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Den Traditionsmarxismus aufheben
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Maintainer: Stefan Meretz, Version 1, 18.03.2002  Druckversion
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Stefan Meretz

[Alle Kommentare ausblenden] (1) Den Traditionsmarxismus aufheben

Vorbemerkung

[Alle Kommentare ausblenden] (2) Beim Schreiben des Aufsatzes wuchs sich das Thema, zu dem ich aufgefordert war - Stellungnahme zur Kritik am Wertbegriff der »Gruppe Gegenbilder« [1] - immer mehr aus. Es war mir nicht möglich, einfach eine Zurückweisung, Klarstellung oder Gegenposition zu formulieren ohne auf den »Denkkontext«, in dem sich die Auseinandersetzung bewegt, einzugehen. Dieser Denkkontext bewegt sich nach meiner Einschätzung zwischen den Polen des »Traditionsmarxismus« und der »Wertkritik« [2]. Nur so erschien mir eine produktive Diskussion möglich, die eine »Schubladisierung« vermeidet.

[Alle Kommentare ausblenden] (3) Ich beginne mit eher metatheoretischen Betrachtungen über den Charakter von »Begriffen« und das Theorie-Praxis-Verhältnis, gehe dann auf die Kritik des Wertbegriffs des »Gegenbilder-Buches« ein, entwickle daraus eine Kritik an der Zirkulationsfixierung und Arbeitsontologie des Traditionsmarxismus, diskutiere die »Aufhebungsvorstellungen« von Traditionsmarxismus und Wertkritik, um daraus schließlich Kriterien für meine eigene Position zu entwickeln. Ich schreibe hier mithin nicht für die »Gruppe Gegenbilder«, sondern ausschließlich für mich.

Debatte um verschiedene Begriffe von »Wert«

[Alle Kommentare ausblenden] (4) In den »Materialien zur 48. KW/2000« kritisiert Werner Imhof u.a. den im Buch »Freie Menschen in freien Vereinbarungen« der »Gruppe Gegenbilder« verwendeten Begriff des »Werts«. Das Zitat aus dem »Gegenbilder-Buch«, auf das sich Werner bezieht, lautet: »In der Produktion wird abstrakte Arbeit verrichtet. Sie heißt abstrakt, weil es unerheblich ist, was produziert wird. Hauptsache es wird Wert geschaffen. Der Wert ist die Menge an Arbeitszeit, die in ein Produkt gesteckt wird. Werden auf dem Markt Produkte getauscht, dann werden diese Werte, also Arbeitszeiten, miteinander verglichen. Zwischen den direkten Produktentausch tritt in aller Regel das Geld, das keinen anderen Sinn besitzt, außer Wert darzustellen.« (7)

[Alle Kommentare ausblenden] (5) Hieran ist in der Tat einiges schief. Wir haben die Schiefheit zugunsten einer deskriptiven, möglichst einfachen Darstellung in Kauf genommen. Ich glaube dennoch, dass diese beschreibende Darstellung im Gesamtkontext des Buches verständlich wird und nicht »falsch« ist, wie Werner meint. Auf dem von ihm vermuteten »Hauptfehler« gehe ich ausführlicher ein, denn ich vermute eine bestimmte Lesart der Marxschen Wertformanalyse, die ich nicht teile. Beginnen möchte ich jedoch mit einigen Reflexionen über Erkenntnisformen und das Verhältnis von Theorie und Praxis.

Einheit von Theorie und Praxis?

[Alle Kommentare ausblenden] (6) Natürlich »ist« der Wert nicht die Menge an Arbeitszeit. Diese analytisch nicht haltbare Aussage verweist auf ein Kernproblem jeder Beschäftigung mit dem Gegenstand der warenproduzierenden Gesellschaft: den Textcharakter der Darstellung. In meiner Sicht gibt es zwei große Klassen von Texten, die zu unterscheiden sind:
- analytisch-kategoriale Texte: i.w.S. »Theorie-Texte«
- deskriptiv-empirische Texte: i.w.S. »Praxis-Texte«

[Alle Kommentare ausblenden] (7) Das Verhältnis zwischen beiden Textklassen ist angespannt - eine Spannung, die nicht zugunsten eines einfachen Deduktionsverhältnisses aufzulösen ist. Weder ist der (analytische) Begriff einfach aus der Anschauung der Empirie entnehmbar, noch geht die Praxis im Begriff auf: »Die allseits propagierte Einheit (von Theorie und Praxis, d. Verf.) ist kontraproduktiv. Wenn Theorie Praxis folgt, wird sie zur Ideologie. Wenn Praxis Theorie folgt, ist Sektierertum am Werk.« [3]. Theorie kann also nicht »unmittelbare Handlungsanleitung sein« und Praxis nicht »gelebte Theorie«.

[Alle Kommentare ausblenden] (8) »Theorie« ist zunächst nichts weiter als die begriffliche »Erfassung von etwas« (Duden Fremdwörterbuch). In diesem Sinne ist Theorie das Denken über die Welt: jede und jeder tut es. Es liegt auf der Hand, dass eine so verstandene Alltagstheorie nicht mehr kann, als den Oberflächenschein der Welt affirmativ begrifflich zu »verdoppeln«. In der Kritischen Psychologie heisst ein solches Denken »deutendes Denken«, W. F. Haug nennt es »'Naturformen' des Denkens, die uns so selbstverständlich sind, dass wir nicht einmal ohne weiteres über sie nachdenken und sie in den Griff bekommen können, weil es unser Griff selber ist, den wir greifen müssten...« [4]. Erst der denkende Widerstand kann den Schein durchbrechen, erst die Reflexion unser Denkvoraussetzungen kann diesen Widerstand aufbringen. Genau dies geht jedoch nicht im Medium des Scheins, der unmittelbaren Praxis: »Gerade bei der Analyse der Wertform wird ... eine Schwierigkeit die sein, dass es uns Bürgern einer kapitalistischen Gesellschaft kaum möglich ist, in Nicht-Tauschbegriffen zu denken« (ebd.). Diese Voraussage trifft nur zu oft immer noch zu, für den Traditionsmarxismus wie für die meisten seiner Kritiker/innen.

[Alle Kommentare ausblenden] (9) »Begreifendes Denken« als widerständiges Denken, als Theorie, die die Erscheinungen überschreitet, als Theorie, die wissenschaftlich begründete Aussagen für einen Gegenstandsbereich formulieren kann, braucht Distanz und Selbstreferenz. Dass diese damit auch »abheben« kann, liegt auf der Hand. Wichtig ist, »deutendes« und »begreifendes« Denken nicht quasi normativ als Gegensatz zu denken, sondern als notwendig eigenständige Perzeptionsformen mit je eigener Logik. Affirmation der erscheinenden Oberfläche ist also nicht »schlecht«, sondern notwendiges Denken im Alltag, und »begreifendes Denken« ist nicht »gut«, sondern aktiver denkender Widerstand gegen das nahegelegte Alltägliche, das zunächst immer das »deutende Denken« zur Voraussetzung hat.

[Alle Kommentare ausblenden] (10) Die Unterscheidung von deskriptiv-deutendem und kategorial-begreifendem Zugang wird im Gegenbilderbuch nicht deutlich, sie wird aber auch in der Kritik von Werner nicht getroffen. So entsteht m.E. eine genauso »schiefe« Sicht, wenn man »mal den Begriff aus der Praxis zu entwickeln« (9) versucht. Da jeder erkennende Zugriff auf Praxis stets (alltags-) theoretisch präformiert ist, unterliegt die scheinbar »unvorbelastete« Betrachtung der Gefahr, nur die vorfindlichen Oberflächenphänomene deutend zu verdoppeln und damit zur (im Zweifel stets bürgerlichen) Ideologie zu gerinnen. Umgekehrt kann der explizit »theoretisch-analytische« Zugriff auf die Praxis dazu tendieren, die Praxis in der Erkenntnis affirmativ »zurechtzubiegen«, um Bestätigung zu erreichen. Kein Herangehen garantiert ein Umgehen der Fallen, sondern mit den lauernden Fallen ist umzugehen.

Wert als gesellschaftstheoretische Kategorie

[Alle Kommentare ausblenden] (11) Die Frage, was der Wert »ist«, ist also nicht an-sich falsch, sondern es kann eine falsche Frage in einem bestimmten Diskurs sein. Während sie im »deskriptiv-deutendem« Diskurs auf den Holzweg der »Verdinglichung« des Begriffs führen kann, ist die Frage im analytisch-begreifendem Diskurs sinnvoll, um den Verhältnischarakter des Wertbegriffes sichtbar zu machen: Der Wert ist eine gesellschaftstheoretische Kategorie, die Verhältnisse der warenproduzierenden Gesellschaft begrifflich widerspiegelt (was wir übrigens im Glossar des »Gegenbilderbuches« ausführten). Die Wertabstraktion bezieht sich mithin - wie Werner zutreffend anführt (8) - nicht auf ein einzelnes Warenexemplar, aber auch nicht - hier widerspreche ich Werner - auf die »Gesamtheit aller Waren«, sondern auf die allgemeine Ware. Es wird eben auch von der konkret-abzählbaren Gesamtheit aller Waren abstrahiert, es wird die Warenbewegung im Begriff unter Absehung aller Spezifika rekonstruiert. Die »Ware« ist wie der »Wert« ebenso eine gesellschaftstheoretische Kategorie.

[Alle Kommentare ausblenden] (12) Diese allgemeine Ware, kürzer: die Ware, existiert nun ihrerseits nicht isoliert, auch nicht überall dort, wo »getauscht« wird, sondern in der entfalteten Form, wie sie Marx untersucht, nur in der warenproduzierenden Gesellschaft. Das ist keinesfalls eine tautologische Aussage, denn bei der logischen Rekonstruktion der Warenbewegung im Begriff ist die warenproduzierende Gesellschaft stets vorausgesetzt. Ich schaue auf die gegenwärtige Historizität dieser Gesellschaft, ihre historische Gewordenheit, und rekonstruiere begrifflich ihre immanente Bewegungslogik. Meine Sicht könnte ich daher als »systemisch« kennzeichnen.

[Alle Kommentare ausblenden] (13) Im System der warenproduzierenden Gesellschaft gibt es kein »erst-dann«. Es ist nicht so, dass zunächst ein unschuldiges Produkt hergestellt wird, was im Moment des Betretens der Zirkulationssphäre auf einmal Wertgestalt annimmt, wenn es erfolgreich getauscht wird. Sondern die Produkte werden für den Markt produziert, sie werden als Waren produziert. Dieser Warencharakter kommt ihnen nicht durch die Produktion zu, denn »Produkte, die nicht in den Austausch eingehen,... nehmen keine Wertform« (9) resp. Warenform an. Diese Produkte interessieren aber auch nicht. Es interessieren die Fälle, in denen sich die Produkte als Waren bewähren. Betrachte ich systemisch nun diese Erfolgsfälle, dann verkörpern diese Waren eine bestimmte Wertgröße bzw. Arbeitsaufwände, in der allerdings die Arbeitsaufwände der Nichterfolgsfälle - Produkte, die sich nicht als Waren bewähren konnten (»Ausschuss«) - eingehen. Anders wäre auch nicht zu erklären, warum die »Preisstabilisierung« funktioniert: Vernichtung von »Werten« bedeutet - wie von Magiers Hand - eine Übertragung der vernichteten Arbeitsaufwände auf die Waren, die sich als Waren bewähren. Die Preissumme entspricht gesellschaftlich-durchschnittlich der Wertsumme, unabhängig davon, auf wieviel Produkte sie verteilt ist. Mein Schluss: Ware und Wert machen nur Sinn als gesellschaftstheoretische systemische Kategorien.

[Alle Kommentare ausblenden] (14) Offensichtlich ist eine solche »systemische Sichtweise«, die nach meiner Auffassung die einzig sinnvolle ist, Werner unvertraut. Wie anders soll ich die befremdliche Lesart, wertkritische Ansätze würden »den 'Wert' losgelöst vom Austausch und damit von Privateigentum zu ergründen« (10f) suchen, deuten? Kommt es daher, weil wertkritische Ansätze zwar sehr wohl Austausch und Privateigentum zu Grunde legen, aber sich eben nicht in traditionsmarxistischer Lesart darauf beschränken, sondern die Rolle von Austausch und Privateigentum und anderen Aspekten im systemischen Gesamtzusammenhang - der gescholtenen Wertvergesellschaftung - herausarbeiten? Weil sie die traditionsmarxistische Zirkulationsfixierung, die mit der Heraushebung von Austausch und Privateigentum verbunden ist, - etwa die Fiktion, das kollektive Subjekt (wer auch immer) müsse zur Überwindung des Kapitalismus nur die Verfügung über die Produktionsmittel erobern und die Verteilung kontrollieren - scharf kritisieren? Weil sie genau die Blindheit gegenüber der systemischen Einbettung in einen sich selbst reproduzierenden und totalisierenden Zusammenhang bloßstellen? - Ich habe jetzt überzogen, die Polemik richtet sich gegen traditionsmarxistische Lesarten. Das lese ich bei Werner so nicht heraus, aber ich finde auch keine klare inhaltliche Absetzung.

Arbeitsontologie und Zirkulationsfixierung

[Alle Kommentare ausblenden] (15) Auch folgenden Widerspruch in Werners Text verstehe ich nicht: »Nur durch diese Reduktion auf ihre gemeinsame Qualität als Arbeit überhaupt, Arbeit 'sans phrase', allgemein menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit..., werden unterschiedliche Produkte überhaupt quantitativ vergleichbar, nämlich als gewisse Mengen 'festgeronnener Arbeitszeit'« (10) - Zustimmung. Eine Seite später dann eine Breitseite gegen Krisis bzw. Gruppe Gegenbilder: »Ihr Problem ist das Unverständnis für die gesellschaftliche Notwendigkeit und Bedeutung dieses Abstraktionsvorganges«, womit die o.g. Reduktion gemeint ist, »das sich schon in der semantischen Verkürzung der allgemein menschlichen Arbeit zur bloß noch 'abstrakten Arbeit' ausdrückt...« - Also ist nun die allgemein-menschliche Arbeit begrifflich das Gleiche wie abstrakt-menschliche Arbeit oder nicht? Vielleicht war das nur eine Formulierungsunschärfe, denn im Kern geht es Werner - so lese ich es - um die Verteidigung der traditionsmarxistischen Unterscheidung von gebrauchswert- und wertschaffender Arbeit.

[Alle Kommentare ausblenden] (16) Wieder sind wir an einem Punkt, wo man nicht einfach »mal den Begriff aus der Praxis ... entwickeln« kann, weil stets die Gefahr lauert, historisch-spezifische Formen als überhistorische zu universalisieren. So auch hier: »Tatsächlich ist menschliche Arbeit immer doppelt bestimmt, qualitativ als besondere, auf einen bestimmten Nutzeffekt gerichtete Arbeit und quantitativ als Teil eines gegebenen Arbeitsvolumens...« (11) Diese Bestimmung kann man vornehmen. Die Gefahren, die hier lauern, sind folgende:

[Alle Kommentare ausblenden] (17) 1. Die Unterscheidung des quantitativen und qualitativen Aspekts von »Arbeit« entstammt der Analyse der warenproduzierenden Gesellschaft. Die Bestimmung war erst denkmöglich, als sich real und praktisch die beiden Aspekte voneinander schieden. In allen vormodernen Gesellschaften kam es einzig auf den Nutzeffekt an. In der Lebenspraxis gab es keine Zeitabstraktion oder andere Formen abstrakter Unterteilungen von Arbeitsvolumina.

[Alle Kommentare ausblenden] (18) 2. Sie nimmt »Arbeit« als von den sonstigen Tätigkeiten getrennte Sphäre an, da sie sonst gar nicht quantitativ bestimmbar wäre. Es gab jedoch vor dem Kapitalismus keine Sondersphäre der »Arbeit«, es gab eine Lebenspraxis, die in ihrer Gesamtheit die Reproduktion absicherte. In dieser Praxis waren produktive und reproduktive Tätigkeiten nahtlos miteinander vermischt. Mühsal und Plage wechselten mit Siesta und Festen - das war nicht »Arbeit« und »Freizeit«, es war einfach die Lebensweise.

[Alle Kommentare ausblenden] (19) Wenn ich mit der Unterscheidung quantitativer und qualitativer Bestimmung der »Arbeit« sorgsam umgehe, also versuche, die Universalisierungen zu vermeiden, dann kann ich gewiss auch die vormodernen Gesellschaften damit untersuchen. Ich komme jedoch zu völlig anderen Ergebnissen als für die bürgerliche Gesellschaft (wie in den beiden Punkten angedeutet). Wenn ich jedoch diese allgemeine Unterscheidung zu »gebrauchswert- und wertschaffender Arbeit« bzw. zu »konkreter und abstrakter Arbeit« kategorial verdichte, dann kann ich dieses Begriffspaar nur im Kontext der warenproduzierenden Gesellschaft verwenden. Nur hier geht es um Waren, die doppelt durch Gebrauchswert und Wert bestimmt sind. Nur hier gibt es die Sondersphäre der »Arbeit«, die durch ihren konkreten und abstrakten Aspekt bestimmt ist [5].

[Alle Kommentare ausblenden] (20) Es macht methodologisch auch keinen Sinn, von einer vorgängigen Existenz von Gebrauchswert und gebrauchswertschaffender Arbeit auszugehen, zu der dann mit dem Kapitalismus der Tauschwert und die wertschaffende Arbeit hinzutritt: Wenn es sich bei der warenproduzierenden Gesellschaft um eine qualitativ neue historische Vergesellschaftungsform handelt, dann müssen diesen qualitativ neuen Formen auch qualitativ neue Kategorien entsprechen, die die Entwicklungslogik »isomorph« widerspiegeln [6]. Gebrauchswert und (Tausch-)Wert sowie konkrete und abstrakte Arbeit sind kategoriale Paare, die den analytischen Zugriff auf einen Realwelt-Sachverhalt erlauben. Gebrauchswert oder (Tausch-)Wert sind also keine eigenständigen Entitäten, sondern es sind Aspekte einer Sache, nämlich der Ware. Genauso gibt es keine »konkrete« oder »abstrakte« Arbeit als separate Vorgänge, es sind Aspekte der Lohnarbeit. Deswegen macht es keinen Sinn, solche Kategorien jenseits der warenproduzierenden Gesellschaft in verdinglichter Form als distinkte Entitäten zu behandeln. Marx unterläuft also ein Kategorienfehler, wenn er schreibt: »Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit ... ewige Naturnotwendigkeit, um ... das menschliche Leben zu vermitteln" (Kapital, S. 57), er mischt eine Kategorie der warenproduzierenden Gesellschaft in eine viel allgemeinere, überhistorische Aussage. Aber auf solche Sätze konnten und können sich in der Tat textexegetische Marxologen samt des Traditionsmarxismus berufen.

[Alle Kommentare ausblenden] (21) Kategorial sind also Zeitaspekt und Nützlichkeitsaspekt von »Arbeit« allgemeiner als Gebrauchs- und Tauschwertaspekt von »Arbeit«. Sie sind logisch-historisch vorgelagert. Fraglich ist nun noch, ob »Arbeit« als Begriff nicht auch schon in die Falle der überhistorischen Universalisierung tappt. Guckt man sich die aktuellen politischen Debatten und die Geschichte des Traditionsmarxismus an, dann muss man die Frage klar bejahen. Doch es geht uns hier ja nicht um vordergründige »Politik«, sondern um ein adäquates begriffliches Widerspiegeln inhaltlicher Sachverhalte, das uns langfristig handlungsfähiger machen soll. Und da sehe ich jenseits »politischer« Argumente - Denunziation des Arbeitsfetischs - keinen nachhaltigen Grund, die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion des Lebens nicht allgemein »Arbeit« zu nennen (im Unterschied zur Krisis-Position). Dann ist es aber auch erforderlich, diesen allgemeinen Arbeitsbegriff nicht zu verwenden, wenn ich die Spezifik einer besonderen historischen Form meine. Dann muss ich von Lohnarbeit sprechen als historisch-spezifischer, aus Lebenszusammenhängen herausgelöster Form der »Arbeit«, die ich hinsichtlich ihres konkreten und abstrakten Aspekts bestimmen kann. Das populistisch-traditionsmarxistische Schema »Arbeit« = konkrete Arbeit = gebrauchswertschaffende Arbeit einerseits und »Lohnarbeit« = abstrakte Arbeit = wertschaffende Arbeit mit samt seinen antisemitischen Implikationen ist dann aber zu verwerfen. Insofern ich die Lohnarbeit deskriptiv als solche als »abstrakt« ansehe, finde ich die Bezeichnung »abstrakt-abstrakte Arbeit« und »konkret-abstrakte Arbeit« [7] ziemlich treffend - aber das nur Randbemerkung.

[Alle Kommentare ausblenden] (22) Vor diesem Hintergrund des Versuches, die traditionsmarxistischen Plattheiten durch Genauigkeit zu hinterfragen, ist es ziemlich unverständig und denunziatorisch, wertkritischen Ansätzen vorzuwerfen, sie würden mit der »abstrakten Arbeit« ein »begriffliches Gespenst (erzeugen), das scheinbar unabhängig von jeder konkreten Arbeit und neben ihr sein Unwesen treibt« (11). Was da sein Wesen treibt, ist der rückgekoppelte Selbstzweckzusammenhang, in dem die abstrakte Arbeit - verstanden als abstrakter Aspekt der Lohnarbeit - verschiedene Metamorphosen durchläuft und über den Wert auf sich selbst rückgekoppelt ist. Wenn die Krisis-Gruppe hier zurückpoltert und den Apologien der »Arbeit« eine Befangenheit im ontologischen Arbeitsbegriff des Arbeiterbewegungsmarxismus vorwirft, der den Horizont der bürgerlichen Gesellschaft nicht überschreitet, finde ich das nicht fein, aber inhaltlich nachvollziehbar.

Die einfache Negation 1: Abschaffung des Privateigentums

[Alle Kommentare ausblenden] (23) Die traditionsmarxistische Fixierung auf das Privateigentum ist einschlägig, Werner übernimmt sie. Was ihn von traditionellen Marxismen unterscheidet ist die Kritik an Tausch, Warenform und Geld [8]. Das ist sozusagen eine interessante Mischung aus Traditionsmarxismus und Wertkritik. Was ist aber an der Forderung nach Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und Produkten falsch? - Nichts! Sie ist nur völlig unzureichend, sie ist zwar notwendige aber keineswegs eine hinreichende Bedingung für die Aufhebung des Kapitalismus. Sich auf das »Privateigentum« zu fixieren, bedeutet faktisch, sich auf eine juristische Form zu kaprizieren. Über die Mittel zu verfügen, bedeutet nicht, über die Bewegungslogik zu verfügen. Es ändern sich wenig, wenn »die Arbeiter« oder »der Staat« die Produktion lenken. Sie können nicht mehr machen, als hier und dort gegen die »Selbstzweckbewegung des 'mehrwertheckenden Werts'« (17) zu verstoßen, was zu der nachvollziehbaren Aussage der Liberalen führt, die Sozialisten könnten »nicht mit Geld umgehen«. Das Problem ist aber nicht, dass sie es nicht »können«, sondern, dass sie nicht erkennen, dass es nicht »können« können, es aber trotzdem versuchen und sich damit auf ewig im bürgerlichen Kategoriensystem bewegen.