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Der Wahrheitsanspruch von Wissen
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Maintainer: Annette Schlemm, Version 1, 02.12.2006  Druckversion
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Wahrheit ist diejenige Art von Irrtum,
ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte.
(Nietzsche)

Wahrheit als Gegenstand von Theorien und Debatten

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Seit Aristoteles wird Wahrheit vorwiegend im Sinne einer Korrespondenz [1] von Denken bzw. Vorstellung [2] und seinem Gegenstand verstanden. Ein andere Auslegung von Wahrheit verzichtet auf den Vergleich mit der Wirklichkeit und versteht Wahrheit im Sinne von Kohärenz [3] als widerspruchsfreie Beziehung zwischen verschiedenen Aussagen. Andere Theorien zur Wahrheit sind vor allem die Redundanztheorie, die Konsenstheorie und die pragmatische Wahrheitstheorie. An Lenin sei kurz erinnert mit seiner Unterscheidung von (nicht erreichbarer) absoluter Wahrheit und der möglichen unendlichen Annäherung an sie in Form von relativer Wahrheit. Nach Hegel ist „das Wahre ... das Ganze“ (Hegel Phän: 24). Damit ist „das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen“ (ebd.) gemeint. Vereinfacht ausgedrückt: wenn ich etwas in seiner Entwicklung begriffen habe (also als veränderbar...), d.h. auch in all den Zusammenhängen, die dabei eine Rolle spielen, habe ich es wahrhaft begriffen. Ernst Bloch bekräftigt diese Orientierung und versteht unter dem Erforschen des Wahren die „Freilegung der realen Triebkräfte des Geschehens“ (Bloch LM: 237).

Zweifel an der Wahrheit

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Die neuzeitliche Wissenschaft und Philosophie hat ihren Auftakt in der Bezweiflung der vorher als wahr angenommenen Sinneswahrnehmungen durch Descartes. Er sah das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung eingeschränkt durch die Größenveränderung eines Kirchturms im Verlaufe der Bewegung von ihm weg oder auf ihn zu (Desc. PW Abt. 2: 99-100). Sicherheit fand er erst wieder im Rückzug auf das eigene Denken, das ihm gewiss und unerschütterlich erschien (ebd.: 27 und Desc. PW Abt. 1: 47). Die Geschichte der Wissenschaften ist seitdem begleitet von rückversichernden Debatten über den jeweiligen Wahrheitsanspruch des Wissens (vgl. Schlemm 2005a: 19ff.).

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Mindestens zwei Ebenen der Betrachtungen lassen sich unterscheiden:
Wenn korrespondenzmäßige Wahrheit angezweifelt wird, so wird entweder die vom Erkennen unabhängige Existenz des Gegenstandes (oder bestimmter, vorwiegend nicht direkt beobachtbarer Entitäten) angezweifelt (ontologischer Aspekt) oder die konkrete Übereinstimmung zwischen Erkenntnisinhalt und Gegenstand angezweifelt (epistemologischer Aspekt). Der erste Aspekt wird vorwiegend in Realismus/Antirealismus-Debatten verhandelt (vgl. Schlemm 2005a: 96ff.), der zweite ist Gegenstand verschiedener Wahrheitstheorien (vgl. Skirbekk 1977 und Schlemm 2005a: 100ff.).

„Gehirn im Tank“

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Die Vorstellung, dass irgend etwas (in mir, was bin ich dann?) sich all das, was um mich herum geschieht und was ich tue, nur ausdenkt, wird eigentlich nicht wirklich von irgend jemandem vertreten. In neueren Debatten wird diese solipsistische [4] Vorstellung als „Gehirn im Tank“-Vorstellung diskutiert (Putnam 2000: 89, McDowell 2001: 40). Bertrand Russell schreibt dazu:
„Vielleicht bringt unsere Einbildungskraft alles hervor.[...] Dies kann durchaus richtig sein, denn es ist unmöglich, seine Unrichtigkeit nachzuweisen, und doch kann im Ernst niemand daran glauben.“ (Russell 1926: 125)

Nominalismus versus Dialektik

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Diesen ganzen Debatten vorgelagert ist eine weitere Unterscheidung: Die allermeisten Debatten diskutieren von folgendem Standpunkt aus: Es liegt ein auf der einen Seite ein zu prüfender Satz vor und auf der anderen Seite die reale Welt. Nun wird nach dem Verhältnis von beidem gefragt. Das ist die nominalistische Sichtweise, bei der zuerst das Einzelne gesehen und dann nach dem Zusammenhang gesucht wird.
Die andere Sichtweise besteht darin, zuerst etwas Gemeinsames vorauszusetzen, so in unserem Fall die wirkliche weltverändernde Praxis gesellschaftlicher Menschen und dann zu schauen, in welcher Weise sich in dieser Praxis verschiedene Momente unterscheiden lassen: ein Gegenstand (des Veränderns und Erkennens) und ein entsprechend tätiges Subjekt, das jeweils angemessene Mittel verwendet. Dies ist eine dialektische Betrachtungsweise (vgl. Schlemm 2005a: 8, 130, 256).

Meinung und Wissen

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Menschen unterhalten innerhalb ihrer aktiven Tätigkeiten in der Welt verschiedene Formen von Beziehungen zur Welt. Eine davon ist die Form des Erkennens, speziell die Form des wissenschaftlichen Erkennens. Seit vielen Jahrtausenden entwickeln und verwenden Menschen Wissen um natürliche Zusammenhänge, um diese zu nutzen und zu gestalten. Die Inhalte wurden mehr oder weniger systematisch erfasst und von Generation zu Generation weiter gegeben. Später kam der Anspruch dazu, das vorhandene Wissen aus den natürlichen Zusammenhängen heraus zu begründen, anstatt lediglich auf Tradition und mythische Erzählungen zu vertrauen. Dies war der Anfang der Unterscheidung von Meinung (grch. doxa) und Wissen (grch. episteme). Der Unterschied zwischen beidem wird auch heute noch in der Wortverwendung getragen. Eine Meinung besteht demnach im Fürwahrhalten von etwas, was nicht begründet oder bewiesen sein muss (Hoffmeister 1955: 398), während Wissen als Überzeugung angesehen wird, „die auf objektiv und subjektiv zureichenden Gründen [...] vom tatsächlichen Bestehen von Gegenständen, Vorgängen oder Sachverhalten“ (ebd.:: 672) beruht. Mit Platon ging die Bestimmung von Wissen als „richtige Vorstellung“ im Zusammenhang mit einer Erklärung (Platon Th.: 660) in die Wissenschaftsgeschichtsschreibung ein. In marxistischen Bestimmungen des Begriffs Wissen wird betont, dass Wissen neben der Erklärungsfunktion vor allem die Funktion einer Handlungsorientierung erfüllt (Schreiter 1996: 972).
„Bei der Aneignung der Wirklichkeit durch die Menschen brauchen sie bestimmte Kenntnisse über mögliche Zustände, um ihre Existenzbedingungen zielgerichtet gestalten zu können.“ (Hörz 2000)

Wissenschaft

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Die Wissenschaft ist die modernste Form der Entwicklung und Tradierung von Wissen. Wissen in systematischer und methodischer Form – als miteinander zusammenhängende und historisch aufeinander folgende Theorien – in den verschiedenen Gegenstandsbereichen unterliegt selbst einer Entwicklung, in der verschiedene Typen von Wissenschaftlichkeit (vgl. Hörz 1988, 2000) entstehen und aufeinander folgen. Gerade bei der Untersuchung dieser Typen wird der Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Gesellschaftsentwicklung in ihrer komplexem Wechselbeziehung deutlich. Hörz unterscheidet für die vorkapitalistische Zeit den Wissenschaftstyp der Herausbildung wissenschaftlicher Erkenntnis und den Wissenschaftstyp des Zunfthandwerks und der autarken Landwirtschaft. Im 19. Jahrhundert entstand der Wissenschaftstyp der industriellen Revolution und in der Gegenwart entwickelt sich der Wissenschaftstyp der wissenschaftlich-technischen Revolution. Er beruht auf den aktuellen Veränderungen der Lebensweise und speziell auf dem Heraustreten der Menschen aus dem eigentlichen Produktionsprozess. Dabei wird der Mensch immer mehr zum konstitutiven Bestandteil der Theorie und wissenschaftliches Denken geht von der Beschränkung auf Struktur- und Prozessdenken zum Entwicklungsdenken über (Hörz 2000).
Die Spezifik von Wissenschaft besteht in ihrem Ziel, die objektive Veränderbarkeit der Welt zu erkunden (Laitko 1979: 84). Die höchste Form der Wissenschaftlichkeit ist dann erreicht, wenn auch die eigenen Erkenntnisinteressen erkannt werden, wenn also ein „Selbstbegreifen als gesellschaftliche Wesen“ (Schmied-Kowarzik 1985: 19) gelingt.

Arten von Wissen

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Wissen und Wissenschaft haben heutzutage eine vielfältige Ausdrucksweise angenommen. Es lassen sich aber durchaus voneinander deutlich unterscheidbare Arten von Wissen unterscheiden. In der ersten Art geht es im positivistischen [5] Sinne lediglich um eine Festestellung der gegebenen Tatsachen. In der zweiten Art geht es dann weiter um die Zusammenhänge der gegebenen Tatsachen, um Gesetzmäßigkeiten in ihren wechselseitigen Beziehungen. Dieser Art von Wissen entspricht die neuzeitliche Naturwissenschaft. Beispielsweise wurden die von Tycho de Brahe gefundenen tatsächlichen Positionen des Planeten Mars in den Keplerschen Gesetzen in einen Zusammenhang gebracht. In den Keplerschen Gesetzen selbst tauchen die tatsächlichen Bahndaten nicht mehr auf, sondern sie beschreiben mögliche Bahnen für Körper, die sich um einen Stern bewegen in allgemeinerer Weise. Im Bereich dieser gesetzmäßigen Erkenntnis in der zweiten Erkenntnisart sind Erklärungen und Voraussagen möglich, indem die allgemeine Gesetzmäßigkeit gemeinsam mit konkreten Daten die Ableitung (und damit Erklärung bzw. Prognose) weiterer Daten ermöglicht. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Der oben schon erwähnte Hegelsche und Blochsche Begriff von Wahrheit fragt zusätzlich nach dem umfassenderen Entwicklungszusammenhang, aus dem sich die Gesetze ergeben, d.h. in dem sich deren Existenz- und Wirkungsbedingungen verändern können (d.h. nach der gesamten Historie eines Sonnensystems und letztlich nach der Entstehungsgeschichte der Sterne usw.).

Drei Arten von Handlungsorientierung

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Diesen drei Arten von Wissen entsprechen auch drei Handlungsorientierungen. Dem Aufzeigen der Tatsachen entspricht die Forderung: „Sei realistisch, d.h. passe Dich ans Gegebene an!“. Die tiefer gehende Erkenntnis von Gesetzen setzt das Gegebene in einen weiteren Rahmen; das Tatsächliche ist nur eine verwirklichte Möglichkeit aus einem Feld von gegebenen Möglichkeiten, die das Gesetz aufzeigt. Wo und wann welcher Planet mit welcher Masse sich auf der Umlaufbahn gerade befindet, ist nicht durch das Keplersche Gesetz vorgegeben – dieses gibt lediglich den Möglichkeitsrahmen für die Bewegungen von Planeten in einem Sonnensystem an. Das Motto heißt hier: „Erkenne die Möglichkeiten!“. Dass dieser Rahmen von bestimmten, historisch gegebenen und sich verändernden Bedingungen abhängt, zeigt die Untersuchung der historischen Entwicklungszusammenhänge. Es ergeben sich „Möglichkeiten 2. Ordnungen“, also jene, die darauf hin deuten, dass bei grundlegenden Bedingungsänderungen sich auch die Möglichkeitsfelder für die gesetzmäßigen Möglichkeiten selbst ändern können. Der Handlungshorizont verweist nun sogar auf eine Veränderung der jeweiligen Rahmenbedingungen (siehe dazu auch ausführlicher Schlemm 2005b).

Unterschiedliche Formen von Erfahrungen

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Wir leben nicht in drei Welten, sondern die eine Welt erschließt sich uns in unterschiedlichem Maße und es ist wichtig, sich bewusst zu werden, wann man sich in welchem Bereich aufhält und bewegt. Besonders in der Kommunikation ist es wichtig, dass man mit dem Inhalt gleichzeitig seine Perspektive deutlich macht., d.h. benennt, mit welcher Art von Wissen man gerade arbeitet.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Eine bedeutsame Unterscheidung, die in der Wissenschaftstheorie oft nicht gesehen wird, ist dabei die Unterscheidung von Alltagserfahrung und wissenschaftlicher Erfahrung. Es gibt vor allem feministische und ökologisch orientierte wissenschaftskritische Debatten, die der neuzeitlichen Wissenschaft vorwerfen, die sinnliche Konkretheit, die konkreten Naturqualitäten und die individuelle Subjektivität auszuschalten. Tatsächlich sieht sich die Wissenschaft vor der Aufgabe, die bereits von Descartes als für die Weltorientierung unzureichend abgesicherte direkte sinnliche individuelle Wahrnehmung durch systematische Suche nach objektiven und tiefer liegenden – nicht mehr sinnlich-konkret, individuell-subjektiv erkennbaren – Zusammenhängen zu ergänzen.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Dabei ist es sogar kennzeichnend für den Übergang vom Wissen der Art 1 zur Art 2, dass die „Tatsachen der Wissenschaft“ geradezu entgegen der alltäglichen Wahrnehmung aufgenommen werden. Wir untersuchen in der Physik nicht, dass eine Feder langsamer fällt als eine Eisenkugel – sondern wir sehen „hinter der Erscheinung“, dass ohne den Einfluss von Luft und Wind die Feder genau so schnell fällt wie die Eisenkugel. Für Physikerinnen und Physiker nach Galilei ist „Ruhe“ nicht durch eine Geschwindigkeit mit der Größe Null gekennzeichnet, sondern auch ein sich geradlinig-gleichförmig mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegender Körper wird als „in Ruhe befindlich“ angesehen. Physik, d.h. allgemein die neuzeitliche Wissenschaft ist in vielen grundlegenden Fragen geradezu eine „Abkehr vom Augenschein“ (Hund 1975: 12). Wir finden diesen Gedankengang auch bei Marx:
„[...] und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen [...].“ (Marx Kap. III: 825)

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Die Bedeutsamkeit dieser erweiterten Formen von Wissen, der erweiterten Horizonte besteht gerade nicht im dogmatischen Festhalten an Gegebenen, sondern im Aufzeigen der Veränderbarkeit (1. Ordnung: als Möglichkeitsfeld innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen und 2. Ordnung: als Veränderung der Rahmenbedingungen und Erzeugung eines neuen Möglichkeitsfeldes).

Wissenschaftliche Wahrheit

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Die Wissenschaft selbst ist nicht nur eine Summe von Aussagen über die Welt, sondern indem sie die objektive Veränderbarkeit untersucht, zeigt sie Möglichkeitsfelder (über gesetzmäßige Beziehungen) und deren Bedingtheit auf. Deshalb umfasst ihr Gegenstandsbereich gerade nicht einzelne Tatsachenaussagen, die vielleicht einzeln auf ihre Wahrheit überprüft werden könnten, sondern er bezieht sich auf einen Komplex von wechselwirkenden Entitäten, deren Möglichkeitsfelder konkreten Bedingungen unterliegen – und die Aussagen darüber bilden mehr oder weniger komplexe Theorien mit all ihren Komponenten. Wenn wir nach Wahrheit fragen, interessiert uns nur in den seltensten Fällen die einfache Übereinstimmung einer Aussage mit einem Gegenstand, sondern es geht immer um den Bezug der gesamten Theorie zur Wirklichkeit.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Theorien sind „Zusammenfassungen wesentlicher Beziehungen und Gesetze in einem Gesetzessystem mit den entsprechenden Existenzbedingungen“ (Franz, Hager 1996: 613), d.h. für einen bestimmten Gegenstandsbereich und enthält damit die zur Erfassung des Gegenstands wichtigen Begriffe und Größen. Die Messbarkeit beispielsweise von physikalischen Größen ist für jede Theorie auf besondere Weise zu bestimmen (vgl. Schlemm 2005a: 185f.)

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Während die konstruktivistische Prinzipienlehre nach Paul Lorenzen (1987) diese messtheoretischen Grundlagen vor aller Wissenschaft zu begründen versucht („Protophysik“), insistieren Horst-Heino von Borzeszkowski und Renate Wahsner (1995) darauf, dass die messtheoretischen Voraussetzungen für jede Theorie gesondert erarbeitet werden müssen.

Die Rolle der Erkenntnismittel

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts machte William James deutlich, dass die Kluft zwischen Subjekt und Objekt durch Erkenntnismittel überbrückt werden muss (James 1907: 400ff.). Auch die Debatten zwischen Realismus und Anti-Realismus sowie Materialismus und Idealismus gewännen an Tiefe, wenn die Vermittlung der Wechselbeziehung zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt durch Erkenntnismittel berücksichtigt würde. Unter Erkenntnismitteln sind hier nicht nur praktische experimentelle Gerätschaften zu verstehen, sondern vor allem auch theoretische Komponenten, die z.B. die Messbarkeit im Gegenstandsbereich ermöglichen, wie beispielsweise Theorien über Raum und Zeit.

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Gegenüber mechanistisch materialistischen, d.h. naiv realistischen Abbildtheorien ist es richtig, die aktive Rolle der erkennenden Subjekte zu betonen. Diese aktive Rolle realisieren die Subjekte aber nicht unvermittelt, sondern sie objektivieren ihre Arbeit über die Verwendung von Erkenntnismitteln, deren sinnlich-gegenständliche Wirkung in der Naturwissenschaft Objektivität verbürgt.

Einheit und Unterschied von Erkennen und Handeln

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Normalerweise wird heutzutage der Nachweis, dass auch in der Naturwissenschaft der zu untersuchende Gegenstand eigentlich erst quasi im Labor erzeugt wird, als Beleg für eine Art Beliebigkeits-Konstruktivismus genommen. Wenn es so ist, dass wir nicht die Natur „an sich“, d.h., wie sie ohne das erkennende und tätige Einwirken der Menschen wäre, erkennen, sondern die Natur „für uns und durch uns“, so scheint der Gegenstand beliebig durch gesellschaftliche Einflüsse und Interessen manipulierbar zu sein.

[Alle Kommentare ausblenden] (21) So ist es aber gerade nicht. Erkenntnismittel sind keine Verlängerungen der freien Tätigkeit des Subjekts bei der Erschaffung einer beliebigen Welt – sondern Mittel, die es uns ermöglichen, mit einem Objekt neben uns selbst in Verbindung zu treten. Es geht nicht um freie Erfindung, sondern um Vermittlung. Diese Vermittlung ist keine Beziehung, die dem, was sie vermittelt, äußerlich wäre. Letztlich sind die Menschen und ihre Aktivitäten Momente der Welt. Die Welt stellt eine Einheit dar – aber kein in sich ununterscheidbares Einerlei, sondern sie ist eine Einheit von sich widersprüchlich aufeinander beziehenden und einander enthaltenden Momenten. Um die Wirksamkeit von uns Menschen in der Welt zu verstehen, ist es sinnvoll, das Moment des Erkennens von Veränderungsmöglichkeiten (Wissen) und das Moment des Veränderns voneinander zu unterscheiden. Beides ist immer miteinander verbunden und real nie voneinander zu trennen. Aber wir können erkennend bereits Möglichkeiten erkennen, die uns einen Handlungshorizont angeben, bevor wir alle einzelnen möglichen Wege praktisch handelnd abgeschritten sind, bzw. ohne sie über die Versuch-Irrtum-Methode alle abschreiten zu müssen. Deshalb bezieht sich das Erkennen auf wirkliche Handlungsmöglichkeiten in dieser Welt – jeweils in unterschiedlichem Maße und mit unterschiedlicher Reichweite der Fragestellungen und Methoden.