sagst du: "Spielt für Entfremdung alles keine Rolle, sondern Entfremdung ist ein gesellschaftlich begründeter Begriff." Na ja, wenn du da nur die Domination meinst, die ich oben erkannt zu haben glaube, dann hast du natürlich recht. Oh je, hier gibt es noch viel zu klären...
(8.1.1.1.1) Re: 1.1.1. Entfremdung und immanente Qualitäten, 18.08.2002, 11:25, Stefan Meretz: Warum sehen die Menschen die Eigenschaften in einer Sache? Weil diese Sache in gesellschaftlich verallgemeinerter Weise genau mit diesen Eigenschaften hergestellt wurden. Das ist der Schlüssel. Gerade die gesellschaftliche Bestimmung legt verbindlich fest, was als Trinkwasser gilt - natürlich in Bezug auf die Physis, also gerade nicht willkürlich (eben weder besonders sauberes (reines) Wasser, noch heutzutage Elbewasser - früher schon). Nicht also die gesellschaftliche Bestimmung enthält die Beliebigkeit, sondern im Gegenteil die Verbindlichkeit. Bei der Software sagst du das ganz klar (nur das dort im Unterschied zum Wasser die Variationsbreite, was noch als Software "verdaubar" ist, größer ist).
(9) Die Sache ist hier weit gefaßt zu verstehen und umfaßt neben materiellen Dingen auch immaterielle Dinge wie Ideen oder Bedürfnisse. Da auch Menschen immanente Qualitäten haben, können sie ebenfalls Sachen im Sinne dieser Definition sein und also Entfremdung unterliegen.
(9.1) 13.08.2002, 22:16, Stefan Merten: Neu: "Die Sache ist hier weit gefaßt zu verstehen und umfaßt neben materiellen Dingen auch immaterielle Dinge wie Ideen oder Bedürfnisse. Menschen verfügen über eine großes Potential konkreter Qualitäten in körperlichen, psychischen und geistigen Da Bereichen. Da auch Menschen konkrete Qualitäten haben, können sie ebenfalls Sachen im Sinne dieser Definition sein und also Entfremdung unterliegen."
(9.2) 13.08.2002, 22:18, Stefan Merten: Zusätzlich: "Konkrete Qualitäten einer Sache sind dabei so zu verstehen, daß sie einer Sache zwar in gewisser Weise eigen sind. Die je gerade relevanten konkreten Qualitäten einer Sache sind jedoch nicht überhistorisch, sondern werden aufgrund der gesellschaftlich-historischen Entwicklungsstufe von den Menschen "entdeckt" - oder auch wieder vergessen. Sie sind aufgrund der Beschaffenheit der Sache aber nicht beliebig austauschbar und im Umkehrschluß ist auch eine Sache bezüglich einer konkreten Qualität nicht beliebig austauschbar."
(9.3) 13.08.2002, 22:19, Stefan Merten: Zusätzlich: "Abstrakte Qualitäten einer Sache abstrahieren dagegen gerade von der Sache. Die entsprechende Sache wird damit austauschbar und es besteht die Gefahr, daß die in einer emanzipatorischen Vision i.d.R. entscheidenden konkreten Qualitäten einer Sache durch ihre abstrakten Qualitäten in den Hintergrund gedrängt werden."
(9.3.1) 16.08.2002, 08:56, Stefan Meretz: Abstrakte Qualitäten einer Sache abstrahieren nicht von der Sache, sondern von der konkreten Seite der Sache. - Wörtlich heisst Abstraktion "Absehung". Zur Absehung von etwas Konkretem kommt es, weil es jemand tut oder weil sich "hinter unserem Rücken" ein Prozeß durchsetzt, der in der Praxis zur Absehung von bestimmten Konkreta führt. Und um das zweite geht es hier IMHO. Deswegen kann man auch im engeren Sinne nicht von "abstrakten Qualitäten einer Sache" sprechen: Eine Sache "hat" keine abstrakten Qualitäten (nämlich: "an-sich" / "immanent" / "sui generis" - da gibt es viele Formulierungen). Denn, wie du bei der letzten Version zutreffend angemerkt hast, handelt es sich immer um ein Verhältnis von Mensch und Sache.
(9.3.1.1) 17.08.2002, 17:48, Stefan Merten: Ja, die Formulierung ist auf jeden Fall schief: Sie abstrahieren von den konkreten Qualitäten - um in der Begriffswelt zu bleiben.
"Eine Sache "hat" keine abstrakten Qualitäten" Das ist auch in meiner Interpretation richtig. Abstrakte Qualitäten werden einer Sache immer nur zugeschrieben. Da ist was Wahres dran. Wahrscheinlich kommt auch genau aus dieser Zuschreibung die Beliebigkeit.
Auf einer sehr niedrigen Ebene sind z.B. auch die Naturgesetze lediglich Zuschreibungen, weil sie nicht "da" sind, sondern nur ihr Wirken über Messungen sichtbar gemacht werden kann. Aber das nur BTW.
(9.3.2) 16.08.2002, 09:46, Stefan Meretz: Du tendierst mit dem Begriffspaar "konkret/abstrakt" stark zu einem "nicht-entfremdet/entfremdet"-Schema: Weil x eine konkrete Qualität hat/ist, tritt im Absehungsfall "Entfremdung" auf. So hier in Abs. (9). Da aber keine Abstraktion ohne Konkretes, ist jede Abstraktion nach dieser Logik Entfremdung. Und das ist Quatsch.
(9.3.2.1) 17.08.2002, 14:00, Stefan Merten: Diese Tendenz liegt einfach noch an der unklaren Begriffsbildung. Wie ich im Abschnitt zu den Symbolen ja schon selbst deutlich gemacht habe, gibt es abstrakte Qualitäten (Sprache) einer Sache (Laute), die nicht entfremdet sind. Da fiel mir auch auf, daß es so einfach nicht ist :-( ... Ich bin ja schon vorsichtig - aber befriedigen tut mich das alles leider gar nicht :-( :-( .
(9.4) 13.08.2002, 22:19, Stefan Merten: Zusätzlich: "Allgemein bekannt ist das Beispiel der Waren, deren konkrete Qualität in einer Geldgesellschaft gegenüber ihrer abstrakten Qualität des Werts viel zu häufig zurücktritt. An der Ware ist gut zu studieren, wie die abstrakte Qualität des Werts zu einer Entfremdung von der Sache selbst - in diesem Fall von ihrem konkreten Nutzen - führen kann. Waren werden für die abstrakte Qualität Verkaufbarkeit hergestellt und der Nutzen der Ware spielt dabei nur insofern eine Rolle, insofern er für die Verkaufbarkeit relevant ist. Da für eine emanzipatorische Vision aber der konkrete Nutzen einer Sache für die Menschen von großer Bedeutung ist, sind abstrakte Qualitäten oft hochproblematisch."
(9.5) 13.08.2002, 22:20, Stefan Merten: Zusätzlich: "Ein weiteres bekanntes, noch drastischeres Beispiel für die entfremdende Wirkung abstrakter Qualitäten bezieht sich direkt auf den Menschen, der in der Geldgesellschaft nur noch abstrakter Behälter von Arbeitskraft bzw. Kaufkraft ist. Die konkreten Qualitäten eines Menschen, sein gesamtes Sein wird von diesen abstrakten Qualitäten nachhaltig deformiert. Der Mensch wird sich selbst fremd, weil sein eigenes Wesen durch die entfremdeten Qualitäten des Tausches bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und verdeckt wird."
(10) I.d.R. können einer Sache mehrere immanente Qualitäten zugeordnet werden. Ein Holztisch hat aufgrund seiner stofflichen Eigenschaften eine immanente Qualität als Tisch, kann aber auch aufgrund seiner stofflicher Eigenschaften als Brennholz verwendet werden. Selbst eine Münze hat beim Münzwurf stoffliche Qualitäten als Zufallsgenerator oder einfach als kleine, harte Metallscheibe, die als behelfsmäßiges Werkzeug eingesetzt werden kann. Die Qualität als Zahlungsmittel ist der Münze dagegen nicht immanent.
(11) Eine immanente Qualität einer Sache spannt gewisse Gesetzmäßigkeiten auf, die der innereren Logik der Qualität entsprechen. So hat der Holztisch sowohl eine bestimmte Höhe als auch einen bestimmten Brennwert. Auch die stoffliche Seite der Münze verfügt über solche Größen, die einen eigenen, unhintergehbaren Raum von Gesetzmäßigkeiten aufspannen. Die zugeordnete Qualität als Zahlungsmittel ist dagegen nicht durch immanente Qualitäten fixiert, sondern wird ihr durch einen formalen, letztlich gesellschaftlichen Akt zugeordnet. Da diese Gesetzmäßigkeit gesellschaftlich gesetzt und keine immanente Eigenschaft ist, unterliegt sie den je geltenden gesellschaftlichen Bedingungen und kann sich mit ihnen verändern. Bei Münzen kennen wir diesen Vorgang als Veränderung ihrer Kaufkraft.
(12) Von besonderer Bedeutung in diesem Text ist das Verhältnis zu einer Sache, das wir mit Nutzung der Sache bezeichnen. Dieser Schwerpunkt ergibt sich daraus, daß Eigentum eine Menge mit Nutzung von Sachen zu tun hat. Unter entfremdeter Nutzung einer Sache können wir also solche Nutzungen verstehen, die nicht oder nicht in erster Linie an die der Sache immanenten Qualitäten gebunden sind. Die Grenze zum Mißbrauch wird hier in vielen Fällen fließend sein. Sie unterliegt letztlich den je gültigen gesellschaftlichen Vorstellungen.
(12.1) Re: 1.1.2. Entfremdung und Nutzung, 13.08.2002, 20:36, Stefan Merten: s/Die Grenze ... Vorstellungen.//
(13) Aufgrund der unterschiedlichen immanenten Qualitäten, die eine Sache haben kann, können sich verschiedene Nutzungsarten ergeben, die für unterschiedliche Menschen von unterschiedlichem Interesse sind. Hier ist aber streng zwischen entfremdeten und solchen Nutzungsarten zu unterscheiden, die sich auf immanente Qualitäten einer Sache beziehen.
(14) Eine emanzipatorische Vision muß kurz gesagt dem Menschen maximal gerecht werden, da nur dann die maximalen Entfaltungsmöglichkeiten erreichbar sind. Dies impliziert, daß alle immanenten Qualitäten eines je konkreten Menschen in allen Fällen beachtet werden müssen. Insbesondere dürfen Menschen nicht als Teil eines entfremdeten Verhältnisses vorkommen, da sie in solchen Fällen eines Teils ihres Menschseins beraubt sind. Dies gilt beispielsweise auch für ihre eigenen Bedürfnisse, zu denen Menschen in einem entfremdeten Verhältnis stehen können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn ein Bedürfnis nicht befriedigt sondern aus dem einen oder anderen Grund verdrängt wird.
(15) Wie wir im weiteren Text sehen werden, sind aber auch entfremdete Verhältnisse zu Dingen durchaus problematisch. Für eine emanzipatorische Vision muß in jedem Einzelfall geprüft werden, ob ein entfremdetes Verhältnis der Vision dient oder ihr schadet.
(16) Eine besondere Klasse von Verhältnissen zu Sachen, die nicht in erster Linie Bezug auf ihre immanenten Qualitäten nehmen, sind symbolische Bedeutungen, die nach obiger Definition ebenfalls als entfremdet gelten müssen. Jede Sprache bildet beispielsweise syntaktische (auch lautliche) auf eine bestimmte eine semantische Bedeutung ab, die der syntaktischen Struktur keineswegs immanent sind. Ob ein Symbol einer emanzipatorischen Vision nützt oder schadet, kann nicht allgemein entschieden werden. Als Indikator für die Nützlichkeit kann die Tatsache dienen, ob die symbolische Bedeutung, die einer Sache zugeordnet wird, den Menschen als nützlich erscheint und somit gerne übernommen wird (wie z.B. Sprache) oder ob die symbolische Bedeutung gegen die Menschen durchgesetzt werden muß - notfalls mit Gewalt.
(16.1) 13.08.2002, 20:40, Stefan Merten: Der Absatz sollte evt. raus, da er die Verwirrung eher noch steigert - auch wenn er inhaltlich richtig ist. Oder?
(16.2) 13.08.2002, 22:20, Stefan Merten: Zusätzlich: "Für diesen Text soll angenommen werden, daß abstrakte Qualitäten dann Entfremdung sind, wenn sie für eine emanzipatorische Vision wünschenswerte konkrete Qualitäten verzerren, verdecken oder sonstwie behindern. Dies ist oft der Fall, wenn die abstrakte Qualität Sachen austauschbar macht, die im Interesse einer emanzipatorischen Vision besser nicht austauschbar wären."
(18) Der Begriff Eigentum ist sehr vielschichtig. Eine eingehende Betrachtung seiner Bedeutung kann im Rahmen dieses Textes nicht geleistet werden. Wichtig ist jedoch, daß Eigentum eine soziale Form ist, die nicht ohne eine formale Festlegung auskommt, die in der bürgerlichen Gesellschaft i.d.R. in Verträgen festgehalten wird. Die Notwendigkeit einer formalen Festlegung deutet aber schon an, daß es sich beim Eigentum nicht um eine selbstverständliche soziale Praxis handelt, sondern vielmehr notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden muß.
(19) ToDo: Verhältnis Eigentum / Herrschaftsmodell?
(20) Mit Blick auf eine emanzipatorische Vision ist es sinnvoll, dem Begriff Eigentum vom Begriff Besitz zu unterscheiden. Im Gegensatz zum Eigentum beschreibt Besitz ein Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, das einer bestimmten sozialen Praxis entspricht: Ein Mensch be-sitzt genau dann etwas, wenn eine direkte Nutzung des Dings durch die BesitzerIn erfolgt.
(21) Aus diesem kleinen Unterschied ergeben sich erhebliche Konsequenzen. So ist die Menge von Dingen, für die ein einzelner Mensch als EigentümerIn auftreten kann grundsätzlich unbegrenzt. In der Praxis ergeben sich aus unbegrenztem Eigentum schnell Probleme mit der Anerkennung der Legitimität von Eigentum. Besitz dagegen ist immer durch eine bestimmte soziale Praxis begrenzt und durch die konkrete Nutzung ergibt sich eine allgemein nachvollziehbare Legitimität. Weiterhin ist Eigentum auch jenseits vertraglicher Festlegungen nicht unbedingt ersichtlich. Dagegen ist Besitz im sozialen Kontext vergleichsweise einfach erkennbar.
(22) Ein Beispiel aus unserer alltäglichen Lebenspraxis macht diese Unterscheidung augenfällig: Die MieterIn einer Wohnung ist deren BesitzerIn, da sie die Wohnung direkt nutzt. Die VermieterIn ist hingegen die EigentümerIn der Wohnung, die nur indirekten Nutzen aus der Wohnung zieht - eben die Miete.
(23) Da es sich beim Eigentum um ein formales Konstrukt handelt, ist auch die Menge der Sachen nicht eingeschränkt, die zu Eigentum gemacht werden können. So kann neben mobilen materiellen Gütern auch Land bis hin zu entfernten Planeten zum Eigentum erklärt werden. In unserer gibt es Bestrebungen, die Gruppe der immateriellen Sachen - Ideen, Software, Musik, etc. - unter dem Begriff geistiges Eigentum immer stärker unter das Eigentumsregime zu nehmen.
(25) Sprechen wir über Eigentum an Gütern, so müssen wir immer auch über die Begriffe Vorkommen, Begrenztheit und Knappheit sprechen. Das Konzept des Eigentums macht wenig Sinn für Güter, die sowieso unbegrenzt zur Verfügung stehen: Das allgemeine Eigentum an Luft macht - bislang zumindest - noch keinen Sinn. Das Eigentum an Luft macht aber schon eher Sinn, wenn es sich um begrenzt vorhandene, spezielle Luft handelt - sei es Preßluft oder die gute Luft in einem Kurort. Aber wie sind die Verhältnisse genau?
(26) Zunächst können wir das Vorkommen eines Guts betrachten. Hier ist das absolute Vorkommen gemeint, das jenseits menschlicher Existenz auf der Erde existiert. Die genaue Größe des Vorkommens eines Guts - insbesondere von Naturstoffen - kann dabei in den seltensten Fällen exakt bestimmt werden.
(27) Tritt der Mensch hinzu, so ist die Nutzung eines Vorkommens begrenzt durch technische, soziale und andere Faktoren. Diese Begrenzungen, sind dabei nicht überhistorisch, sondern durch historische und gesellschaftliche Entwicklungen bestimmt. So ist z.B. Erdöl die meiste Zeit in der Geschichte des Menschen lediglich als Unrat betrachtet worden, während heute die begrenzte Menge an Erdöl zur Überlebensfrage eines bestimmten Zivilisationstyps wird. Das Verhältnis von Begrenztheiten zum absoluten Vorkommen ist einerseits durch die technischen Mittel bestimmt, die das Vorkommen real nutzbar machen (z.B. bestimmte Abbauverfahren bei Naturstoffen), andererseits kann es politische Entscheidungen geben, die die Nutzung erkannter Vorkommen verhindern (z.B. Schutz von Naturschutzgebieten).
(28) Die Begrenztheit von materiellen Produkten ist wesentlich dadurch bestimmt, wieviele Produkte hergestellt werden können. In einer konkreten Situation spielt es weiterhin eine Rolle, ob die jeweils benötigten Produkte auch am gewünschten Ort zur Verfügung stehen. Da die Verfügungsmöglichkeit über Güter - der Besitz - für die Handlungsmöglichkeiten eines Menschen von erheblicher Bedeutung ist, ist die Begrenztheit verfügbarer Produkte ein wichtiges Problem. Eine emanzipatorische Vision hat also das Problem zu lösen, wie Produkte in ausreichender Menge zu den Menschen kommen, die sie für ihre Selbstentfaltung benötigen. Die dem erreichten gesellschaftlichen Niveau angemessene Existenzsicherung muß hierbei als Voraussetzung von Selbstentfaltung gesehen werden.
(29) Knappheit ist dagegen ein Begriff, der - zumindest in diesem Text - ein Entfremdungsverhältnis zum Nutzen des verknappten Guts beschreibt. Knappheit ist im Gegensatz zu Begrenztheit also ein Konzept, das in einer emanzipatorischen Vision keinen Platz hat. Folglich muß ein emanzipatorisches Projekt also die Knappheit beseitigen und Formen finden, wie mit weiter bestehenden Begrenztheiten umgegangen wird.
(29.1) 13.08.2002, 20:52, Stefan Merten: Neu: "{{1:Knappheit}} ist dagegen ein Begriff, der - zumindest in diesem Text - eine Situation beschreibt, in der ein Gut über seine Begrenztheiten hinaus denen vorenthalten wird, die ein Bedürfnis danach haben. Es ist klar, daß solche Verhältnisse letztlich nur mit Gewalt gefestigt werden können. Ob die Gewalt dabei unmittelbar geschieht oder tief in ein Herrschaftssystem eingebaut ist, ist für die Frage einer emanzipatorischen Vision unerheblich.
Knappheit beschreibt also immer ein Entfremdungsverhältnis zum Nutzen des verknappten Guts und ist damit im Gegensatz zu Begrenztheit also ein Konzept, das in einer emanzipatorischen Vision keinen Platz hat. Folglich muß ein emanzipatorisches Projekt also die Knappheit beseitigen und Formen finden, wie mit weiter bestehenden Begrenztheiten umgegangen wird.
(30) Wollen wir den Begriff Eigentum in einer emanzipatorischen Vision verwenden, so ist zu klären, welchen konkreten Nutzen Eigentum eigentlich hat. Nur wenn dies geklärt ist, können die wünschenswerten Teile eines solchen Begriffs in eine neue Vergesellschaftungsform hinübergenommen werden.
(31) Ein naheliegender Nutzen von Eigentum ist die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten. Per Definition vergrößert Eigentum die Handlungsmöglichkeiten der EigentümerIn, weil es ihr mehr oder weniger unbeschränkte Verfügungsmöglichkeiten über die Sache gewährt - bis hin zu ihrer Zerstörung. Eine Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten ist aber zunächst stets eine Erweiterung von Freiheit, so daß diese Qualität von Eigentum für eine emanzipatorischen Vision erhalten bleiben muß.
(32) Auf der anderen Seite schränkt Eigentum natürlich auch Handlungsmöglichkeiten und damit Freiheit ein - nämlich gerade für die Nicht-EigentümerInnen. Wenn eine EigentümerIn die Verfügungsgewalt über eine Sache hat, so hat sie damit selbstverständlich auch die Möglichkeit andere von der Nutzung dieser Sache auszuschließen.
(33) Dieser Ausschluß der Nutzung durch andere kann einerseits inhaltliche Gründe haben. Dies ist inbesondere dann gegeben, wenn die direkte Nutzung des Eigentums - der Besitz also - nicht anders als durch Ausschluß anderer gewährleistet werden kann. Ein einfaches Beispiel für solche inhaltlichen Gründe liefert das oft vorgebrachte Brötchen, das durch Konsum verbraucht wird und somit nur von einem Menschen genutzt werden kann. Ein weiteres Beispiel bilden Geheimnisse, die per Definition ihren Nutzen verlieren, wenn sie anderen zugänglich gemacht werden.
(34) Andererseits gibt es aber auch nicht-inhaltliche Gründe, die einen Nutzungsausschluß der Nicht-EigentümerInnen für die EigentümerIn attraktiv machen. Die bürgerliche Gesellschaft ist geradezu darauf gegründet, durch Ausgrenzung der Nicht-EigentümerInnen deren Bedürfnisbefriedigung unter Bedingungen zu stellen. Bei Waren schlägt sich dies in der Entrichtung des Kaufpreises nieder, die als Bedingung für die Übertragung des Eigentums gestellt wird.
(35) ToDo: Klärung: Lizenzen oder Miete stellen keine Eigentumsübertragung dar, sondern räumen lediglich ein Nutzungsrecht ein; Verhältnis Eigentum, Besitz, Lizenzen, Miete, Nutzungsrechte?
(36) Die mit Gewalt bewehrte Unbegrenztheit von Eigentum zusammen mit der Möglichkeit des Nutzungsausschlußes prädestiniert Eigentum dazu, neben einer direkten Nutzung auch indirekte, entfremdete Nutzungsarten zu ermöglichen.
(37) Das Beispiel der Mietswohnung zeigt dies: Während die MieterIn eine direkte Nutzung der Wohnung betreibt, hat die VermieterIn nur ein entfremdetes, nämlich geldförmiges Interesse an der Wohnung. Dieses entfremdete Interesse ist aber der zentrale Antrieb für den Erwerb von Eigentum.
(38) Mit dem Entfremdungspotential von Eigentum geht ein erheblicher Teil der negativen Eigenschaften einher, die in einer emanzipatorischen Vision überwunden werden müssen.
(39) In der bürgerlichen Gesellschaft wird Eigentum insbesondere dazu eingesetzt, um Knappheit zu erzeugen. Besonders augenfällig wird dies heute in den Debatten um geistiges Eigentum. Während durch die historisch neue Möglichkeit der digitalen Kopie Informationen heute praktisch zum Nulltarif beliebig reproduzierbar sind, müssen sie zur Erhaltung der Wareneigenschaft künstlich verknappt werden - denn nur knappe Güter können verkauft werden und nur durch Knappheit kann die Wareneigenschaft eines Guts erhalten werden. Scheint bei Gütern mit nennenswerten Produktionskosten eine Verknappung noch durch die stofflich gegebene begrenzte Verfügbarkeit nachvollziehbar, so ist im Fall der Verknappung digitaler Kopien offensichtlich, daß die künstlich herbeigeführte Knappheit ausschließlich entfremdeten Geldinteressen dient.
(40) ToDo: Wenn Knappheit überwunden wird, wird Eigentum überflüssig.
(41) Neben der Verknappung begünstigt die durch Eigentum mögliche Entfremdung aber noch einen weiteren, subtileren Aspekt. Die EigentümerIn ist nicht primär an den stofflichen Qualitäten der Sache interessiert; vielmehr dienen diese nurmehr als Vehikel für die entfremdete Nutzung als Ware. Auf einem Markt, auf dem sich nur WarenanbieterInnen treffen, wird also tendenziell nicht die maximal mögliche, sondern nur noch die für eine Vermarktung gerade eben nötige stoffliche Qualität von Gütern erreicht. Für eine emanzipatorische Vision ist aber die Orientierung auf eine maximale Güterqualität wünschenswert, so daß auch von dieser Perspektive her eine Überwindung der Entfremdungspotentiale von Eigentum angezeigt ist.
(42) Steht der direkte Nutzen eines Gutes zur Debatte, so ist die direkte NutzerIn zweifellos diejenige, die den Nutzen letztendlich am besten beurteilen kann. Ob sie die entsprechenden Gütereigenschaften selbst erzeugen kann oder ob sie ohne die Hilfe von ExpertInnen eine günstige Wahl treffen kann, ist davon unabhängig.
(43) Auch die Verantwortung gegenüber einer Sache ist bei Eigentum nur insofern gegeben, insofern die entfremdeten Nutzungsmöglichkeiten in Frage gestellt sind. Besitz dagegen konstituiert eine selbstverständliche Verantwortung für das besessene Gut, solange eine weitere Nutzung des Gutes angestrebt wird.
(44) Verstehen wir Besitz also als das, was der direkten Nutzung durch die BesitzerIn unterliegt, so beinhaltet es die positive Eigenschaft von Eigentum (Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten), während es die negativen Qualitäten (Einschränkung von Bedürfnisbefriedigung der Nicht-EigentümerInnen, Entfremdungspotential mit Tendenz zu Verknappung, suboptimaler Qualität und Unverantwortlichkeit) vermeidet. In der Konsequenz können wir also unter emanzipatorischem Blickwinkel Eigentum als das verstehen, was wir heute als Besitz kennen.
(45) Ob es sich bei solchem Eigentum um individuelles oder kollektives Eigentum handelt, ist nach diesen Definitionen unerheblich. Wenn von einer direkten Nutzung ausgegangen wird, dann unterscheidet sich kollektives Eigentum von individuellem dadurch, daß es der direkten Nutzung einer Gruppe von Menschen unterliegt anstatt eines einzelnen Individuums.
(46) Allerdings tritt bei kollektivem Eigentum Konfliktpotential auf, da die Individuen des Kollektivs unterschiedliche Ansichten über die bezogen auf die kollektive Nutzung je angemessene Behandlung des kollektiven Eigentums haben können. Diese Frage liegt im Bereich der Konfliktlösung in Kollektiven und ist eine eigene Diskussion wert. Festzuhalten bleibt aber, daß das Konfliktpotential in den meisten Fällen erheblich entschärft sein dürfte, wenn entfremdete Nutzungen des kollektiven Eigentums gar nicht erst möglich sind, sondern es nur noch um eine Optimierung des konkreten Nutzens geht.
(47) Im Sinne einer emanzipatorischen Vision ist es also zunächst sinnvoll, auf den aus der bürgerlichen Gesellschaft tradierten Begriff Eigentum zu verzichten, und stattdessen vielmehr auf den aus einer sozialen Praxis gewachsenen Begriff Besitz einzugehen. Dies fällt deswegen leicht, weil Besitz die für eine emanzipatorische Vision wesentlichen Qualitäten des Begriffs Eigentum umfaßt, während es andere, eher hinderliche Qualitäten vermeidet.
(48) Ist Eigentum ein recht vielschichtiger Begriff so scheint der Begriff Produktion wesentlich leichter greifbar zu sein: Vorgänge, in denen Naturstoffe oder Vorprodukte in andere Produkte umgewandelt werden. Dabei ist es von einem sachlichen Standpunkt aus unerheblich, wer bestimmte Teile einer Produktion konkret zuwege bringt (Maschine, Mensch oder auch ein Naturprozeß). Weiterhin ist es unerheblich, ob es sich bei dem Produkt um ein stoffliches oder geistiges Produkt handelt. Im Zusammenhang dieses Textes soll der Begriff der Produktion auf solche beschränkt sein, bei der Menschen in irgendeiner Form beteiligt sind.
(49) Wenn Menschen an Produktion beteiligt sind, so hat dies immer schon gesellschaftlichen Charakter. Allein die Produktionsmittel sind immer schon gesellschaftlicher Natur - und sei es nur das Wissen um ihre Herstellung. Eine vergesellschaftete Produktion liegt also im engeren Sinne immer schon vor und somit macht es wenig Sinn, über vergesellschaftete Produktion als solches zu sprechen.
(50) Sinnvoll ist es dagegen, unterschiedliche Produktionsformen zu betrachten und damit die unterschiedliche Form ihrer Vergesellschaftung. Verschiedene Produktionsformen unterscheiden sich nämlich stark voneinander und da sie erheblich die Vergesellschaftungsform bestimmen, haben sie für eine emanzipatorische Vision höchst unterschiedliche Auswirkungen.
(51) Für diesen Text wollen wir Produktionsformen betrachten, bei denen nicht einzelne Menschen oder kleine Gruppen autonom die Produktion je ihrer Gütern regeln (Subsistenzproduktion), sondern bei denen der Produktionsprozeß arbeitsteilig und damit über die Gesellschaft verteilt ist. Ziehen wir uns auf diesen Begriff zurück, ist die Vergesellschaftungsform noch nicht festgelegt. Insbesondere ist nicht festgelegt, inwieweit die Vergesellschaftungsform staatliche Anteile enthält.
(52) Bei der Betrachtung arbeitsteiliger Produktionsformen gilt es mehrere Aspekte zu unterscheiden.
(53) Die Produktion komplexer Produkte, wie sie auf dem erreichten Stand der Produktivkraftentwicklung die Regel sind, wird nicht von einzelnen Menschen oder kleinen Gruppen zuwege gebracht. Vielmehr fließt in komplexen Produkten eine Vielzahl elementarer Produktionsprozesse zusammen, die von ganz unterschiedlichen Akteuren beigesteuert werden. Heute sind die Akteure dabei durchaus über den gesamten Globus verteilt.
(54) Die hohe Arbeitsteiligkeit moderner Produktion ist ein unmittelbares Ergebnis einer ständig steigenden Komplexität des Gesamtproduktionsprozesses. Diese steigende Komplexität ist ihrerseits ein Ausfluß der technischen Entwicklung, die immer zahlreichere und immer differenziertere technische Vorgänge ermöglicht, die für die Produktion relevant sind.
(55) Ein mögliches Ergebnis dieser Technikentwicklung ist eine Steigerung des Automatisierungsgrads, bei der Produktionsprozesse von Menschen auf Maschinen verlagert werden. Automatisierung kann überall dort stattfinden, wo die spezifischen Fähigkeiten von Menschen durch maschinelle Prozesse ersetzt werden können. Dieses Potential von Automatisierung erhöht die Handlungsmöglichkeiten von Menschen, da diese dann die Wahl haben, ob sie den automatisierbaren Prozeß selbst ausführen, oder ob sie ihre Zeit und Energie lieber mit anderen Dingen zubringen wollen. Daher ist eine weitere Steigerung des Automatisierungsgrads in einer emanzipatorischen Vision von zentraler Bedeutung.
(56) Weiter ist festzuhalten, daß die hohe Arbeitsteiligkeit eine ungeahnte Menge an Gebrauchswerten hervorbringt, die mit geringerer Arbeitsteilung nicht erreicht werden kann. Die Arbeitsteilung ist dabei auch eine Folge der ständig steigenden Komplexität der gesamtgesellschaftlichen Produktion sowohl hinsichtlich der Vielzahl von Produktionsprozessen als auch hinsichtlich ihrer inneren Differenziertheit und Kompliziertheit. Aus diesem Grund kann eine emanzipatorische Vision einer vergesellschafteten Produktionsform nicht ohne guten Grund hinter den erreichten Grad an Arbeitsteiligkeit zurückfallen.
(57) ToDo: Spezialisierung und Zentralisierung
(58) Findet die Produktion eines Guts nicht in einer sozialen Einheit (z.B. Betrieb) statt, so benötigen die über die Gesellschaft verstreuten ProduzentInnen eine Organisationsform, mit deren Hilfe der konkrete Ablauf und das möglichst reibungslose Ineinandergreifen verschiedener Produktionen geregelt wird.
(59) In geldbasierten Gesellschaft geschieht diese, in einer arbeitsteiligen Produktionsweise objektiv notwendige Organisation durch die "unsichtbare Hand des Marktes", die sich allerdings bekanntlich nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, sondern vielmehr an der abstrakten Geldvermehrung orientiert ist. Folgerichtig funktioniert diese Organisationsform überhaupt nicht, wenn in einer geldbasierten Gesellschaft der Faktor Geld aus dem einen oder anderen Grund herausgenommen wird. Tauschringe belegen z.B. eindrucksvoll, wie nach wie vor auf Tausch fixierte Geldmonaden eine Güterproduktion in der Regel gar nicht und wenn dann nur auf niedrigstem Niveau hinbekommen.
(60) Eine emanzipatorische Vision hätte also Lösungen für dieses Organisationsproblem zu benennen, günstigstenfalls Organisationsformen vorzuschlagen.
(61) Der dritte Aspekt einer arbeitsteiligen Produktionsform, der mit der Frage der Organisationsform zwar zusammenhängt, aber dennoch getrennt davon zu betrachten ist, ist die Frage, wer darüber entscheidet, was wann produziert werden soll. In einer emanzipatorischen Vision ist grundsätzlich davon auszugehen, daß die Produktion sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, da nur unter solchen Bedingungen die maximale Entfaltung der Menschen gewährleistet sein kann. Entscheidungen über die Produktion müssen sich daher einerseits an den Nutzungsbedürfnissen der Menschen orientieren. Andererseits müssen sie die Bedürfnisse der Menschen in der Produktion selbst berücksichtigen.
(62) Fallen entfremdete Interessen wie das Geldinteresse weg, so reduzieren sich die möglichen Konflikte in solchen Entscheidungsprozessen auf unterschiedliche Einschätzungen sachlicher Aspekte. Die Entscheidungen über den Einsatz z.B. von Naturressourcen wird dadurch sicher nicht wirklich leicht, aber sicher wäre schon viel gewonnen, wenn immer auf einer sachlichen Ebene von Entscheidungsprozessen geblieben werden könnte und nicht sachfremde, entfremdete Interessen inhaltlich sinnvolle Lösungen blockieren würden.
(63) Schnell beantwortet werden kann die Frage, was unter der universellen Entwicklung der Individuen zu verstehen ist: Selbstentfaltung.
(63.1) Re: 1.4. Universelle Entwicklung der Individuen, 17.08.2002, 18:13, Stefan Merten: Neu: "In diesem Text soll die Frage, was unter der universellen Entwicklung der Individuen zu verstehen ist mit dem Begriff {{1:Selbstentfaltung}} beantwortet werden. Selbstentfaltung wird dabei aufgefaßt, als die individuelle Entwicklung und das Leben der eigenen Subjektivität, der eigenen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittweise und zunehmende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Sie ist damit also strukturell unbegrenzt und nur im gesellschaftlichen Kontext denkbar."
(63.2) Re: 1.4. Universelle Entwicklung der Individuen, 17.08.2002, 18:14, Stefan Merten: Zusätzlich: "Sind andere im gesellschaftlichen Kontext meine Konkurrenten oder gar Feinde, so habe ich ein Interesse daran, deren Entfaltung zu behindern. Deren Entfaltung bedeutet ja aufgrund der Konkurrenzsituation gerade die Einschränkung meiner Entfaltung. Damit werde ich aber strukturell mein eigener Konkurrent und begrenze also strukturell meine eigene Selbstentfaltung. Der Wunsch nach eigener Selbstentfaltung beinhaltet also zu Ende gedacht auch immer den Wunsch nach der Selbstentfaltung aller."
(64) Der Begriff der Selbstentfaltung geht dabei über den individualisierenden Begriff der Selbstverwirklichung hinaus, indem er ständig das gesellschaftliche Sein eines Menschen im Blick behält. Gleichzeitig ist Selbstentfaltung ein Wachstumsprozeß, der erst mit dem Tod des Individuums endet.
(64.1) 17.08.2002, 18:15, Stefan Merten: Neu: "Der Begriff der Selbstentfaltung geht dabei über den individualisierenden Begriff der Selbstverwirklichung hinaus, der lediglich die Realisierung einer persönliche Anlage oder Neigung zum Ausdruck bringt. Selbstentfaltung behält dagegen immer das gesellschaftliche Sein des Menschen im Blick. Gleichzeitig ist Selbstentfaltung ein Wachstumsprozeß, der erst mit dem Tod des Individuums endet."
(65) Die Inhalte von Selbstentfaltung - was also ein Individuum als Selbstentfaltung begreift - sind dabei so verschieden wie die Individuen selbst. Insbesondere ist es durchaus möglich, daß Aktivitäten, die einem Menschen zuwider sind, anderen Freude bereiten und damit Teil ihrer Selbstentfaltung sind.
(66) Ein integraler Bestandteil von Selbstentfaltung ist die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, da eine entfaltete Persönlichkeit ohne ein Bewußtsein von Verantwortung undenkbar ist. Aus einer solchen Übernahme von Verantwortung wird auch die Erledigung ungeliebter Notwendigkeiten ein Teil von Selbstentfaltung - wobei dann die Abschaffung solcher Notwendigkeiten ebenso ein Ziel von Selbstentfaltung sein wird.
(67.1) 13.08.2002, 20:54, Stefan Merten: Ich habe auch mal in anderen Texten geschaut, aber eine richtig brauchbare und befriedigende Definition von Selbstentfaltung habe ich nicht wirklich gefunden. Schade, daß dieser zentrale Begriff so kurz kommt. Ich habe allerdings nichts Holzkamp'sches gelesen.
(67.1.1) 16.08.2002, 10:13, Stefan Meretz: Im Gegenbilderbuch steht dazu eine Menge, z.B. in Kap. 2.1, Abschnitt C, in Kap. 2.2, auch Abschnitt C und im Glossar. Nimm doch aus Kap. 2.1, Abschnitt C die Absätze (35) und (36) nimmst und passe sie ggf. etwas an.
(68) Individuelle Selbstentfaltung so verstanden eröffnet in einer emanzipatorischen Vision die Möglichkeit einer Gesellschaft, die um ihres Funktionierens willen ihre Mitglieder nicht mehr strukturell oder unmittelbar zwingen muß, sondern wo sich die individuelle Unterschiedlichkeit der Menschen zu einem komplexen Ganzen verwebt. In einer solchen gesellschaftlichen Formation wird die individuelle Selbstentfaltung genauso die Voraussetzung für die Entfaltung der Gesamtgesellschaft, wie die Entfaltung der Gesamtgesellschaft Lebensgrundlage und Mittel für die individuelle Selbstentfaltung bietet und somit zu ihrer Voraussetzung wird.
(69) Beschäftigen wir uns näher mit der Gesellschaft als Ganzes, so kann argumentiert werden, daß wie jede Sozialeinheit auch eine Gesamtgesellschaft mit Herrschaft verknüpft ist. Herrschaft zerfällt in dieser Sicht in zwei Anteile. Im Anteil der Repräsentation fällt Herrschaft die Aufgabe zu, das ansonsten unsichtbare Ganze der Sozialeinheit, die verbindenden Prinzipien gegenüber Mitgliedern und Außenstehenden wahrnehmbar zu machen. In dieser Funktion übt Herrschaft einen wichtigen integrativen und klärenden Beitrag für die Sozialeinheit aus, der aufgrund seiner nützlichen Funktion in der Regel von den Mitgliedern der Sozialeinheit auch nicht als problematisch empfunden wird.