Home   Was ist ot ?   Regeln   Mitglieder   Maintainer   Impressum   FAQ/Hilfe   Browser
 

Freie Software im Empire
E-Mail:
Passw.:
 english italiano
Maintainer: Benni Bärmann, Version 1, 28.06.2002  Druckversion
Projekt-Typ: halboffen Tipp: Wer eingeloggt ist, kann
eigene Kommentare korrigieren.
Einloggen können sich Mitglieder
Status: Aktiv

Freie Software im Empire

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Seit einiger Zeit sorgt ein Buch für ziemlich grosses Aufsehen, nämlich "Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri. Spätestens seit dem die deutsche Übersetzung erschienen ist, gibt es auch hierzulande einen regelrechten Hype um das Buch und inzwischen kann man auch schon einen Gegen-Hype feststellen, weil am laufenden Band Verrisse erscheinen. Ich will das jetzt nicht im Einzelnen wiedergeben, wer sich dazu ein Bild machen will, sollte vielleicht einfach mal mit "Empire", "Negri" und "Hardt" googlen und wird genügend Lesestoff finden. Alle Seitenangaben im Folgenden beziehen sich auf die deutsche Ausgabe.

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Nachdem ich das Buch tatsächlich gelesen habe (Uff!), möchte ich einfach mal ein paar Punkte in die Runde werfen, von denen ich denke, dass sie für unsere Diskussion interessant sein könnten um so eine hoffentlich rege Diskussion anzustossen, explizit auch mit denen, die das Buch _nicht_ gelesen haben. Das werden ja die meisten sein, alleine schon, weil es fette 450 Seiten mitbringt. Deswegen auch zuerst eine

ultrakurze Zusammenfassung.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) "Empire" ist die Beschreibung für die Weltordnung in der wir leben. Die Macht hat kein Zentrum mehr, sie ist vielmehr überall, sie durchzieht unser Leben als "Biomacht", die Nationalstaaten verlieren an Bedeutung, Kriege werden zu Polizeiaktionen, es wird immateriell und vernetzt produziert. Die Institutionen der "Disziplinargesellschaft" (Schule, Gefängnis, Klink, ...) verlieren ihre Begrenzung und werden über die ganze Gesellschaft ausgedehnt und daraus bildet sich die allgegenwärtige "Kontrollgesellschaft". Das Empire kennt kein Aussen mehr, es umfasst die ganze Welt, das ganze Leben.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Dennoch ist seine Macht nur scheinbar. Das Empire kann immer nur reagieren auf die Aktionen der "Multitude" (Menge, Vielheit). Sie ist es, die kreativ und produktiv ist und dadurch das Empire erst erschafft. Das Empire ist nichts ohne die Multitude.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Da es kein Aussen mehr gibt ist jede Politik, die sich auf einen Standpunkt ausserhalb des Empire bezieht verfehlt, statt dessen gilt es die Multitude zu sich selbst kommen zu lassen und so das parasitäre Empire abzuwerfen und den Kommunismus zu erreichen. Dies geschieht im Prozess der Durchsetzung dreier Rechte, die da sind: Weltbürgerschaft, sozialer Lohn und Wiederaneignung.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Soweit meine Extrem-Eindampfung. Im folgenden will ich auf ein paar Aspekte näher eingehen, die für die Oekonux-Diskussion besonders interessant sind.

Immaterielle Arbeit

[Alle Kommentare ausblenden] (7) In der Postmoderne hat sich die Produktionsweise verändert, sie wird zunehmend immateriell. Es gibt drei Typen immaterieller Arbeit:

- industrielle Arbeit

[Alle Kommentare ausblenden] (8) In der herkömmlichen industriellen Arbeit werden immer mehr Tätigkeiten automatisiert, so dass ein Großteil an Tätigkeiten übrig bleibt, der kommunikativ und abstrakt ist. Fabber bzw. Rapid Prototyping oder auch Franz global-lokale Eigenarbeit-Netzwerke wären ein Beispiel dafür.

- abstrakte Arbeit

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Noch weiter geht die Immaterialisierung bei der abstrakten Arbeit. Dieser Arbeitstypus ist aufs engste mit dem Computer verbunden. Arbeit ist nur noch kommunikativ-vernetzte Symbolverarbeitung. Programmieren fällt sicher darunter.

- affektive Arbeit

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Darunter sind alle Arbeiten zu verstehen, die Gefühle oder Identitäten produzieren. Darunter fällt Hausarbeit und Krankenpflege genauso wie Werbung und Showbusiness.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Die Gemeinsamkeit dieser drei Typen beschreiben Hardt und Negri so: "In jedem dieser Typen der immateriellen Arbeit steckt die Kooperation bereits vollständig in der Form der Arbeit selbst. Immaterielle Arbeit beinhaltet unmittelbar soziale Interaktion und Kooperation. Der kooperative Aspekt der immateriellen Arbeit wird mit anderen Worten nicht von außen aufgezwungen oder organisiert, wie es in früheren Formen von Arbeit der Fall war, sondern die Kooperation ist der Arbeitstätigkeit vollkommen immanent. (...) Heute haben Produktivität, Reichtum und das Schaffen eines gesellschaftlichen Surplus die Form der kooperativen Interaktion angenommen, die sich sprachlicher, kommunikativer und affektiver Netzwerke bedient. Indem sie ihre eigenen schöpferischen Energien ausdrückt, stellt die immaterielle Arbeit das Potenzial für eine Art des spontanen und elementaren Kommunismus bereit." (S. 305)

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Die Kommunikationstechnologien - allen vorran das Internet - führen zu einer Dezentralisierung dieser informationalisierten Produktion. Zentralisiert wird hingegen die Kontrolle über die Prozesse in den neuen "global citys".

[Alle Kommentare ausblenden] (13) "Das neue an der neuen Informationsinfrastruktur ist die Tatsache, dass sie in die neuen Produktionsprozesse eingelassen und ihnen vollständig immanent ist. Information und Kommunikation führen die heutige Produktion an, und sie sind die eigentlich produzierten Waren; das Netzwerk selbst ist Ort der Produktion wie der Zirkulation." (S. 310)

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Dies alles kummuliert in: "Die Begründung des Privateigentums, dieses Begriffs der klassischen Moderne, löst sich so in der postmodernen Produktionsweise in gewisser Hinsicht auf." (S. 313)

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Das alles sind ganz ähnliche Gedanken, wie sie im Oekonux-Projekt entwickelt wurden. Die Formel "Freie Software = Selbstentfaltung + Internet" bezeichnet etwas ganz ähnliches. Produktion und Distribution fallen im Internet zusammen, aus Produzenten und Konsumenten werden Prosumenten, Selbstentfaltung wird zur Produktivkraft, Selbstentfaltung und Selbstverwertung stehen im Widerspruch (Vorsicht: in "Empire" wird "Selbstverwertung" anders verwendet als bei uns, eher in Richtung "Selbstentfaltung"), Intelectual Property Rights sind absurde Versuche Verwertung wieder einzuführen und dies alles ist eine Keimform für eine nicht-wertförmig organisierte Gesellschaft. Zur netzwerkartigen Produktionsweise Freier Software hab ich ja andernmails gerade etwas geschrieben.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Was ich aber am Ansatz der "immateriellen Arbeit" bevorzuge ist seine größere Reichweite. Er bezeichnet eine ganze Pallette von Phänomenen und Freie Software ist unter dieser Perspektive nur noch ein weit fortgeschrittenes Beispiel einer umfassenderen Sicht. Besonders deutlich wird das im Fall der "affektiven" Arbeit. Wärend wir die beiden anderen Typen immaterieller Arbeit schon ausführlich diskutiert haben, kam affektive Arbeit bisher bei uns kaum vor. Interessant wären dabei zwei Fragen, nämlich einmal wo in der Produktion Freier Software affektive Arbeit auftritt (Tux, M$-Bashing, Hackerkultur, ...) und zum anderen, wo es im weiten Feld affektiver Arbeit Projekte gibt, die ähnlich arbeiten wie Freie Software. Auch ein weiterer Grund, sich Freie Musik (oder Filesharing als Vorform davon) nochmal ganz genau anzugucken.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Wenn wir also ernsthaft an der Frage arbeiten wollen "ob die Prinzipien der Entwicklung Freier Software eine neue Ökonomie begründen können, die als Grundlage für eine neue Gesellschaft dienen" kann (Siehe www.oekonux.de), ist es meiner Meinung nach angesagt nicht nur unsere theoretische Sichtweise auf Freie Software zu versuchen zu verallgemeinern, sondern auch umgekehrt umfassendere Sichtweisen auf das Beispiel Freie Software zu spezialisieren. Und "Immaterielle Arbeit" bietet da eine hervorragende theoretische Herangehensweise, denke ich.

Wertkritik und (Post-)Operaismus

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Wie ich gerade gelernt habe (nicht aus "Empire", sondern von meinem Freund Bodo) scheint es im neueren Marxismus zwei Traditionen zu geben, eine wertkritische und eine operaistische. "Empire" ist sozusagen die aktuellste Version der operaistischen Sicht, diese Richtung wird meist als Postoperaismus bezeichnet, weil sie zusätzlich Gedanken von postmodernen Philosophen benutzt. "Krisis" ist ein bei uns bekannter Vertreter der wertkritischen Sicht. Worin unterscheiden sich diese beiden "Schulen"?

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Für die wertkritische Schule ist die treibende Kraft hinter dem Kapitalismus das Wertgesetz. Ein abstrakter Mechanismus regiert die Menschen. Alles ordnet sich dem Gesetz aus Geld mehr Geld zu machen unter. Stefan Meretz nennt das immer die "kybernetische Maschine".

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Ganz anders die Operaisten: Für sie ist die Geschichte immer eine Geschichte sozialer Kämpfe. Es sind immer "die Leute", "das Proletariat" oder eben "die Multitude" die agieren und alle Veränderungen bewirken. Wenn auch - und das ist wichtig - unter nicht von ihnen gewählten historischen Bedingungen. Das Kapital oder eben das "Empire" reagieren nur, passen sich an, um ihre Herrschaft aufrecht erhalten zu können.

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Bei Marx finden sich wohl beide Sichtweisen (sagt Bodo, ich selbst hab fast keinen Marx gelesen) und tatsächlich erscheint es mir ziemlich offensichtlich das in einem noch näher zu bestimmenden Sinn beide Sichtweisen "richtig" sind. Darin spiegelt sich wohl letztlich die Verfassung des Menschen als ein Wesen, dass einerseits die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt aber eben auch von ihnen bestimmt wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Etwas näher kommen wir diesen Problemen vielleicht, wenn wir uns angucken, was die spezifischen Schwächen der beiden Ansätze sind.

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Um es platt zu sagen: Wertkritiker neigen dazu, zu schwarz zu sehen. Das allmächtige Wertgesetz hat uns fest im Griff und ein aussteigen ist zwar theoretisch möglich aber man wird immer den Eindruck nicht los, dass es von Aufsatz zu Aufsatz, von Gedanke zu Gedanke schwieriger wird. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass sie ihre Analyse von einem "äusseren Standpunkt", der sozusagen ausserhalb des Wertsystems steht und von dem aus man vermeintlich die Wahrheit erkennen kann aus starten und dann nach und nach feststellen, das ihnen dieser äussere Standpunkt immer mehr unter den Füßen wegrinnt. Bei Krisis kann man das momentan erkennen, wenn sie den Begriff des Subjektes kritisieren (siehe http://www.opentheory.org/subjekt3/text.phtml). Am Schluss bleibt nur noch radikale und fundamentale Kritik als Selbstzweck. Keimformen sind so nicht denkbar, weil letzten Endes schon der Gedanke daran zwingend korrumpiert ist.

[Alle Kommentare ausblenden] (24) Um es genauso platt zu sagen: Postoperaisten neigen zur Blauäugigkeit. Noch der kleinste Seufzer wird in ihren Augen zum Akt des Widerstands überhöht.

[Alle Kommentare ausblenden] (25) Auf theoretischer Ebene könnte man sie mögicherweise ganz ähnlich kritisieren, wie das Stefan in seinem "Dschungel der Kooperation" (http://www.opentheory.org/dschungel/text.phtml) mit der Freien Kooperation getan hat. Auch hier gewinnt man manchmal den Eindruck, dass die gesellschaftliche Ebene die es noch jenseits der Kooperationen und Institutionen gibt und die sich eben im Kapitalismus unter anderem im Wertgesetz zeigt, manchmal aus dem Blick gerät. Es wird nicht sichtbar, welche Aktionen der Multitude dazu geeignet sind, das Wertgesetz (oder auch das Patriarchat oder jedes andere fundamentale Herrschaftsverhältnis das nicht erschöpfend durch Institutionen beschreibbar ist) zu knacken und welche zu seinem Erhalt beitragen. Beim Lesen von "Empire" hatte ich jedoch das erste Mal das Gefühl, dass dort tatsächlich an der Lösung dieser Probleme gearbeitet wird. Allerdings blieb viel von diesen Versuchen für mich noch dunkel. Es ist viel die Rede vom Begriffspaar Immanenz/Transzendenz. Es wird betohnt, dass das Empire einerseits aus seiner Eigenlogik heraus zu immer mehr Immanenz strebt aber andererseits auf Transzendenz zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft angewiesen ist. Aus diesem Widerspruch speist sich die Möglichkeit zur Überwindung des Empire.

[Alle Kommentare ausblenden] (26) Bei Oekonux haben wir traditionell mehr mit dem wertkritischen Ansatz gearbeitet und ich will deswegen mit diesem Text auch ein bisschen Werbung für die andere Seite machen.

[Alle Kommentare ausblenden] (27) Meiner Meinung nach passt der Postoperaismus eigentlich besser zu Oekonux, weil ja der Selbstentfaltungs-Begriff und seine Herleitung aus der kritischen Psychologie, genau auf der "spezifischen Möglichkeitsbeziehung" des Menschen zur Welt aufbauen, also auf den Aktionsmöglichkeiten des Einzelnen, was doch prima zum Operaismus passt, wärend die Wertkritik sich da ein bisschen sperrt (insofern ist die Ablehnung der kritischen Psychologie durch das Krisisumfeld vielleicht nicht nur persönlichen Vorlieben geschuldet, sondern folgerichtig).

Die drei Rechte

[Alle Kommentare ausblenden] (28) Am Schluss des Buches gibt es ein Kapitel, das beschreiben soll, wie das Empire untergehen wird oder vielmehr bereits schon untergeht. Die Multitude kommt zu sich selbst, wird sich ihrer bewusst und entledigt sich der parasitären Herrschaft des Empire. Dies geschieht im Prozess der Durchsetzung dreier Rechte. Der Begriff des "Rechts" ist dabei mit vorsicht zu geniessen, da es in diesem Fall nicht wirklich einen Adressaten gibt, von dem man diese Rechte einfordern könnte. Das Empire taugt ja mangels Zentrum gerade nicht als Adressat. Es geht also auch hier wohl eher um einen netzwerkartig verlaufenden Prozess. Was haben diese drei Rechte mit unserer Debatte zu tun?

"Das Recht auf Wiederaneignung"

[Alle Kommentare ausblenden] (29) Das dürfte für unsere Diskussion das spannendste der drei Rechte sein, wie vielleicht folgendes Zitat ganz gut illustriert:

[Alle Kommentare ausblenden] (30) "Die Menge benutzt nicht nur Maschinen zur Produktion, sondern wird auch selbst zunehmend zu einer Art Maschine, da die Produktionsmittel immer stärker in die Köpfe und Körper der Menge integriert sind. In diesem Zusammenhang bedeutet Wiederaneignung, freien Zugang zu und Kontrolle über Wissen, Information, Kommunikation und Affekte zu haben - denn diese sind einige der wichtigsten biopolitischen Produktionsmittel. Doch die Tatsache allein, dass diese Produktionsmittel in der Menge selbst zu finden sind, bedeutet noch nicht, dass die Menge diese auch kontrolliert. Eher lässt das die Entfremdung davon noch niederträchtiger und verletzender erscheinen. Das Recht auf Wiederaneignung ist somit in Wahrheit das Recht der Menge auf Selbstkontrolle und autonome Eigenproduktion." (S. 413)

[Alle Kommentare ausblenden] (31) In dieser Perspektive ist Freie Software geradezu _das_ Paradebeispiel für Wiederaneignung und die Kämpfe um (Software-)Patente und Intelectual Property Rights sind die zentralen sozialen Kämpfe um dieses Recht.

"Das Recht auf einen sozialen Lohn"

[Alle Kommentare ausblenden] (32) Die Existenzgelddebatte hatten wir hier ja auch schon und ich habe meine Meinungen dazu - und insbesondere warum das für Freie Software relevant ist - ja auch schon mal zusammengefasst. Siehe: http://co-forum.de/index.php4?Grundsicherung%20und%20Oekonux.

[Alle Kommentare ausblenden] (33) Das in "Empire" geschilderte Recht auf einen sozialen Lohn erschöpft sich meiner Auffassung nach aber nicht in einer Existenzgeldforderung an den Staat sondern geht mehr in Richtung eines allgemeinen Rechts auf ein gutes Leben unabhängig von konkreten Tätigkeiten wie Arbeit - was sich in einer konkreten historischen Situation aber durchaus als Forderung an den Staat artikulieren kann. Allerdings finde ich eine der Schwächen des Buches, das diese erweiterte Sichtweise der Existenzgelddebatte nicht sehr explizit geschildert sondern sich eher aus dem Rest des Buches ergibt und vielleicht ja nur für mich ...

"Das Recht auf Weltbürgerschaft"

[Alle Kommentare ausblenden] (34) Es geht um die Durchsetzung von Bewegungsfreiheit für die Menschen. Damit ist aber nicht nur gemeint, dass man sich physisch bewegen kann, sondern noch weitergehender, dass auch kulturell diese Bewegung wirklich lebbar wird. Wir haben uns bisher mit diesen Fragen noch nicht sehr viel befasst, dennoch denke ich, dass es auch hier einige Berührungspunkte gibt.

[Alle Kommentare ausblenden] (35) Zum einen ist Freie Software vielleicht genau auch eine Möglichkeit, die diese Bewegungsfreiheit zumindestens im virtuellen ermöglicht. Projekte für Linux in Entwicklungsländern oder an Schulen sind da vielleicht eine Richtung die versucht Ausgrenzungsmechanismen, die anders als die herkömmlichen Grenzen funktionieren zu unterlaufen.

[Alle Kommentare ausblenden] (36) Der kürzlich gemailte Veranstaltungshinweis auf das Grenzcamp in Strassburg enthielt auch einige Hinweise darauf, wie diese Fragen für uns wichtig werden könnten (Siehe: www.dsec.info).

Freie Kooperation und Empire

[Alle Kommentare ausblenden] (37) Wir haben ja über Christoph Spehrs Konzept der "Freien Kooperation" in der Vergangenheit viel und ausführlich diskutiert. Deswegen will ich kurz versuchen dieses Konzept mit "Empire" zu vergleichen. Zunächst einmal stechen die Ähnlichkeiten ins Auge. Beide Konzepte gehen von einer radikalen Immanenzperspektive aus. Es gibt kein Aussen. Kein höheres Gesetz das unser Handeln leitet, sondern Geschichte entwickelt sich in sozialen Kämpfen. Dennoch gibt es natürlich auch wichtige Unterschiede.

[Alle Kommentare ausblenden] (38) Freie Kooperation geht in einem gewissen Sinne weiter als "Empire", weil konkrete Bedingungen genannt werden nach denen man entscheiden kann, ob Kooperationen erzwungen oder Frei sind. Die "drei Rechte" ergeben sich dann eher follgerichtig aus diesen Überlegungen zusammen mit noch einigen anderen. Wie immer wenn man konkret wird, bietet man natürlich auch eine größere Angriffsfläche, so haben sich ja viele der Kritiken an Freier Kooperation, die wir diskutiert haben vor allem an diesen konkreten Kriterien orientiert und diese als systemkonform ausgemacht. Das ist ein prinzipielles Problem mit der Immanenzperspektive, denke ich und zu "Empire" wird man ähnliches sagen können (und manche der am wenigsten inspirierenden Verrisse haben genau das getan). Ich denke jedoch auch, dass es keine Alternative zu dieser Perspektive gibt, wenn man irgendeine praktische Bedeutung entfalten will.

[Alle Kommentare ausblenden] (39) "Empire" geht in einem gewissen Sinne aber auch weiter als Freie Kooperation. In Software-Engeneering-Sprache gesprochen ist Freie Kooperation der Bottom-Up-Ansatz, wärend Empire nach dem Top-Down-Prinzip funktioniert. Freie Kooperation hat gesamtgesellschaftliche Verhältnisse nur als Kooperation von Kooperationen von Kooperationen im Blick, was deren Analyse manchmal erschwert. Empire funktioniert umgekehrt. Von den globalen juridischen, ökonomischen und politischen Verhältnissen wird die Macht der Multitude abgeleitet. Das gewärleistet einen besseren Blick auf die globalen Phänomene aber naturgemäß bleibt die Sicht auf die Alltagsphänomene etwas unscharf und eben "von oben herab".

[Alle Kommentare ausblenden] (40) In Christophs Buch "Die Aliens sind unter uns" findet sich ja neben dem Konzept der Freien Kooperation, das dort eher am Rande behandelt wird, auch eine ausführliche Diskussion aktueller Herrschaftsverhältnisse. Wenn man die dort beschriebenen "Zivilisationen" (Aliens, Zivilisten, Maquis, Faschisten) mit den in "Empire" beschriebenen Kategorien in Verbindung bringt, ergibt sich für mich folgendes Bild: Die Aliens sind eigentlich identisch mit dem Empire, Maquis und Zivilisten bilden die Multitude und der Faschismus kommt nicht wirklich in mehr als einer Nebenrolle vor. Darin liegt für mich auch eine besondere Stärke des Konzeptes der Zivilisationen. Zur "Multitude" gehört man immer irgendwie dazu und muss sich nicht mal besonders anstrengen wärend Christoph den Moment der Wahl, zum Maquis zu gehen oder eben Zivilist zu bleiben, betont. Natürlich ist an beiden Sichtweisen was dran, nur in "Empire" wird letzteres oft etwas unterschätzt und vielleicht ergibt sich gerade daraus der Eindruck der Blauäugigkeit und des übertriebenen Optimismus, den viele beim Lesen des Buches haben.

Fazit

[Alle Kommentare ausblenden] (41) "Empire" wimmelt von Anknüpfungspunkten an unsere Diskussion und deswegen kann ich jedem nur empfehlen sich durch das Buch durchzuwühlen. Aber auch ohne das alle das Buch gelesen haben, könnten wir ja trotzdem vielleicht manche der Sichtweisen, die dort aufgezeigt werden verstärkt in unserer Diskussion berücksichtigen. Das würde mich freuen. Gerade eben hab ich eine Mail gekriegt, dass die WAK-Leute einen Workshop zu Empire auf dem Kongress planen. Scheinbar haben also auch schon andere die Relevanz des Buches für unsere Diskussion entdeckt. Für mich noch ein Grund mehr, mich auf Berlin zu freuen.




Quelle: http://www.opentheory.org/fs_empire/text.phtml
(Last Software Update: 28.06.2002, 16:25)