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Seltener Besuch

Maintainer: Benja Fallenstein, Version 1, 20.01.2002
Projekt-Typ: halboffen
Status: Archiv

(1) Das Tobb blickte sich in seiner kleinen Höhle in einem kaum bewohnten Teil des Gebirgs um, betrachtete seine unfertigen Steinstatuen, die auf dem Tisch lagen, ungefähr so lang wie seine Hände, sah auf das Buch, das daneben aufgeschlagen war, ließ seinen Blick zum Bücherregal schweifen, schaute kurz die drei Vasen an, die zwischen den Büchern standen, blickte sein gerade gemachtes Bett an, sah zu den Bildern an der Wand, und wandte sich schließlich der Kochnische zu. Wo hatte es nur den Brief gelassen?

(1.1) Sprache als Aktion, 20.01.2002, 17:05, Jörg Bergstedt: Zum Anspruch der Geschichte: Auf der Hoppetosse-Mailingliste (Hoppetosse ist das Netzwerk für kreativen Widerstand) gab es Überlegungen, wieweit Sprache als Aktionsform zur Dekonstruktion der Zweigeschlechtlichkeit eingesetzt werden könnte. Als Vorschlag für eine reale Veränderung, mehr aber noch als Anregungen, denn so zu sprechen würde Aufmerksamkeit und Hinterfragen hervorrufen, gab es Vorschläge für eine geschlechtsneutrale Sprache (jedenfalls dort, wo es auf das biologische Geschlecht nicht ankommt, also fast immer) ... am meisten gefiel mir die "-is" Form, also Studis, Arbeitis, Schülis, Lehris, Politis, Aktivis usw. Klingt erstmal seltsam (wie vor Jahren das -innen ja auch) und soll erstmal Erregungskorridore schaffen. Leider gibt es bisher keine Praxis in Texten und im Reden (was in der Deutschen Linken auch nicht zu erwarten).

(1.1.1) Re: Sprache als Aktion, 20.01.2002, 21:07, Benja Fallenstein: Finde ich eine gute Idee, siehe meinen Kommentar im Geschlechtslos gut-Projekt. Danke! Ich werde sie mal ausprobieren, also ein wenig Praxis im Reden und Schreiben schaffen ;-).

Zum "Anspruch" der Geschichte: Wenn sie einen hat, ist es eher, auf die Probleme anzuspielen, die die Zwei-Geschlechts-Gesellschaft denen macht, die in diese Rollen nicht passen... aber klar, ich habe sie hier reingestellt weil ich finde, dass sie zum Geschlechtslos gut-Projekt passt...

(Übrigens: für Intersexuelle, oder "Zwitter", ist eine geschlechtsneutrale Sprache gerade auch dann wichtig, wenn es um das biologische Geschlecht geht...)

(1.2) Ohne Kommentare lesen, 20.01.2002, 21:11, Benja Fallenstein: Übrigens: Wer die Geschichte ohne Kommentare lesen (oder gar drucken) will, kann natürlich auf das vor jedem Absatz vorhandene Minuszeichen klicken: open theory verbirgt dann die Kommentare.

(2) Schließlich trat das Tobb zum Fenster und blickte hinaus, hinab in die Wildnis am Fuße des Berges. Seufzend betrachtete es einen Habicht, der sich in den Wald hinunterstürzte. Die Sonne stand bereits ein gutes Stück über der Erde; das Tobb hatte lange geschlafen, und nun fand es den Brief der Comtesse nicht, in dem stand, wann seine Besucherin eintreffen würde. Rechtzeitig zum Mittagessen? Dann musste das Tobb schnell anfangen, zu kochen, damit es der Besucherin ein Mahl servieren konnte. Aber wenn sie früher kam, würde es sie beleidigen, weil es sich dem Kochen widmen müsste und nicht ihr.

(3) Es entschied sich, es darauf ankommen zu lassen, und stellte Wasser für eine kräftige Gemüsesuppe auf. Es hatte keinen Brunnen in seiner Höhle, aber es hatte einen großen Krug, in dem es Wasser aufbewahrte, so dass es nicht ständig zum Brunnen laufen musste.

(4) Das Tobb freute sich darauf, endlich einmal wieder mit einer Tobbe zu sprechen.

(5) Bald aber war Mittag vorbei, und das Tobb war verwirrt. Hatte es sich im Tag geirrt? Erst, als es gerade selbst etwas von der Suppe essen wollte, hörte es Hufgetrappel von dem gewundenen Weg durch die Hügel kommen. Es trat aus seiner Höhle heraus, um die Tobbe zu begrüßen.

(6) "Seid gegrüßt, treuer Tobb," sagte die Besucherin.

(7) "Kúala von Anrihain", stellte sich das Tobb vor.

(8) "Sehr erfreut Euch kennen zu lernen, Kúala. Sagt, seid Ihr eine Tobbe oder ein Tobbling?", fragte die Besucherin.

(9) Das Tobb seufzte tief. -- "Kommt doch erst einmal herein, und kostet von meiner köstlichen Gemüsesuppe," wich es der Frage aus.

(10) Die Besucherin sah das Tobb befremdet an, trat aber schließlich doch in die gute Stube ein und setzte sich an dem notdürftig freigeräumten Tisch nieder. Bald löffelte sie unlustig von der Suppe, die dem Tobb heute wirklich besonders gut gelungen war.

(11) "Ihr spielt doch ein Rätselspiel mit mir", sagte sie. "Aber ihr könnt mich nicht täuschen. Ihr kocht eure Wäsche aus, anstatt sie nur im kalten Wasser zu waschen, also müsst Ihr eine Tobbe sein."

(12) Das Tobb blickte sie an und schwieg.

(13) Nachdenklich blickte die Besucherin sich um und sagte schließlich, "Also gut. Ihr habt mich hereingelegt. Ihr wascht Hosen, keine Röcke oder Kleider. Für wen? Für Euch, denn ihr lebt alleine; also müsst ihr ein Tobbling sein, denn keine Tobbe hätte so viel Wäsche und darunter kein einziges Kleid."

(14) Das Tobb wollte etwas sagen, konnte seine Gedanken aber nicht in Worte fassen und blieb still.

(15) "Ihr kocht. Das müsst Ihr, um zu überleben. Aber Ihr wisst auch, welche Töpfe und Krüge ihr für was verwenden müsst, und ihr wisst sogar, auf welche Weise Ihr Früchte und Gräser in Gläser einmacht. Also müsst Ihr doch eine Tobbe sein." Sie tippte nachdenklich mit ihrem langen Zeigefinger auf ihren Mund. "Ihr beginnt, mir Spaß zu machen, Einsiedler."

(16) Das Tobb wartete ab.

(17) "Ja," sagte sie nach einigem weiteren Überlegen, "mögt Ihr auch keine Röcke und Kleider tragen, so hängt dort hinten doch sorgfältig am Bügel eine fein bestickte Bluse, und dass ein Tobbling eine Bluse anzieht, nun, das wäre nun wirklich unerhört." Sie nickte sich selbst bestätigend zu, setze dann aber doch noch hinzu: "Und doch..."

(18) Die Besucherin dachte einen Moment sehr scharf nach. "Nun habe ich euer Rätsel aber gelöst!", verkündete sie dann schließlich mit Gewissheit in der Stimme, und zeigte auf das Bücherregal des Tobbs. "Ihr studiert die philosophischen Lehren des großen Meisters Nuutin-Nil. So müsst ihr ein Tobbling sein, denn keine Tobbe könnte jene Werke verstehen."

(19) Nun wurde es dem Tobb zu bunt. "Ich habe diese Bände von der hochgeschätzten Reisenden Ur geschenkt bekommen, nachdem sie nächtelang mit mir darüber diskutiert hat! Ur mag keine Tobbe wir Ihr sein, aber sie ist doch sicherlich eine Tobbe, und unzweifelhaft versteht sie mehr von diesen Werken als manch ein Gelehrter am Hofe der Comtesse!" (Als ihm klar wurde, was es da gesagt hatte, schlug es sich aber schnell die Hand über den Mund.)

(20) Die Besucherin blickte das Tobb so kalt an, dass es am liebsten im Boden versinken wollte. Schließlich entsann sie sich ihres Anliegens, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, fixierte Kúala und sagte: "Treuer Tobb, die Comtesse benötigt eure Hilfe. Agretien liegt im Krieg mit den furchtbaren Hokotten. Ihr wohnt auf der Grenze zu Gothurien, unserem wichtigsten Verbündeten. Die Comtesse möchte, dass Ihr regelmäßig Nachrichten für sie überbringt."

(21) "Ich möchte gerne helfen," antwortete das Tobb schüchtern.

(22) "So sagt mir endlich, bei den drei Teufeln, ob Ihr Tobbling oder Tobbe seid!"

(23) Das Tobb versuchte, eine Antwort in Worte zu fassen, schaffte es aber nicht.

(24) Es wusste sich nun nicht mehr zu helfen, schlurfte darum aus seiner Höhle und watschelte auf einen nahegelegenen Felsen, wo die Besucherin ihn nicht erreichen konnte. Es konnte hören, wie sie wütend etwas auf dem Boden seiner Höhle zerschlug, was ihm vermutlich lieb und teuer gewesen war, und es sah, wie sie sich schließlich aufsaß und in stürmischem Galopp davonritt.

(24.1) es ist wohl doch ein Tobbling!, 21.01.2002, 19:18, Ano Nym: Die Geschichte ist wirklich nett, trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass es bei Tob, trotz aller Bemühungen des Umschreibens, sich um einen Tobbling handelt. Denn schließlich konnte "ihn" die Besucherin nicht erreichen und sie tobte in "seiner" Höhle rum.

(24.1.1) Re: es ist wohl doch ein Tobbling!, 23.01.2002, 00:54, Benja Fallenstein: Danke für das Lob :-)

Das "ihn erreichen" ist natürlich ein Tippfehler (seufz). Das es "seine Höhle" ist, ist grammatisch richtig: das Küken läuft seiner Mutter hinterher -- mit anderen Worten, das Neutrum hat das Problem, das es eine Reihe von Formen mit dem Maskulinum gemeinsam hat. Meine Hoffnung war ja, dass die Neutrum-spezifischen Formen so ungewöhnlich und stark sind, dass sie die gemeinsamen Formen 'übertönen'. War bei dir wohl nix...

Mich würden zwei Sachen interessieren: Wie nehmen andere Lesis [:-)] das wahr? Und: was meint ihr: wie sehr liegt es an der Ähnlichkeit von Neutrum und Maskulinum, wie sehr an dem eingeimpften Drang, alle als entweder männlich oder weiblich zu sehen, und wie sehr an der gesellschaftlichen Tendenz, dass im Zweifelsfall jedes männlich ist?

Eins ist sicher: für mich ist Kúala nicht ein Tobbling und nicht eine Tobbe ;-)

(24.1.1.1) Re: es ist wohl doch ein Tobbling!, 23.01.2002, 22:05, Carmen Ehms: Nun, es liegt wohl tatsächlich im Problem, dass ES und ER in der Konjungation doch eher zum maskulinen Aspekt neigen. Das sehe ich auch so. Mir gefällt die Geschichte trotzdem, weil ich auch öfter versuche oder besser praktiziere Anreden usw. zu umgehen. Das macht Spass und ich muss mich nicht festlegen. Deswegen würde ich das Küken eher "der" Mutter hinterherlaufen lassen, als "seiner" Mutter. Ist dann aber nicht ganz so "personenbezogen" und wird in meinen Augen neutraler (?).

(24.1.1.1.1) Re: es ist wohl doch ein Tobbling!, 15.04.2003, 00:43, iu ??: wenn jetzt die saechliche der maennlichen form so aehnelt in vielem, so gilt das doch alles immer in der einzahl. die mehrzahl ist scheinbar gaenzlich geschlechtsneutral - und (jetzt kommts!) aehnelt doch wieder der weiblichen form. das maerkische um und in berlin kennt da einige nette reduktionen. von meiner tante gott hab sie selig darauf hingewiesen, dass seine kumpane in der kneipe sitzen und nach ihm verlangen, sprach mein onkel (eberswalde): 'ik kom ni hin na SE, ik drink meim bia ssuhause, sach IHR ditte.' seine kumpane war(n) aber nicht seine freundin, auch wenn das wort so weiblich klingen mag, sondern seine freunde (klingt auch weiblich, nicht wahr?). uebrigens haette der satz genauso ausgesehen, wenn tatsaechlich eine frau statt mehrerer maenner ihn haette in die kneipe lotsen wollen: 'ik kom ni hin na SE, ik drink meim bia ssuhause, sach IHR ditte.' aber hochdeutsch gibt es wenn auch weniger so doch auch reduktionen: 'wir versuchten SIE zu ueberzeugen.' 'wir versuchten IHRE meinung zu beeinflussen.' - mehrzahl oder weiblich? uneindeutig, nicht wahr? jetzt noch ein paar maennlich-saechlich raetsel: der oder das pfand? der oder das schmalz? bei englischen bzw franzoesischen fremdwoertern wirds auch interessant, aber die sollten vielleicht einfachheitshalber auszer betracht bleiben... noch was schoenes ausm osten: 'qualitaet hat SEINEN preis.' - das _kann_ nicht falsch sein, denn: 'ALLES hat SEINEN preis.' (grins) das ist das auf sich selber rueckbezogene REFLEXIVUM, das saechlich gebildet wird und in einigen sprachen (aber dem deutschen eigentlich blosz eingeschraenkt*) an die stelle des geschlechtsspezifischen m/w/s tritt. hat aber eben die grosze ueberschneidung mit der maennlichen form - schon ein dilemma. noch ein kleiner schocker: die artikel bzw DER artikel nominativ: DAS/EIN_ kind_ DIE/EINE frau_ DER/EIN_ mann_ DIE/_ menschEN genitv: DES/EINES kind(E)S DER/EINER frau_ DES/EINES mann(E)S DER/VON menschEN dativ: DEM/EINEM kind(E) DER/EINER frau_ DEM/EINEM mann(E) DEN/_ menschEN akkusativ: DAS/EIN_ kind_ DIE/EINE frau_ DEN/EINEN mann_ DIE/_ menschEN -> statistik: von(1mz) das(2s) des=eines=dem=einem(2=s+m) eine=einer(2w) den(2=mz+m) ein(3=m+2s) _(3mz) [2.Platz teilen sich 'ein' und '_'.] die(4=2w+2mz) der(4=m+2w+mz) [1.Platz teilen sich 'die' und 'der'!] -> in 5 wortformen ueberschneiden sich saechlich und maennlich 5x! -> in keiner wortform ueberschneiden sich saech- und weiblich!! -> in 2 wortformen ueberschneiden sich weiblich und mehrzahl 3x. -> in 2 wortformen ueberschneiden sich maennlich und mehrzahl 2x. -> in keiner wortform ueberschneiden sich saechlich und mehrzahl!! -> 4x ueberschneidungsfrei: die mehrzahl mit unbestimmtem artikel. -> 4x ueberschneidungsfrei: weiblich mit unbestimmtem artikel. -> 2x ueberschneidungsfrei: saechlich mit bestimmtem artikel ('das'). der erste platz heiszt 4w+3mz+1m und 'nicht saechlich' (eher weiblich)! der zweite platz heiszt 3mz+2s+1m und 'nicht weiblich' (eher mehrzahl)! der dritte platz heiszt 4w+3s+2m+1mz (eher weiblich weniger mehrzahl) der vierte platz heiszt 1mz mit quasi-artikel 'von' _und (auszer konkurrenz):_ nominativ//einzahl vs genitiv/dativ/akkusativ//einzahl/mehrzahl: DER mensch_ vs DES/DEM/DEN//DIE/DER/DEN/DIE menschEN verwirrend nicht wahr? sprachnormung muesste dem entweder gerecht werden oder ganz ungerecht patriarchal oder geschlechtsverleugnend normen. (das esperanto hat das kunststueck vollbracht, beides in einem zu tun!) als praktizierender deutsch-schreiber mit vorliebe fuer sanfte normung versuche ich wo es geht, beid-deutige formen zu waehlen, was oft schwierig ist und leider formal ins maennliche weist: 'wER nicht kaempft [DER] hat schon verloren' 'wEM das zusagt [DER] soll sich melden' man[!] kann das ins weibliche wenden (besser: 'das laesst sich ins weibliche wenden') mit der mehrzahl statt 'man' oder 'wer': '[jenE,] DIE nicht kaempfen, [DIE] haben schon verloren' '[jenE,] denen das zusagt, [DIE] sollen sich melden'. ...ihr seht schon, dass groszbuchstaben hier (aber nur hier an den sprachbeispielen) auf etwas hinweisen sollen, aber auf ueberschneidungen und nicht (wie im genderschreib ueblich) stets nur auf die abweichende weibliche form (wo es statt 'jedeN' auch schon mal 'jedEn' heiszt und genauso ausversehen 'mitgliederInnen' obwohl 'mitglied' ja saechlich ist. das einzig konsistente scheint da der gute wille zu sein, auch ja keine zweifel an der gesinnung aufkommen zu lassen).

(25) An Tagen wie diesem wusste das Tobb, warum es besser alleine in der Wildnis lebte. Es schüttelte traurig den Kopf, wischte eine Träne weg, die sich auf seine rechte Wange geschlichen hatte, stieg von seinem Felsen hinunter, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.


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