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Zum Begriff »mentales Modell«
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Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 29.10.2006  Druckversion
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»Mentales Modell«

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Für uns ist der Begriff »mentales Modell« ein sehr zentraler. Phänographisch kann man sagen, dass ein »mentales Modell« eine überindividuelle orientierende bildhafte Verdichtung theoretischer Erkenntnisse ist. Theoretische Erkenntnisse können dabei sowohl »Alltagstheorien« wie auch wissenschaftliche Theorien sein oder eine Mischung von beidem. Ein mentales Modell bildet ein kognitives Verständnis- und Verständigungsraster. Treffen - bildhaft gesprochen - stark abweichende mentale Modelle aufeinander, wie sie von konkreten Menschen verwendet werden, so schlägt eine Verständigung meist fehl, da sich zu wenige »Resonanzpunkte« finden lassen. Eine Diskussion ist dann trotz u.U. gleicher Wortwahl meist wenig fruchtbar. Dieses erleben haben wir nicht selten erlebt. Wir wollen diese Problematik nun explizit angehen.

Urspung des Begriffes

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Ursprünglich stammt der Begriff »mentales Modell« aus der Kognitionswissenschaft, dort allerdings in problematischer Verwendung. Das ist hier nicht unser Thema. Wir orientieren uns an der wesentlich sinnvolleren Fassung von Jürgen Renn, der in seinem Buch »Auf den Schultern von Riesen und Zwergen« aus dem individuumszentrierten einen gesellschaftstheoretischen Begriff macht. Er verwendet den Begriff, um zu verstehen, wie sich der Übergang von einem wissenschaftliche Paradigma zu einem anderen vollzieht. Mit dem »Paradigmenwechsel« befasste sich auch der »Erfinder« des Paradigma-Begriffes, Thomas. S. Kuhn. Seine Erklärung ist jedoch sehr »dünn«. Renn versucht hingegen, die immanente Logik »zwischen« den Paradigmen zu verstehen, um aus dieser inneren Struktur und Logik »Sprünge« in der wissenschaftlichen Erkenntnis erklären zu können.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Der Begriff »mentales Modell« nach Renn ist wie folgt bestimmt: Mentale Modelle

Mentale Modelle und gesellschaftliche Denkformen

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Mentale Modelle sind gegenstandsbezogene Widerspiegelungen gesellschaftlicher Denkformen. Gesellschaftliche Denkformen (ein Begriff von Marx) umfassen das zum gegebenen gesellschaftlichen Entwicklungstand überhaupt Denkmögliche. Ist etwas denkbar, so ist es auch grundsätzlich machbar. Wenn es uns also gelingt, eine Freie Gesellschaft grundsätzlich denkbar zu machen, dann ist sie auch grundsätzlich machbar, da die Gesellschaft nur deswegen die Denkform »Freie Gesellschaft« bereitstellt, weil sie objektiv zum realen Potenzial dieser Gesellschaft gehört. Damit ist noch nichts über den Inhalt ausgesagt und den Weg dorthin.

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Bestimmte mentale Modelle sind weit verbreitet, andere treten höchst selten auf. Es sind solche mentalen Modelle weiter verbreitet, die weniger denkenden Widerstand gegen nahegelegte gesellschaftliche Denkformen erfordern. Nahegelegte Denkformen sind solche, die objektiv für das Funktionieren der Gesellschaft erforderlich sind und ihr Funktionieren auch - gemessen an der inneren Logik - adäquat widerspiegeln. So entspricht das Denken im Modus des sich-auf-Kosten-Anderer-durchsetzens objektiv den Anforderungen der Verwertungslogik, nach der sich der Stärkere am Markt, im Betrieb etc. durchsetzt und durchsetzen muss. Der Modus des sich-nur-mit-Anderen-gemeinsam-durchsetzens hingegen benötigt erheblich mehr denkenden Widerstand, gehört aber gleichwohl zum gesellschaftlich Denkbaren weil objektiv Machbaren und auch real Gemachten.

Mentale Modelle und individuelles Denken

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Klaus Holzkamp hat die unterschiedlichen Denkmodi kategorial mit dem Begriffspaar »deutendes vs. begreifendes Denken« gefasst. Das Begriffspaar beschreibt nicht Denktypen, die etwa von Menschen beherrscht oder nicht beherrscht werden, sondern fasst analytisch das Verhältnis der Übernahme von nahelegtem Denken und dem denkenden Widerstand dagegen. Das deutende Denken ist dabei nicht »überwindbar«, sondern in gewisser Weise Voraussetzung für das Begreifen als bewusste Überschreitung des nahegelegten unmittelbaren Deutens: »Ich kann, soweit ich in der bürgerlichen Gesellschaft lebe, mein unmittelbares Dasein nicht anders bewältigen als 'in' den bürgerlichen Formen (auf andere Weise komme ich weder an Geld noch an Lebensmittel etc. heran), d.h. daß ich auch im 'Denken' dieser Lebenspraxis, wenn ich sie bewältigen will, 'deutend' die bürgerlichen Denkformen realisieren muß« (GdP. S. 394f).

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Klaus Holzkamp verknüpft hier also Lebenspraxis und Denkform miteinander. Diese Verbindung ist keine statische oder gar deterministische, d.h. ich muss nicht ausschließlich so denken, wie es die Praxisformen von mir verlangen, aber ich muss es zunächst einmal tun, bevor ich mich dazu u.U. kritisch und ggf. 'begreifend' verhalten kann. Das bedeutet umgekehrt, dass es sehr schwer ist, den nahegelegten bürgerlichen Denkrahmen zu verlassen, selbst wenn ich der kapitalistischen Gesellschaft grundsätzlich kritisch gegenüberstehe. Ohne eine ansatzweise qualitativ andere Praxis, die auf neue Denkformen und damit andere mentale Modelle verweist, kann die Überschreitung nur in der Sphäre der Gedankenformen selbst geschehen - ein ungleich unsicherer, dramatisch anstrengenderer Weg, der ohne lebensweltliche Evidenz ein extremes Maß an Selbstdisziplin erfordert. Es ist völlig verständlich, wenn die meisten Menschen diese Disziplin, Energie und die dafür erforderliche Zeit nicht aufbringen können oder wollen. Wir erleben dies in unserer theoretischen Praxis als hartnäckiges Festhalten an bestimmten alten Formen, die nach unserer Auffassung obsolet sind.

Freie Gesellschaft als mentales Modell

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Dieser Begrenzung unseres Vorhabens sind wir uns bewusst. Wir können und wollen niemanden überzeugen. Wir können nur die objektiv vorhandenen Denkmöglichkeiten in ihrem vollen Potenzial ausreizen, weil dies sowohl möglich wie auch nötig ist. Wir wollen ein neues mentales Modell erarbeiten, die man kurz als »Denkform einer freien Gesellschaft« bezeichnen kann. Dieses mentale Modell soll in sich schlüssig sein und umfassend eine Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft bieten. Es kann dann - und vermutlich wie dargestellt in aller Regel nur dann - eine Wirkung entfalten, wenn in der gesellschaftlichen Praxis ansatzweise (»keimförmig«) Formen entstehen, die mit dem neuen mentalen Modell besser begriffen und »nach vorne« getrieben werden können. Von solchen Praxen erwarten wir uns andererseits Rückwirkungen auf den Ausbau und die Korrektur des mentalen Modells, das das objektiv Denkmögliche nur ausreizen, aber nicht überschreiten kann.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Das folgende Bild veranschaulicht unser Vorhaben. Innerhalb des Kapitalismus (oberes Rechteck: Gesellschaftsform A) gibt es einen Raum des Denkmöglichen. Das sind die gesellschaftlichen Denkformen. Bezüglich der unterschiedlichen Gegenstände existieren jeweils verschiedene mentale Modelle. In der Regel überschreiten diese mentalen Modelle nicht die Grenze des Kapitalismus, sie bleiben vollständig immanent. Dennoch gehört zu den gesellschaftlichen Denkformen auch die Möglichkeit, ein Stück weit über die Grenzen in Richtung auf eine Freie Gesellschaft (unteres Rechteck: Gesellschaftsform B) hinaus zu denken. Dies ist in dem Maße möglich, wie sich im Kapitalismus »Keimformen« eines Neuen bilden, die zwar einerseits noch voll in den Kapitalismus integriert sind, andererseits wesensmäßig über diesen hinausweisen. Das Hinausweisende kann ansatzweise auch gedacht werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Der betrachtete Gegenstand in seiner vollen Entfaltung in der Freien Gesellschaft hingegen kann nicht gedacht werden. Allerdings, und das ist unsere zentrale These, existiert sozusagen eine »Projektion« auf die Grenze des heute durch überschießende Praxen Denkbare. Diese Projektion ist eine Konstruktion, eine Hypothese, eine aktive Bildung einer Utopie. Diese Utopie ist nicht in der Lage, die entfaltete Form im einzelnen zu beschreiben (das wäre eine »schlechte Utopie«), sondern kann nur Umrisse eines fernen Bildes liefern, dessen schwache Konturen Ankerpunkte in der heutigen (»Keimform«-) Praxis haben. Umso stärker sich diese Praxis entfalten und unter den widrigen Bedingungen der wesensmäßig unwirtlichen Umgebung des Kapitalismus behaupten kann, desto deutlicher verschiebt sich auch der Raum des Denkbaren hinein in die Freie Gesellschaft und desto deutlichen kann auch das Bild der »Projektion« werden.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Die überschießende und überschreitende Praxis ist also sowohl Kriterium für die Interpretation des schwammigen Projektionsbildes einer Freien Gesellschaft wie auch Denkvoraussetzung eben des potenziell denkbar gemachten. Umgekehrt bedeutet das: Vom immanenten, auschließlichen Standpunkt der alten Gesellschaft ist das Neue schlicht nicht denkbar. Das Alte muss denkend partiell verlassen werden, um Neues denken zu können. In der Dialektik des »noch im« und »nicht mehr im« Alten bewegen wir uns.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Der Übergang im mentalen Modell vermittelt durch den praktischen Übergang, also den Prozess der Konstitution qualitativ neuer Vergesellschaftsverhältnisse, ist schmal. In beide Richtungen ist das Denken des jeweils qualitativ anderen schwer. Viele kennen den Effekt, dass es eine Zeit gibt, in der argumentativ sich nahezu nichts bewegen lässt, während kurz nach dem praktischen Vollzug eben jener argumentierten Veränderung es dann auf einmal »alle gewusst haben«. Ein Beispiel ist die Wende in der DDR. Ein anderes, noch deutlicheres Beispiel ist der von Eske Bockelmann beschriebene Umschlag in der Taktwahrnehmung mit der Verallgemeinerung der Geldbeziehungen im Handel in Europa im 15. Jahrhundert: Heute kann sich niemand mehr die »vormoderne« Art und Weise der »materialen« Taktwahrnehmung erinnern, während die »abstrakte« Taktwahrnehmung gleichsam zur menschliche Natur erklärt wird.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Diese Beispiele zeigen, dass das von uns vorgeschlagene Bild der Projektion auf die Membran der »Denkgrenze« des jeweiligen mentalen Modells nicht nur »nach vorne«, sondern auch »nach hinten« gilt. Das ist unter anderem der Grund dafür, dass es dem Kapitalismus so leicht gelingt, sich selbst zur Quasi-Natur zu erheben und seine Gründungsverbrechen aus dem allgemeinen Bewusstsein auszuklammern (etwa die Tatsache der feudalen Kriegsmaschinerien oder der Arbeitsfolterhäuser als initiale Einrichtungen). Für die Menschen der freien Gesellschaft wird sich der Kapitalismus mithin komplett »verrückt« und schier »unverständlich« darstellen wie etwa uns heute die »Fetischpraxen« der Menschen in der Vormoderne - wobei moderner Warenfetischismus und vormoderner Fetischismus durchaus verwandt sind.




Quelle: http://www.opentheory.org/kf_mentales_modell/text.phtml
(Last Software Update: 29.10.2006, 17:19)