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Freie Kooperation als Weg aus dem Kapitalismus?
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Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 19.03.2002  Druckversion
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Status: Final

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Wir haben bei der Veranstaltung viele Fragestellungen nur angetippt, nur teilweise behandelt und vieles blieb im Raum stehen. Ich denke, wir sollten die Virtuelle Welt nutzen, um wenigstens an einigen Punkten weiter zu diskutieren.
Ich kann kein vollständiges Protokoll oder eine vollständige Auflistung der am 15. und 16.3. angesprochenen Fragestellungen liefern. Ich stelle hier lediglich einige Fragen zusammen, die mir aufgefallen sind. Ich versuche dabei, kurz die geäußerten Meinungen wieder zu geben (in Richtung "Aktives Zuhören"), bitte um Präzisierungen und ein weiteres Eingehen und die Weiterentwicklung der Fragen. Weitere Aspekte sind natürlich jederzeit ergänzbar...

Vernunft

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Johannes nutzte die Einleitung des Gesprächs, um seine Bedenken hinsichtlich der VERNUNFT zu formulieren: Bisher haben aufklärerische, emanzipative Bewegungen immer darauf gesetzt, daß fortschrittliches Denken auch vernünftig ist, und daß sich vernünftiges Denken durch Fortschrittlichkeit auszeichnet. Gerade die Aspekte, die ja im Text von Christoph angespochen werden (wie sich Gleichheit und Freiheit zueinander verhalten), hatten ja traditionell immer auch einen Bezug zum Vernunftbegriff. Christoph lässt diesen einfach wegfallen und spricht nur von Interessen, die nicht hinterfragt werden und von Aushandlungen, die sich nicht an einer Meßlatte wie "Vernünftigkeit" messen müssen (wie z.B. viele traditionelle Konzepte wie die von Habermas usw.). Es gibt hier in der Freien Kooperation also nichts Übergreifendes (was sonst die Vernunft sein soll), sondern alles wird auf die Individuen und die Struktur der Kommunikation (wie die abläuft, ob mit starren Regeln, oder wenigstens als vernünftig geforderten, oder eben immer neu ausgehandelten) verlagert. Ganz deutlich wurde Johannes da nicht - aber mir schien, er hätte es lieber, wenn die Vernunft noch irgendwo drin wäre.....

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Christoph meinte in der Diskussion dazu:

Ahistorismus- und Ontologievorwurf:

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Petra: "Das bedeutet, daß die bestimmende Struktur weder erfasst, noch untersucht, oder etwa ihr Entstehen geklärt wird, sondern in ihrer quasi-objektiven Form als gegeben hingenommen wird."

Affirmation des Kapitalismus?

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Da Christoph in diesem Text auch nicht explizit antikapitalistisch argumentiert (eine kapitalismuskritische Haltung setze ich bei ihm immer voraus, wohl vor allem, weil mir in seinem Buch "Ökofalle" gerade jene Argumente wichtig waren, die beweisen, warum innerhalb keine NGO-artigen Verhandlungen zum Ziel führen KÖNNEN), kann aus seinem Text heraus nicht dem Vorwurf von Petra widersprochen werden, er würde das Problem des Kapitalismus nur in seiner "pathologischen Verlaufsform" sehen und sein Entwurf sei "lediglich eine Affirmation [Bestätigung, bejahende Zustimmung] nicht weiter hinterfragter Strukturen dieser Totalität darr, einer Totalität der er durch angemessene Verlaufsformen - Gleiche verhandeln mit Gleichen - letztlich zu ihrer Verwirklichung verhelfen will." (Petra).

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Auch Ulis Kritik zielt in diese Richtung: Er meint, daß die Theorie von Christoph ein "Fehlversuch" ist, weil sie "bürgerliche Kategorien" verwende. Vor allem missfällt ihm, daß Christoph schreibt, daß Freiheit im Sinne der Freien Kooperation "in jeder gesellschaftlich vorgefundenen Form anwendbar" sei. Deshalb gehörten Freie Kooperationen eher in bürgerliche Gesellschaften und seien kein "Weg aus dem Kapitalismus".

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Zur Assoziation greife ich hier schon mal Stefans Einschätzung vor: er betont, daß das Konzept der Freien Kooperation noch in dem Streit der Partialinteressen befangen bleibt, und keinen Begriff von "gemeinsamen Eigeninteressen" hat. Das liegt auf der gleichen Ebene. Dazu aber später noch mal mehr.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Also - es geht um die Gretchenfrage: Geht es bei "Freier Kooperation" überhaupt um "Wege aus dem Kapitalismus"?

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Christoph in der Diskussion dazu:

Herrschaftskritik und Haupt- und Nebenwidersprüche

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Es wurde später kurz andiskutiert, gehört aber von der inhaltlichen Logik her eher hierher: Christoph fragte an einer Stelle in die Richtung nach, ob das Streben nach Wegen aus dem Kapitalismus sich die Situation wieder so vorstellt, daß es einen Hauptwiderspruch gäbe, und alle anderen Herrschaftsformen nur als Nebenwidersprüche gedacht würden. Dies wurde im Rahmen der Totalitäts-Diskussion angesprochen, aber nicht ausführlich diskutiert. Ich sehe es jetzt so, daß es tatsächlich Christophs Meinung und Erfahrung ist, eben nicht mehr vorwiegend eine Hauptwiderspruchskapitalismuskritik anzuerkennen, sondern nach tieferen Ursachen für Herrschaft allgemein zu fragen.

Herrschaft

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Christoph betont später in der Diskussion, daß die Freie Kooperation "von Herrschaft und Befreiung" im allgemeinsten Sinn handelt. Damit schließt er an seine bisherigen Arbeiten dazu (besonders im Alienbuch, siehe insgesamt zu seinem Herrschaftsbegriff http://www.thur.de/philo/herrschaft.htm)

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Hier zeigt sich die Wurzel der unterschiedlichen Positionen, die deutlich wurden: Christophs Position:

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Meinungen aus "Wege aus dem Kapitalismus" (Zusammenfassung der Grundposition)

Macht

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Christoph unterscheidet zwischen Herrschaft (die er ablehnt) und Macht (die er nicht prinzipiell ablehnt). Den eher positiven Machtbegriff setzt er parallel zum englischen "Power" ("Power to the people"), wofür es im Deutschen kein so gutes Wort gibt. Er will damit ausdrücken, daß wir immer über die Arbeit anderer verfügen müssen, wenn wir Ziele verwirklichen wollen.

Es gibt Worte und Worte... Die Bedeutung von Kategorien im Unterschied zu zusammenfassenden Allgemeinworten

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Wir sahen eben bei der "Herrschaft", wie wichtig unterschiedliche Begriffsverständnisse sind. Für den nächsten Punkt muß ich die Sache noch verkomplizieren. Dieser methodische Einschub wurde nicht diskutiert, aber im Nachhinein erscheint er mir wichtig als Orientierung für das Spätere:
Es gibt Worte und Worte...Dafür, daß ein Stein, ein Ball, eine Feder und alle anderen physikalischen Körper sich, wenn sie von oben nach unten freie Bahn haben, sich nach unten bewegen, kann mal zusammenfassend "der Fall" sagen. Wir fassen viele Erscheinungen zu einer Art Beschreibung zusammen: "Fall". Das ist in diesem Sinne ein beschreibendes Wort. Viele Worte sind solche Allgemeinworte. Viele entstehen einfach durch Zusammenfassung. Andere entstehen durch Definitionen (und Definitionen beruhen oft auf Zusammenfassungen) - irgendwann definiert dann mal jemand: "Ein Fall ist die Bewegung eines physikalischen Körpers zum Erdmittelpunkt, wenn er nicht durch einen Widerstand gehindert wird". Dann kann man diesen Allgemeinbegriff auch als eine Art Etikett verwenden, die jeder einzelnen erfahrbaren (empirischen) Erscheinung, die das betrifft, "aufkleben" kann. Die Bewegung dieses Blattes ist jetzt ein "Fall", der Stein "fällt" auch...
Es gibt aber auch noch andere Worte/Begriffe: Die haben nicht einfach ein Beispiel oder viele, die man nur noch zusammenfassen braucht. Sie haben nicht direkt empirisch erfahrbare Beispiele (bzw. wenn man welche angibt, geschieht das zwar oft zur Verdeutlichung, aber der Begriff entsteht nicht wirklich aus der Zusammenfassung dieser empirischen Beispiele). Was ich jetzt meine, wird nicht nur "Begriff" genannt, sondern auch "Kategorie". Das sind jene allgemeinen Worte, die ich sozusagen "als Brille" im Kopf habe, bevor ich mir die Welt anschaue und nach denen ich die Dinge und Ereignisse in der Welt überhaupt erst sortiere. Wenn ich mir die Welt mit der Aristotelischen Brille ansehe, ist es z.B. ganz klar, daß eine Feder langsamer fällt als ein Stein. Sieht doch jede/r, oder? Galilei überlegte sich, woran diese erfahrbare unterschiedliche Ankunftszeit auf dem Boden liegt. Wenn kein Luftwiderstand wäre, würde dann die Feder auch so langsam fallen? Hoppla! Nein: Vorausgesetzt, ich denke mir den Luftwiderstand weg, fallen alle Körper unabhängig von ihrer Form und sogar der Masse gleich schnell!! In vakuumerfüllten Falltürmen wurde dies inzwischen auch getestet. Dies ist die Galileische Sicht der Dinge - moderne Physik setzt sich seitdem immer so eine Brille auf, daß sie überlegt: was kann ich weglassen, unter welchen Bedingungen passiert was? Ohne solche Modellierungen, Idealisierungen ist die Art Wissenschaft nicht möglich, die wir heute kennen (auch die Forderung nach "Ganzheitlichkeit" könnte das nicht reparieren - wichtig ist es, sich dieser Abstraktionen immer bewusst zu bleiben und die Ergebnisse nicht auf Fälle anzuwenden, wo die Idealisierungen nicht mehr angemessen sind. Dies ist auch der Punkt, wo man scheinbar wissenschaftlich begründete Handlungen kritisieren kann). Der "Fall" in der modernen Physik ist nicht nur die Zusammenfassung der Beobachtung empirischer Fallbewegungen, sondern eine Kategorie, mit der der Physiker die Welt auf eine Weise sieht, in der sein Fallgesetz anwendbar ist, in der er die Berechnung der Statik von Häusern und Brücken machen kann u.s.w. Er verfälscht ja damit die Daten der Welt nicht - aber er sieht sie mit einer besonderen Brille, er setzt Kategorien voraus, die man der Welt nicht gleich "ansieht" (wie die Kategorie des Falls, bei dem Feder und Stein gleich schnell fallen). Im Gegenteil, es widerspricht dem ersten Anschein sogar (weil ja jede/r sieht, daß ein Stein schneller fällt als eine Feder). Genau das ist das Problem mit der Wissenschaft und ihren Kategorien.
Wir können aber nicht auf sie verzichten. Wir können nicht weg von der Brille. Wir sehen die Welt entweder aristotelisch (wir sehen die Feder langsamer fallen als den Stein), oder galileisch (wir sehen, daß sie ja "eigentlich" gleich schnell fallen und nur der Luftwiderstand die Feder mehr aufhält). (Die spätere Brille ist immer komplizierter, deshalb ist es bequemer, die vorherigen Brillen aufzubehalten und zu behaupten, nur das sei die "natürliche Sicht der Dinge" und die anderen Brillen hätten keine Berechtigung.)
Sobald wir in der Gesellschaft nicht nur irgendwie auf ihre "Reize" reagieren, sondern sie verstehen wollen, müssen wir auch hier auf unsere Brillen achten. Auch hier gibt es eine nahegelegte ("aristotelische") Sicht: Gesellschaft ist eben eine gaaaanz große Menschengruppe. Aaaber:

Gesellschaftsbegriff

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Ab jetzt wiederhole ich einen großen Teil des Beitrags von Stefan Mz.:
Kooperationen sind nicht "selbstähnlich", wie Christoph schreibt und anwendet (in dem Sinne: Freie Kooperation kann es in der Liebe geben, im Verein, in der Fabrik und auch der ganzen Gesellschaft). Sondern es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen A) "personalen Kooperationen" und B) der gesamten Gesellschaft.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) zu A) personale Kooperation:

[Alle Kommentare ausblenden] (18) zu B) Gesamtgesellschaft:

[Alle Kommentare ausblenden] (19) In der Diskussion wurde deutlicher (als auf dem Plakat), daß wir uns die Gesellschaft nicht nur als quantiativ größere Menschenmenge (oder "große Kooperation") vorstellen dürfen, sondern dieses Wort einen Begriff meint, der nicht nur eine Beschreibung einer empirischen (erfahrbaren) Menschenmenge ist, sondern als andersartiger Begriff - eben als Kategorie - zu verstehen ist. Wenn wir sie als empirische Zusammenfassung verstehen, wie den Aristotelischen "Fall", nehmen wir sie, wie sie erscheint: als Summe von vielen Menschen. Das mag in der Umgangssprache ausreichen. Für eine Theorie, ein Begreifen dessen, was menschliches Leben bestimmt, ist eine kategoriale Verwendung sehr zu empfehlen.

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Stefan betonte (in der späteren Diskussion) folgende Aspekte der Gesellschaft als Kategorie (wobei ich manches reinformuliere, was er vielleicht nicht so gesagt hat):

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Jetzt noch das Plakat von Stefan zur Gesellschaft (mit Diskussion dazu in Klammern):

Gesellschaftsform heute: "Kybernetische Maschine"

[Alle Kommentare ausblenden] (22)

[Alle Kommentare ausblenden] (23) -> "Wir nehmen unser Gefängnis überall hin mit, wohin wir auch gehen, in jedes konkretes Verhältnis." (Christoph: Freie Kooperation, S. 16) ("stummer Zwang der Verhältnisse") -> Selbstfeindschaft: Ich kann mich nur auf Kosten anderer behaupten - und dieser "Andere" bin ich.

Totalität

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Es zeigt sich, daß die Fragen, was eine Gesellschaft ist, wie sich die kapitalistische Gesellschaftsform strukturiert und auch, in welcher Sphäre Herrschaft verankert ist, damit zusammenhängt, als welche Art Einheit bzw. System man das jeweilige Ganze versteht. Wir kennen einerseits die Verallgemeinerung, viele Ganzheiten "System" zu nennen. Manche von ihnen werden dann auch noch als "Totalität" bezeichnet und darunter lässt sich verschiedenes verstehen...

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Petra charakterisierte die Totalität als "eine gesellschaftliche Substanz, ein Prinzip (nicht Ding), das sämtliche Beziehungen der Gesellschaft - auch die zwischen den Individuen - konstituiert. Solch eine Totalität sieht man nicht direkt, sondern sie erscheint in verschiedenen Erscheinungsformen, wie Markt, Recht etc. Die Totalität ist jeweils das überformende Prinzip, das nicht selbst erscheint, sondern sich in Erscheinungsformen (die verschiedenen Herrschaftsformen!) ausdrückt (die alte Differenz von Haupt- und Nebenwidersprüchen erscheint hier also als Unterscheidung der kategorialen Ebenen: Totalität - Erscheinungsformen).

[Alle Kommentare ausblenden] (26) Christoph versteht dagegen als Totalität ein soziales Bündnis, das nicht in einer Waren/Wertverwertungslogik aufgeht.

[Alle Kommentare ausblenden] (27) Willi ergänzte, daß es besser ist, von einer "totalitären Tendenz" zu sprechen, statt die Tendenz direkt mit der Realität zu identifizieren. Als Tendenz setzt sich das Kapitalverhältnis gerade gegenwärtig immer weiter überall (Globalisierung) und auf allen Ebene (von der Schule bis zum Sportverein) durch. "Totalität" ist nicht als total geschlossene Sphäre zu verstehen (im Sinne von "Totalitarismus"), "sonst würde ich nicht denken, daß man da rauskommt" (Petra).

Zur Kooperation - Frei und erzwungen

[Alle Kommentare ausblenden] (28) (weiter mit den Plakaten von Stefan):

Beim Konzept "Freier Kooperation" sollte es darum gehen, wie kann aus erzwungener Kooperation eine freie(re) gemacht werden? Zu Christophs Vorschlägen für "Freie Kooperation": Offen bleibt, ob diese eine prinzipielle Grenze des Konzepts von Christoph ist, oder ob es sich auch in Richtung Überwindung der Partialinteressenbezogenheit entwickeln lässt... (wozu Stefan sicherlich tendiert...).

[Alle Kommentare ausblenden] (29) Christoph glaubt nicht, daß es in einer freien Gesellschaft keine Konflikte und Regulationsnotwendigkeiten gibt, so daß man auf die Prinzipien der Freien Kooperation verzichten könnte (d.h. er nimmt an, daß es immer auch Partialinteressen gibt, und für den Umgang mit ihnen die Prinzipien der Freien Kooperation) - glaubt auch nicht, daß sich immer jemand findet, der das Nötige tut (selbstbestimmt, sich selbst entfaltend...) in der Art "Das wird sich schon finden" (was in Oekonux diskutiert wird) - sondern meint, die Prinzipien der Freien Kooperation zur Regulierung der Organisierung seien deshalb nicht verzichtbar. Die Prinzipien der Freien Kooperation sind sozusagen die Mindestforderung für den Konfliktfall.




Quelle: http://www.opentheory.org/fk-wak/text.phtml
(Last Software Update: 19.03.2002, 23:05)