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Zum Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz
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Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 02.12.2002  Druckversion
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[Alle Kommentare ausblenden] (1) "Konkurrieren" ist ein schillerndes Wort. Es hat ein weiteres Bedeutungsfeld, denn es bedeutet sowohl "wetteifern" wie auch "parallel laufen". Unter Moralisten hat es einen negativen Touch im Sinne der Bedeutung "sich auf Kosten anderer durchsetzen". Selbige wollen dann "Wettbewerb" davon positiv abheben, was eigentlich das gleiche bedeutet. Dualisten, die oft die Dialektik für sich beanspruchen, meinen, Konkurrenz dem Kapitalismus zuordnen zu können (etwa in der besonders verwerflichen Steigerungsform des "Konkurrenzsubjekts"), während eine freie Gesellschaft dagegen nur auf Kooperation aufbaue(n könne).

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Benni Bärmann dagegen vertritt in seinem Aufsatz Kooperation und Konkurrenz, dass jede Gesellschaft von einem bestimmten Verhältnis von Konkurrenz und Kooperation gekennzeichnet sei. Es mache also keinen Sinn beide Begriffe als einander ausschließend zu behandeln, sondern man müsse zur Klärung eben dieses Verhältnis genauer bestimmen. Mit Bennis Ansatz tun sich viele ziemlich schwer wie die Diskussion zeigt: Wenn man nicht bestimmt, was Konkurrenz und Kooperation "ist", dann kann man auch nichts über das Verhältnis sagen. Da ist was dran. Andererseits kann man die Begriffe erst klären, wenn man ihr Verhältnis zueinander bestimmt hat. Da beisst sich die Katze in den Schwanz.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Ich will Bennis Ansatz aufgreifen und versuche, das Dilemma zu lösen, in dem ich zunächst phänographisch (die Phänomene beschreibend) mein Vorverständnis der Begriffe darstelle, um anschließend systematisch die Bestimmungen der Begriffe zu entwickeln. Die Vorbegriffe müssen hinreichend allgemein sein, um nicht schon im Vorfeld Aspekte auszuschließen, die in der Systematisierung erst aufscheinen. Nach der Darstellung der Seins-, Wesens- und Begriffslogik von Annette Schlemm versuche ich von der Vielfalt der Erscheinungen über die Bestimmung des Abstrakt-Allgemeinen zum Konkret-Allgemeinen zu kommen - zumindest dem Anspruch nach.

[Alle Kommentare ausblenden] (4) Ok, also erstmal meine phänographischen Vorbegriffe: Kooperation meint Ko-Operieren meint etwas-zusammen-tun oder kürzer: zusammenarbeiten. Konkurrenz meint kon-kurrentes Gehen, also paralleles Laufen. Über die Qualität von Ko-Operation und Kon-Kurrenz ist damit noch nichts gesagt. Nun mache ich mir klar, welchen erkenntnistheoretischen Status die Begriffe haben: Sind es individual- oder gesellschaftstheoretische Begriffe? Oder beides?

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Zu Kooperation habe ich im "Dschungeltext" begründet, warum es keinen Sinn macht, von "Kooperation als selbstähnliches Prinzip auf allen Ebenen" (von den individuellen Beziehungen bis zur gesamten Gesellschaft - wie Christoph Spehr das macht) auszugehen. In meiner Sicht ist es notwendig, zwischen personaler und gesellschaftlicher Kooperation zu unterscheiden.

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Tue ich das, dann komme ich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Gesellschaftlich kann es nicht keine Kooperation geben: Kooperation ist ein Merkmal von Gesellschaft. Gesellschaftliche ReProduktion heisst immer kooperative ReProduktion, wobei über Art und Grad der Kooperation nichts ausgesagt ist. Personal hingegen muss ich keinesfalls (immer) kooperieren - im Sinne von "zusammenarbeiten". Beteilige ich mit an der gesellschaftlichen ReProduktion, komme ich jedoch nicht drumherum.

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Meine These ist nun: Bei der Konkurrenz ist es sehr ähnlich. Gesellschaftliche ReProduktion ist immer kon-kurrent. Platt kann man sich das schon allein wegen Größe der Menschheit überlegen. Systematisch ist der Grund aber dieser: Die Dominanz der Gesellschaftlichkeit des Menschen bei der evolutionären Herbildung war erreicht, als die Gesellschaft als eigenständige Infrastruktur nicht mehr unmittelbar von den Beiträgen Einzelner (Individuen oder Kooperationen) abhing. Während der Neandertaler unterging, weil er es nicht schaffte, eine selbsterhaltungsfähige Infrastruktur (sprich: Gesellschaft) herzustellen, also quasi auf dem "personal kooperativen Niveau" stehen blieb, schaffte es der Mensch - unter anderem, weil er die Gesellschaft in hinreichendem Maße kon-kurrent und damit stabil re/produzierte.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) Personal hingegen, also im individuellen Vergleich, ist Kon-Kurrenz nicht notwendig gegeben. Offensichtlich ist dies, wenn die Tätigkeiten nicht vergleichbar sind: Jede/r macht dann eben seins. Aber auch bei gleichen Tätigkeiten muss das nicht so sein - nämlich genau dann, wenn man gemeinsam an einer Sache tätig ist, also kooperiert. Die Diskussion kommt demnach nicht voran, werden die Begriffe Konkurrenz und Kooperation normativ und damit dualistisch verwendet.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) Gehe ich historisch-logisch an die Begriffe heran, kann ich feststellen, dass sich ihr Verhältnis historisch häufig gewandelt hat. Wenn ich von "Verhältnis" rede, dann meine ich nicht "quantitatives" Verhältnis, etwa: vor dem Kapitalismus 80% Kooperation und 20% Konkurrenz und heute umgekehrt. Es geht um ein sich historisch verändertes qualitatives Verhältnis mit historisch bestimmten und qualitativ unterschiedlichen Begriffen selbst: Ko-Operation und Kon-kurrenz waren in dominant agrarischen Gesellschaften vor dem Kapitalismus völlig anderes bestimmt als im Kapitalismus. Deswegen ist es unzulässig, die historisch besonderen Formen im Kapitalismus zu verallgemeinern: "so ist Kooperation, so ist Konkurrenz".

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Beispiel: Die historische Allmende kannst man grob als Ko-Operation nach innen und Kon-Kurrenz nach außen bezeichnen. Dennoch sind beide Formen nicht vergleichbar mit etwa denen in einer Firma (wie man denken könnte): Die jeweiligen "Antriebe" zur Ko-Operation und Kon-Kurrenz waren bzw. sind völlig verschieden. Bei der Allmende etwa ko-operativer Umgang mit gemeinsamen besessenen Ressourcen zum Zwecke der gemeinsamen Überlebenssicherung; bei der Firma ko-operative Arbeit zum Zwecke der Realisierung abstrakter Zwecke (Verwertung auf dem Markt). Oder bei der Allmende kon-kurrente Existenz neben anderen Allmenden oder nomadischen Lebensweisen; bei der Firma Zwang zur Expansion und Vernichtungskonkurrenz gegenüber anderen Firmen.

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Konkurrenz als zwangshafte, systemfunktionale Vernichtungskonkurrenz ist ein Merkmal des Kapitalismus. Das genau ist es, was viele abstößt. Es ist jedoch ein ontologisierender (zur Seinsbestimmung verklärender) Kurzschluss, die warengesellschaftliche Vernichtungskonkurrenz zur "Konkurrenz überhaupt" zu machen. Genauso kurzschlüssig ist es, Kooperation zum Gegensatz von Konkurrenz-überhaupt zu erklären. Damit macht es schließlich auch keinen Sinn, Konkurrenz-überhaupt abschaffen zu wollen.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Die weiterführende Frage kann demnach nur lauten: Welche Bewegungsform kann Kon-Kurrenz bzw. das Verhältnis von Ko-Operation und Kon-Kurrenz haben? Hier interessieren mich nur die Formen, bei denen Ko-Operation und Kon-Kurrenz voneinander abhängen. Zur Vereinfachung übernehme ich Bennis Verhältnisbegriff der "Kooperenz". Ich sehe im wesentlichen drei Formen:

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Wer weitere Texte von mir bzw. Texte mit meiner Beteiligung kennt, dem/der wird auffallen, dass ich hier den gleichen qualitativen Dreischritt vermute, wie ich ihn bei der Produktivkraftentwicklung sehe. Grob gesagt gibt es drei große Epochen, in der jeweils ein Aspekt des Verhältnisses von Mensch, Mittel und Natur bestimmend ist (vgl. dazu Kap. 2.1 des "Gegenbilder-Buches"). Diesen Epochen entsprechen gleichzeitig bestimmte Formen der Vergesellschaftung (vgl. dazu Kap. 2.2 des "Gegenbilder-Buches"):

Die personal-assoziative herrschaftsförmige Kooperenz

[Alle Kommentare ausblenden] (14) In den agrarischen dominierten Gesellschaften vor der Entstehung des Kapitalismus strukturierte die personale Herrschaft von Menschen über Menschen die Vergesellschaftung. Aufgrund des (relativ) geringen Mehrprodukts war es notwendig "nach innen", also innerhalb einer Gemeinschaft, personal ko-operative Zusammenhänge (Assoziationen) zu fördern, um in (z.B. kriegerischen) Auseinandersetzungen gegen andere Gemeinschaften bestehen zu können. Die Kon-Kurrenz nach außen musste jedoch keinesfalls notwendig eine Vernichtungsform annehmen. Wesentlich häufiger waren die Formen paralleler Existenz (so das o.g. Beispiel der Allmenden) und Expansion in noch unerschlossene oder nur nomadisch genutzte Territorien.

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Ökonomisch waren die agrarisch dominierten Gesellschaften von Subsistenz und Gebrauchsgüter-Tausch (als Ware gegen Ware: W-W oder Ware gegen Geld gegen Ware: W-G-W) bestimmt. Kon-kurrente Produktion war engen Regeln unterworfen, die von den jeweiligen Herrschenden gesetzt wurden. Kon-kurrenter Handel hatte noch keinen Ausschlußcharakter.

Die abstrakt-dissoziative herrschaftsförmige Kooperenz

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Mit dem Übergang zur warenproduzierenden Gesellschaft des Kapitalismus änderte sich die ökonomische Grundstruktur. Antrieb ist nun nicht nicht mehr primär der Gütererwerb, sondern der Gelderwerb - genauer: die Geldvermehrung (G-W-G' mit G'>G). Im Gegensatz zur alten Form W-G-W, in der mit dem Verbrauch des W die Kette endet, verkörpert die Form G-W-G' einen rückgekoppelten, verselbstständigten Zyklus mit der Geldvermehrung G'>G als immanentem Selbstzweck.

[Alle Kommentare ausblenden] (17) Denjenigen, die nichts weiter als ihre Arbeitskraft besitzen, bleibt nur, dieselbe zu verkaufen. Diejenigen, die über Produktionsmittel und Geld als Kapital verfügen, können diese Arbeitskraft kaufen, um mit ihr durch Produktion von Gütern und Dienstleistungen Mehr-Geld zu erzeugen. Beide Funktionen können sich auf unterschiedliche Menschen verteilen, sie können aber auch durch eine Person "hindurch" gehen.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) Daher ist Herrschaft in diesem System ist nicht personal zu verorten, sondern wird abstrakt den Menschen als äußerliche, entfremdete Bewegung des Werts und seiner Aggregatzustände Arbeit, Ware und Geld aufgezwungen. Die Tendenz, alles und jede/n der Wertform unterzuordnen, ist maßlos. Da die individuelle Reproduktion nur durch Beteiligung an der ökonomischen Form möglich ist, ist jede/r gezwungen, genau diese entfremdete Form zu reproduzieren.

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Die Menschen sind in dieser Form der entfremdeten Vergesellschaftung über den Wert nicht nur von der Verfügung über den sozialen Prozess und die wichtigsten produktiven Mittel getrennt, sie sind auch als Privat-Produzenten auch voneinander getrennt. Erst im Austausch erscheint der gesellschaftlich-kooperative Charakter der privat und kon-kurrent produzierten Waren. Genau dieser Austausch a posteriori (im Nachhinein) erzwingt die Wertform, die die Menschen von ihren Produktionsbedingungen und voneinander entfremdet.

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Kon-Kurrenz hat unter den Bedingungen der Wertform und des Austausches die Wirkung der Vernichtung oder Dissoziation. Dabei werden mit dem Einzug des universalen Ver-Wertungsmaßstabs auf allen Ebenen frühere innere Kooperationen zunehmend zersetzt. Gleichzeitig sind Ko-Operationen die Grundlage des produktiven Prozesses. Nur unter diesen Bedingungen spitzen sich die Praxisformen von Ko-Operation und Kon-Kurrenz in einer Weise zu, die sie als wechselseitig ausschließende Gegensätze erscheinen lassen.

Ko-Kurrenz: Die personal-assoziative herrschaftsfreie Kooperenz

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Die Freie Software ist das historisch erste Beispiel einer Praxis in gesellschaftlicher Größenordnung, die zeigt, dass es auch anders geht - mehr noch: dass es langfristig nur so gehen kann. Es gibt keinen Austausch, die Produktion erfolgt "unmittelbar gesellschaftlich" gesteuert durch die Bedürfnisse der assoziierten Produzenten. Nicht nur Ko-Operation ist der Produktion immanent (Hardt/Negri), sondern auch Kon-Kurrenz.

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Kon-Kurrenz hat unter herrschaftsfreien Verhältnissen die Form paralleler Praxen als Suche nach den geeigneten Wegen. Das kon-kurrente (Er-)Finden der guten Wege der gesellschaftlichen Produktion des Lebens ist das dynamische Element der unmittelbar gesellschaftlichen Ko-Operation. Es ist der praktische Abschied von der irrigen Vorstellung der Planbarkeit der Gesellschaft. Statt "Planung der Gesellschaft" geht es um die "Selbstplanung durch die Gesellschaft". Dabei gibt es keine "one-best-ways". Selbstplanung erfordert Ausprobieren, erfordert Kon-Kurrenz in der ko-operativen Assoziation.

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Ko-Operation und Kon-Kurrenz bedingen einander, sind zwei Seiten einer Medaille. "Ko-Kurrenz" ist mein Begriff dafür - ich hänge aber nicht dran;-) Ko-Kurrenz bedeutet individuelle Selbstentfaltung als Voraussetzung für die Entfaltung aller - und umgekehrt.




Quelle: http://www.opentheory.org/ko-kurrenz/text.phtml
(Last Software Update: 02.12.2002, 18:16)